Der Haken am Angeln

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Der griechische Fischer Rudosis kommt immer öfter ohne Fang nach Hause. Denn das Mittelmeer ist leer.

Richard Fraunberger

Fünf Tage lang trieb er die Ägäis vor sich her, peitschte Wellen auf, die sich in Gischtfahnen an der Mole brachen, griff mit eiserner Hand in Bäume und Büsche, bog und schüttelte sie. Fünf Tage lang fegte er durch die Strassen, ruckelte und zerrte an Fensterläden und Dachziegeln, schlug gegen Türen und trug bis weit in die Berge hinter der Stadt das Gebell toll gewordener Hunde. Dann stand der Meltemi still, jener aus dem Norden kommende Wind, der sommers durch die Ägäis weht und die Gluthitze mildert. Blank geschrubbt ist jetzt der Himmel, strahlend und makellos blau. Panajotis Rudosis steht am Kai und blickt mit zusammengekniffenen Augen aufs Meer. Ruhig und schwer liegt es da, eine glitzernde Fläche, auf der die Strahlen der Sonne silbrig zerfliessen.

Eine Woche hat Panajotis Rudosis geduldig auf diesen Moment gewartet. Geduld ist sein Leben. Ein Leben, das sich hebt und senkt wie das Meer und der Wind. Alles ist gerichtet und verstaut: zwei Kanister Trinkwasser, Kaffee, Zigaretten, Brot, Tomaten und Gurken und eine Kiste Tintenfisch in zerstossenem Eis. Panajotis Rudosis, 54, Vater zweier Kinder, das Gesicht zerfurcht, die Hände von der Arbeit schwielig und vernarbt, wirft den Motor an und tuckert gemächlich hinaus in die lichtdurchflutete Ägäis, hinaus auf ein Meer, das nicht mehr so ist, wie er es kannte. Zwei Tage und eine Nacht lang wird er auf See sein, wird an 1200 Haken Köder anbringen, Stück um Stück, wird 1200 Haken, verteilt auf zwölf Kilometer Nylonschnur, auf den Meeresboden versenken, wird rauchen, in das Dunkel des Wassers blicken, und, wie so oft, über sein Leben grübeln und über die Knochenarbeit, die er hasst, er wird mit blutigen Händen Fische aus dem Wasser ziehen, ächzend, schwitzend, weil er vom Fisch lebt und zu alt ist, um eine andere Arbeit zu machen, er, Panajotis Rudosis, ein kleiner, wettergegerbter Mann in einem kleinen, schaukelnden Boot inmitten der Ägäis, die sich von den Dardanellen bis nach Kreta erstreckt.

Mit jeder Seemeile schrumpft Karystos, seine Heimatstadt, ein Hafenort am südlichen Zipfel der Insel Euböa, Uferpromenade, Cafés, Bars, Fischrestaurants, Kirchen und Kapellen, eine im Schachbrettmuster angelegte Kleinstadt mit 5000 Einwohnern, die vom Steinbruch leben, von Schafen, Ziegen und vom Tourismus. Langsam pflügt sich Rudosis durch das Meer. Schon bald ist die Küste nur noch ein langer Strich, überragt von 1400 Meter hohen Bergen, die sich hinter Karystos auftürmen wie eine gelbbraune Wand. Rudosis hält Kurs auf eine Stelle zwischen den Inseln Andros und Kea, wo seine Fischgründe liegen, dort, wo er manchmal Glück hat und an guten Tagen bis zu 70 Kilogramm aus dem Meer holt, Rote Meerbarben, Zahn- und Goldbrassen, Lippfische und Hummer. Doch gute Tage sind selten, und die schlechten Tage häufen sich. Ein schlechter Tag, das sind drei Kilogramm Fisch, 60 Euro, gerade so viel, dass er davon Diesel, Köder und die Unterhaltskosten für das Boot bezahlen kann. Ein ganz schlechter Tag, ein mieser Tag, das sind null Kilogramm Fisch, 60 Euro Ausgaben und Arbeit für nichts.

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