Der Koran aus Saddams Blut

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Es ist eine der letzten Verrücktheiten des irakischen Diktators. Und es ist ein gut gehütetes Geheimnis. Ein Schriftsteller und ein Reporter machen sich auf die Suche nach dem mysteriösen Manuskript.

Emmanuel Carrère und Lucas Menget

Emmanuel: Das Protokoll ist immer das gleiche, zumindest wenn man zu den wichtigen Leuten will. Hat man die Kontrollposten hinter sich, wartet man erst einmal. Man wartet lange. Dieses Warten wird unterbrochen von kleinen, durch dienstfertige junge Männer, seltener junge Frauen, herbeigetragenen Gläschen süssen Tees. Zu Anfang dachte ich mir nichts dabei, am zweiten Tag nahm ich mir ein Buch mit, um die Zeit totzuschlagen, am dritten liess ich das Buch im Hotel, denn es ist schade, im Irak die Zeit totzuschlagen, besser lässt man sie am Leben und spürt ihrer mehrtausendjährigen Geschichte nach – diese Tatsache ruft man uns oft ins Gedächtnis: Wir befinden uns in einem Land, das siebentausend Jahre auf dem Buckel und mehr oder weniger alles erfunden hat, nicht zuletzt die Schrift.

 

Schliesslich ist der Augenblick da, in dem man ins Allerheiligste geführt wird.

Die Wichtigkeit der wichtigen Persönlichkeit, sei sie von politischer oder religiöser Bedeutung, bemisst sich an der Grösse des Schreibtischs, hinter der sie einem entgegenblickt, am Abstand zwischen diesem Schreibtisch und der Tür und an der Anzahl bombastischer, die Wände säumender, einander gegenübergestellter Sofas, die so weit voneinander entfernt stehen, dass man sehr laut sprechen muss, um sich Gehör zu verschaffen.

Man setzt sich, und das Gespräch beginnt. Lucas führt es mit einer Geschicklichkeit, die mich beeindruckt. Die Herausforderung besteht darin, die Frage, die uns interessiert, weder zu früh noch zu direkt zu stellen. Unsere Reportage, erklärt Lucas, verstehe sich als ein Porträt des heutigen Bagdad. Jedes Mal bemühen wir uns nach Kräften, den kürzlich errungenen Sieg über den IS und die jeweilige Rolle von Schiiten und Sunniten darin zu erwähnen. Nach etwa zwanzig Minuten politischen Smalltalks, der üblicherweise mit dem Wunsch nach nationaler Aussöhnung endet, klappt Lucas sein Notizbuch zu, bedankt sich und erwähnt dann, als sei ihm diese Idee in letzter Minute wie ein kurzer Gedanke gekommen, der keinerlei Bedeutung und mit dem Thema nichts zu tun hat, ihn aber persönlich interessiert: «Übrigens hat uns jemand erzählt, Saddam Hussein habe einen Koran mit seinem eigenen Blut schreiben lassen. Haben Sie davon gehört?»

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