Der Mörder als Pfleger

Diese Geschichte steht nur Abonnenten zur VerfügungLock icon

Was passiert mit dementen Häftlingen? Ein amerikanisches Gefängnis geht neue Wege.

Claas Relotius

Hinweis

Die Berichterstattung von Claas Relotius steht nach SPIEGEL-Recherchen im Dezember 2018 unter dem Verdacht weitgehender Fälschungen und Manipulationen durch den Autor. Betroffen ist in Teilen auch diese Reportage, die Relotius für unser Magazin verfasst hat. Hier der Stand unserer Nachrecherchen:

Für diese Geschichte war Relotius im Jahr 2013 in Kalifornien in einem Gefängnis, California Men’s Colony. Dort kümmern sich Gefängnisinsassen um demente Mithäftlinge. Relotius gab vor, ein solches «Paar» porträtiert zu haben.

SZENERIE:

Der 27-jährige Journalist war uns damals noch nicht bekannt, wir riefen im Gefängnis an: Er war tatsächlich vor Ort gewesen. Dies haben wir nun noch ein zweites Mal bestätigen lassen. Das Gefängnis konnte jedoch auf Anfrage nicht mehr herausfinden, an welchem Datum Claas Relotius zu Besuch war. Die Psychologin des Gefängnisses erinnert sich an ihn, aber nicht mehr an die Details ihres Gesprächs. Angaben über den Gesundheitszustand der Insassen darf die Institution keine preisgeben. Was Relotius in der California Men's Colony genau tun durfte, ist unklar. Die Kollegin, welche damals mit Relotius das Autorengespräch führte, war misstrauisch. Relotius behauptete damals, und später auch an einer öffentlichen Veranstaltung, eine Duschszene, in der die beiden Protagonisten zusammen gesungen hatten, live miterlebt zu haben. Der Spiegel hat allerdings herausgefunden, dass Musik und Gesang in Relotius-Texten meist ausgedacht sind.

PROTAGONISTEN:

Es gibt keinen Menschen mit dem Namen Lazard Pretorius. Und der zweite Protagonist, Ron Montgomery, ist 51 Jahre alt – nicht 74 – und sitzt in einem anderen Gefängnis. Es existieren im Text zudem Parallelen zu einem New York Times-Artikel aus dem Jahr 2012. Auffällig ist, dass darin ebenfalls ein «Mr. Montgomery» vorkommt. Relotius’ Alzheimerpatient tut mehrere Dinge, die im NYT-Text andere demente Häftlinge tun. Stimmt Relotius' Beschreibung, würden zwei Demente im selben Gefängnis unabhängig vom anderen im Wasser ihrer Kloschüssel den eigenen Bruder erkennen.


Es begann schleichend. Die anderen merkten es erst gar nicht, er selbst vielleicht am allerwenigsten, und eines Tages schien er ein anderer Mensch zu sein. Zuerst legte er beim Pokern ab und an so seltsame Blätter oder machte beim Schachspiel so anfängerhafte Fehler, als folge er seinen ganz eigenen Regeln. Dann stellte er immer häufiger dieselben Fragen, nur um die Antworten darauf manchmal schon Augenblicke später wieder zu vergessen. Eines Abends kippte er im Speisesaal die Milch über sein Essen und bemerkte lächelnd, es sei allerhöchste Zeit, die Blumen nun endlich zu giessen. Und irgendwann wollten ihn die anderen Häftlinge sogar dabei beobachtet haben, wie er im Duschraum auf einem Stück Seife kaute, anstatt sich damit zu waschen.

Mittlerweile glaubt Ronald Montgomery, den alle nur siezen und Mr. Montgomery nennen, weil er selbst seinen eigenen Vornamen ver­gessen hat, in einem riesigen Vergnügungspark zu leben. Und nicht in der berüchtigten California Men's Colony, diesem von nichts als Bergen und Brachland umgebenen Hochsicherheitsknast nahe der kalifornischen Kleinstadt San Luis Obispo, in dem er, 74 Jahre alt, seit vier Jahrzehnten als einer der schlimmsten Gewaltverbrecher der Vereinigten Staaten von Amerika einsitzt.

Die kargen, schmalen Zellen hier sind für ihn bloss Warteräume, die finsteren, nach Linoleum riechenden Gefängnisflure erscheinen ihm wie ein unterirdisches Tunnellabyrinth, und Wärtern begegnet er meistens wie strengen Sicherheitsleuten, denen man ab und an ein Ticket vorzeigen muss. All das ergibt Sinn in seiner Welt. Nur die Karussells und Achterbahnen findet Montgomery nie. Dann wird er unruhig und weint und schreit so lange, bis die Männer in den dunkelgelben Hemden kommen, ihn wie einen kleinen Jungen in den Arm nehmen, ihm behutsam über den Rücken streichen und ihn beruhigen. Montgomery ist verrückt, sagen die anderen Häftlinge, und die meisten schütteln den Kopf oder lachen hämisch, wenn sie auf dem Weg in den Gefängnishof der Reihe nach in Handschellen an seiner Zelle vorbeimarschieren und dabei einen kurzen Blick auf den dürren Mann mit den schlohweissen Haaren werfen, der mit leerem Blick auf seiner Pritsche sitzt und wie besessen auf den ausgeschalteten Fernseher starrt.

Aber er ist nicht verrückt, er ist krank. Montgomery hat Alzheimer. Er ist einer von rund 160 000 Schwerverbrechern, die in US-amerikanischen Gefängnissen eine lebenslange Freiheitsstrafe verbüssen. Und er ist einer der jährlich mehr werdenden Langzeithäftlinge, die hinter Gittern an Formen der Altersdemenz leiden.

Sie möchten weiterlesen?

Wir stehen für herausragende literarische Reportagen. Dafür benötigen wir die Unterstützung unserer Abonnentinnen und Abonnenten. Mit einem Reportagen-Abonnement investieren sie in das Schaffen von Autorinnen und Autoren, die sich für das Kleine Zeit nehmen, um das Grosse zu erfassen.
Claas Relotius unterwegs:
AutorIn
Region
Claas Relotius
Claas Relotius
Claas Relotius
Claas Relotius