Der Phoenix von Paris

Bürgertum und Gosse. Kultur und Crack. Ein Mann tanzt zwischen zwei Welten. Willkommen in Crackopolis!

Julia Amberger

I

An dem Nachmittag, an dem Charles sterben will, strahlt der Himmel über Paris eisig blau. Charles liegt auf dem Dach eines Altbaus, 19. Jahrhundert, sieben Stockwerke, dessen Mansarden mit Dachluken durchstossen sind, ein paar Gehminuten von der Oper Madeleine entfernt, mitten im Winter – nur 30 Zentimeter bis zur Kante. Charles liegt auf dem Rücken, die Schienen der Metallverkleidung des Daches drücken im Rücken, er stützt sich auf einem Ellenbogen ab, um sich aufzurappeln, dabei kippt er immer wieder zur Seite weg, so schwach ist er. In ein paar Wochen wird er 32. Sein krauses Haar steht in alle Richtungen, seit Tagen hat er nicht mehr geduscht. Seine Finger zittern. Tief zieht er an einem Joint, dem letzten von fünf, die er gerade geraucht hat, einen nach dem anderen. Seine Augenlider hängen. Er lächelt.

Der Tod. Charles kann ihn fast sehen. Immer wieder ist er an der Grenze zu ihm entlanggeschlichen, hat sich gestreckt, den Kopf gereckt, in der Hoffnung, auf der anderen Seite etwas zu erspähen. Charles will hinüber, auf die andere Seite. Dann hat diese elendige Müdigkeit ein Ende, dann muss er nicht mehr durch Paris streunen, bis seine Füsse schmerzen. Frieren. Sich abrackern, für nichts und wieder nichts! Er kann den Sprung kaum erwarten. Er fingert ein Glasrohr mit Gummiaufsatz aus seiner Hosentasche hervor, in dem ein Filter steckt. Legt ein weisses Plättchen darauf, zündet es an. Es knistert, als er den schneeweissen Crack-Rauch in seine Lunge zieht. Plötzlich kippt sein Kopf in den Nacken.

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Charles heisst in Wirklichkeit Matthieu. Wenn man ihn nach seinen Eltern fragt, dann summt er. Irgendeine Melodie, die ihm gerade durch den Kopf schwirrt. Das tut er immer, wenn er nicht recht weiss, was er sagen soll. Vor 34 Jahren wurde Matthieu geboren, beim Gare du Nord, unter Junkies, Dealern und Polizisten in Zivil. Von seinen leiblichen Eltern kennt er nur die Hautfarbe, die Augenfarbe, die Herkunft. Sein Vater stammt aus der Karibik. Seine Mutter wurde in Marokko geboren. Eine Prostituierte, glaubt Matthieu. Oder sie wurde vergewaltigt. Warum sonst würde eine «Madame X» ihr Neugeborenes abgeben, wie einen Sack alter Klamotten, in einer Notstation für Junkies mitten in Paris? Seine Geburtsurkunde kennt Matthieu auswendig. Wieder und wieder hat er sie gelesen, als könnte er dort entdecken, wer er ist.

Nach vier Monaten im Waisenhaus wird Matthieu adoptiert, erhält diesen bürgerlichen Namen und ein Zuhause, in Laumière, einem Viertel im Nordosten von Paris. Seine Mutter: eine Schulrektorin. Sein Vater: ein Ingenieur bei Siemens. Matthieu ist hochbegabt.

Er hätte es weit bringen können in dieser bürgerlichen Welt. Doch er findet dort seinen Platz nicht.

Der Name Matthieu bedeutet Geschenk Gottes. Ein Kind, auf das sehnsüchtig gewartet wurde, nennen Eltern gern Matthieu. Bin ich ein Wunschkind? Die Frage kreist nachts um Matthieu wie ein Gespenst, er wird sie nie mehr los, auch nicht als Erwachsener. Andere Fragen-­Gespenster gesellen sich dazu, sie martern ihn auch heute noch: Wer waren meine leiblichen Eltern, und wie haben sie gelebt? Muss ich mich schuldig dafür fühlen oder froh darüber sein, dass ich im bürgerlichen Paris aufgewachsen bin? Da gehöre ich doch überhaupt nicht hin. Aber wohin dann?

So wächst Matthieu auf: ein abgelebtes Hochhaus aus den siebziger Jahren, 6. Stock. Direkt über petite ceinture, einer ehemaligen Bahnstrecke rund um Paris, die vor 40 Jahren stillgelegt wurde. Er hat zwei Geschwister, doch jeder lebt für sich: Seine Schwester, der er manchmal abends im Bett die Lösungen für die Rechenaufgaben durch die Wand zuruft, haben seine Eltern aus einem Waisenhaus in Indien geholt. Die leiblichen Eltern seines Bruders stammen aus Marokko. Mit 16 Jahren reisst der Bruder aus. Matthieu versteht ihn, denn die Mutter ist unerträglich, die Autorität in Person, auch zu Hause trägt sie ihr Kostüm, sie überwacht die Kinder auf Schritt und Tritt. Wenn Matthieu Kartoffelbrei kocht, beugt sie sich so tief über den Topf, bis ihre Rektorinnen-Brille von der spitzen Nase rutscht.

Matthieu ist der Jüngste. Von seinem Zimmer aus blickt er auf seine Schule hinunter. An der Wand hängen ein Michael-«Air»-Jordan-­­Poster und ein Skateboard. Abends, wenn sein Vater sich vom Computerzimmer ins Schlafzimmer verkrochen hat und seine Mutter auf dem Sofa einschlummert, die Zeitung in der Hand, während die Nachrichten im Radio laufen, klettert er heimlich aufs Dach. Dann sitzt er in der Finsternis und weint. Und wartet. Auf Antworten. Sein Vater hört mit Matthieu die Beatles und bastelt mit ihm Lautsprecherboxen, aber wenn Matthieu nach seinen leiblichen Eltern fragt, wird er stumm. Matthieus Mutter erklärt ihm zwar, warum sie ihn adoptiert hätten. Aber sie kann ihm nicht begründen, warum seine leiblichen Eltern ihn verlassen haben.

Tagsüber saugt Matthieu das Leben auf. Er ist wissbegierig, ein Traum von einem Kind! Er beobachtet aufmerksam, hört zu, malt Buchstaben nach. Mit seiner Schwester, die abends am Küchentisch nachsitzen muss, lernt er lesen und schreiben, noch bevor er eingeschult wird. Die zweite Klasse überspringt er. Er kennt die Antworten auf fast alle Fragen, die ihm gestellt werden, denn sein Gehirn ist nicht nur gut im Speichern von Informationen – es kombiniert, entdeckt Muster, überträgt sie in einen neuen Kontext. Wie reagiert Person X, wenn ich Frage 1 stelle? Wie reagiert Person Y auf dieselbe Frage? Er analysiert. Aber er manipuliert auch. Und legt sich mit seiner Mutter und seinen Lehrern an.

Matthieu trainiert Judo, reist von Wettbewerb zu Wettbewerb, Toulouse, Montpellier, Nîmes, die Pokale passen gar nicht alle ins Regal. Trotzdem will sein Kopf nicht ausspannen. Er speichert alles, immer, ob er will oder nicht, bis zur totalen Erschöpfung. Mit zehn Jahren fängt er an zu kiffen. Mit 15 entdeckt er chemische Drogen. MDMA. Kokain. Und die Drum’n’Bass-Nächte im Rex Club, dem ältesten Technoclub von Paris. Er freundet sich mit einem Dealer an, kommt immer an neue Pillen, frisch aus Amsterdam. Zu Hause und in der Schule wissen sie nichts von dieser Welt, für seine Eltern und Lehrer bleibt Matthieu der clevere Kleine, der nicht spricht. Sein Doppelleben beginnt. Nach dem Abi studiert er Sport und Kunst. Hangelt sich durchs Leben, von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob.

Dann, mit 23 Jahren, passiert plötzlich etwas in Matthieus Leben, das es zuvor noch nicht gab: Er verliebt sich, im Spanienurlaub. In Natalia. Eine Frau aus einem Dorf in Polen, die herzhaft lacht und grosse Pläne hat. Natalia zieht zu ihm nach Paris, paukt Französisch. Er muss nun Geld verdienen für zwei, jobbt von früh bis spät, mal ist er Bühnentechniker, dann Eventfotograf, dann Maler. Matthieu und Natalia wollen eine Familie gründen. Er will einmal ein verantwortungsbewusster Vater werden, einer, der eine Familie versorgen kann. Deshalb arbeitet er noch mehr. Er stürzt sich in seine neue Rolle. Doch er findet sich darin nicht.

Natalia findet keinen Job. Weil Matthieu so viel arbeiten muss, haben sie kaum Zeit füreinander. Sie leben sich auseinander. Nach knapp vier Jahren verlässt ihn Natalia – und Matthieu verliert den Glauben, jemals wieder lieben zu können. Er zieht zu seinem Vater, der sich von seiner Mutter getrennt hat, oft tagelang auf Geschäftsreise ist und nicht viel fragt. Streunt den ganzen Tag durch die Stadt, mit seinem Fotoapparat, den Kopf voller MDMA und Kokain. Er beobachtet, fotografiert, konzentriert sich auf die Leben der anderen Menschen, bis er irgendwann sich selbst verliert.

Mit 27 Jahren glaubt Matthieu, sein Leben sei bereits gescheitert. Was Ecstasy, MDMA und Gras für ihn tun können, reicht ihm nicht mehr. Als ihm ein Bekannter Crack anbietet, probiert er es aus. Er weiss, wie gefährlich Crack ist, dass er Menschen auf Crack besser aus dem Weg geht, weil manche unter dieser Droge unberechenbar werden. Er kennt die Barackenstädte am Rande von Paris, in denen sie irgendwann alle hausen. Aber das ist ihm egal. Ein Bröckchen Kokain, aufgekocht mit Ammoniak oder Backpulver, das knistert, wenn es verglüht. Es knackt und crackt. Die Bröckchen sind in gelbe Plastikfolie gewickelt, 10 bis 15 Euro pro Stück. Crack wird Matthieus treuer Gefährte. Warum nicht Koks? Langweilig! Crack schiesst dich in den Orgasmus, in 30 Sekunden bist du vollkommen bescheuert. Das ist viel einfacher, viel schneller als Sex. Die Cracksteine verlassen dich nicht wie eine Frau. Wie der Traum von einer gemeinsamen Familie. Crack ist berechenbar. In Euro. In der Anzahl der Metrostationen, die der nächste Dealer entfernt ist. In Minuten, die du bis zu ihm brauchst. Den Mangel kann man ganz einfach beheben.

Zwei Jahre lebt er so vor sich hin, tieftraurig, auf der Jagd nach etwas Grossartigem, jeden Tag aufs Neue. Bis diese Welt zusammenbricht: Eines Morgens um fünf kommt sein Vater von einer Geschäftsreise nach Hause. Sieht ihn im Wintergarten hocken, mit einem Joint und diversen Flaschen Wein und fünf Typen, die er nie zuvor gesehen hat. Wochenlang hat der Vater Matthieus Verfall zugesehen, mucksmäuschenstill, er hat den Ärger mit seinem Sohn in sich hineingefressen. Jetzt kann er nicht mehr. Er schmeisst ihn raus. Mitten im Winter. Da steht Matthieu also, in seinem Anorak, vor der Haustür. Links in der Tasche das Portemonnaie, rechts das Handy. Seinen Rucksack hat er gar nicht erst gepackt. Matthieu ruft seine alten Schulfreunde an, die ihn längst aufgegeben haben. Niemand hebt ab. Er kocht vor Wut. Auf alle! Auf das ganze System. Und trifft eine Entscheidung: Wenn ich keinen Platz in dieser Gesellschaft habe, wenn ich wirklich nicht für sie gemacht bin – dann gehe ich eben woanders hin.

 

II

 

Charles – wie aristokratisch das klingt. Charles I, Charles II. Charles X. Könige in ganz Europa trugen diesen Namen, über Jahrhunderte hinweg. Matthieu gefällt der Name. Deshalb nimmt er ihn an. Er bekommt ihn von einer Prostituierten, die er zu den Autos ihrer Freier begleitet, deren Kennzeichen er sich einprägt, und wartet, bis sie zurückkehrt, damit ihr nichts zustösst. «Wie heisst du?», fragt sie ihn. «Matthieu», sagt er. «Matthieu?» Sie brüllt los: «Das klingt ja fast so gutbürgerlich wie … Charles!»

Matthieu beschliesst, unter dem Namen Charles auf der Strasse zu leben. Er beherrscht die Regeln der Strasse noch nicht. Aber er lernt schnell. Wenn Charles Hunger hat, reisst er irgendjemandem das Sandwich aus der Hand und verschlingt es auf der Flucht. Nachts lauert er Menschen an ihrer Haustür auf. Dann folgt er Bettlern und lernt, welche Bäckerei nach Ladenschluss Brottüten vor die Tür stellt. Und er lernt, dass Muslime laut Koran einen Hungernden nicht ignorieren dürfen, wenn er Sadaqa, Spende/Gabe, zu ihnen sagt. Dieses Wort drückt aus: Ich habe Hunger, bei Gott, gib mir etwas zu essen.

Das hat ihm Moussa beigebracht – ein Typ mit Vollbart und Afro-Mähne, der so dreckig ist, dass er sein Gesicht immer hinter seiner Hand versteckt, der sich nicht die Hände wäscht und auf öffentlichen Toiletten Döner in sich hineinstopft. Der so skrupellos ist, dass er tagsüber Autos aufbricht. Charles ist fasziniert von ihm. Er steht Schmiere, wenn Moussa Autos knackt. Von da an schlafen sie nebeneinander, jede Nacht. In einer Tiefgarage in der Nähe vom Gare de l’Est, 3000 Quadratmeter, zig Treppenhäuser, Flure und Ausgänge: zu Wohnungen, zum Supermarkt, einem Casino und zur Post. Ein regelrechtes Schloss. Am Rande des Schlosses türmen sich Plastiktüten voller Scheisse.

Es sind mehrere Dutzend Menschen, die hier leben, in Sektoren. Die Alten, denen man die 20 Jahre auf der Strasse an den Furchen im Gesicht ablesen kann, haben, einer neben dem anderen, im ersten Stock ihre Gemächer errichtet: Matratzen mit Schlafsack, in der Mitte ein Gaskocher und ein paar Töpfe, überall Kerzen, ein paar Bücher. In einer Blumenvase steckt eine Frankreich-Flagge. Die Türsteher des Casinos nebenan bringen hin und wieder Chips oder Sandwiches vorbei – die Alten, sie gehören zum Parkhaus, zum Stadtbild dazu. Sie werden geduldet.

Im Gegensatz zu den jungen Crack-Rauchern, die tagsüber hinüber zum Supermarkt laufen, um zu klauen. Sie müssen sich verstecken, sonst werden sie nachts weggejagt. Deshalb schlafen Moussa und Charles in einem Treppenhaus drei Stockwerke unter der Erde, dicht aneinandergedrängt, weil es so kalt ist. Auf Pappkartons. Manchmal brechen sie ein Auto auf und legen sich hinein.

Dann gibt es noch die, die allein schlafen, in den Gängen, die nicht mit Neonlicht ausgeleuchtet sind. Diese Gänge sollte man auf keinen Fall betreten, hat Charles von Moussa gelernt. Denn darin hausen die, die nichts mehr zu verlieren haben.

Moussa sorgt für Charles wie für einen kleinen Bruder. Wenn Charles aufwacht, liegt ein Stück Baguette oder ein Croissant neben ihm. Charles nimmt Moussa dafür mit in Bistros und Cafés, öffnet ihm die Türen in die bürgerliche Welt, in der es Kreditkarten zu erbeuten gibt statt ein paar Kröten Bargeld und iPhones statt billiger Motorola-­Handys. Routiniert, die Hände hinter dem Rücken, zieht Moussa Geldbörsen aus Hosentaschen. Charles kann das auch, aber Moussa ist in dieser Kunst viel raffinierter.

Charles klaut nicht gern selbst. Aber wenn es nicht anders gehe, dann klaue er blitzartig schnell und passe auf, dass er niemanden dabei verletze, sagt er. Charles überfällt niemanden. Charles hat Manieren. Wenn Matthieu über Charles spricht, klingt das, als ob ein Autor über seinen Protagonisten spricht. Charles ist für Matthieu die Rolle seines Lebens. Er nimmt durch ihn am Leben auf der Strasse teil, bleibt zugleich jedoch im Kern der bürgerliche Matthieu.

Im Park hält er Menschen das Tor auf, zum Rauchen duckt er sich mitunter hinter einen Busch. Als ihn vor kurzem ein Dealer überreden wollte, Crack zu verkaufen, hat er sofort abgelehnt. «Das widerspricht meinen Prinzipien», hat er gesagt. «Crack tötet Menschen, so etwas verkaufe ich doch nicht.» Durch seine bürgerliche Erziehung hat er ein ganz anderes Bildungsniveau als die Menschen, mit denen er sich hier umgibt. «Da ist man so etwas wie ... das Gewissen der Leute», sagt Matthieu. «Die gute Moral, das bist du!»

Als Charles findet Matthieu, wonach er jahrelang suchte: einen Platz in der Welt. Eine Rolle. Ein Bekannter erzählt einer Journalistin von ihm. Sie führt ein Interview mit ihm für Arte. Als könne er sein Leben loswerden, presst er es in Sätze und lädt es bei ihr vor dem Mikrofon ab. Arte Radio sendet eine ganze Dokumentarserie über ihn. 300 000 Menschen hören zu. Sie hören seine Stimme, die sanft brummt wie eine Bassbox. Und sie lieben ihn. Charles wird zu einer Kunstfigur. Charles, der Philosoph der Strasse! Charles, der liebenswürdige Gauner! Nachts legt sich Charles zum Schlafen ins Treppenhaus der Journalistin. Sie sagt, das gehe nicht. Er sagt: «Ich habe dir keine Geschichte erzählt. Das hier ist mein Leben.»

Sein Leben. Trotz aller Freiheit braucht er dafür einen Stundenplan und feste Regeln. Morgens muss er aufstehen. Muss wissen, wo er Essen findet. Muss Geld auftreiben oder Dinge, die er zu Geld machen kann. Muss wissen, an wen und zu welcher Uhrzeit er Fahrräder verkauft, Crèmes und Körperlotionen und dass er für einen geklauten Reisepass 200 Euro bekommt.

Wenn Charles auf die Mauer am Place de Stalingrad klettert, wo sich die Crack-Raucher abends treffen, ein paar hundert Meter vom Gare du Nord und Gare de l’Est entfernt, dann sind die anderen plötzlich still. Er macht Karriere. Charles, der Geschäftsmann. Zugleich ist er das «gute Gewissen» der Unterwelt. Bald klauen andere für ihn und er verkauft. Sein Revier ist die U-Bahn-Station Château Rouge, unterhalb von Montmartre. Charles verkauft direkt an die Chefin des Viertels, Alice. «Dein Kleiner ist da», rufen die Verkäufer, sobald er auftaucht. Dann überreicht er ihr eine Stofftüte voller geklauter Augencrèmes, Kondome und Handys, sie reicht sie weiter an ihre Verkäufer, und 10 Minuten später bekommt Charles die Tüte gefüllt mit Geldscheinen zurück.

Charles, der Lebenskünstler. Er hangelt sich durch. Er lässt sich eine Krone auf die Brust tätowieren. Als Zeichen für seine undisziplinierte Gier nach Lebendigkeit. Und als Zeichen für den Tod. Eine Krone mit drei Zacken. Das Markenzeichen von Jean-Michel Basquiat, dem ersten afroamerikanischen Graffitikünstler, einem Freund von Andy Warhol, der sich in der von Weissen dominierten Kunstszene hervortat und 1988 an einer Überdosis starb.

Deckt man einen Zacken der Krone ab, wird daraus ein M. Es steht für Moussa.

In der Nacht, in der Moussa stirbt, ist Charles hellwach. Er lässt Moussa allein auf dem Parkplatz schlafen, kriecht aus seinem Schlafsack und streunt durch Paris, vier, fünf Stunden lang. Als er zurückkommt, sieht er plötzlich ein Feuerwehrauto und Blaulicht am Parkplatz blinken. Nichts wie weg, denkt er sich. Kurz nach Sonnenaufgang kehrt er zurück. Moussa ist fort.

«Wo ist Moussa?», fragt Charles die alten Crack-Raucher am Parkplatz. Er war die letzten Tage so distanziert. Wollte nicht mit in die Bistros, in die Metrostationen, wollte nicht rauchen. Vielleicht ist er böse auf mich, denkt Charles. «Moussa ist tot», antworten die Alten ihm und zucken beiläufig mit den Schultern. Als hätten sie gerade eben gesagt: Moussa ist einkaufen. Charles will es nicht glauben, ruft seinen Namen in die dunklen Gänge der Tiefgarage hinein. Nichts. Er begibt sich auf die Suche. Sieben Tage und Nächte lang durchkämmt er Paris, die Metrostationen der Linie 9, die stillgelegte Bahnstrecke petite ceinture. Die besetzten Häuser in Montreuil und den kleinen Park direkt am Ostbahnhof. Am Ende seiner Suche fährt er zur Place de Stalingrad. Dort trifft er einen Dealer, bei dem sie beide kaufen. Der raucht nicht, denkt er sich, der ist klar im Kopf. Er fragt nach Moussa. «Moussa ist tot», brummt der Dealer. Und Charles bricht vor ihm zusammen.

Nach Moussas Tod streunt Charles nur noch allein durch Paris. Bis er so erschöpft ist, dass er irgendwo einschläft. Auf einer Bank, hinter einem Schuppen im Park. In irgendeinem Keller. Charles kann nicht mehr. Auf einmal denkt er über sein Leben nach. Leben? Kann man überhaupt von einem Leben sprechen? Ohne Besitz, ohne Kleider zum Wechseln, ohne Liebe? Und neuerdings ohne seinen besten Gefährten! Es ist einfach, einsam zu sein, denkt er, aber es ist schwierig, die Einsamkeit zu leben. Als würde man einen Körper bewohnen, der einem nicht gehört. Niemand nähert sich dir, berührt dich, spricht mit dir.

Nach mehr als zwei Jahren auf der Strasse kommt ihm alles sinnlos vor. Er will nichts mehr spüren. Er sieht nur noch einen Ausweg.

Als Charles beschliesst zu sterben, fühlt er sich plötzlich heiter und frei. Er spricht wieder mit den Menschen, nachdem er für lange verstummt war. Er raucht sein Gras und Crack nicht sofort, sondern steckt es in die Hosentasche. Er treibt sich in guten Gegenden rum, zwischen Rosengärten und teuren Hotels, vor denen Männer mit Frack und Hut stehen. Eines Tages trifft er drei Jugendliche, Touristen aus Lyon. «Wenn ihr die Stadt wirklich kennenlernen wollt», sagt Charles zu ihnen, «dann müsst ihr hoch auf ihre Dächer.»

Die Gegend um Gare Saint-Lazare ist Postkarten-Paris in reinster Form: mit Stuck verzierte Gründerzeithäuser, zierliche Balkone, elfenbeinweiss getünchte Fensterläden. Die Fassade eines Wohnhauses wird gerade frisch gestrichen, das ganze Gebäude ist eingerüstet. Die Holzbretter des Gerüstes wackeln, die Metallstufen ächzen, während Charles und die Jungs hinaufklettern. Dann liegen sie auf dem Dach, und Paris liegt ihnen zu Füssen. Der Himmel strahlt eisig blau. Charles zieht eine Tüte Gras aus seiner Tasche und baut einen Joint. Plötzlich sprudeln die Worte aus ihm heraus. Er erzählt von seinen Adoptiveltern, wie stolz sie auf ihn waren, von seinen Spaziergängen auf dem Dach als kleiner Junge. Von der Liebe zu seiner Ex. Von seiner Wut auf den Adoptivvater, der es nicht hingekriegt hat, mit ihm zu sprechen, und ihn einfach rauswarf. Von Moussa. Die Jugendlichen hören aufmerksam zu. Kurz bevor die Sonne untergeht, sagt Charles: «So, ich glaube, ihr müsst jetzt gehen. Ich aber bleibe noch eine Weile.» Dann kriecht er bis zur Kante. Als er die Jungs unten auf der Strasse entdeckt, winkt er ihnen nach. In ein paar Wochen wird er 32. Er raucht einen weiteren Joint, dann noch einen, am Ende sind es fünf.

 

III

 

Als Charles aus der Bewusstlosigkeit erwacht, ist es stockfinster. Mindestens sechs Stunden sind vergangen. Er liegt noch immer an der Kante des Dachs. Regen prasselt auf ihn nieder. Seine Jacke ist durchgeweicht. Er bibbert. Er hat einen Bärenhunger. Der Hunger erinnert ihn daran, dass er lebt. Er klettert über das Gerüst vom Dach hinunter.

Der Hunger rettet ihm sein Leben. Charles denkt nur noch ans Essen. Nicht mehr an den missglückten Selbstmordversuch, den langersehnten Sprung vom Dach. Vielleicht mündet ein Leben auf der Strasse nicht zwangsläufig in den Tod, sagt er sich. Vielleicht gibt es doch einen anderen Weg heraus. Er will leben. Er ist wie ausgewechselt. Zwei Wochen lang rührt er kein Crack an. Streunt durch Viertel von Paris, in denen er niemanden kennt. Schläft nicht mehr in der Tiefgarage. Bevor er abends auf irgendeiner Parkbank einpennt, fragt er sich: Hast du heute dreimal gegessen? Und jeden Morgen: Hast du halbwegs gut geschlafen?

Dann wird Charles krank. Er spuckt Blut, sein Herz rast, er bekommt kaum mehr Luft. Immer wieder verliert er das Bewusstsein. Charles schleppt sich in die Notaufnahme des nächsten Krankenhauses. Er hat keinen Ausweis und keine Krankenkassenkarte. «Matthieu S.», schreibt er auf seine Krankenakte. Und die Telefonnummer seiner Mutter.

Sein Pyjama: himmelblau. Dieser blumig frische Geruch des Waschmittels. Alle hier tragen denselben Pyjama. Wie eine Uniform. Für alle Pyjamaträger gibt es Regeln: 7.00 Uhr Frühstücksbrei, 11.30 Uhr Mittagessen und Kompott, 15.00 Uhr Kaffee und Marmorkuchen, 17.30 Uhr Abendbrot. Stippvisite am frühen Morgen: Blutabnahme, Blutdruck messen. Und am späten Vormittag kommt der Stationsarzt und misst Charles’ Lungenvolumen. Beziehungsweise Matthieus. Er ist jetzt nicht mehr Charles, der Obdachlose. Er hat wieder eine Rolle, auf einmal ist er wieder Teil der Gesellschaft. Er ist jetzt Matthieu, der Patient.

Matthieu ist ein guter Patient. Nach einer Woche ist er wieder auf den Beinen. Nachts stiehlt er aus der Stationsküche Apfelkompott, Joghurt, Kuchen. Er nimmt 5 Kilo zu. Nachmittags verzieht er sich in die Bibliothek und versenkt sich in Kunstbücher. Er malt, mit dem Kugelschreiber auf Klopapier: Vögel und Fische. Er tapeziert damit die Wände seines Zimmers. «Warum Vögel und Fische?», fragt ein Pfleger. «Die einzigen Orte, an denen man schwerelos ist, sind die Luft und das Wasser», antwortet Matthieu.

Die Pfleger und Ärzte sind fasziniert: Warum besucht denn niemand diesen Poeten aus dem Nichts? Sie wählen die Nummer, die Matthieu auf seine Krankenakte geschrieben hat.

Zwei Wochen später kommt sie tatsächlich. Seine Mama. Fast drei Jahre haben sie nichts mehr voneinander gehört. Die Absätze ihrer Pumps klackern kalt auf dem Laminat, kalt wie ihre Worte. Da sitzt sie also, auf der Kante des Stuhls neben Matthieus Bett, und sagt: «Ich habe gerade erst Frieden geschlossen mit dem Gedanken, dass du gestorben bist.» Das hat ihr ein Therapeut beigebracht. «Ecoutez, madame: Ihr Sohn will untertauchen. Stellen Sie sich einfach vor, er sei gestorben. Dann wird Ihnen Ihr Leben leichterfallen.» Sie presst ihre Lippen aufeinander, ihre Hände zittern. Sie schnürt den Gürtel ihres Mantels enger und stöckelt aus dem Zimmer.

Um zu leben, braucht man einen Ort. Ein Haus. Eine Tür, die man abschliessen kann. Als Matthieu entlassen wird, beherbergt ihn ein Freund aus seinem früheren Leben, ein Musiker. Matthieu lässt sich von ihm ins Gästezimmer sperren. Doch ewig kann er dort nicht bleiben. Er braucht Hilfe, er muss behandelt werden. Die Entzugsklinik hat erst in sechs Monaten wieder einen Platz frei. Er findet die Telefonnummer seines Bruders heraus. Der überredet die Mutter, einen Brief an die Psychiatrie zu schicken. Mein Sohn ist schizophren, schreibt sie. Einen Tag später befindet sich Matthieu in der Geschlossenen.

Matthieu unterwirft sich einem System, in das er eigentlich nicht gehört. Ohne zu wissen, wann, wie und ob er jemals wieder herauskommt. In diesem System gibt es keine Farben, nur Grau und Weiss: Beton, verspiegeltes Glas und Eisengitter. Bis tief in die Nacht hört er Patienten heulen. Schreien, weil sie denken, dass ihre Haut brennt. Oder brüllen, weil sie ans Bett gefesselt werden. Charles kämpft mit sich, er darf jetzt bloss nicht verrückt werden, er darf nicht mitbrüllen und gegen die Metallstangen schlagen, sonst wird auch er mit Riemen und Gurten an eine Liege geschnallt. Er harrt aus. Vier Monate. Dann bekommt er endlich den langersehnten Platz in einer Entzugsklinik auf dem Land, 100 Kilometer ausserhalb von Paris.

Acht Quadratmeter. Ein Bett, ein Tisch, ein Waschbecken. Eine Tür, die er hinter sich schliessen kann. Seine Privatsphäre. Nach zwei Wochen darf Matthieu die Klinik tagsüber verlassen. Er geht ins Kino, in die Bibliothek. Findet einen Job als Bühnentechniker und muss sich nicht mehr den ganzen Tag lang die Geschichten und Klagen der anderen Patienten anhören. Bald zieht er in eine betreute Wohngruppe zurück nach Paris. Er jobbt. Sein Vater macht sich Vorwürfe, weil er derjenige war, der Matthieu vor mehr als drei Jahren rausgeworfen hat, und gibt ihm eine zweite Chance: Bei Bois de Vincennes hat er ein 20-Quadratmeter-Appartement gekauft. Das überlässt er nun seinem Sohn.

Matthieu, er hat gerungen mit Charles. Hat er ihn besiegt?

Der Chefredakteur von Arte Radio lädt Matthieu zu sich ein. Mit der Dokumentation über Charles wurde Arte Radio in ganz Frankreich bekannt. Der Chefredakteur will ihm, der nun wieder Matthieu ist, etwas zurückgeben, ihm auf die Sprünge helfen. «Du bist talentiert im Beobachten und Schildern», sagt er zu ihm. «Lass dich zum Journalisten und Fotografen ausbilden.»

Also lässt sich Matthieu zum Journalisten und Fotografen ausbilden. Wie Werkzeuge sind seine neuen Fähigkeiten für ihn, um die Geschichten all der Menschen zu erzählen, die er auf der Strasse trifft. Er will seine Fähigkeit, von einem Gesellschaftssystem in ein anderes zu wandern, auch als Journalist nutzen. Er beginnt in jener Welt, aus der er sich mühsam herausgearbeitet hat. Doch dazu muss er wieder Charles werden. In seinem Abschlussfilm für die Ausbildung geht es um die Crack-Szene von Paris. «Ich ertrage es nicht, dass die Leute, mit denen ich auf der Strasse gelebt habe, heute immer noch da sind», sagt er. «Und jeden Tag kommen neue dazu. Eine Gesellschaft muss stark genug sein, die Schwächsten zu stützen, aber stattdessen dreht sie sich angewidert weg.»

Er filmt die gelben Crack-Papierfetzen, die sich unter den Geländern der Metrotreppen sammeln. Er führt Interviews mit Freunden von der Strasse. Von frühmorgens um 5 Uhr bis nachts um 22 Uhr zeichnet er den Tagesablauf der Crack-Raucher auf, die unentwegt mit der U-Bahn zwischen Gare du Nord, Gare de l’Est und Stalingrad hin- und herfahren. Am Place de Stalingrad trifft er schliesslich jenen Typen, der ihm das erste Mal im Leben Crack angeboten hat. Matthieu schlägt ihm mit der Faust ins Gesicht.

Ein Gewaltausbruch auf der Strasse.

Hat Charles Matthieu besiegt?

Nein, Matthieu wurde nicht besiegt, da ist er sich sicher. Er war nur drei Jahre lang weg und hatte Charles das Feld überlassen. Aber jetzt ist er wieder da.

 

IV

 

Ein später Nachmittag im Mai 2017. Matthieus Gesicht ist verknautscht vor Müdigkeit. Er konnte schon wieder nicht schlafen, bis 7 Uhr morgens lag er hellwach. Sein krauses Haar spriesst in alle Richtungen. Gedankenversunken trippelt er die Treppenstufen in seinem Haus hinunter. Die Kamera im Retro-Design, die an seiner Schulter baumelt, trägt er so selbstverständlich wie sein Jeanshemd und seine schwarze Stoffhose. Die Hose hat er von einem Designer geschenkt bekommen. Matthieu ist nicht nur Journalist, er ist auch seine eigene Marke geworden, ein Darsteller seiner selbst.

Er hastet zu einer Galerie im Künstlerviertel Marais, vorbei an Boulangeries und Cafés, in denen Menschen in der Sonne dösen. Heute ist Vernissage: Design aus Skandinavien. Alles an Matthieu wirkt gehetzt und doch kontrolliert, sein Gang, seine Worte, seine Augen, die stets die Umwelt abscannen, von einem Objekt zum nächsten wandern. Er ist spät dran, wie immer, und eigentlich hat er auch keine Lust. Aber in drei Wochen soll er in der Galerie eine Fashion Show moderieren. Er würde dort gerne mehr Jobs bekommen, allein vom Journalismus kann und will er nicht leben, deshalb zwingt er sich jetzt dahin.

Die Galerie ist schon voller Anzugträger und Frauen in High Heels. Der Raum: ein niedriger Betonquader mit Stützbalken – etwa 30 Zentimeter dicke, gebeizte Buchenstämme. An der Wand hängen Spiegelrahmen in pinkem Plüsch, eine Plastikmuschel, so gross wie ein Gymnastikball, in der Mitte des Raumes hockt ein Greifvogel aus Beton. Die Menschen drängen sich dicht an dicht. Matthieu hält Ausschau nach dem Buffet, da schlängelt sich auch schon ein Typ im schwarzen Jackett durch die Menge zu ihm durch und drückt ihm ein Glas Champagner in die Hand.

Matthieu hört ihm eine Minute zu. Er muss. Dieser Typ hat ihm einen Auftrag besorgt. Dann langweilt Matthieu sich und dreht sich weg, sein Blick fällt auf eine Designerin in einem Minikleid, die ihre selbst entworfene Tasche präsentiert. Er lässt sie sich vorführen und hört der Frau zu, die erzählt, dass sie gerade erst ein Atelier nebenan bezogen habe und hoffe, dass ihre Taschen gut ankommen. «Bestimmt», sagt er. Und wandert weiter zu einem Mann mit Batikshirt und Baseballjacke, der ein Selfie vor der Plastikmuschel schiesst. Matthieu sieht ihm eine Weile zu, dann quetscht er sich durch zum Atelier: Leinwände, Nähtische, rosafarbener Tüll. Matthieu schnappt sich eine Plastikkrone, steckt sie sich ins Haar und grinst.

Nach zehn Minuten hat Matthieu das alles satt. Er ordert einen Longdrink mit einem Extra-Schuss Rum, stapelt so viele Schnittchen auf seine Hand wie möglich und stolpert hinaus. Er hält es da drinnen nicht mehr aus. Die Strasse ruft nach ihm. Sie zieht an Matthieu. Da ist noch immer die alte Identität. Zwischen all den Anzugträgern und den Stöckelschuh-Frauen phantasiert er sich immer wieder in sein altes Ich –  Charles. Verlockend nah.

Eine Stunde später. Charles trägt eine verbeulte Jeans, Turnschuhe und eine viel zu grosse Kapuzenjacke. Er ist von der Galerie wieder nach Hause gelaufen und hat sich umgezogen. Das bürgerliche Künstler-­Outfit gegen die Strassenklamotten getauscht. Ein Leben gegen ein anderes. Es dämmert, als er sich wie in Trance an den Leuten vorbeischiebt, die aus dem U-Bahn-Schacht strömen. Sein Haar hat er zusammengebunden, ein paar Haarbüschel stehen in alle Richtungen. Schnell hinunter in den Schacht.

«Charles kauft keine Fahrkarte», brummt er. Er springt über das Drehkreuz, windet sich an einer Absperrung vorbei, trippelt die Stufen zum Bahngleis hinunter. Donnernd rollt die Bahn ein, die Bremsen quietschen. Hinein in die Metro. Hinaus in die Hölle.

Das Labyrinth unter dem Gare de l’Est ist seine Welt: Bevor Charles in einen Metrotunnel abbiegt, beugt er sich kurz um die Ecke und schaut, ob dort Fahrscheinkontrolleure lauern. Die zwei Polizisten der Gendarmerie, die dort vorne den Ausweis eines Strassenmusikers kontrollieren, kommen nicht aus Paris und kennen die Crack-Dealer und die Raucher noch nicht lange, sagt Charles. Vor ein paar Wochen, als er kontrolliert wurde, hat er höflich geantwortet – und kam mit einer Verwarnung davon. Den Polizisten der Stadt Paris, die mal in Uniform, mal in Zivil entlang der Bahnsteige patrouillieren, geht er lieber aus dem Weg, weil er gesehen hat, wie sie einem Dealer die Faust in den Magen rammten, so dass er die in seiner Kehle versteckten Drogen auskotzte. Charles’ Kumpels fielen darüber her – und mussten mit aufs Revier. Dort versuchten die Polizisten, sie für ihre Zwecke zu gewinnen.

An der nächsten Ecke tänzelt Charles plötzlich ein Typ entgegen, etwa 50 Jahre alt, so ausgezehrt, dass er beinahe in seinen Jeans und der Baseballjacke verschwindet. Sein Rücken ist krumm. Er trägt eine Carhartt-Mütze, spitze Ohren stehen heraus. Als er Charles erkennt, weicht er zur Seite und verneigt sich knapp. Charles hat immer Geld, deshalb hat der Typ vor ihm Respekt. Aber er misstraut ihm auch.

Ein paar Meter weiter lehnen zwei Typen in Jeans und Trainingsjacken an der Wand, etwa 18 Jahre alt, in ihren Ohren stecken weisse iPhone-Kopfhörer. Sie mustern die Passanten – als würden sie nach jemandem suchen. An der Hand des einen blitzt ein Armreif. «Salam», sagt Charles und zupft an seiner Hosentasche. Münzen klimpern. Dadurch wissen die Typen, dass er Crack bei ihnen kaufen will. Der eine mit dem Armreif joggt die Treppen hoch, Charles trippelt ihm hinterher. Da oben lehnt noch ein Typ mit weissen Kopfhörern und Kappe, er zieht seine Oberlippe hoch, giftgrün leuchtet ein Röhrchen hinter seinen Schneidezähnen hervor. Charles nickt ihm zu, sie tauschen Geld gegen Drogen, und schon sind die drei Typen mit den Kopfhörern wieder verschwunden.

Drei Stunden später. Bässe wummern aus den Boxen des Nachtclubs La Rotonde an der Place de Stalingrad, in einem neoklassizistischen Rundbau mit Kuppel und Säulenhalle. Heute feiern dort Männer im Sakko und Frauen in Cocktailkleidern mit Aperol Spritz ins Wochenende. Bis zur Französischen Revolution wurde die Rotonde als Zollhaus genutzt. Deshalb zieht sich eine Ringmauer um den gesamten Platz: etwa zwei Meter breit, mit Bäumen bepflanzt. Dort patrouillierten früher die Zollbeamten – und heute schreiten dort Crack-Dealer auf und ab.

Charles ist kein Obdachloser mehr, er ist zwar nicht frisiert, aber heute früh hat er noch geduscht. Und er hat Geld. Er hat die Wahl. Er könnte genauso gut auf den Loungemöbeln vor der Säulenhalle einen Mojito schlürfen. Aber er kennt diese Welt der Bürgerlichen, die sich amüsieren wollen, zu gut, er weiss, wie sie funktioniert. Sie interessiert ihn nicht. Es zieht ihn an ihren Rand. Hoch auf die finstere Mauer.

Auf einer Bank vor der Mauer liegen sich zwei Frauen in den Armen und johlen ein Lied. Die eine ist hochschwanger, wippt unter dem Gewicht ihres Bauches vor und zurück, krallt sich in den Haaren der anderen fest und kreischt. Plötzlich schiesst ein Fussball vorbei durch die Luft, ein klapperdürrer Zweimeter-Typ mit Kopfhörern springt hinter dem Ball her, zieht sein Tanktop hoch und kreist mit den Hüften. Weiter hinten trippelt ein alter Mann mit krummem Rücken und Plastiktüte auf und ab, mit weit aufgerissenen Augen scannt er den Boden ab, auf der Suche nach einem Bröckchen Crack.

Charles lehnt mit dem Rücken an der Mauer. Ernst und breitbeinig, die Arme vor dem Körper verschränkt, wie ein Cop. Es sieht aus, als würde er durch die anderen hindurchblicken. Dabei nimmt er alles wahr, was sich vor seinen Augen abspielt: die Gier, das Gezappel, die Aggression. Hier ist er ganz in seinem Element, hier fühlt er sich lebendig. Aber er muss kein Teil dieser Welt mehr sein. Es reicht ihm aus, sie ab und an zu betrachten.

Nach einer Weile beschliesst Charles, dass er diese Welt nun lange genug betrachtet hat. Matthieu stösst sich mit einem sanften Schubs von der Mauer ab. Mit langsamen Schritten verlässt er den Ort des Geschehens. Charles und Matthieu verschwinden in die Nacht.


 

Teufelszeug Crack

Die Überwindung, die es braucht, um eine Droge zu rauchen, ist nicht so gross wie bei dem Schritt, sich eine Droge zu spritzen. Crack ist leicht zu konsumieren und hat zugleich eine weitaus stärkere Wirkung als andere Zubereitungsformen von Kokain – das macht es besonders gefährlich. Der Körper nimmt die Droge über die Lunge viel schneller auf als beim Schnupfen über die Nasenschleimhäute. Es gibt nur wenige andere Drogen, die derart schnell in eine schwere Abhängigkeit führen. Die Wirkung von Crack ist sehr stark und sehr kurz – danach folgt ein völliges Tief. Dieses extreme Auf und Ab erhöht zusätzlich das Abhängigkeitspotenzial im Vergleich zu anderen Rauschmitteln.

 

Kokain weltweit

Crack ist in Deutschland und der Schweiz eine seltene Droge. Nach wie vor ist Kokain deutlich begehrter. In der Schweiz ist – wenn man Cannabis und Alkohol herausnimmt – der Kokainmarkt grösser als alle anderen Drogenmärkte zusammen. Fast 14 Kilo Koks werden hier pro Tag insgesamt konsumiert, von etwa 100 000 bis 150 000 Menschen. In Deutschland stellten die Polizei und der Zoll 2017 so viel Kokain sicher wie nie zuvor: knapp 7 Tonnen. Auch weltweit wird immer mehr Kokain gesichtet, es ist von einer «Kokainschwemme» die Rede. Dies sei eine Strategie süd­amerikanischer Drogenkartelle: Kokain wird zur Volksdroge und ist längst nicht mehr nur Yuppies und Bankern vorbehalten.

 

Autorin

Für Julia Amberger war die Recherche in Paris eine ihrer verrücktesten beruflichen Erfahrungen: «Beim ersten Treffen sah Matthieu mich an, ihm schossen Tränen in die Augen, und er fragte, ob er mir trauen könne. Dann hat es immer wieder mal nachts um zwei oder drei Uhr geklingelt, und wir haben über alles Mögliche gesprochen. Und plötzlich hat er, der niemandem traut, sein Leben, sein Spiel und seine Ängste mit mir geteilt. Das brachte ihn emotional so durcheinander, dass er untergetaucht ist. Ich habe Tage damit verbracht, ihn zu suchen, in ganz Paris!» Amberger berichtet, dass sie immer stärker in die Reportage hinein­gezogen wurde: «Bei unseren Ausflügen in die Crackwelt haben sich ein paar Typen an mich herangemacht, Matthieu provoziert und versucht, ihn anzugreifen. Die Mädels haben versucht, mich zum Rauchen zu bringen. Sie sind ausgeflippt, haben mich angeschrien und an den Haaren gezogen. Es war spannend, in dieser Welt all die Facetten von Charles/Matthieu und die Gründe für sein Handeln zu erforschen.»

 

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