Der Profiteur Mehmet D.

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Die Flüchtlingskrise kostete den Staat viel Geld, andere verdienten daran. Wie sich ein Geschäftsmann die Not anderer Menschen zu Nutze machte.

Susanne Donner

Es soll Tage geben, an denen die Mitarbeiter Mehmet D. zum Chef des Jahres küren würden. Er kann lobend auf die Schulter klopfen. Er kann das Gehalt aufstocken und den Aufstieg in seinem weit verzweigten Firmennetz versprechen. «Ich habe so viele Unternehmen. Da finden wir eine tolle Position für dich. Da kannst du richtig Karriere machen.» An solche Worte erinnert sich einer seiner ehemaligen Mitarbeiter. Wir wollen ihn Christian Perrone nennen, ein junger Ingenieur mit ausländischen Wurzeln. Oft gab Mehmet D. sich höflich und eloquent, sympathisch und vernünftig. Er hat einen Sinn nicht nur für das Geschäftliche: Zur Weihnachtsfeier spendierte er feines Essen in einem Berliner Restaurant. Eine Band spielte. Man trank bis spät in die Nacht. Mehmet D. zahlte. An einem Wochenende im Jahr 2015 lud Mehmet D. die Mitarbeiter samt Familien zu einem Brunch in ein Café ein. Er kam selbst mit seiner russischen Partnerin und zwei Kindern. Knapp zwanzig Personen sassen bis in die Nachmittagsstunden beisammen, tranken Milchkaffee und verdrückten Croissants, Lachs und Obst. So erinnert sich Perrone, der aus Angst anonym bleiben möchte. Denn es gibt auch ein anderes Gesicht des Mehmet D.

Mehmet D. ist Firmenchef vieler Dutzend Unternehmen. Manche sagen, es seien 60. Einer spricht von exakt 247. Eines davon ist die Pro Shelter Gesellschaft für integriertes Wohnen, für die Perrone gearbeitet hat. Die Firma betrieb eine Reihe von Flüchtlingsheimen. Eine gute Sache, dachte Perrone, der selbst als kleiner Junge mit seiner Familie aus dem Ausland nach Deutschland gekommen war. In einer Asylantenunterkunft schnappte er seine ersten Worte Deutsch auf. Unwirtlich waren diese Kindertage, bis er Freunde fand. Er wollte gerne, dass es andere besser haben.

Auf der Webseite der Pro Shelter lächeln im Grossformat ausländisch anmutende Kinder. Flüchtlingsunterkünfte leuchten auf den Fotos im Sonnenlicht. 2016 spendet Pro Shelter dem Verein Liberale Flüchtlingshilfe 5000 Euro. Daraufhin fährt die Organisation Trinkwasser in die Kurdenregion in der Türkei − und bedankt sich überschwänglich auf Facebook bei Mehmet D. Der Gedanke kommt beinahe automatisch: Jemand der Flüchtlingen hilft, muss ein guter Mensch sein.

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