Die Götter von Sanhe

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In einer Wirtschaftsmetropole in China existiert eine einzigartige Subkultur von Tagelöhnern.

Du Qiang

Was ist der Mensch bereit aufzugeben, um ein freies, ungebundenes Leben führen zu können? Rund um den Tagelöhnermarkt in Sanhe, Shenzhen, existiert eine Gruppe von Menschen, die so gut wie alles aufgegeben haben, um sich eine schwarze Utopie zu schaffen. Diese «Sanhe-­Götter» genannten Wanderarbeiter haben keine Familien mehr, keine Anstellung, keine sozialen Bindungen.

Am Rand des Sanhe-Tagelöhnermarkts lümmelt Bruder Shi in seinem Rollstuhl herum. Er ist zwar von der Hüfte abwärts gelähmt, wirkt aber so, als wäre er einfach nur ein bisschen müde und hätte einen Platz gefunden, um sich niederzulassen. Jedem, der an ihm vorübergeht, hält er seine Sammlung von Personalausweisen aus verschiedenen Provinzen wie Spielkarten unter die Nase. Zu seinen Verkaufsgesprächen gehören Kommentare über die Moral der jeweiligen Provinz und die Qualität der dortigen Mädchen.

Nachdem ich ihm einen Ausweis abgekauft habe, versorgt er mich mit Tipps: «Na, junger Mann, bist aus keinem schlechten Stall, was? Wie wär’s, wenn du dich als Stricher verdingst?» Mein fragender Blick lässt ihn fortfahren: «Reiche Tanten beschwatzen, ihnen etwas vorsülzen, damit sie ruckzuck auf dich abfahren!»

«Das nennt man sich verlieben, oder?», antworte ich.

«Viel zu profan. Ne, ein Stricher mit Verstand sein, darum geht’s, ordentlich Kohle machen.» Er spielt auf seinem Smartphone herum, bedeckt mit der rechten Hand das Display, wo eine Gewinnzahl nach der anderen angezeigt wird. «Shenzhen ist eine öde Stadt, verstehst du, den Leuten ist langweilig. Und damit machst du Geld.»

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