Die Galeone aus Manila

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Nicht Gold und Silber birgt Cameron La Follette vom Meeresgrund – sondern weitaus mehr.

Leah Sottile

Die Geschichte geht so: Irgendwann um das Jahr 1694 ereignete sich nicht weit vom Fusse eines Berges in Oregon ein Schiffsunglück. Die Menschen, die damals dort lebten, Indigene, nannten den Berg Neahkahnie (Ni-ah-kah-ni), «Der Ort Gottes» – er ist breit und hoch und sieht aus, als entstiege er dem Pazifik wie ein Riese der Badewanne. Auf seinen Flanken wachsen dichte Fichten- und Zedernwälder, in denen der Rothirsch im Nebel Zuflucht findet und seine Hufabdrücke im Morast hinterlässt. Seit mehr als dreihundert Jahren erzählen sich die Nehalem-­Tillamook die Geschichte eines Schiffes, das in den Berg krachte. Eine zerstörerische Begegnung von Mensch und Natur.

Das Schiff war eine Galeone aus Manila, unterwegs von den Philippinen über den Pazifik nach Mexiko. Sie war beladen mit den edelsten Gütern, die man sich denken konnte: Elfenbeinstatuen, feines Porzellan, exotische Gewürze, goldene Seide. Der Untergang einer Galeone bedeutete hundertfaches Sterben: Hunderte Männer und Knaben, die im tintenschwarzen Wasser ertranken; Hunderte von Herzen, die zu schlagen aufhörten; Hunderte Lungen mit Wasser gefüllt. Es bedrohte auch eine ganze Wirtschaft. Pro Jahr stachen nur ein bis zwei Galeonen in See, um schwer mit Kostbarkeiten beladen Richtung Osten nach Acapulco zu segeln. Die Fracht wurde gegen Silber getauscht, das nach Manila zurückgebracht und mit dem chinesischen Kaiser eingehandelt wurde. Als die Galeone beim Neahkahnie unterging, sanken höchstwahrscheinlich auch ihre Güter mit ihr auf den Grund. Jungfrauen- und Heiligenskulpturen wirbelten wie weisse Torpedos nach unten. Unzählige Bienenwachsblöcke, gross wie Felsklumpen, versanken. Das blau-weiss verzierte Porzellan hatte gegen die scharfen Kanten der Felsen nicht die geringste Chance.

Man erzählt sich, dass eine Handvoll unterernährter Matrosen dem Wasser entstiegen seien und eine schwere Truhe über den Strand Richtung Neahkahnie geschleift hätten. Manche sagen, die Matrosen hätten daraufhin einen afrikanischen Sklaven umgebracht, der ihnen beim Schleppen der Truhe geholfen hatte, seine Leiche samt Schatztruhe in ein Loch gestossen und mit Erde bedeckt.

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