Die kleine Frau S.

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Eine Ostdeutsche fühlt sich fremd im Westen – wie vereint ist Deutschland 30 Jahre nach der Wende?

Juliane Schiemenz

Dies ist eine kleine Geschichte über eine kleine Frau in einer grossen Stadt. Um zu verstehen, wie klein diese Geschichte ist, stellen wir uns am besten die Weltkugel vor, von ganz weit oben betrachtet. Dann zoomen wir langsam heran. Wir richten den Fokus auf Europa und zoomen noch näher heran. Wir sehen Deutschland. Der Fokus richtet sich auf den Süden. Da ist München, wir zoomen näher heran, noch näher, wir sehen die einzelnen Stadtbezirke, die Isar, wie sie sich von links unten nach rechts oben durch die Stadt schlängelt. Wir richten das Objektiv auf den Südwest-Rand der Stadt, Stadtteil Fürstenried, viele Hochhäuser, ein Wald. Wir können einzelne Strassen erkennen, Autos, klein wie Spielzeug. Wir zoomen weiter, sehen viele winzige Punkte durch die Strassen wuseln. Dann ein ruhiges Wohngebiet mit Neubaublöcken. Wir verengen den Bildausschnitt so sehr, dass wir eine einzelne Strasse sehen und in ihr einen einzelnen kleinen Punkt, der den Gehweg entlangläuft. Um den Punkt herum kreist ein noch kleinerer Punkt. Wir nähern uns bis auf wenige Meter. Nun erkennen wir, dass der grössere Punkt eine Frau ist, mit silbergrauem Pagenkopf, um die 60 Jahre alt. Der kleinere Punkt ist ein Hund, eine wuschelige Promenadenmischung, er hüpft mal hierhin, mal dorthin. Die Frau zieht eine dieser Einkaufstaschen für Rentner hinter sich her, einen Hackenporsche. Das ist die kleine Frau S. Sie ist die Heldin unserer Geschichte. Ein winziger Punkt auf einer riesigen Weltkugel.

Es ist Frühling 2015. Die Geräusche tauen langsam wieder auf: Vogelzwitschern, Kinderlachen, Geschrei. Die Welt um Frau S. wird wieder lauter, macht einfach so weiter. Ob das Frau S. nun gefällt oder nicht.

Frau S. läuft aus verschiedenen Gründen durch München. Erstens, weil sie gerne läuft, zweitens, weil sie sich schon mal an das Laufen gewöhnen will. Sie kann sich ihr Auto nicht mehr leisten und muss es bald verkaufen. Ausserdem lernt sie beim Laufen die Stadt kennen, in der sie nun seit ein paar Monaten wohnt. Heute wird Frau S. zwei Stunden laufen. Immer in Richtung Norden. Erst die Appenzeller Strasse entlang, dann die Forst-Kasten-Allee, danach durch den Fürstenrieder Wald, dann die Waldwiesenstrasse entlang, Silberdistelstrasse, Krokusstrasse, an Blumenau vorbei. Am Ende der zwei Stunden wird Frau S. in Pasing ankommen. Dort steht das Krankenhaus, in dem gerade ihr Mann stirbt.

Frau S. wurde 1952 in Erfurt geboren. Ihre Sprache ist noch immer ein wenig vom Thüringischen gefärbt, das so rund und weich klingt wie warme, dampfende Klösse. Frau S. kann zum Beispiel kein hartes «P» sprechen. Die Worte «Packpapier» und «Backpapier» stellen sie vor grosse Herausforderungen. Über die Jahre kam zu ihrer Sprache auch etwas Sächsisch hinzu, denn als Kind zog sie mit ihren Eltern nach Sachsen, weil der Vater dort Arbeit in einem Braunkohlewerk fand. Dass sie am Ende ihres Lebens noch einmal umziehen würde, und dann auch noch nach München, damit hat Frau S. nicht gerechnet. Dass sie eine weitere Ostdeutsche sein würde, die ihre Heimat verlässt. Eine von über drei Millionen, die seit der Wende in den Westen gegangen sind in einer regelrechten Völkerwanderung.

Frau S. ist zierlich, 1,68 Meter gross, ein ungeschminktes, gutmütiges Gesicht, Brille mit dünnem Goldrand. Sie läuft langsam, manchmal bleibt sie stehen, weil Amadeus, so heisst ihr Hund, an einem Schneeglöckchen schnuppern will. Sie gönnt es ihm. Seit ihr Mann im Sterben liegt, ist Amadeus sehr gestresst, manchmal dreht er plötzlich durch und bellt wie verrückt.

Frau S. hat heute das erste Mal seit zwei Wochen keine Eile. «Schlecht stabil» haben die Ärzte den Zustand ihres Mannes genannt. Auch Frau S. fühlt sich heute das erste Mal seit Wochen wieder schlecht stabil. Da der Frühling einfach so gekommen ist, ohne sich um den inneren Zustand von Frau S. oder den äusseren Zustand ihres Mannes zu kümmern, hat sich Frau S. entschieden, die Welt schön zu finden. Sie war schon immer pragmatisch.

Der Mann von Frau S. hat Alzheimer. Daran stirbt man nicht. «Das ist wie bei HIV», hat Frau S. dem Bruder ihres Mannes erklärt. «Du hast Alzheimer, aber sterben tust du an etwas anderem.» Herr S. zum Beispiel stirbt an einer Lungenentzündung. Demente Menschen vergessen oft das Schlucken und atmen Teile ihres Essens ein.

Vor einem Dreivierteljahr hat Frau S. ihren Mann aus einer ostdeutschen Kleinstadt in ein Pflegeheim nach München gebracht. Danach hat sie eine Wohnung in München gesucht, um in seiner Nähe zu sein. Von einer Ostrente Westmiete bezahlen – das ist keine besonders gute Idee. Warum hat sie das gemacht? In Ostdeutschland hat sie kein Pflegeheim gefunden, das eine geschlossene Abteilung hat, wie sie für ihren Mann gebraucht wird. Sein Verfall schreitet rasend voran. «Turbo-Alzheimer» nennt das die Tochter von Frau S. Der Verfall geht mit Bewegungsdrang und Zerstörungswut einher. Frau S. kann ihren Mann nicht mehr zu Hause pflegen.

Der Sohn von Frau S. lebt in München. Er ist schon vor einigen Jahren hergezogen, er kam der Arbeit wegen, wie so viele Ostdeutsche. Nun hat er Frau und Kind, ein schönes Leben und einen grossen Freundeskreis. Frau S. möchte ihren Enkel aufwachsen sehen. Was soll sie allein in einer ostdeutschen Kleinstadt hocken, mit einem kranken Mann?

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