Die netten Mussolinis

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Die Enkelinnen des Duce setzen sich in Szene und verklären den einstigen Diktator.

Margrit Sprecher

Das Publikum behält die Jacken an, drinnen ist es so kalt wie draussen. Über den Köpfen hängen mächtige Schinkenkeulen, hinter der Theke blitzt eine monströse Aufschnittmaschine. Kein Ort für eine Lesung, bestimmt ein Missverständnis. Es sind ja auch kaum Leute da, viele Stühle bleiben leer. Doch dann, kurz vor Beginn, erscheint ein Mann und verriegelt alle Fenster. Anschliessend geht er zum Tresen und sammelt die Messer ein. Kein Zweifel, der Abend wird turbulent. Wie immer, wenn die Benito-Mussolini-Enkelin auftritt.

Dabei – so gefährlich sieht sie gar nicht aus. Im Gegenteil. Edda Negri Mussolini segelt auf schwindelhohen Absätzen und im tief dekolletierten Cocktailkleid so strahlend ins Ladenlokal, als beträte sie eine warme, ausverkaufte Halle. Die Arme weit ausgebreitet, geht sie auf ihre Gäste zu: «Caro mio!» Vertraulich lässt sie ihre Hand auf einem Männerarm ruhen, dann herzt sie eine Frau. Neulinge verfolgen das Schauspiel verblüfft. Wird ihnen dieselbe Begrüssung zuteil, bleiben sie fassungslos zurück. Das ist, als würde eine Reliquie plötzlich lebendig. Edda bestätigt: «Anfangs bin ich die Enkelin von Benito Mussolini, dann werde ich die Edda.»

Dass eine Person mit Namen Mussolini je wieder ins Licht der Öffentlichkeit träte, schien vor 75 Jahren undenkbar. Wer Mussolini hiess, versteckte sich hinter einem Pseudonym oder floh nach Argentinien, wo auch die deutschen Nazis Zuflucht fanden. Wieder gesellschaftsfähig machte den Namen erst fünfzig Jahre später Silvio Berlusconi. Mussolini, so versicherte der italienische Ministerpräsident den Italienern, sei keineswegs ein Massenmörder wie Hitler gewesen. Vielmehr habe er seine Gegner «zum Ferienmachen» in die Verbannung geschickt. Und überhaupt: «Er hat auch viele Sachen gut gemacht.»

So denken inzwischen viele Italiener. Ja, die Stimmung hat sich so sehr gewandelt, dass 2019 ein Urenkel Mussolinis seine Politkarriere nicht trotz, sondern wegen seines Namens für garantiert hielt. «Scrivi Mussolini!», befahl er von den Plakaten herunter. Schreib Mussolini auf den Wahlzettel! Den Erfolg sichern sollten zudem seine dem römischen Feldherrn Cäsar entliehenen Vornamen: Caio Giulio Cesare. Doch der gebürtige Argentinier und Manager eines saudiarabischen Rüstungskonzerns pokerte zu hoch. Selbst glühenden Faschisten war sein Auftritt zu plump.

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