Die Saat des Kalifats

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In Mosul herrscht offiziell Frieden, doch der Sieg ist eigentlich eine Niederlage.

Francesca Mannocchi

Als im Juli der irakische Ministerpräsident Haider al-Abadi die Vertreter der Golden Division auf der Militärbasis der irakischen Antiterror-Streitkräfte versammelt, wird in den Randgebieten von West-­Mosul, auf der Frontlinie, noch gekämpft. Wir haben den 9. Juli, die Luft glüht, der Minister steht unruhig und nervös inmitten seiner Entourage einer kleinen ausgelassenen Gruppe Soldaten gegenüber. Wir, die Journalisten, stehen auf der anderen Seite, verfolgen eine schnelle, formelle und wenig überzeugende Erklärung. Es ist, als seien wir Beobachter einer hastigen Pantomime. 

«Ich danke allen für die Mühe und die Anstrengung, die sie aufgebracht haben, um die Stadt zu befreien!» Aus al-Abadis Stimme klingt scheuer Stolz, an seiner Seite schwingen Soldaten grosse Fahnen, die sie eigens zu diesem Anlass mitgebracht haben. Die jüngsten Soldaten stehen auf gepanzerten Fahrzeugen und singen die National­hymne, alle möchten ein Selfie mit dem Premierminister als letztes Zeugnis eines Krieges, der wie sonst keiner in den letzten Jahren die Medien beschäftigt hat. Al-Abadis Leibwächter dirigieren die Kameras und Fotoapparate der Journalisten. «Kommt näher ran, geht zurück, jetzt ist es genug. Geht jetzt.»

Al-Abadis Worte erklären zwar den Sieg, doch sein Gesicht erzählt eine andere Wahrheit, die schwieriger zu erklären ist. Dass nämlich das militärische Bezwingen der IS-Milizen nicht identisch ist mit einem Sieg in diesem Krieg. Dass das Ausradieren der Kämpfer von al-Baghdadi in Mosul, der zweitwichtigsten Stadt des Landes, nicht bedeutet, gewonnen zu haben.

Was die Worte von al-Abadi nicht ausdrücken können, was aber dennoch aus der ganzen Situation deutlich wird: Der wahre Krieg im Irak beginnt erst am Tag nach der erklärten Befreiung der Stadt. Denn die Milizen al-Baghdadis, die im Namen des IS kämpften, hatten weder Angst vor der Niederlage, noch kämpften sie, um zu gewinnen oder auch nur blossen Widerstand zu leisten. Die Milizen von al-Baghdadi denken nicht in territorialen oder geografischen Begriffen. Sie denken in zeitlichen und symbolischen Begriffen. Sie denken nicht ans Hier und Jetzt, sie denken in historischen Zeiträumen.

Denn wer im Namen der Terrormiliz Islamischer Staat kämpft, kämpft für zukünftige Generationen. Die Milizen haben ihre Kinder dazu erzogen, die ideale Fortsetzung ihres Projekts eines Kalifats zu werden. Deshalb haben die IS-Milizen keine Angst vor dem Tod, deshalb haben sie ihre eigenen Kinder aufs Martyrium vorbereitet. Die nächste Generation soll noch mehr ideologisiert sein, noch reiner und furchtloser als die gegenwärtige. Denn in Mosul zu kämpfen, ist nur ein Übergang im grossen Projekt des zu errichtenden Kalifats.

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