Dieses Tier ist eine Sache

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Biologisch betrachtet ist der Mensch nicht mehr als ein grosser Affe. Wie viel Persönlichkeit steckt in einem Orang-Utan?

Barbara Bachmann

Wenn Sandra menstruiert wie an jenem Mittwoch im Dezember 2017, ist alles etwas anders als sonst. Sie möchte dann nicht gestört werden, ist passiv, Bewegung liegt ihr ohnehin nicht so. Nähert sich ihr einer der Betreuer, dann weicht sie ihm aus. Sie schaut ihm nicht wie sonst tief in die Augen, sondern eher durch ihn hindurch, als ob er nicht anwesend wäre.

Sandras rotbraunes, zottelig wirkendes Haar, das beinahe ihren ganzen Körper bedeckt, erinnert an die Schale einer Kokosnuss. Ihre Arme sind stark, länger und kräftiger als die Beine. Sie liebt Rucola und während ihrer Tage noch mehr als sonst: Weintrauben. Ihre «Bonbons». Sandra sitzt die meiste Zeit auf einer Felsformation aus Beton oder in einer Ecke dieses sehr überschaubaren Territoriums, von dem sie – die Gefangene – auf die Avenida del Libertador, die Strasse des Befreiers, sehen kann.

Gerade interessiert sie das aber nicht. Sie zieht sich ihren grauen Pullover über den Kopf, wie sie das meistens tut, wenn ein Fremder sie ansieht. Der Pulli lässt ihre kleinen, eng zusammenliegenden Augen verschwinden. In der Natur bedecken sich Orang-Utans gerne mit Blättern. Sandra ist ein Orang-Utan, 32 Jahre alt, geboren in Norddeutschland, seit 24 Jahren wohnhaft in Buenos Aires, genauer gesagt im ehemaligen Zoo, República de la India 3000. Sie ist dort mittlerweile die Einzige ihrer Art. Und ohne die leiseste Ahnung davon zu haben, ist Sandra auch der wohl bekannteste Orang-Utan der Welt.

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