Dr.  Gross, der Übermensch

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Er sieht sich wahlweise als Jesus, Stalin oder Beethoven - und lebt mittlerweile ganz hervorragend.

Andreas Wenderoth

Alle 14 Tage geht Gross zum Arzt und bekommt eine Depotspritze mit dem Wirkstoff Fluphenazin, der in der Tiermedizin zur Narkoseeinleitung verwendet wird. Bei Menschen verhindert er Rückfälle schizophrener Psychosen. Gross hat sein wahnfreies Leben jener Spritze zu verdanken. Sie ist sein Lebenselixier. Und die Versicherung, dass er sich nicht abhandenkommt. Die Spritze verhindert Stalin, Beethoven und den Übermenschen in ihm.

Man könnte ihn für einen Burgschauspieler halten, wie er da im Halbschatten der grossen Eiche vor seinem Stammcafé sitzt und in der Zeitung blättert. Dr. Peter Gross ist 76 Jahre alt, von stattlicher Statur, eine raumgreifende Person mit buschigen Augenbrauen, Haaren, die zum Himmel streben, und einer Vorliebe für breite Hosenträger. Weil er eine Idee zu laut spricht und sich nach dem Essen stets auf die zum Platz vorgelagerte Bank zurückzieht, um eine ganze Stunde lang inbrünstig zu beten, drehen sich die Menschen manchmal nach ihm um. Sie wissen nicht genau, was sie von ihm halten sollen.

Aber er selbst weiss das ja auch nicht immer. Gross ist Doktor der Philosophie, ein liebenswürdiger Riese, der seine grossbürgerliche Herkunft nicht verleugnen kann, der gewählt spricht und auffallend höflich ist. Der nach Belieben kurze philosophische Abhandlungen einstreuen kann, die von seiner Belesenheit künden. Bis man nach einer Weile merkt, dass es oft ähnliche, zuweilen sogar identische Formulierungen sind, die er mit seiner tragenden Bühnenstimme über den Platz wirft, so als wären sie gerade ganz frisch erdacht. 

Ein Treffen in seiner Altbauwohnung in Hamburg-Harvestehude: Seine Pflegerin öffnet die Tür. Moderne Kunst an den Wänden, Designer-­Möbel, ausreichend Quadratmeter für einen Geist, der nach Raum verlangt, weil er in vielen Welten zu Hause ist. Gross empfängt auf einem geräumigen Sessel, den er seinen «Buddha-Stuhl» nennt. «Mit meinem Wonnebäuchlein sitze ich hier und bin glückselig.» In seinem Gesicht die fast kindliche Vorfreude darauf, dass er jetzt von einem Leben erzählen wird, das ihn bis heute berührt: das eigene. 

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