Drohnen statt Esel

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Über Ruanda entsteht das erste Lastdrohnen-Netzwerk der Welt. Profitiert am Ende wieder nur der Westen?

Hannes Grassegger

Man könnte sagen, Ledgard hatte Himmel und Hölle durchwandert, um hierhin zu kommen. Aber begonnen hatte alles in der Hölle. 

Während sein Taxi in der Morgensonne Kigalis über den glatten Asphalt der Embassy Row rollt, gleitet Ledgards Blick über die Szenerie, die sich vor seinem Autofenster auftut. Vorbei an der riesigen, vielfarbig illuminierten Stahl-und-Glas-Kugel des brandneuen Convention Center, des beliebtesten Instagram-Motivs Ruandas, hinauf zur Skyline des Geschäftsviertels Kiyovu.

Die Stadt der vielen Hügel sieht aus, als hätte man Mexiko-Stadt zur Hälfte mit Dschungel und Gemüsegärten ersetzt. Es ist frisch, kühl, grün. Die hoch gelegene Hauptstadt Ruandas wirkt wie ein afrikanischer Traum. Bald wird der Tourismus dieses Land entdecken.

Noch einmal überfliegt Ledgard seine Notizen. Das Finale steht bevor. Er gegen die Geister, die er gerufen hat. Er fragt sich, ob vielleicht genau das sein Fehler gewesen ist: Offenheit. Eine ganze Stunde hat er gestern versucht, diesem jungen Amerikaner zu erklären, worum es hier gehe. Dass seine Idee nicht einfach ein weiterer Business-Case sei, sondern ein historischer Moment. Scheitern oder Überleben. 

Spezialeinheiten mit Sturmmasken stoppen Ledgards Fahrzeug auf der langen Geraden, die zum Tagungsort des Weltwirtschaftsforums führt. Sie tragen die neuesten israelischen Maschinengewehre, Tavor X95, die aussehen wie Laserkanonen. Grosse Betonblöcke versperren die Strasse, nur die Jeeps der Staatschefs dürfen durch. 

Ledgard steigt aus, schwenkt eine Plastikkarte, die ihm vor der Brust hängt, und passiert eilig die erste Schleuse. Ein Europäer Ende vierzig, athletisch, mittelgross, kurzrasierte Haare, Hornbrille, sein Jackett zu hellblau für einen Geschäftsanzug, sein Hemdkragen modisch abgerundet. Ein kleiner Metallstern im Revers. Sein Markenzeichen. 

Wenn man eine Idee herausgibt, dann ist das, als ob man eine Waffe verschenkte.

Was Ledgard persönlich trifft, ist die Sache mit dem Blut. Dass die Amerikaner sie nutzten, ohne seinen Namen zu nennen. Dabei war es seine Idee, davon ist er überzeugt. Nach ihr hatte er schliesslich alles benannt: Redline – das Drohnennetzwerk zur Blutversorgung. Das weltweit erste funktionsfähige Drohnen-Transport-Netzwerk. Blut sollte die Killer-App für Drohnen werden, der Durchbruch. So hatte Ledgard sich das überlegt. Rekordschnelle Blutlieferungen für gebärende Mütter waren unschlagbar als Argument bei zögerlichen Gesetzgebern mit Terror­angst. Gute Drohnen. Drohnen als Helfer. Das Blut sollte den Drohnen die Pforten zum Himmel öffnen. Der Beginn einer neuen Infrastruktur-­Epoche, Schienen im Himmel. Erstmals verlegt hier in Afrika.

Es sind nur wenige hundert Meter bis zum Eingang des Forums, dem afrikanischen Ableger des World Economic Forum (WEF) in Davos, wo er heute zum letzten Mal seine Botschaft verkünden wird. Er stoppt an einem Geldautomaten gegenüber dem Hotel Serena, aus dem gerade Anzugträger in Richtung Forum strömen. Im Screen reflektiert die Morgensonne. Die Geldscheine, die der Automat ausspuckt, zeigen Laptops neben Gorillas und Kaffeebohnen. Dieses Land rast seit dem Genozid Richtung Zukunft. Ein passenderer Ort für diese Story war kaum denkbar.

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