Durch die grüne Wand

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Eine der gefährlichsten Fluchtrouten führt durch den Dschungel von Panama.

Alejandro Millán

Tag 1: Metetí

Unsere Reise beginnt genau an der Stelle, wo sie für andere aufhört: am nördlichen Zugang zum Regenwald.

«Das ist ein Konzentrationslager. Wir sind seit Tagen hier, sie lassen uns nicht raus, und wir leben unter schlimmsten Bedingungen.»

Es spricht Mohamed Nasser Al Humaikani. Er ist schlank, hat eine leise Stimme und einen sanften Blick, und um seinen Kopf schwirren Dutzende von Fliegen. Er verscheucht sie mit der Hand, aber es nützt nichts. Die Insekten kommen wieder, fliegen ein paar Schlenker und lassen sich schliesslich auf seiner schweissnassen Haut nieder. Mohamed kommt aus Jemen.

Anfang August 2017 wurde er von Angehörigen des Nationalen Panamaischen Grenzdienstes, dem Senafront (Servicio Nacional de Fronteras), gefasst, als er gerade den Tapón del Darién durchquerte, das 575 000 Hektar grosse Regenwaldgebiet zwischen Kolumbien und Panama. Er war von Süden aus auf dem Weg nach Nordamerika und wurde abgefangen, nachdem er schon vier Tage lang durch das dichtbewaldete Gelände des Darién geirrt war. Wegen der Erschöpfung, sagt er, habe er sich ergeben und widerstandslos bis in die Militärbasis von Metetí bringen lassen, etwa 250 Kilometer östlich von Panama-Stadt. 3500 Kilometer weit entfernt von den Vereinigten Staaten und fast viermal so weit weg von seinem Heimatland. Und seitdem hat er die Reise nicht fortsetzen können. An dieser Engstelle für den Flüchtlingsstrom hat er sechs Landsleute getroffen, die Ähnliches durchlebt haben wie er.

Die gestrandeten Jemeniten sind nur ein Symptom eines chronischen Zustands. In den letzten drei Jahren kamen Migranten von Kolumbien aus nach Panama, aus so unterschiedlichen Herkunftsländern wie Kuba, Haiti, Bangladesh oder Somalia, und allesamt entschlossen, sich durch den Darién zu wagen, um − viele Kilometer später − in die USA zu gelangen.

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