Ein Haus in Palästina

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Sie zielt auf die Mauer. Ihr Stein fliegt nicht weit, aber das macht nichts.

Colum McCann

Es liegt am Rande eines der am meisten mit Tränengas besprühten Orte der Erde. Am Ende der Strasse zu einem der irrsten Hotels der Welt. Nur einen Steinwurf von der Mauer entfernt. Die Obstbäume im Garten werden regelmässig mit einer Chemikalienmischung bespritzt, die Stinktierwasser heisst. Junge Demonstranten laufen manchmal an den steinigen Terrassen vorbei. Ausserdem wird es von einigen der grössten künstlerischen Talente unserer Zeit beehrt.

Willkommen in Dar Jacir, dem Haus von Jacir, einer Kunstkolonie am Rand von Bethlehem in der Westbank. Das Haus ist in einem lärmigen Teil der politischen Weltkarte gelegen – in Palästina, nur einen Wimpernschlag von Israel entfernt –, aber vergiss das für einen Augenblick und atme tief ein, tritt von der Strasse und gönne dir vorübergehend etwas Ruhe. Zieh den Riegel des schmiedeeisernen Tors auf. Lass es quietschend hinter dir zufallen. Halt ein, um auf den Stufen Atem zu holen. Es ist ein grosses Haus. Kalkstein. Hohe Fenster. Balkone. Du spürst sofort, dass es hier etwas sehr Altes gibt, aber gleichzeitig auch etwas, das in die Zukunft schaut. Es riecht nach Salbei und Thymian und Minze und – ein wenig irritierend – nach einem Hauch von etwas noch viel Menschlicherem.

Die Stufen hinunter und dann eine andere Treppe wieder hinauf. Es tut gut, aus der sengenden Sonne auf die vordere Terrasse und in den Schatten des Hauses zu treten. Die kühlen Schatten ziehen dich hinein. Die Türen haben eine alte Schwere. Die Decken sind hoch. Die Steinböden sprechen. Du schreitest durch die grossen Räume. An den weissen Wänden hängen reihenweise Fotografien. Die Luft scheint zu flüstern: Andere sind vor dir hier gewesen. Kaufleute. Forscher. Geister. Und diese Geister, diese Forscher, diese Kaufleute sind alle irgendwie aus Licht zusammengesetzt, denn das Licht hier – sei es nun Sonnenlicht oder Scheinwerferlicht – ist wie nirgendwo sonst: nüchtern und nuanciert zugleich.

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