Eine Nacht mit Fidel

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Die Historische Reportage - von 1970.

Ernesto Cardenal

Havanna ist bei Nacht eine dunkle Stadt – denn es gibt keinerlei Geschäftsreklamen. Ein Fremder hat den Eindruck, es müsse gerade einen Kurzschluss gegeben haben, einen Kurzschluss, von dem nur die oberen Teile der Gebäude betroffen wurden. Für den, dem Neonreklamen, hell erleuchtete Schaufenster, Strassenlärm und Nachtleben Spass machen, ist Havanna eine triste Stadt. Ich aber fand sie schön. Ich sagte zu Mario Benedetti, dem Dichter aus Uruguay: «Dies ist die fröhlichste Stadt, die ich je gesehen habe, eigentlich die einzige wirklich fröhliche.»

Die Leute waren alle einigermassen gut angezogen, es gab weder besondere Eleganz noch besondere Ärmlichkeit. Das fand ich schön. In der Umgebung der grossen Hotels – El Nacional, El Capri, Habana Libre – wimmelte es von Menschen. Aber niemand kaufte oder verkaufte etwas. Die Leute gingen einfach spazieren. Sie gingen langsam, und man sah, dass sie spazieren gingen. Keiner rannte nach Geld. In keinem Gesicht spiegelte sich Sorge oder Bedrängnis. Keine Taxen lauerten auf Kunden. Man sah weder Bettler noch Schuhputzer, noch Prostituierte. Ich fand, eine solche Stadt konnte mit Recht eine fröhliche Stadt genannt werden. Es gab keinen Elendsgürtel wie in anderen südamerikanischen Städ­ten. Wie sollte man so eine Stadt nicht glücklich nennen?

«Es gibt bestimmt viele, die Havanna trübsinnig finden», sagte ich zu Benedetti, «hier herrscht nicht der übliche bürgerliche Jubel und Trubel, dafür aber echte Freude. Die Städte der sogenannten ‹freien Welt› mit ihren Geschäftszentren und Einkaufsstrassen haben bestimmt mehr zu bieten, aber was nützt das schon dem, der keinen Pfennig in der Tasche hat? Doch hier erlebe ich zum ersten Mal die unwahrscheinliche Freude einer Stadt ohne Arme, ohne Elend. Und man spürt die Freude aller, einander gleich zu sein.»

Durch die Eingänge des «Habana Libre», dem früheren Hotel Hilton, rann­ten kleine schwarze Jungen (früher hätte man sie «Strassenjungen» geschimpft), ohne von den uniformierten Portiers verscheucht zu werden, und spielten ausgelassen Fangen in den mit Marmor ausgelegten Vorhallen und Gängen. Auch junge Arbeiter, schwar­ze und weisse, standen dort herum und unterhielten sich mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie früher die Millionäre.

Ich dachte: Tausende sind hier weggegangen, aber die, die geblieben sind, sehen glücklich aus. Ganz Kuba gehört ihnen. Es muss ein gutes Gefühl für sie sein, jetzt alle zur gleichen Klasse, eben zum Volk zu gehören. Es gibt keine schmuckbeladenen Damen und keine Herren im Smoking mehr, keine Konkurrenz in der Klei­dung. Man beneidet und missgönnt nicht mehr. Keine Reklame preist den Leuten Dinge an, die sie sich doch nicht leisten können. Das muss der Grund dafür sein, dass die Menschen hier lachen, dass diese Grüppchen von Jugendlichen – Schwarze, Weisse und Mulat­ten – so einen fröhlichen Eindruck machen, dass man Liebespaaren begegnet, die sich selbstvergessen streicheln.

«Du vermisst die vollen Läden und Schaufenster ganz gewiss nicht, nicht wahr?», fragte mich Benedetti. Und ich: «Ich habe mich von der Welt zurückgezogen, um auf einer Insel zu leben. Die Städte stossen mich ab. Aber diese Stadt ist wie geschaffen für mich. Ich sehe jetzt, dass ich mich nicht von der Welt an sich, sondern nur von der kapitalistischen Welt zurückgezogen habe. Eine Stadt wie Havanna muss einem Mönch, einem Kontemplativen, gefallen – und nicht nur einem Mönch, sondern all denen, die irgendwie begriffen haben, dass an der kapitalistischen Welt etwas faul sein muss.»

Darauf Benedetti: «Nehmen wir einmal an, in Uruguay werden 1000 Damenhandtaschen auf den Markt geworfen. Die sind so teuer, dass sich kaum jemand eine davon kaufen kann, und darum sind die Läden in meinem Land voller Handtaschen. Wenn dage­gen hier Handtaschen hergestellt werden, dann gleich 400  000 auf einmal, und alle Welt kauft sich eine, und im Nu sind keine Handtaschen mehr in den Läden zu finden. Ich meine damit, die Handtaschen sind nicht in den Geschäften, sondern auf der Strasse. Die Oberhemden sind alle gleich – das heisst, gleich in Qualität und Preis –, verschieden sind nur die Farben und der Schnitt. So läuft hier keiner schäbiger als der andere herum, weil es eben keinen Luxus gibt. Das Problem ist nicht Geld, sondern Ware. Geld gibt es genug, was fehlt, sind Waren, und darum sind die Geschäfte meistens leer. Das soll nicht heissen, bei uns gäbe es ein Überange­bot an Waren, es hat bloss kein Mensch Geld, sich die Dinge zu kaufen, und darum sind die Läden eben voll.»

Ich sage zu ihm: «Ich finde es herrlich, dass hier keiner elegant angezogen ist. Alle kleiden sich so, wie auch ich mich gern kleide, wie sich die Dichter, die Künstler, die Intellektuellen, die Studenten kleiden. So läuft auch Fidel Castro herum. Ich wünschte, es wäre überall so. Alles ist schön, einfach und bunt. Und die Mädchen sehen hübsch aus.»

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