Eine Nonne schmeisst hin

Schuften bis zum Umfallen, das Klosterleben wird ihr zur Hölle. Jetzt verklagt Małgorzata ihren Orden.

Katarzyna Włodkowska

Es ist so weit! Ein letztes Mal blickt sie zu den Eltern und tritt zum Altar. Der Pfarrer: «Liebe Schwester, schon durch die Taufe bist du für die Sünde gestorben und wurdest Gott geweiht. Willst du dich durch das Ewige Gelübde Ihm noch vollkommener hingeben?»

«Ich will.»

«Willst du mithilfe von Gottes Gnade das Leben in vollkommener Keuschheit, in Gehorsam und Armut annehmen und für immer befolgen, so wie es Herr Jesus Christus und seine jungfräuliche Mutter getan haben?»

«Ich will.»                         

«Willst du Gehorsam üben und dem eigenen Willen entsagen?»

«Ich will.»

«Willst du dich allein Gott hingeben in Schweigen und Einsamkeit, eifrig im Gebet und willig in der Busse, demütig in der Arbeit und in guten Taten?»

«Ich will.»

«Willst du ausharren im heiligen Orden der Franziskanerinnen von der Familie Mariens, den du begehrst?»

«Ich will und begehre.»

«Ich heisse Małgorzata Niedzielska. Das ewige Ordensgelübde legte ich am 26. Juni 1999 in der Pilgerstadt Tschenstochau in Südpolen im Alter von 24 Jahren ab. Ins Kloster ging ich, als ich 16 war. Ausgehalten habe ich es dort 13 Jahre. In Polen bin ich die erste frühere Ordensschwester, die gegen ihren Orden klagt. Warum?»

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Chronik des Postulats, der ersten Lebensphase in der Ordensgemeinschaft (beigefügt vom Orden als Antwort auf die Klage), Eintrag vom 1. Juli 1991.

«Bitte an die Ehrwürdige Mutter. Demütig bitte ich um Aufnahme in die Ordensgemeinschaft der Franziskanerinnen von der Familie Mariens in Krakau. Von Kindheit an unterhielt ich Kontakt mit den Schwestern. Sie betreuten mich, sie waren meine Religionslehrerinnen und führten mich im Glauben. Oft besuchte ich die Schwestern in der Gemeinde der Siegreichen Gottesmutter und beobachtete sie bei der Arbeit und beim Gebet. Was ich sah, bemühte ich mich, auch in meinem Leben umzusetzen. Ich betete um Erkenntnis des Weges zur Berufung. Schliesslich entschied ich in der 1. Klasse der Sekundarschule, dem Ruf Gottes zu folgen. Ich begehre, Jesus nachzufolgen und so wie der heilige Franziskus in vollkommener Armut, in Keuschheit und Gehorsam mit franziskanischer Freude der Welt Frieden und Güte zu bringen.»

Małgorzata: «Diesen Brief habe ich nicht geschrieben. Die Oberin hat ihn mir diktiert. Mama sagte, ich hätte so sehr Ordensschwester werden wollen, dass mich nichts habe aufhalten können. Aber es hat auch niemand versucht, mich aufzuhalten. Na ja, abgesehen vom Pfarrer und meiner Religionslehrerin.

Geboren bin ich am 8. Januar 1975. Meine Eltern kommen aus einem Dorf bei Krakau. Mein Vater ist Schlosser, meine Mutter ging gleich arbeiten, nachdem sie die Grundschule beendet hatte. Sie hatte acht Geschwister, mein Grossvater trank, und schon am Tag der Lohnauszahlung war sein Portemonnaie leer. Meinen Vater sah ich einmal im Leben betrunken. Mama sagte gern, dass sie sich ihn er-betet habe. Als ich gestand, dass ich überlegte, ins Kloster zu gehen, sagte sie: ‹Vielleicht gut so? Zumindest heiratest du dann keinen Säufer.› Als ich geboren wurde, war sie 21. Es war Januar, wir wohnten bei den Grosseltern. Im Dezember hatte ich schon eine Schwester. Acht Jahre später einen Bruder. Als er grösser wurde, haben wir zusammen das Abendgebet gesprochen. Ich wurde 18, da kam Tereska zur Welt.                                

Der Ruf Gottes

Mein Vater arbeitete bis zur Rente in zwei Schichten in einer Armaturenfabrik in Krakau. Als ich zwei war, teilten sie ihm eine Wohnung im Borek Fałęcki zu, früher war das ein Dorf, heute ist es ein Stadtteil von Krakau. Niedrige Bebauung und fünf Hochhäuser, in denen die Arbeiter aus den umliegenden Ortschaften wohnten. Wir wohnten im 9. Stock, in drei kleinen Zimmern. Und wir sparten an allem.

Den Borek Fałęcki – Borek heisst Wäldchen – mochte ich nur wegen des Namens. Wenn ich raus in den Hof ging, dann nur mit meiner Schwester. In der Schule war ich zurückgezogen, selten schaute ich Menschen in die Augen. Andere Kinder machten sich über uns lustig: Sie trugen Jeans, wir Röckchen und Blusen, von unserer Mama genäht. In der fünften Klasse bekam ich eine neue Religionslehrerin: Schwester Grażynka vom Orden der Franziskanerinnen von der Familie Mariens. Sie war in Mamas Alter. Klein und schlank wie sie, im schwarzen Ordenskleid. Ich dachte: Über ein Ordenskleid macht sich niemand lustig.

Schwester Grażynka gründete die ‹Oase der Kinder Gottes›, eine Religionsstunde einmal pro Woche. Da hänselte niemand mehr irgendwen. Sie organisierte Ausflüge nach Krakau und in die Berge nach Zakopane, brachte uns Singen bei, spielte Gitarre. Und sie umarmte uns oft. Ich fing an, lange Röcke zu tragen. Das erste Mal dachte ich an einen Ordenseintritt in der siebten Klasse, in der achten war ich schon entschieden. Immer öfter träumte ich, dass Gott mich zu sich rief.

Sonntags nach der Messe bat ich immer, noch bleiben zu dürfen. Ich kniete nieder und betete als Einzige in der leeren Kirche. Mama sagte ich einfach, dass ich Nonne werden wolle. Als sie es Papa erzählte, sagte er gar nichts. Freute er sich, dass die Familie eine Heilige bekommt? Sein Bruder war schon damals Pfarrer. Mama schlug vor, Schwester Grażynka zu fragen. Doch die protestierte: ‹Mach erst einmal die Schule fertig, da sind auch Menschen!› Wir verstanden nicht, was sie damit meinte. Dann kamen die Ferien, und danach wurde Schwester Grażynka in eine andere Gemeinde versetzt.

Ich besuchte die Medizinfachschule und lernte Krankenschwester. Ständig dachte ich daran, bei den Franziskanerinnen einzutreten. Als ich 16 war und das erste Schuljahr absolviert hatte, bat ich den Pfarrer um seine Empfehlung. Das war eine von zwei Bedingungen, die zweite war die Erlaubnis der Eltern. Der Pfarrer sagte, er werde nicht zustimmen. Lernen solle ich. Ich entgegnete, ich wolle helfen, etwas Sinnvolles tun. Da guckte er mich nur an. Im Kloster erfuhr ich: Wenn die Eltern zustimmen, dann nehmen sie mich. Da stimmten sie zu.»

Józef, Małgorzatas Vater: «Als sie eingetreten war, ging ich zum Pfarrer. ‹Hoffentlich hält sie das durch›, sagte der. Ich habe nicht weiter nachgefragt. Es kam mir nicht in den Sinn, dass ihr dort etwas Schlimmes widerfahren könnte. Erst nach ihrem Austritt habe ich einen Film über die heilige Faustyna gesehen, die im Kloster drangsaliert worden war.»

Mutter Wiktoria: «Eine Tochter als Ordensschwester, das war für uns eine Auszeichnung. Sie wollte es so sehr, was sollten wir tun? Hätte ich gewusst, was ich heute weiss, ich hätte sie nicht gelassen.»

Małgorzata: «Das Postulat begann ich am 1. Juli 1991 in Krakau. Das längliche zweistöckige Haus und die dazugehörige Kapelle mit dem kleinen Garten sind umgeben von niedrigen Häuserblöcken und Häusern. Wäre nicht vorn die Marienfigur gewesen, würde niemand darauf kommen, dass hinter dem Zaun eine Ordensgemeinschaft lebt. Mutter und Schwester haben mich hingebracht. Ich packte zwei schwarze Röcke ein, Sandalen, Halbschuhe, ein Kleid, ein paar Blusen, einen Schlafanzug und eine Bettdecke. Ich kam mit zwei Mädchen in meinem Alter auf ein Zimmer. Eine kam aus Przemyśl im Südosten Polens nah der ukrainischen Grenze, die andere aus der Nähe von Bielsko-­Biała in Schlesien.»

Chronik des Postulats, handschriftlicher Eintrag der 16-jährigen Małgorzata vom 1. Juli 1991: «Dir gebe ich mein ganzes Leben. (…) Und ich bitte um die Gnade der treuen Hingabe, dass ich leben kann so wie die Heilige Mutter und wie der heilige Franziskus, dass ich, wie sie, Gott und den Menschen dienen kann mit aufrichtigem Herzen, in Freude, Demut und Liebe.»

Die Hingabe

Małgorzata: «Bald wurde ich zur Hilfe in die Küche delegiert. Im Wechsel mit anderen Postulantinnen war ich verantwortlich für die täglichen Einkäufe für etwa 40 Personen: Postulantinnen, Professen, also Schwestern, die das Gelübde bereits abgelegt hatten, sowie zwei Oberinnen, Sekretärinnen und Cellerarinnen, die für die finanziellen Belange des Klosters zuständig sind. Die Ordensgemeinschaft besass ein Auto, aber das nutzte nur die Provinzialoberin. Einkaufen gingen wir immer zu zweit. Die Henkel der Einkaufsnetze schnitten mir in die Finger, aber ich beklagte mich nicht. Ich wusste, dass eine Bewerberin zeigen musste, dass sie willens und fähig zu jeder Arbeit war. Die Schwestern waren während des Postulats freundlich und fürsorglich. Die Ausbildung habe ich leider schleifen lassen. Ich schmiss die Medizinfachschule, das Abitur machte ich berufsbegleitend in einer Schule für Berufstätige.

Aufstehen um 6 Uhr morgens. Aus dem Schlaf reisst mich das Weckerklingeln. Im Bad wasche ich mir das Gesicht und putze die Zähne. Um 6.30 Uhr gehen wir zur heiligen Messe in die Kapelle. Gegen 7.20 Uhr Frühstück. Später, in der Phase vor dem ewigen Gelübde, dem Noviziat, stehen wir noch früher auf, und vor der Messe sind noch Gebete, Meditation und Stundengebet. Das alles dauert eineinhalb Stunden. Beim Frühstück unterhalten wir uns nicht, sondern eine Schwester liest uns Askeseschriften vor. Dann räumen wir gemeinsam auf. Um 10 Uhr zweites Frühstück, wir essen auf, was vom ersten übrig blieb. Dann Treffen mit der Schwester, die uns anleitet, der Postulantenmeisterin. Nachmittags weitere Gebete. Um 13.30 Uhr Mittagessen: gebackener Reis mit Äpfeln, Kohlrouladen, sonntags Braten mit Kartoffeln. Während der Fastenzeit nur Suppe. Wir räumen auf und hören bis 19 Uhr Vorträge – anfangs über den Gründervater. Diese Zeit wird bald durch Arbeit ersetzt. Danach Erholung, also gemeinsame Gespräche, Abendessen und Abendgebete. Am Ende duschen. Das Licht geht um 22 Uhr aus. Wenn eine die Nachtruhe gebrochen hatte, musste sie das später beichten. Der Pfarrer kam alle zwei Wochen. Angeblich mochte uns keiner gern die Beichte abnehmen, weil Ordensschwestern wie Kinder reden: ‹Ich habe in Gedanken schlecht über die Schwestern geurteilt› oder ‹Ich habe mit dem Herrgott gestritten›. Der Gedanke, den Orden zu verlassen, war eine schwere Sünde.»

1. Mai 1992. Małgorzata ist 17 Jahre alt und bittet um Zulassung zum Noviziat. Sie erklärt, sie «habe ihre Berufung erkannt und begehre, sich tiefer über den Geist der Ordensgemeinschaft bewusst zu werden». Der Brief endet mit dem obligatorischen: «In tiefer Verehrung küsse ich die Hände der Ehrwürdigen Mutter.» Auch eine Erklärung muss Małgorzata abgeben: «Ich erkläre, dass ich, für den Fall, dass ich den Orden freiwillig verlasse, oder falls ich aus irgendeinem Grund und nach welcher Zeit auch immer des Ordens verwiesen werde, keine Ansprüche geltend mache.»

Małgorzata: «Das Noviziat dauerte zwei Jahre in einem Kloster bei Krakau. Endlich bekam ich das Ordenskleid. In dieser Zeit durfte ich meine Familie nicht sehen. Uns war verboten, mit den Professen zu sprechen. Heute glaube ich, es ging darum, dass die es uns nicht verleiden sollten.

Das Gelübde

Noch mehr beten, Schriftenstudium, sticken und Jesusfiguren aus Gips giessen. Wir kümmerten uns auch um die alten Schwestern in Rente. Nie sassen wir untätig herum. So viele Kartoffeln mussten geschält werden, dass wir sie in Stiegen hertrugen. Dazu der Hühnerstall und die Schweine. Wir kochten auf einem Kohleofen. Die Kohlen musste ich jeden Tag aus dem Keller holen. Bei den Abendgebeten bin ich fast eingeschlafen. Rücken und Nacken begannen zu schmerzen.

Die Novizenmeisterin ging mit mir zum Arzt. Ich erhielt Schmerztabletten, der Arzt verbot mir Tragen und Heben, aber von der Küchenarbeit wurde ich nicht freigestellt. Die Schwester sagte nur, dass ich ein bisschen zu empfindlich sei. Man müsse mich abhärten.

Nach dem Noviziat legte ich das erste von fünf jährlichen Gelübden des Gehorsams, der Armut und der Keuschheit ab. Ich kehrte nach Krakau zurück. Jedem Gelübde musste eine handgeschriebene Bitte vorangehen.»

Jede Novizin wurde vom Psychiater einer Poliklinik untersucht. Über Małgorzata notierte der Arzt: «Sehr deutliche Merkmale einer ängstlich-panischen Persönlichkeit. Doch ich berücksichtige das junge Alter der Postulantin – man sollte ihre Persönlichkeit formen, indem man ihr schrittweise verantwortungsvollere Aufgaben im Ordensleben und in ihrer Gruppe gibt.»

Małgorzata: «Im Rahmen der ‹schrittweisen Formung der Persönlichkeit› kam ich nach dem Noviziat in die Küche des Klosters der Franziskanerpater in Krakau. Unsere Pflicht dort war es, täglich Mahlzeiten für 120 Personen zu kochen. Zum ersten Mal sah ich eine Vorratskammer, gross wie ein Wohnzimmer, bis zur Decke voll mit Essen. Zum ersten Mal briet ich Pfannkuchen, indem ich den Teig aus Eimern in die Pfannen goss. Wir fuhren zu zweit jeden Morgen mit der Stras­senbahn hin, eine Mitschwester und ich. Wir fingen um 8.30 Uhr an und arbeiteten bis 20 Uhr, manchmal bis 22 Uhr. Bei wichtigen Festen, an Feiertagen oder wenn Gäste kamen, bis 2 Uhr nachts. Zwei weltliche Köchinnen halfen uns. Zum nachmittäglichen Stundengebet rannten wir hinüber in die Marienkirche. Einmal schliefen wir währenddessen ein. Zur Strafe mussten wir noch für die zweite Messe bleiben.

Jetzt habe ich vom Orden erfahren, als Antwort auf meine Klage, dass ich dort nicht gearbeitet, sondern nur ‹auf freiwilliger Basis geholfen› hätte, und ‹tatsächlich gearbeitet haben dort weltliche Personen, eine Mitschwester, Ordensbrüder, Pater und Priesteranwärter›.

Der Gehorsam

Nach einem Jahr bei den Franziskanern kehrte ich zur Arbeit in die Küche unseres Hauses zurück und lernte für das Abitur. Erstmals liess ich mich untersuchen. Ich hatte Magen-Reflux und Schlafprobleme. Die berühmte ‹Janosikowa›, eine Ärztin, die kostenlos Patienten behandelte und zuzahlungsfrei Medikamente für Kriegsinvaliden verschrieb, sah mein EKG und fasste sich nur an den Kopf. Sie gab mir Medikamente, durch die ich viel schlief. Wenn ich in mein Zimmer gegangen war, kam die Oberin oft unangekündigt rein. Wenn ich gerade lag, befahl sie mir, mich zu setzen. Denn es ist verboten, sich im Ordenskleid hinzulegen. ‹Das hier ist ein Kloster, kein Urlaub›, belehrte sie mich.

Bekam ich Geld, musste ich es abgeben. Briefe las auch zuerst die Oberin. Das Telefon befand sich im ersten Stock, gleich neben dem Büro der Sekretärin. Ihre Tür stand immer offen, und wenn während eines Telefongesprächs das rote Knöpfchen aufleuchtete, dann war klar, dass sie den Hörer abnahm und mithörte. Meine Eltern besuchten mich nicht sehr oft. Wir waren ja auch nie allein. Individuelle Freundschaften waren verboten. Man forderte von uns bedingungslosen Gehorsam.»

Małgorzatas Vater: «Nie hat sie geklagt. Einmal nur, als wir zu Besuch waren, sagte ihre Kollegin zu mir, ihr tue der Rücken weh, weil sie schwere Säcke in den Keller geschleppt hätten. Ich fragte meine Tochter: Du auch? Sie leugnete. Meine Frau und ich haben in zwei Schichten gearbeitet. Womöglich haben wir versäumt, einige wichtige Fragen zu stellen.»

Aus der Beurteilung der Oberin über Małgorzata vor dem ewigen Gelübde: «Sie absolviert das Gymnasium für Berufstätige und hilft in geringem Umfang in der Küche. Intellektuell schwach, hat mit dem Lernen Schwierigkeiten, ist jedoch sehr ehrgeizig. Misserfolge will sie durch Flucht in Krankheit verschleiern. Sie ist langsam, wortkarg und scheu, jedoch recht anspruchsvoll sich selbst gegenüber. Versucht, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Im Zusammensein mit anderen freundlich, artig, lächelnd. Bemüht sich, die aufgetragene Arbeit gut zu erledigen. Ist wenig eigenständig, braucht Führung. Sie betet, nimmt an gemeinsamen Aktivitäten im Kloster teil, ist allerdings häufig müde, schläfrig. Vielleicht wird sie nach Beendigung der Schule aktiver und engagierter im täglichen Leben. Will eine gute Schwester der Familie Mariens werden.»

Małgorzata: «Im Juni 1999 habe ich mich in Tschenstochau endgültig mit Gott vermählt. Als Ordensschwester war ich zuerst in Niedźwiedź bei Krakau Küsterin, das heisst, ich bereitete den Kirchenraum für die Gottesdienste vor, dann wurde ich – trotz fehlender Erfahrung – Kindergärtnerin. Meine Gelenke begannen zu schmerzen, ständig fing ich mir eine Mandelentzündung ein. Die Haare fielen mir aus. Wenn ich einmal auf Urlaub nach Hause fuhr für 14 Tage, schlief ich am liebsten.

Vom Kindergarten wurde ich in ein Schul- und Erziehungsheim für Kinder mit Behinderungen versetzt, das etwa 150 Kilometer von Krakau entfernt war. Wenn ein Kind zu aufgeweckt war, nahm die Schwester Direktorin es mit auf ihr Arbeitszimmer und schlug es mit einem Gürtel. Ich hatte dauernd Bauchschmerzen und Schwindelanfälle. Man stellte eine vegetative Neurose fest, das heisst, meine psychischen Probleme hatten sich auf meinen Körper ausgewirkt. Man überwies mich zur Psychotherapie. Ich bin nicht hingegangen. Zu sehr fürchtete ich, ausgeschlossen zu werden. Ich erinnere mich noch gut an eine Schwester, die ihrer Ordensgemeinschaft verwiesen wurde, als herauskam, dass sie psychische Probleme hatte. Ein paar Jahre später klopfte sie an die Tür unseres Hauses und bat um Essen. Nach Hause zurück konnte sie nicht mehr, ihre Mutter liess sie nicht.

Die letzte Stelle war eine Pfarrei bei Mielec im Karpatenvorland in Südostpolen. Dort verbrachte ich zwei Jahre in ständiger Zugluft, denn die Kirche wurde nur zur sonntäglichen Messe geheizt. Für den Pfarrer war ich eine Dienerin. Er brachte es fertig, mich in die Sakristei zu rufen, nur damit ich ihm aus dem Schrank den Messwein und den Kelch reichte. Einmal habe ich mich vertan und ihm ein weisses Messgewand gegeben anstatt eines violetten. Im Beisein der Vikare grölte er: ‹Bist du blöd?!›

Die Demut

Der Pfarrer liess Sanitäranlagen am Parkplatz errichten und wies mich an, dort während der Messe zu stehen. Ich sollte aufpassen, dass niemand etwas kaputtmachte. Das war das erste Mal, dass ich mich auflehnte – schliesslich hätte ich so erst den Tabernakel mit den Hostien in den Händen gehalten und danach dann die Schlüssel vom Klo. Als ich dem Pfarrer das sagte, warf er mit den Schlüsseln nach mir. Die dortige Oberin unterstütze mich, und schliesslich musste ich nicht mehr seine Toiletten beaufsichtigen. Zu der Zeit wurde ich wieder untersucht: Bronchialasthma und Bandscheibenprobleme kamen dazu. Ich wurde zu Reha-Massnahmen für meine Wirbelsäule geschickt, für einen Monat fuhr ich zur Kur. Die Oberin in Mielec war die Erste, die nicht suggerierte, ich würde simulieren. Die älteren Schwestern im Kloster sagten vorwurfsvoll: ‹Wer hätte an so etwas gedacht, zum Arzt zu gehen?› Und sie sagte: ‹Mach dir keine Sorgen, kurier dich nur aus!› Und sie kaufte mir Medikamente. Das war jedoch eine Seltenheit. Meistens erlebte ich Gleichgültigkeit, oder ich beobachtete die Vorzugsbehandlung von Lieblingen.

Bald erfuhr ich, dass ich wieder versetzt werden sollte. Ich beschloss, mich zu erholen. Ich beantragte bei der Provinzialoberin die Exklaustration, eine einjährige Freistellung vom Leben im Kloster. Niemand hielt mich auf. Nach zwei Jahren, es war Sommer 2006, entschloss ich mich, nicht mehr zurückzukehren.»

Alina Kowalska, Jahrgang 1973, 18 Jahre in der Krakauer Familie Mariens, lebt heute in Deutschland: «Mit 17 bin ich in den Orden eingetreten, Małgorzata kam ein Jahr nach mir. Als sie in der Küche bei den Franziskanern arbeitete, habe ich Theologie im Magister studiert und in der Schule gearbeitet. Sobald ich den Abschluss hatte, bekam ich mehr Arbeit auferlegt. Ich kam in eine Gemeinde als Küsterin. Der Pfarrer verlangte immer dann etwas von mir, wenn ich gerade Religionsunterricht in der Schule gab. Ich konnte mich gegenüber dem Pfarrer nicht weigern, also suchte die Schulleitung eine Vertretung. Als ich mit der Oberin darüber sprach, hörte ich: ‹Schwester, Sie müssen den Pfarrer verstehen!› oder: ‹Ihnen kann man aber auch nichts recht machen.›

Ich verdanke dem Orden viel – ich bin gut ausgebildet, tüchtig, das Leben in Armut hat mich Demut gelehrt. Aber es war immer so viel zu tun, dass man nie Zeit hatte, darüber nachzudenken, dass es auch anders sein könnte. Und die ständigen Versetzungen. Vor Erschöpfung bekam ich Schwindelanfälle, eine Lungenentzündung kam wieder, immer öfter lag ich im Krankenhaus. Ich nahm ein Jahr Urlaub. Während dieser Zeit begann ich ein zweijähriges Aufbaustudium in Pastoraltheologie. Beenden konnte ich das Studium nicht. Die Schwestern liessen das nicht zu, nachdem ich in den Orden zurückgekehrt war. Eines weiss ich jetzt: Bist du einmal draussen, gibt es kein Zurück mehr. Ich trat endgültig aus, mit dem Einverständnis des Papstes. Zum Abschied erhielt ich 500 Złoty (etwa 120 Euro).

Ich habe gehört, dass jetzt wieder eine der Schwestern gehen will. Eine andere ist schon ausgetreten – sie hatte im Kloster versucht, sich das Leben zu nehmen. Oft geben die Mädchen auf, wenn sie um die 30 sind. Das ist der Moment, wenn ihnen klar wird, wie viel sie verlieren: Freunde, Mutterschaft, Familie. Denn der Orden ist nur dem Namen nach eine Familie.»

Die Befreiung

Małgorzata: «Mein Bruder holte mich aus dem Kloster ab. Zu Hause warteten meine Eltern und meine jüngste Schwester, bei der gerade ein Tumor an den Mandeln entdeckt worden war. Es war der 6. August 2004. In meiner Tasche hatte ich: eine Vliesjacke, Schuhe, mehrere Hemdchen, eine Tunika, einen Rock, einen Schlafanzug, eine Bett­decke, ein Kopfkissen und ein Handbuch für das geistliche Leben. Aus­serdem 1000 Złoty. Einen Hefekuchen und ein bisschen Wurst hatte ich auch bekommen.

Ich kam in die Küche und öffnete den Kühlschrank. Drinnen: Licht und Margarine. Ich begriff, dass ich zu einem schlechten Zeitpunkt zurückgekommen war. Die ersten zwei Nächte heulte ich durch. Den Nachbarn erzählten meine Eltern, ich sei zu Hause, um gesundheitlich wieder auf den Damm zu kommen. Und das stimmte auch. Aber die Rückenschmerzen kamen wieder, meine Pobacken wurden taub. Wie sich zeigte, ein Bandscheibenvorfall. Ich wurde operiert. Danach traten unter anderem Probleme mit den Gelenken auf, eine unbehandelte Schilddrüsenunterfunktion und eine fortschreitende Degeneration der Wirbelsäule. Seitdem ich das Ordenskleid abgelegt hatte, war ich 19-mal im Krankenhaus.

Problem Nummer eins: Du hast keine Klamotten (ich kaufte mir einen weiss-rosa Pullover und eine Jeans). Nummer zwei: Du hast keine Freundinnen. Nummer drei: Du hast keine Ahnung, wie man einen Job findet. Nummer vier: Wenn jemand ins Zimmer kommt, stehst du stramm. Und Nummer fünf: Du bist 29 Jahre alt und weisst nichts mit dir anzufangen.

Ich ging zum Pfarrer, um Hallo zu sagen. Er brach in Tränen aus und gab uns ein bisschen zu essen und Geld. Ich meldete mich beim Arbeitsamt. Dort stellte sich heraus, dass mir keine Arbeitslosenhilfe zusteht, denn offiziell hatte ich in den letzten Jahren gar nicht gearbeitet. Ich fand eine Anstellung als Garderobenfrau und machte eine Ausbildung zur Dentalhygienikerin. Nach drei Jahren zog ich zu Hause aus. Durch eine Studienkollegin habe ich meinen Freund kennengelernt. Vier Jahre waren wir zusammen. Nach der Trennung wurde ich depressiv, ich stand fast nicht mehr auf. Ich wusste nicht, wofür noch leben, ich plante bereits, mich umzubringen. Zu der Zeit wohnte ich gleich an der Weichsel, ich wollte springen.

Vor dem Sprung bewahrten mich die Schulden. Sie quälten mich so sehr, dass ich aufstand und zu einer Rechtsanwältin ging. In jener Woche konnte man sich kostenlos beraten lassen. Ich erzähle, und ihre Augen werden immer grösser. Eine Sklavin sei ich gewesen, keine Nonne, sagt sie. Und dass sie mir jetzt helfe. Ich klagte auf eine monatliche Rente von 1500 Złoty (etwa 350 Euro) und 82 000 Złoty (etwa 19 300 Euro) Schmerzensgeld, denn ich finde, dass meine Aufsichtspersonen im Kloster in all den Jahren zur Zerstörung meiner Gesundheit beigetragen haben.

Nun betreue ich eine alte Frau, die Alzheimer hat. Dadurch habe ich eine Unterkunft. Vor zwei Jahren wurde mir eine Behinderung mittleren Grades attestiert, die medizinischen Gutachter vermerkten, dass ich nicht Vollzeit arbeiten sollte. In die Kirche gehe ich nicht. Ich besuche Kurse, lerne Englisch und lese Krimis.

Und um die Frage zu beantworten, ob ich begriffen hätte, worauf ich mich eingelassen hatte: Natürlich nicht. Ich war 16.»

 

Aus dem Polnischen von Nancy Waldmann.


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Eine Nonne klagt an

Małgorzata Niedzielska ist die erste Nonne in Polen, die ihren Orden verklagt. Der Prozess hat am 7. März 2017 vor dem Bezirksgericht Krakau begonnen. Für die Öffentlichkeit und die Presse ist der Zutritt verboten. Der Fall wird vom Beauftragten für Bürgerrechte des polnischen Parlaments beobachtet. Małgorzata bekommt viel Unterstützung, was sie sehr überrascht hat. Das «Coming-out» einer Ex-Nonne gibt es hin und wieder in Polen, jedoch immer anonym, Małgorzata ist die erste, die mit ihrem Namen an die Öffentlichkeit geht. Momentan sucht sie Arbeit und hat finanzielle Probleme. Ihr Traum ist es, in einem Programm zu arbeiten, das Ex-Nonnen hilft.

Das «katholischste Land der Welt»

Wenn eine Nonne ihren Orden verklagt, dann ist das ein Skandal. Wenn eine Nonne in Polen ihren Orden verklagt – dann ist das eine Revolution. 90 Prozent aller Polen bezeichnen sich als katholisch. In keinem anderen Land der Welt ist der Anteil von Katholiken an der Gesamtbevölkerung so hoch. Doch der Anteil der Nichtgläubigen steigt langsam, besonders 
die jüngeren Menschen verlieren mehr und mehr den Kontakt zur Kirche. Und auch in den Klöstern ist ein Schwund zu verzeichnen: Im Jahr 2000 gab es knapp 23 000 Ordensschwestern in Polen. Mittlerweile sind es nur noch etwa 17 000.

Autorin

Katarzyna Włodkowska (Jahrgang 1979) arbeitet als Journalistin und hat bisher über 3000 Artikel geschrieben. Die Zeit, die sie mit Małgorzata verbrachte, als sie tagelange Interviews mit ihr führte, sei sehr intensiv gewesen, erinnert sie sich: «Jedes unserer Treffen endete für mich mit schrecklichen Kopfschmerzen. Nach dem dritten Treffen, als sie mir über alles berichtet hatte, was nach ihrem Austritt aus dem Kloster geschehen war, konnte ich nur noch weinen.» Włodkowska widmet sich vor allem langen Reportagen, sie ist investi­gative Reporterin und Gerichtsreporterin für die Gazeta Wyborcza. Weder der Orden noch dessen Rechtsanwalt waren bereit, mit der Journalistin zu sprechen. Zwei andere Ex-Nonnen, die sie interviewen wollte, sagten kurz vor den Treffen ab. Małgorzata Niedzielska ging nur deshalb mit ihrem Namen an die Öffentlichkeit, weil sie der Reporterin vertraute. «Ich habe ihr versprochen, wirklich ihre gesamte Geschichte zu erzählen», sagt Włodkowska.


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Reportagen #34 — Showdown im Dorfladen — von Nancy Waldmann

 

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