Eine Welt geht unter

Hiromitsu schaute weg, als der Tsunami kam. Dann trieb er drei Tage auf seinem Hausdach über den Ozean.

Michael Paterniti

Später, verloren auf hoher See, wenn du versuchst, alles zu vergessen, was du zurückgelassen hast, wird die Erinnerung unweigerlich auftauchen: ein Dorf, das einst am Meer lag. 

Da sind die hübschen Häuschen mit den grauen Ziegeldächern, über denen die Berge, die hinter den üppigen Reisfeldern in die Höhe ragen, in wohltätiger Güte sich erheben. Hier die Boote, die Fische aus dem Meer bringen, einem Meer in tiefblauer Ruhe, und hier das Gras in seinem satten Grün. Dieses Bild der Fülle strahlt so viel Frieden aus: Holz vom Berg, Reis vom Feld, Fisch aus dem tiefen Ozean. Den Menschen hier fehlt es an nichts. 

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Dieses aus Zufriedenheit geflochtene Dorf ist deins, Hiromitsu, und es ist hier, so wie es einst war, wo du dir selber am nächsten bist, du, Sohn von Reisbauern in der vierten Generation. Hier zwischen Hunderten von Holzhäusern ist jenes aus Beton, das deine Familie gebaut hat. Das Haus wurde mit Metallpfählen errichtet, die nach deinen Berechnungen jedem Hochwasser und jeder noch so hohen Welle standhalten werden. Auf deinem fruchtbaren Stück Land knapp zwei Kilometer von der Küste entfernt gedeihen üppig die Pfingstrosen, stehen windschiefe Schuppen, wimmelt es im Teich von Koi-Karpfen. Hier lebst du mit deiner Frau Yuko, der du täglich deine Liebe beteuerst, und deinen Eltern, die du noch immer mit dem Gehorsam eines Kindes ehrst. In der Scheune sind die Tauben, die du verehrst, denn es gibt auf der Welt keinen schöneren Anblick als einen Schwarm, der mystisch weit oben im Himmel seine Runden dreht, und dann plötzlich eine einzelne Taube, die ihren Flug nach Hause lenkt, angestrengt mit den Flügeln schlagend, so als wollte sie sagen: Ich bin hier.

In diesem Verschlag sitzen die gurrenden Tauben, und in ihrer Scheune liegt dein Glück. An der Wand lehnen Säcke voller Reissaatgut – und von draussen hörst du die Stimme deiner Frau, wie sie deinen Namen ruft. Hiromitsu. Die Nacht bricht an – und im Schlafzimmer liegst du neben ihr. Daran wirst du später denken, wenn du versuchst, dich selber am Leben zu erhalten: ein letztes Mal neben dem Körper deiner Frau einschlafen, in deinem Haus, unter dem weissen Blechdach, im Schatten des Meers. 

 

Jetzt erhebe dich, Hiromitsu, Mann der Männer, und nimm dein Schicksal an, an diesem Tag Mitte März, ein Hauch von Schwefel in der salzigen Luft. Fünf Uhr dreissig und frisch, erste Priorität haben – natürlich – die Tauben in der Scheune. Frisches Wasser, ihre Mais-Weizen-Gerste-Mischung aus dem Laden. Dreissig schillernde Köpfchen picken hungrig hinter Drahtgitter. Draussen in der Scheune, die für dich das Glück bedeutet, sprichst du oft mit ihnen (Wie habt ihr geschlafen?), nennst sie bei ihren Namen, versprichst ihnen ihren täglichen Ausflug (Wir fliegen heute Nachmittag aus). Als Kind wurdest du abschätzig Taubenvater gerufen, als ob du ausser diesem Federvieh mit Mini-Hirn keine Erben hättest. 

Du eilst ins Haus. Yuko schläft an diesem Morgen lange, deshalb frühstückst du allein am kleinen Tisch: warme Miso-Suppe, Grüntee, Reis und in Soja-Sauce gekochte Barilla-Algen. Als deine Frau erscheint, bewegt sie sich in diffuser Nähe zu dir, beinahe wortlos, und beginnt, den Haushalt zu besorgen. Deine 27-jährige Tochter hat euch kürzlich zu Grosseltern gemacht, und jetzt hat deine Frau einen neuen Inhalt, sie geht so oft wie möglich nach Tokio, um Zeit mit dem kleinen Jungen zu verbringen, ihn zu wickeln und zu füttern. Auch wenn sie 60 Jahre alt ist wie du, Hiromitsu, ist sie durch das Hüten wieder jung geworden, sie trägt ihr Haar wieder auf Ohrläppchenlänge, wie als deine Tochter ein Baby war. Sie packt ein Mittagessen ein – einen ihrer berühmten Reisbälle aus gebratenem Reis, eingelegten Pflaumen und Lachs –, während du ein zweites Paar Hosen anziehst, die gefütterten lilafarbenen, wegen der Kälte. Du ziehst deine Turnschuhe an, ziehst dir ein lila Fleece über dein rot-graues Wollflanellhemd, dann die schwere grüne Jacke. Um sieben Uhr dreissig sagst du auf eher unjapanische Art Adieu und beteuerst ihr deine Liebe.

Du fährst die Auffahrt hinunter – vorbei am Koi-Teich und am Garten mit dem jetzt kahlen Aprikosenbaum und den ruhenden Pfingstrosen, vorbei am Gewächshaus, wo der Reis keimt – dann biegst du in die Strasse ein, vorbei an den Nachbarn, vorbei am nahen Schrein, einem alten Holzgebäude, dann der Strasse 6 entlang, das Meer zu deiner Rechten, bis zu deinem Arbeitsort, dem Sägewerk, dein kleines, weisses Auto flitzt dahin – und zwanzig Minuten später hast du das Tor passiert.

Du sagst Hallo und gehst an deinen Platz in der vordersten Baracke, zerkleinerst Baumstämme mit der Tischsäge, um rohe Bretter herzustellen, die gezackte Klinge kreist unaufhörlich und wirft Sägemehl ab, dazu der gute, saubere Zederngeruch. Noch keine Stunde Schicht, und deine schwieligen Hände sind bereits rot und aufgerissen. Doch auch das ist vertraut, eine unausgesprochene Lektion, vor Jahrzehnten von deinem Vater in den Reisfeldern gegeben: Arbeite, ohne zu klagen. Richte deinen Sinn auf die Aufgabe deiner Hände, bis du nichts mehr um dich herum wahrnimmst. 

Gegen Mittag hat sich der Himmel etwas geöffnet; eine dünne Sonne scheint; Wolken ziehen vorüber. Und dennoch dringt die Kälte zu dir in die schattige Baracke, du führst das Holz mit klammen Fingern. 13 Uhr, 14 Uhr. Du verfolgst die Stunden. Um 15 Uhr ist Pause, im holzgetäfelten Raum mit dem warmen Holzofen. Warmer Tee, Reiskekse und Lollis. 14 Uhr 15, 14 Uhr 30.

Um 14 Uhr 46 rumpelt etwas tief unten in der Erde, ein grausiges Mahlgeräusch, und dann wankt alles hin und her, immer heftiger. Die Bretterbeige an der Wand poltert nieder, und deine erste Reaktion ist, aus der Baracke zu laufen, sechs Meter auf offenes Gelände zu hechten und dich daran zu klammern, wie auf dem Rücken eines Walfischs zu reiten. Die Zeit scheint stillzustehen. Drei Minuten werden zu einem Menschenleben. 

Auf das Ende des Rüttelns folgen Schock und Entsetzen – und dann hastiges Beurteilen der Lage. Schon sind Telefone nutzlos. Der Chef, Herr Mori, drängt dich, nach Hause zu eilen und nach deiner Frau und deinen Eltern zu schauen, aber da du dich vor einem Tsunami fürchtest und davor, in die flache Ebene bei der Küste zu fahren, und du zudem darauf vertraust, dass das Betonhaus deine Frau und deine Eltern beschützt hat, lässt du das zunächst bleiben. An der Küste stehen alte Steinmale, verwitterte Warnungen von den Vorfahren, verzweifelte Überlebende vergangener Tsunamis – 1896, 1933 – die jene, die beim Wasser wohnen, anflehen, ihre eigene Überheblichkeit zu überwinden und weiter landeinwärts zu bauen oder die Folgen zu erdulden.

Die Strasse ist zuerst noch unbeschädigt, bis zum fünften Kilometer, wo ein Asphaltviereck von einer Vertiefung im Gelände verschluckt wurde. Leitungen hängen herunter und Bäume sind umgestürzt – und doch sehen die Reisfelder, brach und unbeirrt, noch genauso aus wie heute Morgen. Je näher du deinem Zuhause kommst, desto beunruhigender werden die Schäden: eingedrückte Häuser, zerschlagene Scheiben, klaffende Löcher im Boden. 

Unten bei der Küste kreuzt du ein Auto, das landeinwärts unterwegs ist, ein altes Paar, das sich als deine Eltern herausstellt, die du zwar siehst, aber in der Hast nicht wirklich wahrnimmst, als du nach dem Schrein beschleunigst und endlich in die Einfahrt zu deinem Haus einbiegst. Augenblicklich siehst du, dass der Speicher eingefallen ist und Dachziegel heruntergeflogen sind. Balken sind auseinandergebrochen. Das Düngerfass ist umgekippt. Der Weg zur Scheune hingegen ist feinsäuberlich gewischt worden. 

Du hetzt die Treppe hoch, reisst die Türe auf und stellst fest, dass die Schubladen aus den Kommoden gerutscht sind und der Boden mit Dokumenten übersät ist, Quittungen und Rechnungen. Deine Tochter in einem mit Mosaik geschmückten Bilderrahmen, dein liebstes Erinnerungsstück, liegt zwischen kaputten Gegenständen. Der buddhistische Altar ist umgefallen, die Statue wurde hinausgestossen. Alles, was einmal auf dem Tisch lag, liegt nun auf dem Boden zerstreut, einschliesslich einer Flasche Wein. Aus diesem ganzen Chaos, aus all den bedeutsamen Stücken, fällt dir nichts anderes ein, als niederzuknien und diese bedeutungslose Flasche aufzuheben und sie behutsam auf den Tisch zurückzustellen. Deine Frau – wo ist sie? Jetzt kehren deine Eltern zurück, dein Vater mit seinem grimmigen Gesichtsausdruck, der seine Angst verbergen soll, bittet dich, sie zum Haus deines Onkels zu begleiten, das weiter oben liegt, als Yukos Auto in die Einfahrt einbiegt. Sie hat im Fitnessstudio trainiert. Ihre Backen sind rosa. Sie habe nur ein leichtes Beben gespürt, hatte keine Ahnung vom Ausmass der Zerstörung, bis sie hierhergekommen sei. Sie kann ihre Furcht gut verbergen. In ihrem Auto liegen die vier 5-Kilo-Säcke mit Reissaatgut, die in die Scheune gehören; du weisst, wie gefährlich es sein kann, zu trödeln, aber Reis ist deine Geschichte, dein Erbe. Du schickst deine Eltern auf den Weg mit dem Versprechen, dass du gleich nachkommst. Und plötzlich siehst du vor deinem geistigen Auge die Nachbarschaft – deine Nachbarschaft – zwar zerstört, aber noch immer aufrecht, an einem ruhigen Nachmittag wie jedem anderen. 

Es wäre also einfach ein gewöhnlicher Nachmittag. Yuko beginnt die Säcke vom Auto in die Scheune zu tragen, während du, Hiromitsu, drei Energy-Drinks aus dem Kühlschrank holst und eine Schachtel Bonbons, die Treppe hochgehst, um den Schaden zu beurteilen, und dann die Terrasse im zweiten Stock betrittst. Du siehst nicht auf das Meer hinaus, kein einziges Mal; du stehst da und starrst den Berg an, Kunimi, weit weg. Und jetzt hörst du sie unten, sie ist wieder im Haus, und jetzt quietscht die Badezimmertüre. Kommt das Geräusch von fliessendem Wasser. Kommt der Anblick des Berges, gelassen, unverrückbar – und dann rechts, Richtung Norden, fünf Meter entfernt, zieht das Nachbarhaus vorbei. Das Haus bewegt sich wie von Geistern getragen. Wenn du nach rechts schaust, nach Süden und zum Garten, ist alles wie immer, trocken und an Ort und Stelle. Wenn du wieder in die andere Richtung schaust, siehst du nur den reissenden Ozean.

 

Die Kraft von tausend Kilo eiskaltem Wasser

 

Und da weisst du, dass es dich erwischt hat, dass du deine Zeit vertrödelt hast, dass du dich auf dieses Beton-Haus verlassen musst, das du gebaut hast, damit es dem Meer trotzt. Deine Frau kommt zu dir auf die Terrasse im zweiten Stock und erzählt, dass auch sie gesehen hat, wie das Haus der Nachbarn weggeschwemmt wurde. «Wir sollten laufen», sagt sie, aber du sagst: «Es ist zu spät.» Und dann: «Alles wird gut.» Ihre Arme umfassen deine Taille und klammern sich dort fest, während du stocksteif dastehst, den Berg anstarrst und dich nicht getraust, aufs Meer zurückzuschauen. Das werden deine letzten Worte an sie sein. – Alles wird gut. Und du bist bereits aus deinem Körper getreten, als unter deinen Füssen alles einzustürzen scheint und eine stürmische Kraft über dich hereinbricht. 

 

Diese Kraft ist grösser als die Kraft der Erinnerung oder des Bedauerns oder der Angst. Es ist die Kraft eines unpersönlichen Todes, überbracht von Tausenden Kilos eiskaltem Wasser, die dich in eine dunkle Unterwelt schleudern, in der du dich jetzt wiederfindest, eingehüllt, geschlagen, in der Tiefe festgenagelt. Es fühlt sich an, wie wenn du in ein herumwirbelndes, mutterleibartiges Grab hinuntergezogen würdest. Könntest du in den Fängen dieses Monsters etwas erkennen, fünf Meter in der Tiefe, würdest du deine Nachbarn sehen, wie sie sich überschlagen, als wären sie beim gleichen Zirkus. Du würdest grosse Hausteile sehen, Kamine und Türen, Treppen und Wände – die ineinanderdonnern und sich miteinander vereinigen und zu einer soliden, tödlichen Welle werden. Du würdest Glasscherben sehen und zersplitterte Holzschwerter. Oder ein Auto, das sich wie ein U-Boot bewegt. Du würdest deine dreissig Tauben sehen, wie sie in ihrem Verschlag rotieren. Oder deine Frau, eine Armlänge von dir entfernt, dann weggesogen wie ein kleiner Fisch. Du ruderst verzweifelt mit den Armen. Geht es hier nach oben oder unten? Etwas brennt jetzt in dir drin, keine Verzweiflung, sondern Blut, dem es an Sauerstoff mangelt. Was du unsinnigerweise mehr als alles andere willst, ist deinen Mund weit öffnen und schlucken. Du spreizt und schliesst deine Beine. Nach einer Ewigkeit wird das schwarze Wasser grau, dann schmutzig grün, und du hältst deine Arme ein letztes Mal über deinen Kopf und schlägst sie nach unten und schiesst dem Licht entgegen. 

Was du beim Auftauchen siehst, ist eine dahinströmende Welt aus gurgelndem, schwarzem Wasser, wo einst hundert Häuser standen, und du wirst auf einem öligen Schwall landeinwärts getragen. Die Berge rennen dir entgegen. Du bist bis zum Hals im Wasser, der Strom trägt dich mit, Baumkronen sausen vorüber. Es dauert eine Weile, bis du dich hier gefunden hast, bis du dich versichert hast, dass du im Moment noch in diesem dünnen Streifen zwischen Wasser und Himmel lebst. Im kühlen Strom treibt ein halbes Dach, es ist zufälligerweise deins. Du bewegst dich vorwärts, schliesst auf, versuchst dich hinaufzuhieven, aber deine schweren Kleider ziehen dich hinunter. Du probierst es ein zweites Mal. Und ein drittes Mal, deine Arme schlottern, bis du zurückfällst, erschöpft. Beim vierten Versuch ziehst du deinen Körper genug weit aus dem Wasser, um auf dem Dach zu landen, du ziehst den Rest von dir in vorübergehende Sicherheit. Das ist der Zeitpunkt, wo dich zwei Gefühle übermannen: Erleichterung (Ich lebe!) und Unglaube (Wo ist die Welt geblieben?). Die Welle bringt dich weiter landeinwärts, über die Häuser von Herrn Yoshimura und Herrn Takahashi, Herrn Banba und Herrn Yamamoto hinweg (das Wasser ist zwar undurchdringbar schwarz, doch du hast dieses Dorf genau im Kopf), und als die Strömung etwas an Geschwindigkeit verliert (über dem Dach des Altersheims und der Stelle, wo das Spital stand) und die Richtung wechselt, überlegst du dir, zu springen, weil du dir so die beste Chance ausrechnest, zu überleben, bevor die Welle zurückjagt oder eine neue nach vorne prescht. Ein Kranarm befindet sich gleich vor dir, am Ufer, aber du zögerst eine Sekunde zu lange. Ein immer lauter werdendes Sauggeräusch kündigt den Richtungswechsel des Wassers an, und dann fliegst du, schneller und schneller, auf einem Teppich aus schwarzem Wasser wieder über das Dorf hinweg, auf einen Schaumstreifen zu, wo Land und Meer einst aufeinandertrafen, die Berge entschwinden auf einen Schlag und mit ihnen alles, was du einmal für ewig gültig und heilig gehalten hast. Wohin wirst du getragen? Und was erwartet dich dort?

 

So kommt es, dass du in dieses Nichts gleitest. Vom Land in deinem Rücken winden sich Rauchschwaden in die Luft; die Küste ist mit Feuern gesprenkelt. Die geringen Überlebenschancen und der sichere, totale Verlust von allem, was du dein Zuhause genannt hast, machen dich euphorisch, fast übermütig. Kaum vorstellbar, dass du um 14 Uhr 46 im Sägewerk gestanden, Bretter zugeschnitten, dich auf die Mittagspause gefreut hast, und jetzt, anstatt dass du deine Tauben ausfliegen lässt, treibst du in vergessenen Gewässern unter tief hängenden, grauen Wolken, ein beunruhigender Dieselgeruch hängt in der Luft. Das Adrenalin pocht in deinem Körper, du fühlst nichts mehr. Weder Durst noch Schmerz noch Erschöpfung noch Kälte, obwohl du gerade im März ins Wasser geworfen worden und jetzt einer Temperatur von um die null Grad ausgesetzt bist.

Dein erster Gedanke geht zu Yuko, wie du sicher bist, dass sie am Leben, und gleichzeitig sicher bist, dass sie tot ist, wie dein Verstand versucht, diesen gegensätzlichen Vorstellungen mit gleich viel Leidenschaft zu begegnen. Einerseits, ganz mystisch, möchtest du daran glauben, dass sie zur Meerjungfrau geworden ist. Oder dass sie sanft aufs Festland getragen wurde, wo sie jetzt wie die Frau eines Seemanns deine Rückkehr erwartet. Andererseits, von Beginn an verloren, ist sie von einem Betonpfeiler erschlagen worden und wird jetzt mit den anderen umhergewirbelt. Oder die Hand des Wassers hielt sie fest, bis sie sich nicht mehr gerührt hat. Und während du diese Szenarien durchspielst, stellst du dir auch deine Eltern vor, und wie du ihnen das erklärst, wie du am Ende überlebt hast, während sie verschwunden ist, nur weil du die Tsunami-Warnung missachtet hast – und ihre Warnung gleichermassen! 

Dieser Gedankengang könnte dich umbringen. Es ist überlebenswichtig, dich des schlechten Gewissens und der Reue zu entledigen – die Vögel, das Haus, sie – die Was-wäre-wenns, denn du bist ein winziger Punkt ohne Gedächtnis, der überlebt durch die Gnade einer Kraft, von der du erwartest, sie könnte über dir kreisen, um dich zu zerstören. Sei bereit. 

All deine Kleider – die zwei Paar Hosen, das Hemd und der lilafarbene Pullover, die grüne Daunenjacke, sogar die Uhr an deinem Handgelenk – alles ist unbeschädigt, an deinem Körper, wenn auch durchnässt. Der Tsunami hat über 20 000 Menschen mit sich gerissen, aber von dir nur den linken Schuh. Und die Bonbons, die du in der Tasche hattest. Und, welche Gnade, die drei Energy-Drink-Dosen sind noch da.

Bei Sonnenuntergang, purpurrote Fetzen am Himmel, gibt dir ein Ziehen in deinem Magen zu verstehen, dass Zeit ist für Abendessen, du reisst die erste Dose auf, trinkst, dann, den Kopf nach hinten geneigt, versuchst du, den letzten Tropfen auszulecken. Das Dach misst vielleicht vier auf zwei Meter, auf Holzbalken genageltes Wellblech, dein Floss. Letzte Nacht habt ihr, du und Yuko, darunter geschlafen, und jetzt hockst du drauf, auf dem Meer, über den Koboldhaien und was sich sonst noch alles darunter tummelt. Salzwasser schwappt über die Ränder, und jede schnelle Bewegung bringt es zum Schaukeln. Sitz still, in der Mitte – und schau, was für Gaben der Toten dir das Meer voller Reue überbringt. Sie machen dich schwindlig, die Gaben. Zuerst bringt es einen roten Filzstift. Dann aus einem Comicbuch herausgerissene Seiten, ein Manga, dessen Held, Kapitän Tsubasa, mit übermenschlichen Kräften gegen einen Fussball tritt. Es bringt einen roten Behälter, der einmal mit Farbe gefüllt war. Es bringt eine mit Faden zusammengenähte Tatami-Matte, ein kaputtes Radio und einen weissen Schutzhelm. Alles fischst du aus dem Trüben. Der Helm (wem hat er gehört?) kommt sofort auf deinen Kopf, der Filzstift in deine Hand. Du stellst dir vor, wie die Toten dir diese Dinge aus dem Meer reichen. Du beugst dich über den herausgerissenen Comic, probierst den Stift auf dem aufgeweichten Blatt aus und schreibst folgende Worte an den Rand: Am 11. März war ich mit meiner Frau Yuko zusammen. Ich heisse Hiromitsu. Dann reisst du den Streifen ab, faltest ihn und versorgst ihn im roten Behälter, verschliesst ihn und bindest ihn mit dem Faden von der Matte an deinem Körper fest. Du nimmst wieder deine Position ein.

 

Du kommst auf die Idee, deinen Urin zu trinken

 

Die Nacht ist ein schwarzer Tunnel, sternenlos und seltsam, du hörst das Wasser an den Rändern glucksen und in der Ferne das Surren von Helikopterpropellern. Du wirst immer weiter ins Nichts gezogen. Du probierst deine Stimme aus, nur um dir Gesellschaft zu leisten. Du singst, um zu vergessen, die Zeit totzuschlagen, die Angst zu vertreiben. Du singst, um dich daran zu erinnern, dass wirklich du das bist, inmitten eines Trümmerfelds. Es ist ein altes Lied, deine Stimme ein kümmerlicher, rauer Tenor. Auf einem Floss, das immer weiter aufs Meer hinaustreibt, singst du ein Lied über die Zeit am Gymnasium. 

 

Die rote Abendsonne wirft ihren Schatten

Unsere Stimmen hüpfen im Schatten einer Ulme

auf und ab

Oh, wir sind Gymnasiasten in der dritten Klasse

Auch wenn unsere Wege sich nun trennen

Werden wir für immer Klassenkameraden bleiben

 

Jetzt sinkt die Temperatur – und deine Sinne kommen zurück. Du sitzt da und rollst dich zu einer Kugel zusammen, die Hände ziehen die Knie zur Brust. Du darfst jetzt nicht schlafen. Das ist dir von einem japanischen Abenteurer, den du einmal am Fernsehen gesehen hast, geblieben. Nicht schlafen. Und: Nicht an Yuko denken, die es unter dir herumwirbelt. Nicht an Tauben denken. Es ist überraschend, wie stark dein Wille ist, wie gut du vergessen kannst, wie kindlich dein Erstaunen bleibt. Du hast deinen Optimismus behalten – ein sonderbares Wort, wenn man bedenkt, was dir widerfahren ist, aber das ist es, eine Offenheit für Überraschungen. Du hast eine verborgene Quelle des Ausharrens entdeckt. Du bist offen gegenüber kleinen Wundern, lass eins kommen.

Das blaue Licht kommt aus den Tiefen empor, es schimmert durch das pechschwarze Wasser. In deiner Kugel auf dem Dach wirst du in ein unerklärliches Leuchten getaucht. Du kneifst die Augen zusammen, aber kannst nicht erkennen, woher es kommt. Sind es die Seelen der Verstorbenen, die dir Hoffnung geben wollen und dir ihre Treue schwören? So jedenfalls verstehst du es. Und wenn man von diesem Moment ein Bild machen könnte, dann würde die Welt dich – den Mann namens Hiromitsu – sehen, wie du ruhig meditierst, ehrfürchtig das blaue Licht aus dem Untergrund bewunderst und dann laut herauslachst. 

Bei Anbruch des Tages löst sich die Szene wieder auf: das schwarze Wasser, der blaue Himmel, ein schmaler Streifen Land am Horizont. Bald wirst du eine Explosion in der Umgebung des Kernkraftwerks sehen, eine laute Explosion und dann eine rostfarbene Wolke, die bedrohlich in die Höhe schwebt, in atomaren Schichten. Nicht zurückschauen. Du siehst eine Angelschnur, die neben dir herschwimmt, sie ist dir bereits am Abend zuvor aufgefallen, und realisierst, dass du auf einem langsamen Strudel treibst mit wiederkehrenden Relikten und neuen, die angezogen werden und das Dach umrunden, das weiter und weiter hinausgesogen wird. 

Gestern scheint lange her zu sein, und heute, sagst du dir, muss der Tag deiner Rettung sein – so möchtest du es. Die Helikopter kommen nah heran, drehen ihre Runden und suchen nach Überlebenden, und ein Dutzend Mal kletterst du auf deine Füsse, rufst und winkst. In der Ferne sind Schiffe, Kutter und kleinere Rettungsboote, und für jene brüllst du noch lauter, aber Mal für Mal kehren sie um, bevor sie dein Trümmerfeld erreichen, deinen kleinen Meeresring. Glauben sie nicht daran, dass jemand so weit draussen sein kann? 

Dazwischen fischst du mehr Dinge heraus, darunter einen Futon und Decken, die du in der Sonne zum Trocknen auslegst. Du schreibst an den Rand des Comics-Buchs. Ich möchte nur mitteilen, dass ich am 12. noch am Leben bin und gestern mit meiner Frau Yuko zusammen war. Sie wurde am 12. Januar im Shōwa-Jahr 26 geboren. Du faltest die Seite zusammen, legst sie in deine leere Dose und reisst mehr Faden von der Matte, bindest sie über deiner Brust fest und fügst so ein weiteres Zeugnis deinem Körper hinzu. 

Die Stunden ziehen langsam dahin, die Sonne brennt, rostfarbener Rauch steigt auf, und jetzt fühlst du die Krallen des Dursts. Du trinkst den zweiten Energy-Drink in langsamen Schlucken. Als er leer ist, wirst du von einem animalischen Verlangen gepackt, die dritte Energy-Drink-Dose zu öffnen, deine Finger spielen nervös mit der Lasche – nein, bewahr sie für morgen auf, wenn das Glück dir so lange beisteht. So kommst du auf die Idee, deinen Urin zu trinken. Du fängst ihn dreimal in deinen Händen auf und trinkst – warm, aber nicht furchtbar. 

Es gibt noch ein Problem: Das Holz des Daches hat sich mit Wasser vollgesogen und könnte jederzeit auseinanderbrechen. Und von Zeit zu Zeit rumpelt es in der Tiefe: Nachbeben. Anfangs ist das Geräusch beunruhigend, aber dann sorgst du dich nur noch wegen der Wellen. Nehmen sie zu? Was nähert sich aus dem Osten? Du hast jetzt Wachträume, Halluzinationen: Du bist überzeugt davon, dass ein Körper auf dich zukommt und beginnst zu schreien – Helft mir! Doch dann ist es ein Baumstamm. In einem anderen Traum siehst du eine riesige Welle auf das Dach zuschiessen und du stellst dir vor, dich in einen Baum zu verwandeln, um dich zu retten. Aber gerade als du aufstehen und deine Arme wie Äste hinausstrecken willst, hältst du dich selber davon ab, weil du befürchtest, dass das Dach kentern könnte. 

Und noch etwas: Du bist doch nicht unverletzt. Ein Nerv an deiner Hand wurde zerschnitten – du weisst selber nicht wie – und jetzt fühlst du einen stechenden Schmerz. Und deine Augen schwellen immer mehr zu. Du hast sie unter Wasser geöffnet, jetzt trübt eine Infektion deine Sicht. Du sitzt noch immer da, Knie angezogen, den weissen Schutzhelm an seinem Ort wegen der Sicherheit. Sicherheit ist wichtig, das weisst du. Du arbeitest in einem Sägewerk. Du wohnst in einem Dorf an der Meeresküste mit deinen Eltern und deiner Frau Yuko. Du wirst bald gerettet, indem du dich auf die Geräusche konzentrierst, Maschinen und Propeller und Wellen. Auf ein Stück Holz schreibst du mit dem roten Filzstift – SOS – und wenn sich eine Maschine nähert, sogar in der Ferne, stehst du auf und schreist und winkst. Bitte.

 

Die Nachrichten bezeichnen dich als Wunder

 

Erschöpfung, in ihrer ganzen Kraft, überkommt dich in der zweiten Nacht, als die Meeresluft immer kälter wird. Du beginnst trotz den Decken zu zittern. Du sehnst dich danach, zu schlafen, dich ins Bett zu kuscheln. Du erinnerst dich an Geschichten aus deiner Jugend und siehst dich vor deinem geistigen Auge als Helden, der die Katastrophe überlebt, nur um dann einen anderen Tod zu sterben. Dehydration, Unterkühlung, körperliches Versagen.

Die zweite Nacht ist endlos. Der Gestank von Öl wird immer grösser, während du immer kleiner wirst. Das Wasser scheint anzusteigen. Das Mahlgeräusch hallt vom Mittelpunkt der Erde wider. Das Dach zersetzt sich unter deinen Füssen. Wenn es eine Kraft gibt, die dich zerstören will, realisierst du jetzt, dass sie nachlässig ist. So wie die Natur dir ihre volle Aufmerksamkeit geschenkt hat und dir alles, was dir lieb gewesen war, entrissen hat, so lässt sie dich jetzt im Stich, auf diesen schwarzen, öligen Feldern. Kein Singen mehr. Irgendwann kehrt das blaue Licht zurück – wabernde Hüllen, überirdische Meerespilze, phosphoreszierende Quallen, wie sich herausstellt –, aber wenn dich jemand in diesem übernatürlichen Leuchten sehen würde, würde er einen dünnen, buckligen Mann sehen mit demselben grimmigen schmalen Mund wie dein Vater. Du bist zu müde, um dich lustig zu machen oder optimistisch zu fühlen. Das Licht kann dich nicht nähren oder retten. Vielleicht ist es doch kein Zeichen. Der Tunnel wird immer enger. Du schreibst nochmals etwas auf, diesmal für deine Eltern. Es tut mir leid, dass ich so ein schlechter Sohn war, steht da. 

Lass es Morgen werden. Und mit dem Morgen kommen auch alle Helikopter und Schiffe an ihre heilige Versammlung, um dich vor dem steigenden Meeresspiegel und den Koboldhaien zu retten, denn du bist rein, Hiromitsu. Oder lass es Morgen werden und dich ins letzte schwarze Loch saugen lassen, denn du bist es nicht. Nachdem du dich so angestrengt aufs Überleben konzentriert hast, spielt es jetzt kaum mehr eine Rolle. Du kannst das Zittern in der Kälte nicht mehr unterdrücken, und es könnte von Vorteil sein, ruhig unter die Decke des Meeres zu gleiten (etwa um dich zu deiner Frau zu gesellen, von der du weisst, dass sie sowohl am Leben wie auch tot ist, eine Meerjungfrau und ein herumwirbelnder Körper).

Aber dann stellst du dir wieder deine Eltern vor, die beide an einem niedrigen Tisch sitzen, schweigend, den Tee nicht angerührt. Wie könntest du ihnen je erklären, dass, nachdem du die Tsunami-Warnung missachtet hast und nachdem du für deine Überheblichkeit von tosendem Gewässer zu Fall gebracht wurdest, nachdem du Purzelbäume geschlagen hast, wieder aufgetaucht und in Sicherheit geklettert bist, nachdem du aufs Meer hinausgezogen und dort vergessen wurdest, während du in weiter Ferne dein zerstörtes Land in kleinen Feuern an der Küste sahst, nachdem du deinen ganzen Optimismus zusammengenommen hast und deine Hoffnung und so hart ums Überleben gekämpft hast, wie könntest du ihnen das erklären – deiner Mutter und, ganz besonders, deinem Vater –, dass du am Ende aufgegeben hast?

An diesem letzten Morgen, als das Licht vom Wasser reflektiert wird und den Himmel bleicht, tastest du nach dem dritten Energy-Drink, setzt ihn an deine aufgerissenen Lippen und schlürfst gierig. Du bist zu schwach, um aufzustehen, dein Körper geschwollen, die Hände eiskalt, deine Stimme heiser vom Schreien. Du sitzt auf deinem Dach, auf dem Futon, im Schneidersitz, unbeweglich wie eine Statue, mit einem weissen Schutzhelm auf deinem Kopf. Du hältst deine hingekritzelte Botschaft auf – SOS! –, sie ist vom Wasser so verschmiert, dass du sie nicht einmal lesen kannst, aber du überlegst nicht mehr logisch. Vielleicht kann das jemand anderes. 

Zuerst hörst du auf das Surren von Helikopterpropellern oder das Gurgeln eines Schiffsmotors. Schon das leiseste Murmeln gibt dir Anlass aufzustehen, zu rufen, zu winken. Aber als die Zeit vergeht, fällst du in dich zusammen, schliesst die Türen, eine nach der andern. Der Reis, die Tauben, das Sägewerk, Yuko, deine Eltern, deine Tochter: Es war kein schlechtes Leben, abgesehen vom Ende. Das Trümmerfeld ist so dicht geworden, dass es wie Land aussieht, und das Öl verteilt sich immer mehr. Du bist zu müde, um zu denken, es ist dir alles egal. Dein Kopf ist gesenkt, du konzentrierst dich nur auf das, was direkt vor dir ist, wo das Salzwasser am Dach leckt. Du weisst, dass sich das dunkle Meer bald in wälzende Wassermassen verwandelt und dich eine neue Welle erreicht. Jetzt sprudelt schwarzes Wasser zwischen den Brettern und den Überresten des Wellblechs hoch. Eine letzte Mitteilung an deine Eltern: Ich stecke in grossen Schwierigkeiten. Entschuldigt, dass ich vor euch sterbe. Bitte vergebt mir. 

Gerade als du dich auf deinen Futon legst, um auf den Tod zu warten, wirst du wieder gestört – die Silhouette eines Schiffs am Horizont, Propellersurren am Rande deiner Wahrnehmung. Das Geräusch bringt dich zitternd auf die Beine, wo du rufst und winkst … bis du siehst, wie das Schiff wendet und am Horizont verschwindet.

Eine furchtbare Einsamkeit füllt diese Leere. Schlafen wäre jetzt schön, aber das würde definitiv das Ende bedeuten. In deinem Dämmerzustand siehst du oder träumst du, dass das Schiff den Kurs geändert hat und zurückkehrt. Aber wer kann solchen Visionen noch trauen? Vor deinen Augen scheint es zu einem grauen Rettungsboot anzuwachsen mit einem, zwei, drei … und das dreimal, neun Rettungskräften in grünen Überzügen und grauen Schwimmwesten. Als das Boot nicht wendet, als du einen Scheinwerfer auf deiner Haut spürst, stösst du deinen letzten, heiseren Urschrei aus, «helft mir!»

Aus dem Nichts antwortet eine klare Stimme: «Wir sind hier», und das Boot nähert sich deinem Dach-Zuhause, und die Stimme fragt: «Welches ist die sicherste Seite?» Und du sagst: «Die Seite Richtung Land, bitte.» Du ziehst den mit Mitteilungen gefüllten Plasticbehälter ab und legst ihn auf den Altar deines Futons. Dann steigt eine der eingepackten Gestalten aus dem Rettungsboot auf das schwankende Dach und kommt dir mit ausgestreckten Armen entgegen. Die Gestalt führt dich hinüber, fünf Schritte, und erst als du dich in ihr Boot beugst und deinen Körper über den harten Bootsrand hievst, wie ein prächtiger, umstürzender Baum, weisst du, dass es wirklich ist. Umgehend wirst du von den fassungslosen Männern in Decken eingewickelt. Sie wollen wissen, wer du bist, und geben dir noch einen Energy-Drink. Ohne etwas zu sagen, nimmst du einen grossen Schluck, dann brichst du in unkontrollierte Tränen aus. Wer bist du? Plötzlich erinnerst du dich an ein Feuerwehrauto auf der Strasse vor deinem Haus unmittelbar vor der Welle, immer wieder die Lautsprecherdurchsage: «Bitte evakuieren.» Und du denkst daran, wie du deine Frau dazu angewiesen hast, die Reissamen in die Scheune zu tragen, während du auf die Terrasse gegangen bist, um Ausschau zu halten. Nur 400 Meter weiter oben, und sie wäre in Sicherheit. 

Du wirst auf Strahlung geprüft, auf ein Kriegsschiff gebracht und mit Brei und Umeboshi, eingelegten Pflaumen, versorgt. Man steckt dich in ein heisses Bad, und die Besatzung ist schockiert über die Unmengen von Dreck, der von deinem Körper abfällt, bis sie dich aus dem warmen Wasser nehmen müssen, weil du nicht aufhörst zu schlottern. Dann bist du in einem Helikopter, wirst über das zerstörte Küstengebiet transportiert – der Boden schwarz vom Schlamm, als wäre er verbrannt, die pornographischen Trümmer von Häusern und anderen Gebäuden, farbige Innereien in der Form von Bettlaken und Vorhängen, Menschen, die mit blossen Händen nach Kindern, Eltern, Partnern graben, Mütter, die tote Babys mit Spucke säubern – in ein Spital ausserhalb der Strahlungszone. Inzwischen wurden die Bilder von deiner Rettung in aller Welt im Fernsehen ausgestrahlt, der Mann auf seinem Dach, 15 Kilometer aufs Meer hinausgetragen, am dritten Tag gefunden, einem Tag, wo ausser dir kaum mehr Überlebende gefunden wurden.

Wenn du ein Engel wärst, Hiromitsu, oder dich als Auserwählten betrachten würdest, wäre jetzt der Moment, um der Welt deine Botschaft zu überbringen. Jetzt wäre der Moment, um als Vorbild dazustehen oder aufmunternde Worte zu sprechen. Dich in ein Symbol zu verwandeln. Der Hoffnung. Der Ausdauer. Der Kraft. Denn die Nachrichten bezeichnen dich als Wunder.

Aber du bist bescheiden – und gebrochen – und du fürchtest dich, denn jetzt musst du deinen Eltern, deiner Tochter, allen, genau erzählen, was passiert ist. Lieber würdest du dich unsichtbar machen – fast lieber wärst du ertrunken –, als deinen Ungehorsam zu beichten, deinen sturen Egoismus, denn als solchen betrachtest du es: die Sünden eines Kindes. Du liegst mit Infusionen in deinem Spitalbett, Ärzte kommen und gehen. Du bist dehydriert und geschwächt, das Gesicht zuerst unkenntlich, voller Schrammen und Schnitte, aber du erholst dich dennoch gut. Du kannst am selben Abend das Spital verlassen, und als du deinen Vater im Haus deines Onkels siehst, bist du überrascht, wie rüstig er scheint. An den Tagen vor dem Tsunami hatte er Probleme mit seiner Gesundheit, und mit deinem Verschwinden wurde sein Zustand immer schlechter, er mochte weder schlafen noch essen. Er wollte weder Radio hören noch Nachrichten schauen. Aber deine Mutter sagte, dass als Freunde ihm erzählten, du seiest an diesem dritten Tag über die Mattscheibe des Fernsehers geschwommen, er sich zu erholen schien. In einem – für seine Verhältnisse – Gefühlsausbruch sagt er: «Ich bin froh, dass du am Leben bist. Viele Menschen machen Fehler. Du musst weiterleben.» Das war’s – keine Ermutigung oder Kritik, keine Fragen, so als ob er nicht mehr wissen wollte.

 

Komm heraus! Yuko, hörst Du mich?

 

Natürlich erzählst du deiner Mutter alles, denn insgeheim ist sie stärker als er – und dann, kurz darauf, fährst du nach Tokio und triffst deine Tochter am Bahnhof Kawasaki, anonym zwischen Horden von Menschen. Du hast deine Tochter nicht mehr weinen sehen, seit sie ein Teenager war. Und nach einer schnellen Umarmung und der Schilderung, wie du Yuko aufgetragen hast, die Reissamen in die Scheune zu tragen, während du auf der Terrasse gestanden und den Berg angestarrt hast, liest deine Tochter zwischen den Zeilen (du hättest euch retten können), ihr Gesichtsausdruck bleibt sogar jetzt unverändert. Sie sagt dir, dass sie froh ist, dass du am Leben bist, und du glaubst ihr. Nachdem du fertig bist, scheint sie die Wahrheit in sich aufzunehmen – dass ihre Mutter gestorben ist, aber du zurückgekehrt bist – und sagt: «Es scheint dir besser zu gehen, denn du sprichst viel.» Was sie sonst noch denkt, behält sie für sich, und sie dreht sich um, um nach Hause zu gehen, sie wird von der Menge verschluckt. Nach deiner Entlassung aus dem Spital kehrst du nicht zu deinem zerstörten Haus zurück, in deine Nachbarschaft zwischen dem Meer und dem Berg, sondern ziehst in einen Vorort von Tokio, in eine subventionierte Wohnung, gross genug für dich und deine Eltern, wo du von dem Ort träumst, den du gerade verlassen hast.

Es sind merkwürdige Tage in diesem anonymen, acht Stockwerke hohen Bau, wo du zuerst niemanden kennst – und wo sich die Welt ohne Erinnerung weiterdreht, die hektischen Salarymen auf den Bahnhöfen und Strassen, Verkehr, der irgendwohin fliesst. Du sagst den Nachbarn nicht, wer du bist, sondern versuchst, dich zu beschäftigen, auch um zu vergessen. Ungefragt beginnst du, täglich die Fusswege in der Überbauung zu wischen. Du und dein Besen, in der Hoffnung, dich nützlich zu machen. Du versuchst auch, Zeit mit deinem Enkel zu verbringen, der nur noch eine kurze Fahrt entfernt ist, aber natürlich fällt dir das Hüten nicht so leicht wie Yuko. Und so, zwischen deinen Eltern, die den ganzen Tag fernsehen und sich traurig nach dem Verlorenen sehnen, und deiner Tochter, deren Leben ausgelastet und jetzt mutterlos ist, bist du komplett entwurzelt. 

Du bist kein Poet, du hast in deinem Leben kaum gelesen und schon gar nicht geschrieben – Yuko hat fieberhaft gelesen, als wäre es bald zu spät –, aber seit du auf dem Dach im Meer die erste Mitteilung hingekritzelt hast, sind Wörter zu deinem Ventil geworden. Sie lindern den Schmerz, sagst du. Jetzt schreibst du Gedichte und kurze Fabeln, Reflexionen und Ermahnungen. Alle Zettel kommen in eine schwarze Tasche, die du um deine Taille gürtest, der Tresor für deine gesammelten Emotionen und Erinnerungen. Du schreibst ein Gedicht, «Ein Lied aus fünf Zeilen», es geht so:

 

Vermissen:

Wie viele Tage danach

Wirst du mir im Traum erscheinen

Meine geliebte

Frau?

 

So sprichst du zu ihr, durch die Zettel in deiner Tasche, aber manchmal auch laut. Vor dem Essen könntest du etwa «Danke» murmeln, wie wenn sie die Mahlzeit auf deinem Teller zubereitet hätte. Du könntest dasselbe an einem schönen Tag machen, als ob sie ihn geschaffen hätte. Und jeden Abend vor dem Zubettgehen sagst du ihr, dass du sie liebst. Du sagst dies zu ihrem Geist, aber Andenken, kleine Altare oder Bilder hast du keine. Du erträgst den Gedanken nicht, sie wieder zu sehen, da du sie an all diesen endlosen Tagen vor der Welle gekannt hast. 

So denkst du darüber: Zusammen habt ihr vieles in eurem Leben aufgebaut. Dann ist ihr Körper verschwunden, aber was ihr errichtet habt, bleibt. Menschen sterben: Das ist natürlich. Aber ihren Tod zu akzeptieren, ist die Hoffnung zu verlieren. Und doch weisst du jetzt im Nachhinein, dass es so viele kleine Abschiede gab, Prophezeiungen und Ermutigungen. In den Monaten vor dem Tsunami hattest du einen Traum: Du warst alleine und konntest deine Frau nirgends finden – wo immer du geschaut hast, sie war nirgends – und du bist sofort aufgewacht und hast gedacht, ich muss einen Buchhalter suchen, denn sie hat sich um die ganze Buchhaltung gekümmert. Einmal reiste Yuko zu ihrem Enkel und blieb mehr als eine Woche. Sie kehrte nach Hause zurück und sagte, dass wenn du zehn Tage klargekommen seiest, ohne dass sie für dich gekocht und geputzt habe, du jetzt für alles bereit seiest. Und zudem hat sie dich natürlich hin und wieder aufgezogen. Wenn es hart auf hart käme, hat sie dann gefragt, wenn die Welt unterginge und du nur etwas mitnehmen dürftest, würdest du dich für die Tauben oder für mich entscheiden?

«Für die Tauben», hast du jeweils geantwortet, nur um ihr Gesicht zu sehen, diesen Anflug von gespieltem Ärger und leichter Unsicherheit.

 

Drei Monate später, im Juni, gehst du zurück, reist mit dem Zug zwei Stunden Richtung Norden in dunstigem Licht in die Stadt Fukushima und fährst mit dem Auto weiter an die Küste. Deine Eltern sind kürzlich ins Dorf zurückgekehrt, sie sind in eine provisorische Siedlung gezogen, eine Ansammlung von Einzimmer-Baracken abseits einer Hauptstrasse, jede mit Fernseher, Kühlschrank, wenigen Möbeln, einer Latrine. Die Kleider hängen an Bügeln, die mit Nägeln an der Wand befestigt sind. Nachdem du die Berge überquert hast, durch schwankende Strahlungsintensität, eine Landschaft, getaucht in Cäsium, das Jahrzehnte überdauern wird, ist dein erster Halt das Sägewerk, wo Herr Mori, der Chef, seinen weissen Schutzhelm vom Kopf nimmt und dich mit einer Verbeugung begrüsst, die du zweimal erwiderst. «Wie geht es Ihnen?», fragt er nach den Förmlichkeiten und legt eine Hand auf deinen Rücken, während er dich durchs Werk schiebt, und du antwortest: «Sie wird noch immer vermisst», und er schüttelt den Kopf, wie traurig. 

Herr Komuro, Herr Tomita und alle anderen Arbeiter: Sie sind erstaunt und erfreut, dich zu sehen, so erfreut, dass sie mehrmals fragen: «Wann kommst du zurück?» Du lächelst, denn das ist etwas, was du mehr als alles andere möchtest – zurückkommen – aber du kannst nicht antworten. Oder antworte, aber sage nicht: Ich versuche, die Lücke zu füllen, die meine Frau hinterlassen hat. Doch sie ahnten es schon. Zwei von ihnen haben ihr Zuhause verloren; ein Kollege von einem Nachbarwerk ist gestorben; Herr Hamauchi aus dem Büro hat seinen Vater verloren, seine Leiche wurde anhand einer DNA-Analyse identifiziert. Die meisten Männer bedienten die Bagger und Gabelstapler, die gebraucht wurden, um die mit Teer gefüllten Leichen zu bergen, die das Meer begraben hatte. Deine Überlebensgeschichte ist nicht die einzige, die man sich im Werk erzählt. Sie erzählen von Menschen, die in Autos weggeschwemmt wurden und überlebten, von Familien, die landeinwärts getragen wurden und sich an Bäume klammerten, und als die Welle sich Richtung Meer zurückzog, wurde die Frau, der Mann, das Kind zerrissen. «Wir hatten ein normales Leben, bis wir zu spüren bekamen, wie gewaltig die Macht der Natur sein kann», sagt Herr Mori. «Ich ging in die Berge und schaute, wie die Wellen kamen. Ich sah die Leute rennen wie in einem Film.» 

«Ich habe mich nicht getraut aufs Meer zu schauen», antwortest du. «Ich habe den Berg angeschaut.» 

Und dann fährst du an die Küste, dorthin, wo einst das Haus stand. Die Landschaft ist niedergewalzt, kilometerweise verwüstet, Häuser sind weggemäht wie Reishalme, Betonbrocken stehen in beunruhigenden Positionen. Deine Nachbarn haben sechs von sieben Familienmitgliedern verloren; eine andere, vierköpfige Familie ist verschwunden. Babys und Grosseltern, alle weg. Knapp 300 Meter vom alten Schrein entfernt liegt deine Zufahrt. Jetzt gehst du hinunter, vorbei am imaginären Garten mit Mais und Zwiebeln, Kartoffeln, Knoblauch und Taro. Die Pfingstrosen in deiner Vorstellung stehen in voller Blüte, der unsichtbare Aprikosenbaum trägt kleine Früchte, im Teich wimmelt es von imaginären Koi-Karpfen. Hier war das Gewächshaus, in dem die Reissetzlinge gepflanzt wurden; der Schuppen, in dem die Maschinen standen, der Mähdrescher, der Traktor und Reistrockner; die Scheune, in der deine 30 Tauben wohnten. Vielleicht hast du trotzdem sie am meisten geliebt, denn niemand sonst schien sie zu mögen.

Dein Leichtsinn, das Betonhaus, ist ein Schutthaufen. (Hier ist die Küche und hier die Badewanne, hier ist das Schlafzimmer mit dem Dach darüber.) Das Fundament bleibt, ein letzter Fussabdruck, aber sonst existiert nichts mehr: weder Garten noch Nebengebäude. Nicht einmal ihr Geist schwebt herum. Beim zerstörten Koi-Teich, in einem Haufen aus Betonklötzen und Metallstangen, steckt ein Zettel für Yuko von einer ihrer besten Freundinnen, daneben eine flackernde Kerze.

«Ich bin zu dir gekommen», steht da. «Wie lange spielst du noch Verstecken? Es reicht jetzt. Komm heraus! Yuko, hörst du mich?»

Michael Paterniti unterwegs:
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