Emanzipation durch Nähen

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Die Arbeit in den Textilfabriken verändert die Frauen – und sie verändern die Gesellschaft.

Daniela Schröder

Tausend Hemdärmel. Tausend Hemdärmel, so viele wie gestern. So viele wie vorgestern. So viele wie jeden Tag seit Freitag vor zwei Wochen, als sie mit dem neuen Auftrag begannen. Taslima fährt mit der Zungenspitze über die Lippen, schiebt den blau-weiss gestreiften Stoff behutsam und zügig unter dem Nähkopf durch. Die Maschine surrt, satt und gleichmässig, die Nadel sticht eine saubere Naht. Taslima legt den Ärmel in einen Korb links neben ihrem Tisch, greift in einen Korb rechts neben dem Tisch. Taslima blinzelt, blickt auf den Stoff, näht den nächsten Arm, den nächsten Saum, näht eine saubere, gleichmässige Naht, kaum eine halbe Minute braucht sie dafür.

«Hey, Tas», ruft Antora, sie sitzt zwei Tische schräg hinter Taslima. «Hey, kleine Schwester, mach die Augen auf! Oder träumst du etwa? Gib es zu, du denkst schon wieder an ihn! Die ganze Zeit denkst du an ihn. Denk lieber an deine Arbeit, sonst komm ich gleich rüber zu dir, und dann sehe ich deine schiefen Nähte!» Die Arbeiterinnen vor und hinter und links und rechts von Taslima und Antora kichern. «Taslima und Tosidul, lang lebe unser Traumpaar!», ruft eine. Die Frauen lachen leise, halten dabei die Hand vor den Mund, Taslima wird rot. Sie legt einen blau-weissen Ärmel in den Korb links, nimmt zwei Stoffteile aus dem Korb rechts, die Maschine surrt.

Linie drei und Linie vier, in denen Taslima und Antora arbeiten, ziehen sich längs durch die ganze Fabriketage, genau wie die Linien eins und zwei und fünf, sechs, sieben. Sieben Reihen, in denen seit Freitag vor zwei Wochen ein hellblau-weisses Herrenoberhemd entsteht. 375 Köpfe beugen sich über gestreiften Stoff, Köpfe mit schwarzglänzenden Zöpfen oder locker geschlungenen Tüchern, vom ersten und vom letzten Platz einer Reihe sieht die Arbeiterin am anderen Ende aus wie ein dunkler oder wie ein bunter Punkt. 

Middle Badda, 1212 Dhaka, Bangladesh, ist der Sitz von Moon Garments, eine von Hunderten Textilfabriken in dieser Ecke der Stadt. Hinterhofverschläge mit einer Handvoll Näherinnen, Werkstätten in Wohnhäusern, mittelgrosse Hersteller wie Moon, gut 750 Mitarbeiter in der Produktion, 20 im Büro. Die Fabrik steht in einer schmalen Seitenstrasse, Wand an Wand mit den Nachbarhäusern, die Fenster sind vergittert. Neben der Eingangstür hängt ein kleines Firmenschild, ein Wachmann schliesst von innen eine schwere Metalltür auf. Im schmalen Treppenhaus stehen gestapelte Pappkartons, auf den Postetiketten Adressen in Indien und Dubai, an den Wänden kleben Schilder, «Rauchen verboten», «Fluchtwege freihalten», «Haare bedecken», hier und da hängt ein Feuerlöscher.

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