Entzückende Torheit

Seit einem halben Jahrhundert baut Justo Gallego Martínez eine Kathedrale aus Schutt und Schrott. Gott weiss warum.

Florian Leu

Justo Gallego Martínez baut seit fünfzig Jahren eine Kathedrale aus Schutt und Schrott. Er fing an, als in Berlin die Mauer hochgezogen wurde und Juri Gagarin die Welt vom All aus sah. Heute ist Gallego 86, aber noch immer steht er jeden Morgen um sieben Uhr auf und zieht seinen blauen Kittel an. Weil er oft friert, schlingt er sich auch im Sommer einen Schal um den Hals und setzt sich eine feuerrote Mütze auf den Kopf. Ein wenig sieht Gallego dann aus wie der einzige Mönch eines kuriosen Ordens.

Gallego ist der Erste, der an seiner Strasse aus dem Haus kommt, das am Rand von Mejorada del Campo steht. Das ist ein Dorf zwanzig Kilometer östlich von Madrid, gleich beim Flughafen. Es ist ein Samstag im September und Gallego fährt mit seinem Rad zur Kathedrale, welche die Leute im Dorf für eine der grossen und irren Leistungen des Jahrhunderts halten. Die Kirche ist fünfzig Meter lang, zwanzig breit, dreissig hoch, und am Ende soll sie zwei Dutzend Kuppeln und ebenso viele Türme haben. Aus der Nähe wirken die Wände, die keinen Verputz haben und aus Tausenden von Bruchstücken bestehen, wie Lego. Gallego hat auf der Suche nach Material immer wieder die Baustellen der Umgebung abgeklappert. Dabei hat er ein halbes Dutzend Autos ins Jenseits gefahren und Tonnen von Schutt zur Kathedrale gekarrt. Die Kirche schimmert rötlich, vor ihr liegt eine gelbe Treppe, die Fenster leuchten gelb und blau. Wer um das Gebäude herumspaziert, braucht drei Minuten, so gross ist das Gelände mit dem Hauptschiff, der Kapelle, dem Kreuzgang und der Sakristei. Die Kathedrale ist etwa so hoch wie die fünfstöckigen Wohnblocks, die um sie herum stehen und auf deren Balkonen die Satellitenschüsseln in den Himmel zeigen. Auf der Spitze der Kuppel glänzt ein Kreuz aus Metall, ebenfalls eingestellt auf Empfang.

Als Gallego mit dem Bau begann, wusste er wenig von Architektur, eigentlich hatte er keine Ahnung. Er las Bücher über die Kirchen Roms und über die Burgen Spaniens. Den Rest brachte er sich selber bei und begann von vorn, wenn etwas schiefging. Ein Journalist hat ihn Jahre später als einen heldenhaften und unbekümmerten Meister des do it yourself bezeichnet. Ein anderer nannte ihn einen Apostel des Recyclings, weil er praktisch nur gebrauchte Materialien verwendet. Gallego gilt als einer der Grossen, wenn es um Bauten geht, die Leute im Alleingang in die Welt gestellt haben. Oft findet er sich in einer Reihe mit Nikolai Sutyagin, der im nordrussischen Archangelsk während zwanzig Jahren ein verwinkeltes Hochhaus aus Holz baute, das mit seinen dreizehn Stockwerken von weitem zu sehen war und das die Behörden vor zwei Jahren niederrissen. Mit Ferdinand Cheval, der Ende des neunzehnten Jahrhunderts mit seinem Tempel aus Stein begann und dreiunddreissig Jahre daran arbeitete, immer in der Nacht, denn tagsüber war er der Briefträger von Hauterives, einem Dorf in der Nähe von Lyon. Und mit Clarence Schmidt, der von der Highschool flog, eine Weile als Maurer arbeitete und dann dreissig Jahre an einer Hütte in Woodstock bei New York baute, die am Ende sieben Stockwerke hoch war und mit ihren vielen Fenstern wie ein riesiges Facettenauge aussah. Zu Beginn der Siebziger brannte die Hütte nieder, Schmidt wurde gerettet, starb aber ein paar Jahre später an Herzversagen. Keiner dieser Männer war ein Profi, alle lernten sie von Tag zu Tag dazu. Heute gelten sie als Meister der art brut, der Aussenseiterkunst. Zu Beginn waren sie als Spinner verschrien, heute kommen die Touristen in Scharen. Justo Gallego ging es auch so. Erst nannten sie ihn einen Wahnsinnigen, tuschelten hinter seinem Rücken, hänselten ihn, warfen ihm Kiesel hinterher. Oft auch machten sie Sachen kaputt, an denen er lange gearbeitet hatte. Doch er liess sich nicht beirren. Es habe ihn nicht gestört, dass keiner ihn verstand, sagt er. Jesus sei es auch so ergangen. Doch obwohl er immer habe ausweichen können, wenn die Steinchen geflogen kamen, habe ihm das Herz wehgetan.

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Manchmal lässt er die Arbeit einfach liegen und schreitet durch seine Kathedrale

Gallego sperrt die Pforte auf und lehnt sein Rad an den Altar. Als Erstes holt er die Plastikeimer, die Leute über Nacht vor die Kirche gestellt haben. Einer ist voller Bruchstücke, aus denen Gallego seine Kathedrale baut. Ein anderer ist voller Brot, das die Leute nicht mehr wollen: Don Justos Pausensnack.
Manchmal stossen Herumtreiber dazu und helfen ihm, obwohl er ihnen fast nichts geben kann. Früher unterstützten ihn seine sechs Neffen, die jeweils nach dem Unterricht auf die Baustelle kamen. In den Ferien gehen ihm manchmal Schulkinder zur Hand. Einmal hat Gallego auch einen Architekten beigezogen und mit ihm die Pläne gezeichnet, die an einer Wand der Kirche hängen und schon völlig vergilbt und rissig sind. Und einmal hat er einen Spezialisten angestellt, der einen Kran bediente und der Kirche die Kuppel aufsetzte. Ausserdem hat Gallego einen Helfer, der seit zwanzig Jahren fast jeden Tag aufkreuzt. Er heisst Ángel López Sánchez, ein Mittvierziger mit kleinem Bauch und listigen Augen, der immer einen Kaugummi oder eine Zigarette im Mund hat. Auf dem Dorfplatz und an den Bartresen fragen sich die Leute manchmal, warum er es überhaupt tut, der gute Mann.
López erzählt gern, wie er auf die Baustelle kam. Als Jugendlicher sei er nach Mejorada gezogen und habe sich ein Zimmer gemietet. Als er aus dem Fenster schaute, sah er eine Ruine und einen Mann, der ihm vorkam wie ein Landstreicher. Er ging hin und fragte ihn, was er da mache. Der Alte gab López einen Bissen Brot und sie redeten eine Weile. Am Ende sagte Gallego: «Du wirkst wie ein Engel auf mich.» López sagte: «Das ist zwar mein Name. Aber ich bin keiner.»
Heute ist noch kein Helfer gekommen. Gallego ist so allein, wie er es meistens war. Er macht es wie immer und tut einfach, worauf er Lust hat. Erst schleppt er Säcke, dann zieht er an Seilwinden, die er aus Fahrrädern gebaut hat. Später mischt er Beton im Hof hinter dem Hauptschiff, der ein besonderer Ort für ihn ist. Hier legte er den ersten Stein.
Das war 1961, nachdem er sieben Jahre als Laienbruder in einem Kloster gelebt hatte, es wegen Verdachts auf Tuberkulose aber verlassen musste. Er ging nach Mejorada zurück und glaubte, dass er sterben müsse, 36 Jahre alt. Eine Weile lebte er bei einer seiner zwei Schwestern, doch krank wurde er nie. Manchmal erzählt Gallego auch, dass die Mönche ihn aus einem anderen Grund nicht mehr im Kloster haben wollten. Er sei ihnen zu fromm geworden, zu verbissen. Manchmal habe er so lange gefastet, bis er völlig entkräftet gewesen und kaum noch aus dem Bett gekommen sei. Als die Leute im Dorf das Fest der Heiligen Pilar feierten, entschloss sich Gallego, Busse zu tun und eine Kapelle für sie zu errichten. Er ging aus dem Dorf und machte auf einem Grundstück, das der Familie gehört, den Boden flach. Danach legte er das Fundament.
Im Lauf der Jahre verkaufte er den ganzen Familien-besitz. All die Grundstücke, die ihm sein Grossvater vermacht hatte. Heute hat Gallego fast nichts mehr, viel braucht er auch nicht. Eine Kammer in der Wohnung von López, eine Bibel in Grossdruck, ein rostiges Rennrad mit einem Gang und drei blaue Mäntel, die ihm ein Postbote geschenkt hat.
Jetzt arbeitet Gallego an den Fenstern, die er aus Splittern zusammenfügt. Mit einem Hammer zerklopft er buntes Glas, legt die Stücke auf eine Scheibe mit dem Bild eines Heiligen, den er mit Filzstift gezeichnet hat, dann klebt er eine weitere Glasplatte darauf. Später passt er das Fenster in eine der Öffnungen ein und freut sich über das Spiel der Farben auf dem Kirchenboden. Er sagt, er bete fast ohne Unterlass, während er arbeite, aber nur in seinem Kopf. Manchmal lässt er die Arbeit auch einfach liegen und schreitet durch die Kathedrale, festen Boden unter den Füssen, dicke Wände an seiner Seite, kühle Luft auch im Hochsommer. Sein Gang gleicht dem eines Läufers, schwerelos und schnell. Er könnte eine Plastik von Alberto Giacometti sein. Als hätte eine der dünnen Figuren vom Museum genug gehabt, wäre ausgebrochen und bis kurz vor Madrid gepilgert.
Um zehn kommt ein arbeitsloser Bulgare und hilft Gallego beim Streichen der Kapelle, die sich ans Hauptschiff anschliesst und auf deren Sims ein Dutzend Köpfe steht, Büsten der Apostel. Gallego hat sie aus Ton geformt und auf Eisenstäbe gesteckt. Nach etwas mehr als einer Stunde ist der Bulgare mit der Arbeit fertig und ruft: «Don Justo!» Der schlendert herbei und betritt die Kapelle. Er schaut zur Decke, dann kniet er sich hin und küsst den Boden. Das tut er immer, wenn etwas fertig ist. Trotzdem tut er es selten, denn er mag das Unvollständige und zögert die letzten Handgriffe an Teilen der Kirche gern hinaus.

Zum Mittagessen fährt López mit dem Landrover in die Kirche

Gäbe es ein Ölbild von Justo Gallego Martínez, müsste es in der Galerie der Menschen hängen, die Aussichtsloses in Angriff genommen haben. Entdecker wie Percy Fawcett, der sich mit wenig mehr als einer Machete und einem Tropenhelm zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch den Urwald des Amazonas schlug und wie ein Besessener nach Eldorado suchte, nach einer Hochzivilisation im Dschungel. Der immer wieder von neuem aufbrach, immer wieder seine Crew verlor, sich alle möglichen Seuchen aufhalste und irgendwann nicht mehr aus dem Urwald kam.
Konstrukteure wie Otto Lilienthal, der schon als Jugendlicher an Flügeln bastelte und in die Luft hinauf wollte, immer wieder Flugmaschinen erfand, immer wieder einige Sekunden lang abhob, am Ende, 1896 in Berlin, wieder einmal abstürzte und den Verletzungen erlag, vor dem Tod aber noch sagte: «Jeder muss ein Opfer bringen.»
Bildhauer wie Korczak Ziółkowski, der in den Vierzigern eine Skulptur des Indianerkriegers Crazy Horse aus dem Fels zu sprengen begann, einen Reiter aus Stein, der so gross werden soll, irgendwann einmal, dass er die Präsidentenköpfe im Mount Rushmore um ein Vielfaches überragen würde. Ziółkowski ist schon lange tot, aber seine Söhne und Enkel arbeiten immer noch an diesem Monument, das am Ende, mit fast zweihundert Metern Länge, das grösste der Welt wäre.
Meeresbiologen wie Steve O’Shea, der seit Jahren vor der Küste Neuseelands durch die Wellen rudert und mit einfachsten Mitteln eine Riesenkrake zu fangen versucht. Die Tiere können zwanzig Meter lang werden und sind noch niemandem ins Netz gegangen, sondern immer nur tot an den Strand getrieben worden. Immer wieder starten millionenteure Missionen mit ihrer Jagd nach diesen Wesen, die so zauberhaft und seltsam sind wie wenige Kreaturen. O’Shea versucht es alleine.
Oder Musiker wie John Cale, der ein Stück geschrieben hat, das eine solche Länge hat, dass man so alt werden müsste wie eine Figur im Alten Testament, mehr als ein halbes Jahrtausend, um das Lied in seiner Vollständigkeit kennen zu lernen. Wer will, kann einen Zehntausendstel davon hören. Das Stück läuft ohne Pause in einer Kirche in Halberstadt, Sachsen-Anhalt.
Und schliesslich die Baumeister, die den Grundstein einer Kathe-drale legten und wohl auch ahnten, dass sie kaum fertig würden. Die Kirche auf dem Hradschin von Prag zum Beispiel wurde erst nach tausend Jahren und vielen Unterbrüchen beendet. Der Kran des Kölner Doms stand während Hunderten von Jahren auf einem der Türme und wurde selbst zum Wahrzeichen der Stadt. Antonio Gaudís Sagrada Família in Barcelona ist seit mehr als einem Jahrhundert eine Baustelle und wird, wenn sie fertig ist, mit ihren 170 Metern die höchste Kirche der Welt sein.
Justo Gallego hat nichts für sie übrig, kann mit ihrem Pomp nichts anfangen. Ihm ist die Schlichtheit seiner eigenen Kirche lieber, das Rohe. Damit er fertig würde, schätzt er, bräuchte er drei Millionen Euro. Die Spenden, die in die Kasse neben dem Eingang klimpern, bringen zwar etwas ein. Aber weit kommt Gallego damit nicht. Seine Anhänger überweisen manchmal Geld an die schöne Adresse «Kathedrale der Heiligen Pilar, Gaudí-Strasse 10, Mejorada del Campo, Spanien».
Um eins macht Gallego Mittagspause. López hupt und fährt mit seinem Landrover in die Kirche herein. Zum Wochenende hat er Gallegos Lieblingsessen gebracht: Pommes frites mit Hähnchen, dazu eine Tube Ketchup und eine Zweiliterflasche Coca-Cola. Gallego sitzt auf einem gelben Kinosessel, den er mitten in die Kirche gestellt hat. Wenn er hochblickt, sieht er die etwa fünfzehn Meter breite Kuppel aus blau gestrichenen Eisenstreben und ohne Dach. Plötzlich ruft er: «Jetzt!»
Beide legen den Kopf in den Nacken. Dann rast ein Flugzeug über die Kuppel. Es fliegt so tief, dass der Lärm die Kirche erfüllt. Betreten hat Gallego erst eines dieser Flugzeuge, vor mehr als zwanzig Jahren. Mit seinen Neffen flog er nach Rom und schaute sich drei Tage lang die Sehenswürdigkeiten an. Als sie wieder zum Flughafen fuhren, sagte Gallego, er wolle lieber zu Fuss nach Hause. Sie lockten ihn trotzdem in die Maschine, doch seither flog er nicht mehr. Als das Museum of Modern Art in New York Fotos seiner Kirche ausstellte und der Kurator Harald Szeemann Gallego zur Eröffnung einlud, lehnte er ab. Seine Begründung war, dass er die Zeit, die ihm noch bleibe, lieber in den Bau stecke. Vielleicht hat sein Unwille auch damit zu tun, wie er bekannt wurde. 1983 stürzte hinterm Dorf ein Flugzeug aus Kolumbien ab, 170 Passagiere starben. Als die Journalisten kamen, stiessen sie auf die Kathedrale und bald waren die Zeitungen voll mit Berichten über die Baustelle des Herrn mit dem blauen Kittel und der roten Mütze.
Nach dem Essen breitet sich López auf seinen zwei Plastikstühlen aus und raucht eine Zigarette nach der andern. Dann schläft er ein und schnarcht. Manchmal schliesst auch Gallego die Augen und sein Gesicht wirkt dann wie eine Totenmaske.

«Don Quijote? Ein einziger Schmarren. Könnte man von mir aus verbrennen!»

Er macht die Augen wieder auf, als ein Bub mit seinen Eltern die Kirche betritt. Der Junge hat einen Fussball dabei und spielt damit. Weil noch niemand die Kathedrale geweiht hat, stört sich Gallego überhaupt nicht daran. Lächelnd schaut er dem Jungen beim Jonglieren zu. Gallego liebt Fussball. Er mag vor allem Lionel Messi, der die Zehn beim FC Barcelona trägt und die Gegner umtanzt, als spielte er ein anderes Spiel als sie. Manchmal sitzt Gallego am Abend mit López vor dem Fernseher und guckt einen Match. Oft aber nimmt er es als Sünde wahr, wenn er das Spiel zu sehr geniesst. Er geht dann auf sein Zimmer und bittet die Jungfrau um Vergebung, von der ein Bild an seiner Wand hängt. Das tut er auch, wenn er auf der Strasse oder am Fernsehen eine Frau gesehen und ihr zu lange auf die Beine oder den Hintern geschaut hat. Das Bild der Jungfrau wirkt, als hätte er es aus einem Heftchen gerissen. Es steht ein Spruch darauf: «Sieh mich an, wie ich bin. Und mach mich, wie du mich haben möchtest.»
Der Junge mit dem Fussball treibt sich in der Kirche herum und steigt in die Krypta hinab, die Gallego unter dem Hauptschiff angelegt hat und die ebenfalls fünfzig Meter lang ist, mit einem groben Mosaik an der Wand. Der Junge geht an den Säulen vorbei, die dick sind wie Mammutbäume und auf denen viele Sprüche stehen. Einer davon geht so: «Mein Herz wollte es so sehr, dass mein Körper nur noch folgen musste.» Der Junge spaziert um die Kirche herum, vorbei an einer Zeichnung von Homer Simpson, die einer auf die Wand gesprüht hat. Der Ausdruck der Figur ist wie immer etwas ratlos und deppert. Dann steigt der Junge die Wendeltreppe in einem der Türme hoch und schaut durch die bunten Fenster auf das braune, ausgedörrte Land.
Irgendwann drücken die Eltern dem Jungen einen Geldschein in die Hand, zehn Euro. Er geht zu Gallego und streckt ihm die Note entgegen. Der sagt: «Wo hast du denn so viel Geld her, Kleiner?» – Der Junge sagt: «Das ist von meinen Eltern.» Gallego streicht ihm über den Schopf. Dann läuft der Junge davon und der Alte steckt den Schein in die Brusttasche seines Kittels.
Wenn die Sonne am höchsten steht und durch die Kuppel scheint, kommen oft Touristen, meist aus Madrid, oft aber auch aus Barcelona oder San Sebastián, hin und wieder auch aus dem Ausland. In Spanien kennt man ihn gut, seit er seine Baustelle dem Getränkehersteller «Aquarius» für einen Werbespot überliess, vier Tage für zehntausend Euro. Fast immer sind es alte, staunende Frauen, die ehrfürchtig an den Zementsäcken und den Schrotthaufen vorbeischleichen und ein wenig Staub aufwirbeln. Wenn die Frauen etwas fragen, antwortet Gallego gern, auch wenn es immer dieselben Fragen sind. Wann haben Sie angefangen? Wie lange brauchen Sie noch? Wo haben Sie die Ideen her? Fühlen Sie sich ein wenig wie Don Quijote? Warum tun Sie das eigentlich, Don Justo? – «Ich tue es, um dem Herrgott meine Liebe zu zeigen. Die Kirche ist ein Abbild dessen, was ich für Jesus Christus empfinde. Ich tue es gern und danke ihm jeden Tag, dass er mir die Ausdauer geschenkt hat, etwas so Unerhörtes zu tun.» Er spricht laut, klar und schnell. Seine Stimme wirft ein Echo.
Einer der Frauen erzählt Gallego, wie sehr es ihm gefallen habe, mit seiner Mutter in den Gottesdienst zu gehen, als er ein Bub war. «Mit meinem Taschengeld habe ich immer Kerzen gekauft und sie für die Jungfrau angezündet.» Einer anderen Besucherin sagt er, wie wenig er von Cervantes und seinem Ritter hält. «Don Quichotte ist ein Lügengebäude, davon halte ich überhaupt nichts. Ein einziger Schmarren. Warum sollte ich etwas lesen, das sowieso nur erfunden ist? Könnte man von mir aus verbrennen.» Er verrät auch, woher er die Einfälle genommen hat. «Als Kind habe ich Gemüse in Madrid verkauft. Wir haben es selber angebaut, meine Mutter und ich. Ich fuhr mit meinem Maultierkarren in die Stadt, um die Ware zu verkaufen. Ein Weg dauerte vier Stunden, und am Ende fuhr ich immer die Gran Vía hoch. Der Eingang einer Kirche dort hat sich mir so stark eingeprägt, dass ich ihn später für meine Kathedrale einfach gestohlen habe.» Er zeigt auf die Säulen im Hauptschiff und sagt: «Die verdanke ich dem Fernsehen. Da sah ich einmal das Weisse Haus von Washington und habe gleich dessen Säulen geklaut.» Dann rast wieder ein Flugzeug über die Kuppel und Gallego hebt die Hand. Plötzlich schweigen die Besucher und schauen der Maschine nach. Als sie weiterreden, spielt Gallego wieder mit einer Spirale aus Metall, die er selten aus den Händen legt, weil sich sonst seine Finger versteifen. Oft wippt er auch mit den Füssen, als klopfe er den Takt eines paso doble auf den Boden, den er als Junge so gern getanzt hat. Er spricht lange mit den Leuten, und manchmal krümmt er sich vor Lachen.

Dereinst werden Bagger und Bulldozer auf der Baustelle auffahren

Es ist Abend geworden, aber die Sonne wärmt noch immer. Die Leute sind schon lange gegangen, mit dem Bus zurück nach Madrid, das Wartehäuschen steht gleich vor der Kirche. Gallego klaubt sich den Dreck von den Fingern. Er sieht müde aus. Einmal hebt er den Kopf und blickt den Tauben nach. Ihr Flügelschlag klingt in der Kirche wie durch einen aufgedrehten Lautsprecher. Und auf einmal wirken Gallegos braune und kleine Augen wieder heiter und unbesiegt.
Wenn er diesen Blick hat, könnten die Besucher Gallego für einen Menschen halten, der es den Figuren der Bibel nachtut und älter als hundert Jahre wird. Das will er aber nicht. Er schaut dem Tod ohne Angst entgegen. Als wäre er für ihn ein Spaziergänger, der seit seiner Geburt auf ihn zukommt, ohne Eile, und schon lange in Sichtweite ist. Wenn Gallego tot ist, werden sie ihn auf dem Friedhof von Mejorada begraben, neben seinen Vorfahren. Seine Seele, sagt Gallego, werde auf dem Feuerwagen des Elias in den Himmel fahren.
Vielleicht bringen die Behörden am Ende Bagger und Bulldozer auf die Baustelle. Vielleicht werden sie den Mauern eine Behandlung mit der Abrissbirne verpassen. Denn Gallego hat nie eine Bewilligung eingeholt. Er hat einfach angefangen und nicht mehr aufgehört. Immer wieder haben sie ihn gewarnt, dass irgendwann alles dem Erdboden gleich gemacht werden könnte, wenn er sich nicht um die Regeln schert. Vielleicht wird Ángel López Sánchez die Kirche nach Gallegos Tod zu Ende bauen, wie er es den Besuchern gern erzählt. Aber einer, der kaum arbeiten kann und sich dauernd ausruhen muss, wenn er doch einmal etwas getan hat, wird diese Aufgabe wohl nie bewältigen. Im Dorf jedenfalls glaubt keiner daran. Einige sagen sogar, López werde sich nach Don Justos Tod noch eine Weile an der Kathedrale bereichern und dann einfach abhauen.
Die alten Männer auf dem Dorfplatz, die sich an ihre Gehstöcke klammern und den Mädchen nachschauen, sie sagen fast alle, dass die Kirche vielleicht auch einfach eine Ruine bleiben werde. Ein Fragment aus Fragmenten. Es macht die alten Männer traurig, dass Don Justos Arbeit vergeblich gewesen sein könnte. Eine locura maravillosa, eine entzückende Torheit, wie einer es sagt, die noch ein paar Jahre in den Himmel ragt, und dann langsam zerfällt.
In der Dämmerung schliesst Justo Gallego die Tore. Er muss sich dagegen stemmen, um sie zu bewegen. Über ihm rauschen die Bäume, die er als junger Mann gepflanzt hat und die heute fast so weit in den Himmel ragen wie die Kirche. Mit einem Klacken fallen die Tore ins Schloss. Gallego setzt sich auf sein Rad und fährt heim, vorbei an einem halben Dutzend Freikirchen, die einen Hässlichkeitswettbewerb auszutragen scheinen. Gewinnerin wäre jene gegenüber von Don Justos Kathedrale, die der Gemeinde Cuerpo de Cristo gehört und sich in einem grauen Betonquader befindet.
Am Sonntag schläft Gallego, so lange er kann. Um zehn wäscht er sich, zieht ein weisses Hemd an und einen Mantel, den er nur für den Gottesdienst hervorholt. Er nimmt die Bibel, steckt sich die Brille ein, zuletzt streift er sich die rote Mütze über. Dann verlässt er das Haus, während López noch im Bett liegt.
Mit seinem Fahrrad sirrt Gallego durch die Strassen, neben dem Friedhof stellt er es ab, ein Schloss hat er nicht. Er setzt sich in die niedrige, enge Friedhofskapelle. Sein Platz ist ganz hinten, am rechten Rand. Er nickt dem Pfarrer zu, der die Predigt vorbereitet und die Lautsprecher testet. Gallego wartet, manchmal blättert er in der Bibel. Dann gehen die Scheinwerfer an, die ein Bildnis der Heiligen Maria beleuchten, die ihren Sohn in den Armen trägt. Dann beginnen die Ventilatoren zu surren, die etwas Kühlung bringen. Um halb elf beginnt die Messe. Die Kapelle bleibt halb leer. Die Gläubigen, meist alte und bucklige Frauen, singen ihre Lieder mit schönen und brüchigen Stimmen. Dazwischen murmeln sie das Vaterunser.
Was der Pfarrer sagt, verstehen sie manchmal nur in Bruchstücken. Dauernd donnern Flugzeuge über die Kapelle hinweg. Am Schluss sagt der Pfarrer etwas zum Dorffest, das nächste Woche stattfindet. «Es wäre schön, wenn wir vorher beten könnten. So könnten wir dann alle zusammen und mit reinem Herzen ans Fest gehen.»
Gallego wickelt seine Bibel in ein Tuch. Er legt sie behutsam auf den Gepäckträger. Dann fährt er los. Die alten Frauen schleppen sich ins Dorf. Gallego radelt an ihnen vorbei, und sein blauer Mantel flattert im Fahrtwind.

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