Erfüllte Träume

Diese Geschichte steht nur Abonnenten zur VerfügungLock icon

Einst malochten die Spanier im Ausland. Zurück in ihrer Heimat, stellen sie Rumänen ein.

Beat Sterchi

Die Region

Man erreicht die Region über eine Schnellstrasse, die uns von Vinaròz an der Costa del Azahar Richtung Zaragoza ins Landesinnere führt. Vorerst liegt das Küstengebirge noch vor uns in der Ferne im Dunst wie die blauen Berge im Wilden Westen. Wir durchqueren Orangenplantagen und Olivenhaine, folgen einem ausgetrockneten Flussbett und lassen vereinzelte Dörfer hinter uns, bis die Ausbaustrecke plötzlich zu Ende ist und wir ein gutes Dutzend Haarnadelkurven vor uns haben. Es sind Serpentinen, wie man sie von den Alpenpässen kennt. Weit ausholend winden sie sich auf über tausend Meter hinauf und entlassen uns gleichsam in eine andere Zeit und eine andere Welt. Es ist eine Welt, die durch diese topografische Abgrenzung während Jahrhunderten ein ziemlich eigenes Leben führte. Es ist Els Ports in einer der wildesten und am dünnsten besiedelten Regionen Europas. Es ist keine Toskana, kein Piemont, kein Burgund. Diese Comarca, wie man hier einen Bezirk nennt, ist auch im spanischen Bewusstsein ohne grosse Bedeutung; hervorgetan hat sie sich lediglich als Hinterland für Guerillakriege. 

Während der anhaltenden Wirren um die Thronfolge im 18. Jahrhundert verschanzte sich hier ein grosser Teil der ultrakonservativen Karlisten. Einer ihrer schillerndsten Figuren war General Ramón Cabrera, nach einem früher für die Region verwendeten Namen auch der König des Maestrazgo genannt. Diese Karlistenkriege waren aus heutiger Sicht zwar gnadenlos blutige, aber eher anachronistische Scharmützel als eigentliche Schlachten. Unverbesserliche Haudegen in bunten, operettenhaften Uniformen verschanzten sich mit ihren Säbeln und hoffnungslos überholten Vorderladern in der Unwegsamkeit des Geländes und widersetzten sich den in Madrid aufkeimenden fortschrittlichen Kräften. Ganz Europa verfolgte ihre Aufstände und romantisierte ihre Heldentaten. Auch Karl May liess sich davon zu einer Geschichte inspirieren. Ein halbes Jahrhundert später nach dem offiziellen Ende des Bürgerkrieges war es wiederum vor allem hier, wo sich der antifranquistische Widerstand festbiss und im Untergrund zu formieren versuchte, um sich bis weit in die Fünfzigerjahre des letzten Jahrhunderts hinein in zermürbenden Gefechten mit der Guardia Civil aufzureiben.

 

Sie möchten weiterlesen?

Wir stehen für herausragende literarische Reportagen. Dafür benötigen wir die Unterstützung unserer Abonnentinnen und Abonnenten. Mit einem Reportagen-Abonnement investieren sie in das Schaffen von Autorinnen und Autoren, die sich für das Kleine Zeit nehmen, um das Grosse zu erfassen.
Beat Sterchi unterwegs:
AutorIn
Themen
Region
Beat Sterchi