«Ich hatte nicht mehr das Gefühl, eine Grenze zu überschreiten»

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Claas Relotius stürzte im Dezember 2018 den deutschsprachigen Journalismus in eine Krise. Nun äussert er sich erstmals öffentlich.

Margrit Sprecher und Daniel Puntas Bernet

Als freier Reporter schrieb Claas Relotius zwischen 2013 und 2016 fünf Texte für Reportagen. Gleich mit der ersten Geschichte über demente Häftlinge in den USA gewann er den renommierten Deutschen Reporterpreis für die beste deutschsprachige Reportage des Jahres. 

Fünf Jahre später, im Dezember 2018, legte der Spiegel einen Betrugsfall im eigenen Haus offen. Relotius, mittlerweile 33 Jahre alt und fest beim grössten Nachrichtenmagazin Deutschlands angestellt, hatte in seinen Reportagen wichtige Fakten, Personen, Zitate erfunden und sogar ganz ausgedachte Geschichten fabriziert.

Die Aufklärung des Medienskandals hatte der Spiegel-Mitarbeiter Juan Moreno ins Rollen gebracht, nachdem er mit Relotius den Text Jaegers Grenze geschrieben hatte. Moreno reiste zum Ursprung der Unwahrheit dieser Reportage, an die Grenze der USA zu Mexiko. Er fand heraus, dass Relotius die Bürgerwehr, die angeblich Jagd auf Einwanderer machte, nie getroffen hatte. 

Relotius löste eine Debatte über die Form der Reportage aus, Storytelling im Journalismus geriet unter Generalverdacht. Viele Kollegen überprüften ihre Arbeitsweisen, Redaktionen bauten ihr Fact-Checking aus, setzten neue Standards. Als Publikation, die ausschliesslich Reportagen veröffentlicht, spüren wir die Nachwirkungen dieses Skandals bis heute. Unbeantwortet blieb die Frage, warum Claas Relotius Redaktionen und Leser getäuscht hatte. Die Spiegel-Aufklärungskommission, die den Fall monatelang unabhängig aufarbeitete, fokussierte sich auf redaktionelle Abläufe.

Im September 2019 veröffentlichte Juan Moreno das Buch 1000 Zeilen Lüge, in dem er den Fall Relotius aus seiner Sicht aufarbeitete. Moreno beschreibt einen ehrgeizigen Reporter, der systematisch und kalkuliert vorging, um Karriere zu machen. Mit Relotius hatte er nicht gesprochen. Er ist ihm auch nie persönlich begegnet.

Claas Relotius befand sich nach der Aufdeckung für mehrere Monate in stationärer psychiatrischer Behandlung. In dieser Zeit kontaktierte er die Redaktion von Reportagen, um sich zu entschuldigen. Wir blieben in Kontakt. Ein Interview zu führen, war zu dieser Zeit kein Thema. 

Erst im Sommer vergangenen Jahres trafen wir, Chefredakteur Daniel Puntas Bernet und die Reporterin Margrit Sprecher, die Relotius' ersten Text in unserem Magazin mit dem ersten seiner vier Reporterpreise als Jurymitglied ausgezeichnet hatte, Relotius mehrmals zu ausführlichen Gesprächen in Hamburg. Dabei erlebten wir einen Menschen, der zwischen extrem hoher Konzentration und phasenweiser Abwesenheit schwankte. Der verunsichert wirkte und nach seiner Entlassung aus der Psychiatrie eine ambulante Therapie begonnen hatte.

Relotius versicherte uns, unsere Fragen mit aller Offenheit beantworten zu wollen, auch wenn es ihm schwerfalle, aufrichtig zu erklären, was er selbst kaum begreifen könne. Er sprach über Phasen von «Realitätsverlust» und «psychotischen Störungen». Wir hatten unsere Zweifel: Wie begegnen wir einem, von dem nicht nur wir über Jahre hinweg getäuscht wurden, mit der nötigen journalistischen Distanz? Was kann man jemandem, der so viel gelogen hat, noch glauben?

Wir entschieden uns, das zu tun, was unseren Beruf ausmacht: Zuhören, Nachfragen und Recherchieren. Wir haben uns Zeit genommen, um uns ein möglichst umfangreiches Bild zu machen und Relotius' Schilderungen zu überprüfen. Wir konnten mit dem behandelnden Psychiater und Therapeuten sprechen und haben Einsicht in psychiatrische Berichte erhalten. Wir haben frühere Kollegen von Relotius beim Spiegel kontaktiert. Einige gaben, zum Teil anonym, Auskunft, andere schwiegen. Wir haben mit seinem privaten Umfeld gesprochen – mit engen Weggefährten, langjährigen Freunden und ehemaligen Kommilitonen. Ausserdem baten wir unabhängige psychiatrische Experten um Einordnung. Am Ende unserer Recherche ist dieses Interview entstanden. 

 

Reportagen: Herr Relotius, vor zweieinhalb Jahren erschütterte die Tatsache, dass Sie über Jahre hinweg für den SPIEGEL und andere Blätter erfundene Reportagen geschrieben hatten, die Medienwelt. Sie selbst haben öffentlich fast die ganze Zeit geschwiegen. Warum?

Claas Relotius: Ich habe riesigen Mist gebaut. Das habe ich versucht mit professioneller Hilfe aufzuarbeiten, und ich versuche es bis heute. Dafür habe ich diese Zeit gebraucht, in der ich auch Menschen persönlich kontaktiert habe, denen ich geschadet habe.

Weshalb haben Sie sich entschlossen, sich öffentlich zu äussern?

Ich habe als Journalist gearbeitet, aber über Jahre hinweg Dinge geschrieben, die nicht stimmten. Damit habe ich nicht nur einzelnen Menschen Unrecht getan, sondern auch Lesern, Kollegen und Redaktionen, die mir vertraut haben. Es gibt Leute, die an eine sogenannte Lügenpresse glauben oder daran, dass Journalisten arrogante Menschen seien. Mein Verhalten hat diese Verschwörungstheorien scheinbar bestätigt. Ich kann das nicht wiedergutmachen, aber versuchen zu erklären, dass mein Handeln nichts damit zu tun hatte, sondern mit meinen persönlichen Fehlern.

Wollen Sie nicht vielmehr Ihr öffentliches Bild korrigieren?

An dem, was ich getan habe, gibt es nichts zu korrigieren, es liegt alles da. Aber ich bin Antworten schuldig. Und ja, ich möchte auch versuchen zu erklären, warum ich das getan habe. 

In Ihrem bisher einzigen öffentlichen Statement stand, nicht «karrieristisches Kalkül» stehe hinter Ihrem Handeln, sondern «krankhafter Realitätsverlust». Sie wirken keineswegs krank.

Wie wirkt denn jemand, den man als erkrankt bezeichnet? Ich lege keinen Wert auf dieses Label. Ich kann bei mir heute Phasen oder Denkweisen sehen, die verstörend oder wohl einfach nicht normal sind, aber ich weiss nicht, wo dieses «Krank» beginnen soll. Hätten mich Freunde vor drei Jahren gefragt, ob ich vernünftig meine Arbeit mache, ob ich mit beiden Beinen im Leben stehe ‒ ich hätte in voller Überzeugung «Ja» geantwortet.

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Margrit Sprecher, Daniel Puntas Bernet unterwegs:
Daniel Puntas Bernet