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«Ich hatte nicht mehr das Gefühl, eine Grenze zu überschreiten»

Claas Relotius stürzte im Dezember 2018 den deutschsprachigen Journalismus in eine Krise. Nun äussert er sich erstmals öffentlich.

Margrit Sprecher und Daniel Puntas Bernet

Als freier Reporter schrieb Claas Relotius zwischen 2013 und 2016 fünf Texte für Reportagen. Gleich mit der ersten Geschichte über demente Häftlinge in den USA gewann er den renommierten Deutschen Reporterpreis für die beste deutschsprachige Reportage des Jahres. 

Fünf Jahre später, im Dezember 2018, legte der Spiegel einen Betrugsfall im eigenen Haus offen. Relotius, mittlerweile 33 Jahre alt und fest beim grössten Nachrichtenmagazin Deutschlands angestellt, hatte in seinen Reportagen wichtige Fakten, Personen, Zitate erfunden und sogar ganz ausgedachte Geschichten fabriziert.

Die Aufklärung des Medienskandals hatte der Spiegel-Mitarbeiter Juan Moreno ins Rollen gebracht, nachdem er mit Relotius den Text Jaegers Grenze geschrieben hatte. Moreno reiste zum Ursprung der Unwahrheit dieser Reportage, an die Grenze der USA zu Mexiko. Er fand heraus, dass Relotius die Bürgerwehr, die angeblich Jagd auf Einwanderer machte, nie getroffen hatte. 

Relotius löste eine Debatte über die Form der Reportage aus, Storytelling im Journalismus geriet unter Generalverdacht. Viele Kollegen überprüften ihre Arbeitsweisen, Redaktionen bauten ihr Fact-Checking aus, setzten neue Standards. Als Publikation, die ausschliesslich Reportagen veröffentlicht, spüren wir die Nachwirkungen dieses Skandals bis heute. Unbeantwortet blieb die Frage, warum Claas Relotius Redaktionen und Leser getäuscht hatte. Die Spiegel-Aufklärungskommission, die den Fall monatelang unabhängig aufarbeitete, fokussierte sich auf redaktionelle Abläufe.

Im September 2019 veröffentlichte Juan Moreno das Buch 1000 Zeilen Lüge, in dem er den Fall Relotius aus seiner Sicht aufarbeitete. Moreno beschreibt einen ehrgeizigen Reporter, der systematisch und kalkuliert vorging, um Karriere zu machen. Mit Relotius hatte er nicht gesprochen. Er ist ihm auch nie persönlich begegnet.

Claas Relotius befand sich nach der Aufdeckung für mehrere Monate in stationärer psychiatrischer Behandlung. In dieser Zeit kontaktierte er die Redaktion von Reportagen, um sich zu entschuldigen. Wir blieben in Kontakt. Ein Interview zu führen, war zu dieser Zeit kein Thema. 

Erst im Sommer vergangenen Jahres trafen wir, Chefredakteur Daniel Puntas Bernet und die Reporterin Margrit Sprecher, die Relotius' ersten Text in unserem Magazin mit dem ersten seiner vier Reporterpreise als Jurymitglied ausgezeichnet hatte, Relotius mehrmals zu ausführlichen Gesprächen in Hamburg. Dabei erlebten wir einen Menschen, der zwischen extrem hoher Konzentration und phasenweiser Abwesenheit schwankte. Der verunsichert wirkte und nach seiner Entlassung aus der Psychiatrie eine ambulante Therapie begonnen hatte.

Relotius versicherte uns, unsere Fragen mit aller Offenheit beantworten zu wollen, auch wenn es ihm schwerfalle, aufrichtig zu erklären, was er selbst kaum begreifen könne. Er sprach über Phasen von «Realitätsverlust» und «psychotischen Störungen». Wir hatten unsere Zweifel: Wie begegnen wir einem, von dem nicht nur wir über Jahre hinweg getäuscht wurden, mit der nötigen journalistischen Distanz? Was kann man jemandem, der so viel gelogen hat, noch glauben?

Wir entschieden uns, das zu tun, was unseren Beruf ausmacht: Zuhören, Nachfragen und Recherchieren. Wir haben uns Zeit genommen, um uns ein möglichst umfangreiches Bild zu machen und Relotius' Schilderungen zu überprüfen. Wir konnten mit dem behandelnden Psychiater und Therapeuten sprechen und haben Einsicht in psychiatrische Berichte erhalten. Wir haben frühere Kollegen von Relotius beim Spiegel kontaktiert. Einige gaben, zum Teil anonym, Auskunft, andere schwiegen. Wir haben mit seinem privaten Umfeld gesprochen – mit engen Weggefährten, langjährigen Freunden und ehemaligen Kommilitonen. Ausserdem baten wir unabhängige psychiatrische Experten um Einordnung. Am Ende unserer Recherche ist dieses Interview entstanden. 

 

Reportagen: Herr Relotius, vor zweieinhalb Jahren erschütterte die Tatsache, dass Sie über Jahre hinweg für den SPIEGEL und andere Blätter erfundene Reportagen geschrieben hatten, die Medienwelt. Sie selbst haben öffentlich fast die ganze Zeit geschwiegen. Warum?

Claas Relotius: Ich habe riesigen Mist gebaut. Das habe ich versucht mit professioneller Hilfe aufzuarbeiten, und ich versuche es bis heute. Dafür habe ich diese Zeit gebraucht, in der ich auch Menschen persönlich kontaktiert habe, denen ich geschadet habe.

Weshalb haben Sie sich entschlossen, sich öffentlich zu äussern?

Ich habe als Journalist gearbeitet, aber über Jahre hinweg Dinge geschrieben, die nicht stimmten. Damit habe ich nicht nur einzelnen Menschen Unrecht getan, sondern auch Lesern, Kollegen und Redaktionen, die mir vertraut haben. Es gibt Leute, die an eine sogenannte Lügenpresse glauben oder daran, dass Journalisten arrogante Menschen seien. Mein Verhalten hat diese Verschwörungstheorien scheinbar bestätigt. Ich kann das nicht wiedergutmachen, aber versuchen zu erklären, dass mein Handeln nichts damit zu tun hatte, sondern mit meinen persönlichen Fehlern.

Wollen Sie nicht vielmehr Ihr öffentliches Bild korrigieren?

An dem, was ich getan habe, gibt es nichts zu korrigieren, es liegt alles da. Aber ich bin Antworten schuldig. Und ja, ich möchte auch versuchen zu erklären, warum ich das getan habe. 

In Ihrem bisher einzigen öffentlichen Statement stand, nicht «karrieristisches Kalkül» stehe hinter Ihrem Handeln, sondern «krankhafter Realitätsverlust». Sie wirken keineswegs krank.

Wie wirkt denn jemand, den man als erkrankt bezeichnet? Ich lege keinen Wert auf dieses Label. Ich kann bei mir heute Phasen oder Denkweisen sehen, die verstörend oder wohl einfach nicht normal sind, aber ich weiss nicht, wo dieses «Krank» beginnen soll. Hätten mich Freunde vor drei Jahren gefragt, ob ich vernünftig meine Arbeit mache, ob ich mit beiden Beinen im Leben stehe ‒ ich hätte in voller Überzeugung «Ja» geantwortet.

Sie haben sich, als die Affäre öffentlich wurde, in stationäre psychiatrische Behandlung am Hamburger Universitätsklinikum begeben. Nach zwei Monaten sind Sie in eine andere Klinik gegangen, weit weg von Hamburg. Insgesamt waren Sie sechs Monate in stationärer Behandlung. Die Medienbranche war mit dem Aufräumen des Scherbenhaufens beschäftigt, den Sie hinterlassen hatten. Womit haben Sie sich befasst?

Ich habe in einer Therapie versucht zu begreifen, was ich getan habe und warum. Ich war jeden Tag mit den Fragen von aussen konfrontiert und habe mich weitgehend mit dem öffentlichen Bild identifiziert, mich selbst als skrupellosen, gewinnsüchtigen Menschen gesehen. Äusserlich habe ich versucht, damit umzugehen. Innerlich war ich noch Monate später überzeugt, es sei in vielen Fällen absolut richtig gewesen, eine Geschichte genau so zu schreiben, wie ich sie geschrieben hatte.

Im Klinikbericht steht, Sie hätten starke Schuldgefühle gehabt, vor allem gegenüber Kollegen. Gleichzeitig seien Sie verunsichert darüber gewesen, ganz anders auf Ihr Handeln zu schauen als sogar die Menschen, die Ihnen am nächsten stehen. 

Ich kann das nicht in einem Interview erklären. Ein Teil von mir hat an dieser offensichtlich falschen Sichtweise, die ich über Jahre hatte, festgehalten. Ich habe gesehen, was ich angerichtet habe, habe die öffentliche Wut gespürt, aber ich bin von dieser Vorstellung auch nach dem Skandal nicht einfach weggekommen.

Das ist schwer nachzuvollziehen.

Ich habe mehr als ein Jahr gebraucht, um ansatzweise zu begreifen, wie ich an diesen unmöglichen Punkt kommen konnte. Das hemmungslose Schreiben hatte für mich eine ganz egoistische Funktion. Es hat mir geholfen, Zustände, in denen ich den Bezug zur Realität verloren habe, zu bewältigen, zu kontrollieren und von mir fernzuhalten. Schon lange vor dem Journalismus. Ich habe diesen Beruf auf eine Art von Anfang an missbraucht.

Um Realitätsverlust geht es in einem wesentlichen Teil Ihrer psychiatrischen Aufarbeitung. Im Kontext eines Fälschungsskandals klingt das nach einer zu einfachen Erklärung.

Es gibt keine einfache Erklärung und auch keine Rechtfertigung. Es gibt keine notwendige Verbindung zwischen einer psychischen Störung und dem Schreiben der Unwahrheit in einem Nachrichtenmagazin. Viele Menschen haben seelische Probleme. Man muss deswegen keinen Medienskandal verursachen.

Ihr ehemaliger Kollege Juan Moreno zeichnet in einem Buch über den Fall das Bild eines genialen Betrügers, der von langer Hand den Plan entwickelte, seine Leser und Auftraggeber mit gefälschten Reportagen gezielt zu täuschen, um Journalistenpreise zu gewinnen und schliesslich beim SPIEGEL Karriere zu machen. Moreno behauptet ein System dahinter. Ist irgendetwas falsch an diesem Bild?

Ich kenne Juan Moreno nicht persönlich, bin ihm aber ernsthaft dankbar, dass er mich im Dezember 2018 indirekt gezwungen hat, mich Problemen und Verhaltensweisen zu stellen, die ich schon lange nicht mehr sehen konnte. Was seine Buchveröffentlichung betrifft, wäre ich ihm noch dankbarer gewesen, hätte er mich als den Menschen blossgestellt, der ich auch bin.

Morenos Darstellung liest sich sehr überzeugend. 

Ich habe sie zwei Tage lang selbst geglaubt. Es gibt darin nicht einen Widerspruch. Aber wenn es mir um eine Karriere gegangen wäre, dann hätte ich nicht immer wieder und bis ganz zuletzt Aufstiegsmöglichkeiten, die die meisten Journalisten angenommen hätten, ausgeschlagen. Wenn es mir um Journalistenpreise gegangen wäre, hätte es genügt, in sechs prestigeträchtigen Reportagen gezielt zu erfinden, nicht wahllos in 60 und nie in diesem Ausmass. Ich habe immer wieder wahnsinnig dumme und irrationale Dinge getan. Ich habe gedruckte Belegexemplare von Texten an Personen geschickt, die ich darin vollkommen falsch beschrieben hatte. Ich habe andere Journalisten und Journalistinnen beim Aufsuchen von Orten unterstützt, über die ich zuvor komplett falsch berichtet hatte. Jeder grosse Text ist voller grosser, sinnloser Fehler, die den Text nicht besser machen, aber jederzeit hätten auffallen können. In Texas habe ich sechs Seiten über ein Zeugenprogramm bei Hinrichtungen geschrieben, das es in 16 Bundesstaaten gibt, aber nicht in Texas. In Minnesota habe ich über Trump-Wähler einer Stadt geschrieben, wo auf zehn Seiten nicht einmal Strassennamen oder das Wahlergebnis korrekt waren. Daran ist nichts genial. Der SPIEGEL-Chefredakteur [Anm. der Redaktion: Steffen Klusmann] sagte, was ich getan hätte, sei so irre, dreist, absurd, dass einem die Verfehlungen geradezu ins Gesicht springen. Das stimmt.

Sie haben, wenn Zweifel an Ihren Texten aufkamen, immer wieder Vorwürfe entkräftet. Sie sagen heute, von offensichtlich falschen Sichtweisen überzeugt gewesen zu sein. Symptome wie Wahrnehmungsstörungen und Erinnerungsfälschung spielen bei Ihnen eine Rolle. Verstehen Sie, dass wir Schwierigkeiten haben, Ihnen zu glauben?

Ja. 

Personen, die Ihnen nahestehen, sagen, dass Sie in den Wochen vor der Skandalaufdeckung völlig ruhig waren, obwohl Ihnen hätte klar sein müssen, was passieren würde. 

Ich kann das nicht erklären, aber ich hatte jahrelang nie Angst, nie Zweifel, auch nie ein schlechtes Gewissen.

Über Jahre haben Sie Ihre Leser und Auftraggeber getäuscht, Ihnen erfundene Geschichten als Reportagen verkauft. Und Sie behaupten, dabei kein schlechtes Gewissen gehabt zu haben?

Mir ist bewusst, dass das für Leser, Leserinnen und Journalisten ein Schlag ins Gesicht ist. Und wohl auch für jeden anderen Menschen unbegreiflich.

Insgesamt haben Sie 120 Texte verfasst, grössere und kleinere. Wie viele davon waren journalistisch korrekt?

Nach allem, was ich heute über mich weiss, wahrscheinlich die allerwenigsten. Bei einigen Texten kann ich es einfach nicht sicher sagen. Ich bin erschrocken über mich selbst, noch immer, und es tut mir aufrichtig leid.

Wie erklären Sie das Lesern, die Ihnen vertraut haben, oder Redaktionen, die diese Texte gedruckt haben?

Ich habe in der unverrückbaren Überzeugung geschrieben, es würde bei der Erzählform Reportage keinen Unterschied machen, ob alles 1:1 der Realität entspricht oder nicht. Als seien Reportagen ohnehin nie Tatsachenberichte, sondern immer Geschichten, also verdichtete, konstruierte Wirklichkeiten, und als ginge es in erster Linie darum, Leserinnen und Lesern ein Thema so nahe wie möglich zu bringen. Ich habe es mir damit leicht gemacht und das offensichtlich Falsche für das Richtige halten wollen.

Um sich als junger, ehrgeiziger Reporter einen Vorteil zu verschaffen.

Ich bin ehrgeizig, aber das habe ich nicht aus Ehrgeiz getan. Ich habe mich damit immer wieder über Realitätsverluste hinweggetäuscht, habe damit auch Menschen in meinem Umfeld getäuscht. Kollegen, die ich schätze. Menschen, die ich liebe. Die Abwehr, an mir selbst und teilweise auch an meinem Verstand zu zweifeln, war so gross, dass mich kaum etwas anderes dazu gezwungen hätte als dieser Skandal. 

Laut psychiatrischer Diagnostik erleben Sie dissoziative, psychosenahe und auch psychotische Zustände. Der Begriff Psychose dient als Sammelbegriff für eine Gruppe schwerer psychischer Erkrankungen, die mit Realitätsverlust, Halluzinationen, Wahnvorstellungen, Störungen des Denkens, der Sprache und der Gefühlswelt verbunden sind. In Ihrer Therapie beschäftigen Sie sich damit, Zustände aufzuklären, die bis zu 15 Jahre zurückliegen. Um zu verstehen, was wann und wo passiert sein könnte, haben Sie andere Menschen befragen müssen. Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass etwas nicht stimmt?

Fünf Jahre bevor ich angefangen habe, als Journalist zu arbeiten. Ich war 19 und habe nach dem Abitur in Köln an der Uni meinen Zivildienst gemacht. Der bestand darin, Studenten mit Behinderungen zu Vorlesungen zu begleiten. Auf einem dreiwöchigen Lehrgang habe ich so viel gelesen wie nie zuvor in meinem Leben. Und irgendwann habe ich nur noch die Seiten angestarrt. Zurück bei der Arbeit habe ich Aufgaben, Namen und Vorlesungszeiten vergessen, mich auf dem Universitätsgelände nicht mehr zurechtgefunden.

Wie haben Sie sich das erklärt?

Gar nicht. Ich habe mich erst in den vergangenen zwei Jahren und nur mit professioneller Hilfe damit auseinandersetzen können. Ich hatte all das auch nach dem Skandal nicht einfach präsent, sondern musste lernen, diese Dinge überhaupt zu sehen. Die Zeit hat damals Sprünge gemacht, ich bin nach der Arbeit durch die Stadt geirrt. Einmal stand ich nachts auf der Zoobrücke im Gegenverkehr und wusste nicht, warum. Ein anderes Mal war ich mir sicher, einen Studenten über Tage im Seminar betreut zu haben ‒ bis ich hörte, dass dieser Student im Urlaub war.

Haben Sie mit niemandem darüber geredet?

Ich habe es verheimlicht. Ich habe Stimmen gehört und hatte das Gefühl, andere Menschen könnten meine Gedanken lesen. Nach Wochen habe ich beobachtet, wie an verschiedensten Orten Menschen verschwanden: an der juristischen Fakultät. Am Hauptbahnhof. Im Krankenhaus gegenüber meinem WG-Zimmer. Irgendwann habe ich für all das eine Erklärung gefunden: Ich war mir sicher, dass Menschen an der juristischen Fakultät ohne Prozess verurteilt, am Hauptbahnhof gegen ihren Willen festgehalten und im Krankenhaus maschinell entsorgt werden. Die Strassenbahn diente nur dazu, die Verurteilten vom Straflager in die Entsorgungsfabrik zu bringen. Das war real für mich. Ich war überzeugt, dass das passiert. 

Der auf dem Gebiet psychotischer Störungen erfahrene Psychiater, bei dem Sie seit zwei Jahren in Behandlung sind, sagt, Sie hätten nicht mehr zwischen Innenwelt und Aussenwelt unterscheiden können und zur Bewältigung des gedanklichen Zerfalls eine in sich geschlossene, scheinbar logisch aufeinander aufbauende Welt konstruiert, die es nicht gab. Das psychotische Erleben, so die heutige Lehrmeinung, wird ausgelöst durch einen Dopaminüberschuss im Gehirn und kann grundsätzlich jeden treffen. Wie hat das aufgehört?

Ich habe unbewusst versucht, wieder Ordnung zu schaffen, und angefangen, Gedanken aufzuschreiben. Ich habe Fahrzeiten der Strassenbahn notiert, versucht, Muster zu erkennen, für alles Erklärungen zu finden. Irgendwann habe ich eine juristische Klausur geschrieben, von der ich keine Ahnung hatte. Der Vorgang, Wörter zu sortieren, Sätze zu bauen, das Geschriebene zu ordnen und dabei scheinbar rationale Gedanken zu fassen, hat mir wahrscheinlich geholfen. Ich habe damit zurückgefunden ins Reale.

Wieso haben Sie keinen Arzt aufgesucht?

Weil ich den Zustand abgekapselt habe, ihn nicht als Teil von mir begreifen konnte. Nach Wochen habe ich aus allem herausgefunden, die Strassenbahn weiterhin gemieden, aber ganz normal gelebt. Es gab in den fünf Jahren danach keinen Einbruch mehr in diesem Ausmass. Immer dann, wenn es Einrisse gab, habe ich mich unbewusst in irgendeine Form von Schreiben gestürzt. Ich habe nie Drogen genommen, nie wieder rauschhaft gelesen. Es muss eine Angst geblieben sein, noch einmal in diesem Ausmass die Kontrolle über mein Denken zu verlieren.

Sie haben in Ihrem Erststudium Kulturwissenschaft an der Uni Bremen studiert. Recherchiert man die Liste der Theoretiker, über die Sie in dieser Zeit Arbeiten geschrieben haben – Foucaults «Wahnsinn und Gesellschaft», «Das wilde Denken» von Lévi-Strauss, Watzlawicks «Die erfundene Wirklichkeit» oder Adornos und Horkheimers «Kulturindustrie. Aufklärung als Massenbetrug» – dann wirkt das wie ein Vorgriff auf Ihren Fall.

Ich habe nie einen Zusammenhang gesehen. Ich habe auch später beim Schreiben falscher Reportagen nicht an Konstruktivismus gedacht.

Es geht teilweise um Werke, die die Ansicht vertreten, dass jede Wirklichkeit die Konstruktion derer ist, die diese Wirklichkeit zu entdecken wähnen, wobei sie sich des Aktes der Erfindung nicht bewusst sind. Fehlte Ihnen schon der Respekt vor den Gesetzen der Reportage, bevor Sie Ihre erste Reportage schrieben?

Wahrscheinlich. Sonst hätte ich mich nicht so konsequent darüber hinweggesetzt.

Fünf Jahre nach Ihrer Zivildienstzeit und einer mutmasslich ersten Erkrankungsphase haben Sie in Hamburg Journalismus studiert. Warum wollten Sie Journalist werden?

Ich glaube, weil es in diesem Beruf darum geht, den Überblick zu behalten, und weil es ums Schreiben geht.

Ehemalige Kommilitoninnen erinnern sich an Sie als den Studenten mit den meisten Fehlzeiten, als einen beliebten, aber verschlossenen Menschen, der kaum von sich erzählte. Abendgespräche mit Persönlichkeiten aus der Branche, bei denen sich Türen öffneten, haben Sie häufig geschwänzt. Hat Sie das Handwerk von Anfang an nicht interessiert?

Bei diesen Veranstaltungen ging es nicht um Handwerk, sondern ums Kontakteknüpfen.

Psychotische Störungen verlaufen chronisch oder in Episoden. Im Frühjahr 2010, fünf Jahre nach Ihrer ersten Krise, erlebten Sie möglicherweise eine zweite. Freunde wussten nicht, wo Sie sind und was Sie tun. Sie selbst sagen, Sie wüssten auch nicht genau, was damals über Monate passiert sei.

Nach einer Beerdigung habe ich mir Dinge eingebildet und wieder Stimmen gehört. Ich habe ein vereinbartes Pflichtpraktikum während der Semesterferien kurzfristig abgesagt und bin stattdessen allein nach Kuba geflogen. Warum, weiss ich nicht mehr. In meiner Erinnerung bin ich damals weiter nach Mexiko geflogen, aber ich kann heute keinen Beleg dafür finden, dass ich im Sommer 2010 tatsächlich in Mexiko gewesen bin. 

Wenig später erschien in der WELT eine Reportage mit dem Titel «Mein Nachbar, der Tod». Der Text, Ihre erste veröffentlichte Reportage, handelt von einem namentlich erwähnten Bestatter in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez, den es, wie man heute weiss, nicht gibt. Haben Sie die Grenzen im Journalismus bewusst von Anfang an überschritten? 

In meinem Alltag waren die Grenzen über Monate verschwommen. Die Grenze in einem Text war für mich in dieser Zeit nicht existent. Ich habe das Schreiben benutzt, um wieder Klarheit zu bekommen. Später habe ich mich nicht gefragt, ob wirklich alles so gewesen ist. Ich habe meinen Text in der Zeitung gesehen, mich daran festgehalten und hochgezogen, mich normal gefühlt. Ich hatte es ja hinbekommen, einen Text zu schreiben, der in der Zeitung stand.

Nach Abschluss des Studiums begannen Sie, als freier Autor zu arbeiten. Alle damals entstandenen längeren Texte handelten von Geisteszerfall. Sie schrieben über ein Pflegezentrum in den Niederlanden, in dem Alzheimer-Patienten täuschend echt vorgespielt wird, sie lebten in einem Dorf. Oder über junge Kolumbianer in den Anden, die aufgrund eines Gen-Defekts an Alzheimer erkrankten.

Ich habe keinen Bezug zu mir gesehen. Auch jetzt wäre er mir nicht aufgefallen.

Und Sie wollen auch nicht gesehen haben, dass das Erfinden in Reportagen nichts anderes als Täuschung an Lesern und Redaktionen ist?

Ich hätte das sehen müssen, jeden Tag, aber ich habe das Falsche daran ausgeblendet, weil ich mich oft nur durch diese Art zu arbeiten im Leben halten konnte. Ich habe mir mit jedem Text das Gefühl gegeben, meinen Verstand im Griff zu haben. Ich war innerlich abhängig davon. Das kann ich jetzt sehen, nach zwei Jahren Therapie.

Die Not zu erfinden, ist nicht nachzuvollziehen. Gerade Sie hätten Grund gehabt, sich an die Realität zu halten.

Es gab keine Not zu erfinden, aber eine, ungebremst zu schreiben. Ich habe von Anfang an und auch später beim SPIEGEL sehr häufig das Doppelte, Dreifache eines normalen Textes geschrieben, nur für mich. Textlängen, die nie gedruckt werden. Richtige Reporter sammeln Material und bauen daraus einen Text. Ich bin schon mit einem Wust an Text zurückgekommen und habe dann gekürzt, bis alles extrem geschlossen war und irgendwie Sinn und Ordnung hatte.

In der Therapie, die Sie machen, stand sehr lange das Thema Schreiben als Bewältigungsstrategie von Krankheitsphasen im Mittelpunkt. Es gibt Studien, die nahelegen, dass gerade kreatives Schreiben bei psychotischen Störungen, die mit innerer Fragmentierung, also Gedanken-, Welt- und Sprachzerfall einhergehen, heilsam sein kann. Im Journalismus hat so etwas aber nichts verloren.

Eine Geschichte zu schreiben, ist das eine. Sie einer Zeitung abzuliefern, bedeutet nichts anderes als Täuschung, Fälschung. Ich habe das nicht sehen wollen, sondern mich in Arbeit gestürzt, von da an sechs, sieben Jahre lang praktisch jeden Tag in irgendeiner Form geschrieben. Meistens journalistisch falsch.

Laut der psychotherapeutischen Aufarbeitung haben Sie damals möglicherweise einmal im Jahr mehrwöchige psychotische oder psychosenahe Krisen erlebt. Häufig nach Reisen.

Das stimmt. Es gibt keinen Grund, das hier alles auszubreiten. Nach einer Rückkehr aus Albanien bin ich über mehrere Tage in ein Waldstück bei Hamburg gegangen, um nach einem Störsender zu suchen, der meine Gedanken blockiert und die Kommunikation mit anderen Menschen verhindert. Danach habe ich Freunde getroffen, aber niemandem von meinen geheimen Waldmissionen erzählt, weil ich der Meinung war, andere würden das nicht ganz verstehen.

Der psychiatrische Begriff der «doppelten Buchführung» beschreibt eine Erlebensspaltung und ein gleichzeitiges Nebeneinander von Realität und Wahn. Erkrankte können in der Lage sein, die innere Welt, die in der äusseren Welt nicht adäquat erscheint, für sich zu behalten und krankhafte Gedanken zu verheimlichen. Wollen Sie so auch Ihre Fälschungen erklären?

Die sind nicht mit psychiatrischen Begriffen zu erklären. Ich bin dafür verantwortlich.

Psychotische Störungen sind mit einem Tabu belegt. Welche Rolle hat Scham gespielt, so etwas wie einen Störsender in Ihren Gedanken zu verheimlichen?

Ich habe mich geschämt, wenn mir das Entrückte in irgendeiner Weise klargeworden ist. Es wird einem aber nicht immer klar. Ich kenne andere Menschen mit psychischen Erkrankungen, aber ich habe mich selbst nicht als krank wahrgenommen.

Stress, Einsamkeit und fremde Umgebungen begünstigen psychotische Zustände. Es fällt auf, dass Sie all das geradezu gesucht haben und schon als freier Autor vor allem über Themen im Ausland schrieben. Weil in Deutschland Unstimmigkeiten leichter aufgefallen wären?

Mir war klar, dass im Ausland weniger Menschen mitbekommen, was ich überhaupt mache. Allein mit mir hatte ich ein Gefühl der Kontrolle, gleichzeitig habe ich sie verloren. Als ich im Sommer 2012 von einer längeren Reise nach Israel zurückkam, funktionierte meine Sprache nicht mehr. Ich hatte Angst zu sprechen, habe mich in meinem WG-Zimmer eingeschlossen, Steckdosen abgeklebt. Ich hatte das Gefühl, meine Gedanken verschwinden und fremde Gedanken strömen ein. Der Typ, der am Bahnhof mit sich selbst redet ‒der war in der Zeit ich. Aber statt zu Hause zu bleiben, habe ich versucht, gleich wieder zu verschwinden und Ihrer Redaktion ein Thema vorgeschlagen. Das war wie eine Flucht.

Wie kann es sein, dass Sie sich an abgeklebte Steckdosen erinnern, nicht aber daran, ob Sie in Mexiko gewesen sind? 

Noch vor drei Jahren wäre ich mir sicher gewesen, dass ich in Mexiko gewesen bin, und an das andere hätte ich mich nicht erinnert.

Die Geschichte, die Sie unserer Redaktion vorschlugen, handelt von geisteskranken Mördern, die in einem kalifornischen Hochsicherheitsgefängnis von anderen Insassen gepflegt werden. Sie bekamen den Auftrag, meldeten sich nicht wieder und lieferten irgendwann einen fertigen Text ab. Jeder Satz sass perfekt. Es fällt schwer, diese Perfektion mit der angeblich vorangegangenen Verwüstung in Übereinstimmung zu bringen.

Je grösser meine Verunsicherung war, desto perfekter wurden die Texte. In Hamburg hätte ich keine geraden Sätze schreiben können. Wochen später, im Gefängnis, habe ich ohne Rücksicht geschrieben, um nicht wieder zurückzufallen. Die Beschäftigung mit einem Thema, die Konzentration beim Formulieren, das hat mich abgelenkt. Damit konnte ich falsche Gedanken unterdrücken. Ich hatte das Gefühl, beim Schreiben den Kontakt zur Realität zu behalten. Dass ich journalistisch jeden Realitätsbezug verliere, habe ich einfach ignoriert. 

Heute weiss man, dass Sie zwar im Gefängnis waren, die beschriebenen Menschen aber nicht existieren. Wie hätten Sie reagiert, wenn schon während der Recherche jemand an Ihrer Geschichte gezweifelt hätte?

Ich hätte bewusst gelogen, um genau die Geschichte schreiben zu können, die ich dort gesehen habe. Ich hatte viele Überzeugungen, viel Energie, aber wenig Hemmungen. Tagsüber war ich im Gefängnis, auf der Krankenstation, mit Häftlingen in ihren Zellen, nachts habe ich nicht geschlafen, sondern geschrieben, um auf dem Papier und in mir Ordnung zu schaffen. Dabei habe ich sieben oder acht Häftlinge zu zweien verdichtet. Ich will noch heute glauben, dass diese Geschichte viel über das erzählt, was in diesem Gefängnis passiert. 

Ein Reporter, der mit dieser Argumentation seine Texte verteidigt hat, war Tom Kummer. Einer, der Reportagen fälschte und ganze Interviews erfand, der sich als Künstler sah und über den Journalismus stellte. Teilen Sie diese Haltung?

In Reportagen oder in dem, was ich geschrieben habe, habe ich nie Kunst oder Literatur gesehen. Die macht ja gerade nicht das Geschlossene, sondern das Fragile, Unsagbare und Unsichtbare aus. 

Ein Jahr später wurde dieser Text mit dem Deutschen Reporterpreis 2013 ausgezeichnet. Die Jury lobte: «Eine grosse Geschichte, ein aufregender Stoff, dramaturgisch und sprachlich meisterhaft erzählt.» Heute wird Ihnen vorgeworfen, Sie hätten auf Effekt geschrieben.

Natürlich wollte ich gute Texte schreiben. Ich habe beim Schreiben aber nicht daran gedacht, was wie irgendwo ankommt. Ich war immer nur mit dem jeweiligen Thema und mit mir beschäftigt.

Kurz nach dem Deutschen Reporterpreis bekamen Sie das Angebot, ein zweimonatiges Praktikum im SPIEGEL-Gesellschaftsressort zu machen. Der Effekt hätte nicht grösser sein können.

Stimmt.

Angeblich wollten Sie dieses Praktikum zunächst nicht machen. Weil Sie wussten, dass der SPIEGEL eine Dokumentationsabteilung hat, die jeden Text auf Fakten checkt?

Das wäre logisch gewesen, aber daran habe ich nicht gedacht. Ich habe befürchtet, zwei oder drei Monate lang jeden Tag in ein Büro zu gehen, in dem mehrere hundert intelligente, aufmerksame Menschen arbeiten. Ich hatte die drei Jahre davor vor allem mit mir verbracht, Freunde auf Distanz gehalten, andere Menschen nur gezielt getroffen.

Warum haben Sie das Praktikum trotzdem gemacht?

Ich wollte mir selbst und anderen zeigen, dass ich das kann. Dass ich in einem normalen Arbeitsumfeld funktioniere wie jeder andere auch. Dass das, was ich erlebe, normal ist.

Ihre ersten Texte waren Beiträge für die Kurzrubrik «Eine Meldung und ihre Geschichte». Einschliesslich Ihrer späteren Zeit beim SPIEGEL schrieben Sie insgesamt 40 Texte für diese Rubrik, mit «Tempo» und «Witz», wie das Magazin in seiner Skandaloffenlegung festhielt. Aber genau wie in den grossen Reportagen fanden sich in fast allen Beiträgen kleinere und grössere Fehler oder Falschdarstellungen. Wollten Sie einfach mit jedem Text glänzen?

Die Rubrik ist in der Redaktion ein beliebter, aber unglamouröser Dienst, der jede Woche erledigt wird. Man kriegt dafür keine Auszeichnung, kein Schulterklopfen, erst recht keinen Vertrag. Es wäre irrsinnig, dort auch nur einmal etwas Falsches zu schreiben, um zu glänzen. Es ist komplett sinnlos, das sogar noch in Festanstellung 40 Mal zu tun und jedes Mal für gar nichts alles zu riskieren.

Sie sagten, womöglich seien die wenigsten Texte, die Sie je geschrieben haben, journalistisch ganz korrekt gewesen. Das heisst, Sie haben auch dann, wenn Sie gesund waren, ganz bewusst erfunden.

Ja. Ich habe nicht nur als Reaktion auf Denk- oder Wahrnehmungsstörungen, sondern auch in Phasen ohne für mich heute erkennbare Not zwanghaft daran festgehalten, als ginge es gar nicht anders.

In Phasen von Realitätsverlust nicht auf Fakten zu achten, mag das eine sein. Dasselbe in Klarheit zu tun, ist etwas anderes. Wie können Ihnen da keine Zweifel, keine Gewissensbisse gekommen sein?

Ich habe nicht vor jedem Text eine Wahl treffen müssen. Ich musste mir nichts schönreden. Ich hatte nicht mehr das Gefühl, eine Grenze zu überschreiten, und stand beim Schreiben auch nie vor der Frage, ob ich das so machen kann. Ich habe das offensichtlich Falsche nicht nur verdrängt, sondern vollständig ausgeblendet. In meinem Alltag liefen sehr grosse Widersprüche fast ständig nebeneinander her.

Wie soll man sich das vorstellen, wie gingen Sie vor, wenn Sie ein Thema erhielten? Stand die Geschichte schon am Schreibtisch fest?

Es gab kein systematisches Vorgehen, jeder Text ist anders entstanden. Ich habe nicht einfach möglichst beeindruckende Geschichten am Reissbrett konstruiert, sondern in den allermeisten Fällen recherchiert wie jeder andere auch, mich wochenlang eingelesen, Orte und Personen besucht. Ich hatte wirklich den Anspruch, dem Leser ein Thema so nahe wie möglich zu bringen. Beim Schreiben selbst habe ich mich dann in ganz unterschiedlichem Bewusstsein und auch Ausmass von der Realität gelöst, als ginge es bei Reportagen vor allem darum, Bilder zu erzeugen. Ich habe dabei journalistische Regeln ignoriert, und ich hätte mich deswegen permanent falsch fühlen müssen, aber das habe ich überhaupt nicht.

Sie kennen Debatten um journalistische Ethik, waren umgeben von Leuten, deren Beruf es ist, die Realität abzubilden. Wie wollen Sie das ausgeblendet haben?

Es gibt Fragen, auf die ich keine Antwort habe. Den beruflichen Wahnsinn zu erkennen, hätte wahrscheinlich bedeutet, auch den anderen Wahnsinn dahinter zu erkennen. Dann hätte ich am nächsten Tag nicht mehr in die Redaktion gehen dürfen, sondern an meinem Verstand zweifeln müssen. Ich habe versagt, mir das einzugestehen, und mein Handeln in Jahren nicht mal für zwei Minuten in Frage gestellt.

Sie werden auch gemerkt haben, dass Ihre Texte geschätzt werden, dass Sie damit erfolgreich sind.

Ich habe das als meine Arbeit angesehen und geglaubt, ich mache meine Arbeit gut. Ich habe auch viele Kollegen sehr geschätzt, und natürlich fand ich es toll, wenn Texte von mir gelobt wurden. Wenn Leserinnen oder Leser schrieben, dass diese Texte etwas in Ihnen ausgelöst hätten, hat mich das noch mehr bestärkt.

Erfolgreich wurden Sie vor allem mit Ihren grossen Reportagen für den SPIEGEL. Kritiker werfen Ihnen vor, Sie hätten ein bestimmtes Weltbild bedient, um damit durchzukommen.

Ich habe nie an Durchkommen gedacht. Der Vorwurf kommt vor allem aus der rechten Ecke, hat sich an einem Text über geflüchtete Kinder und einem Text über Trump-Wähler entzündet und irgendwie verselbständigt. Dabei spielten bei den allermeisten Themen Weltbilder gar keine Rolle. Ein Dokumentar, der Texte auf faktische Fehler prüft, wird auch keine Einwohnerzahl weniger prüfen, weil ihm das Weltbild gefällt. Auch kein Ressortleiter wird den Text weniger kritisch betrachten. Im Gegenteil.

Viele Ihrer grossen Texte ‒ zu Themen wie dem Syrienkrieg, Guantánamo, Rassismus in den USA – bestätigten das Weltbild der Leser und Redaktionen. 

Wie soll ein anderes Weltbild zu diesen drei Themen aussehen? Nach einer Geschichte über Abtreibungen in Mississippi musste ich wütende Leserreaktionen beantworten. Eine Geschichte über die Todesstrafe in den USA wurde offenbar aufgrund ihrer zu kontroversen Haltung von einzelnen Juroren des Reporter-Forums abgelehnt, wie nachzulesen war. Ich weiss nicht, wie das ins Weltbild einer liberalen Redaktion passen soll. Gerade im SPIEGEL-Gesellschaftsressort ging es um das Aushalten von Widersprüchen.

Gleich drei Ihrer grossen Geschichten haben von Kriegsflüchtlingen gehandelt und Auszeichnungen erhalten. Der Verdacht liegt nahe, dass Sie um die Vorlieben der Journalistenpreis-Jurys wussten. 

In allen drei Fällen hatte ich mir das Thema nicht selbst ausgesucht. Ich wurde, was selten vorkam, beauftragt. Bestimmt hatten diese Texte eine Schlagseite. Ich weiss nicht, wie man ambivalent über Kriegswaisen schreiben soll.

Laut Aufarbeitung des SPIEGELS sei auch Ihr vielbeachtetes Interview mit Traute Lafrenz, einer Unterstützerin der Weissen Rose, nicht ganz «akkurat».

Es fällt mir schwer, mich dazu angemessen zu äussern. Ich bin Frau Lafrenz nach langer Vorbereitung mit viel Demut begegnet und wollte, dass man in Deutschland unbedingt von ihr erfährt. Ihr zuzuhören, war eindrucksvoll. Das Gespräch in den USA wurde zum Teil auf Englisch, zum Teil auf Deutsch geführt. Es brach zwischendurch aber auch immer wieder ab. Um das Transkript lesbar zu machen, habe ich es geschliffen, teilweise Sätze in Formulierungen vervollständigt, die sie in der Biografie des Norwegers Peter Normann Waage verwendet hat. Um einzelne Passagen zu verifizieren, habe ich mich vor Abdruck mit dem Hans-Scholl-Biografen Robert Zoske getroffen. Ich selbst hatte sie vor Ort gebeten, das Interview vorab zu lesen, und habe nach Veröffentlichung versucht, Kontakte zu vermitteln, da ihr nach dem Interview das Bundesverdienstkreuz verliehen werden sollte. Ich hätte all das nicht gemacht in dem Bewusstsein, dass nur einzelne Zeilen falsch wiedergegeben sein könnten. Dass ausgerechnet dieses Interview aufgrund meiner ganzen anderen Verfehlungen überhaupt in den Verdacht der Fälschung geraten ist, ist schlimm. Ich habe Frau Lafrenz als Erster einen Brief geschrieben, um mich zu entschuldigen.

Im Bericht der Untersuchungskommission zu Ihrem Fall hiess es, im SPIEGEL-Gesellschaftsressort habe eine Kultur des Geschichtenerzählens, des Rundmachens geherrscht. Es war die Rede von einem Druck, mit Reportagen Auszeichnungen zu gewinnen. 

Ich habe davon nichts gemerkt. Ich habe in diesem Ressort hervorragende Kolleginnen und Kollegen kennengelernt, die im Gegensatz zu mir richtige Reporter sind und die nicht auch nur einen Text für einen Preis geschrieben hätten. Ich habe überhaupt keinen Journalisten kennengelernt, dem es mehr um Handwerk, Inhalt und die Sache ging als meinem ehemaligen Ressortleiter. Keinen, der sich weniger für Auszeichnungen interessiert hat. 

Trotzdem gewannen Sie in wenigen Jahren mehr Auszeichnungen als die allermeisten.

Wenn ich darauf hingeschrieben hätte, dann hätte ich gezielt prägnante Szenen in ausgewählten Texten dramatisch erhöht, bei denen es drauf ankommt. Ich habe stattdessen wahllos ganze Texte geschrieben, in denen überhaupt nichts stimmte, darunter vor allem völlig unbedeutende, kleine Texte, die niemals in die Nähe einer Auszeichnung gelangen konnten. 

Sie galten in der Redaktion als sehr beliebt. Als jemand, der nicht nur für seine Texte, sondern auch für sein Auftreten bewundert wurde und sich für einfache Arbeiten nicht zu schade war. In vielen Artikeln zum Fall wurde Ihre Hilfsbereitschaft und vor allem Bescheidenheit hervorgehoben. Das alles kann man im Nachhinein als Masche deuten.

Wenn ich jemand wäre, der all das aus Geltungssucht getan hätte oder sich in besonderer Weise über Karriere und Status definieren würde, dann hätte ich die Zeit seit dem Skandal nicht überstanden.

Nach dem Skandal haben Sie sämtliche Preisgelder von sich aus zurückgezahlt. Schon in den Jahren zuvor hatten Sie Preisgelder in voller Höhe an Kinderhilfsorganisationen gespendet. Weshalb?

Weil ich keine Preisgelder für Geschichten über Kinder im Krieg behalten wollte, auch dann nicht, wenn diese Kinder gar nicht existierten.

Sie haben insgesamt 21 000 Euro gespendet. Mussten Sie doch Ihr Gewissen beruhigen?

Nein, nie. Nach dem Skandal waren mir einzelne Spenden gar nicht mehr klar. Ich habe in den Texten auch nie etwas Schlechtes gesehen, und andere Reporter hätten bei solchen Themen das Gleiche gemacht. Aber wenn mein Verhalten in der Redaktion nur eine Masche gewesen wäre, um mich hervorzutun oder Kollegen für mich einzunehmen, dann hätte ich davon erzählt.

Journalistische Erfolge haben in Ihrem Privatleben fast keine Rolle gespielt. Die meisten Ihrer Freunde hatten bis zum Skandal kaum eine Reportage von Ihnen gelesen. Auch Sie haben selten davon erzählt. Weil Ihnen klar war, wie diese entstanden sind?

Ich verstehe, dass man das denken muss. Wenn mir jemand zu einem Text gratuliert hat, habe ich mich ehrlich gefreut. Ich würde einfach grundsätzlich eher nicht von mir aus von so etwas erzählen.

Als freier Mitarbeiter war Ihnen im Frühjahr 2015 eine Festanstellung beim SPIEGEL angeboten worden. Sie lehnten die Traumstelle mit dem Hinweis ab, dass Sie sich um eine Schwester kümmern müssten, die Sie nicht haben. Warum?

Ich habe mich im Jahr 2015 tatsächlich um jemanden gekümmert. Eine Erinnerung an die Absage habe ich nicht, aber ich habe auch keine Schwester. Als ich in einem späteren Moment noch einmal darauf angesprochen wurde, habe ich das nicht aufgelöst, sondern einmalig aufrechterhalten und damit gelogen, weil ich über mich selbst erschrocken war und es mir unendlich peinlich war. Der Punkt ist, ich hätte mir die Festanstellung zu dieser Zeit wirklich nicht zugetraut.

In der gleichen Woche, als Sie die Stelle beim SPIEGEL ablehnten, sprachen Sie auch privat von Ereignissen, die nicht real waren. Einen Menschen, der Ihnen nahesteht, haben Sie wiederholt dazu gebracht, an seinem eigenen Verstand zu zweifeln.

Ich habe den Menschen, den ich am meisten liebe, leiden sehen und trotzdem an meiner Realität festgehalten, um nicht an mir zweifeln zu müssen. Genau so habe ich mich Jahre später auch gegenüber Juan Moreno verhalten, als dieser alles aufdeckte und zeitweise wohl auch an seinem Verstand zweifeln musste, weil ich unerbittlich an etwas festgehalten habe.

SPIEGEL-Kollegen, aber auch Privatpersonen schildern Sie als Menschen, der häufig zwischen entrückter Abwesenheit und höchster Konzentration schwankt. Vielen ist Ihr scheinbar extremes Gedächtnis aufgefallen. Auch dass Sie häufig unruhig wurden, wenn Sie nicht arbeiteten. Dass Sie derart den Bezug verlieren, hat niemand wirklich erkannt. Wie lässt sich das verbergen? 

Die Phasen bestimmen nicht mein ganzes Leben. Das zu verbergen, bedeutet, einen Teil abzukapseln, der in Momenten gross werden kann. Ich habe versucht, häufig allein zu sein. Es gab und gibt aber Phasen, in denen ich es nicht merke. Das bedeutet, im Nachhinein Brände austreten zu müssen, Unsicherheiten zu überspielen, sich selbst und andere darüber hinwegzutäuschen und sich umso kontrollierter, selbstsicherer zu präsentieren. Ich habe das so automatisch gemacht, dass ich mir tatsächlich ganz normal vorkam. Genau wie mir die Arbeit ganz normal vorkam.

In den knapp zwei Jahren Festanstellung beim SPIEGEL schrieben Sie nicht nur die meisten, sondern in der Regel auch die längsten Texte aller Reporter. Sie sagen, das Schreiben habe Ihnen geholfen, Klarheit zu behalten, sagen aber auch, dass Sie selbst dabei den Bezug zur Realität verloren hätten. Wie soll das zusammenpassen?

Je länger ich irgendwo mit mir allein gewesen bin, desto mehr ist das passiert. In der Stadt Fergus Falls in Minnesota war ich vier Wochen und habe dort einen Text geschrieben, der überhaupt nichts mehr mit diesem Ort zu tun hatte.

Im Dezember 2016, während der Schlacht um Mossul, recherchierten Sie im Nordirak. Kontoauszüge zeigen, dass Sie dort umgerechnet gut 4500 Euro in irakischen Dinar abgebucht haben. Wofür braucht man so viel Geld in einem Kriegsgebiet?

Nicht fürs Hotel, auch nicht für Fixer oder Mietwagen. Ich war Monate vorher schon mal dort gewesen, bei einem Mann, dessen Bruder auf der Flucht in einem Kühllaster zwischen Ungarn und Österreich erstickt ist. Ich erinnere mich, dass ich diesem Mann und seiner Familie Geld geben wollte, um sie aus dem Land zu bringen, dass ich für sie Flugtickets nach Istanbul gekauft und am Flughafen auf sie gewartet habe, sie aber nie erschienen sind. Es kann auch sein, dass alles ganz anders war und ich mir Teile davon nur eingebildet habe. 

Wie soll man glauben, dass sich ein SPIEGEL-Redakteur, der scheinbar problemlos in Kriegsgebiete gereist ist, derart verliert?

Ich erwarte nicht, dass man das nachvollziehen kann.

Wir haben für dieses Interview mit verschiedenen Experten für psychotische Störungen gesprochen. Eine hohe Intelligenz kann Erkrankten helfen, Symptome zu kompensieren und vor Mitmenschen zu verheimlichen. Das Gleiche dürfte für systematischen Betrug gelten.

Wenn mir Widersprüche klar geworden sind, habe ich die Fehler in meinen Texten genauso verschleiert wie manche Symptome. Ich habe bei einigen Recherchen vorgegeben zu recherchieren, wenn ich es in Wahrheit gar nicht konnte, gar nicht an den richtigen Orten war oder statt zu recherchieren mit Irrsinn beschäftigt war. Ich habe viel dafür getan und häufig bewusst dafür gesorgt, dass das niemand mitbekommt. Nicht nur im Nachhinein, manchmal sogar schon davor. Ich habe auch Zustände nicht nur im beruflichen Umfeld aktiv verheimlicht, vertuscht, sondern noch viel mehr im privaten. Auf offener Bühne und trotz ständiger Warnungen konsequent das Falsche zu schreiben, ist aber kein systematischer Plan.

Fehler verschleiern ist ein gutes Stichwort: Der Wikipedia-Eintrag zu Claas Relotius wurde nach dem Skandal, ab Frühjahr 2019, von einem Server aus dem Grossraum Hamburg zu Ihren Gunsten verändert. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Ich war in diesen Monaten durchgehend in der Klinik, mehrere hundert Kilometer von Hamburg entfernt. Ich hatte bis zum Skandal auch gar keinen eigenen Wikipedia-Eintrag und kann ausschliessen, dass jemand aus meinem direkten Umfeld das gemacht hat. 

Der Medienwissenschaftler Volker Lilienthal nannte Ihren Fall die Geschichte eines begabten jungen Mannes, der sich willentlich in die berufliche Selbstvernichtung begeben habe. Haben Sie nie an Ihre Verantwortung gedacht?

Ich habe offensichtlich sehr viel Verantwortungsgefühl ausgeschaltet, am meisten gegenüber Kollegen, aber auch gegenüber realen Menschen, über die ich geschrieben habe. Ich hatte beim Schreiben nie niederträchtige Absichten, und ich wollte auch niemanden verletzen, indem ich etwas Falsches schreibe. Dass ich das getan habe, bereue ich am meisten.

Weltweit steht die Arbeit von Journalisten unter Beobachtung. Glaubwürdigkeit ist alles, was diese Branche hat. Sie haben denen, die von Fake News reden, Auftrieb gegeben.

Es ist bitter, das zu sehen. Die allermeisten Texte von mir waren vollkommen unpolitisch, kein Text hatte einen Nachrichtenwert, mein Verhalten sagt nichts über den Journalismus aus. Der SPIEGEL hat sämtliche seiner Recherchen unabhängig überprüfen lassen müssen, und herausgekommen ist, dass seit mehr als 70 Jahren praktisch sämtliche Recherchen korrekt sind.

Besonders grosse Empörung löste Ihr Text über die Trump-Wähler in der US-amerikanischen Kleinstadt Fergus Falls aus. Sie durften gut einen Monat vor Ort sein und haben der Redaktion am Ende eine zehnseitige Geschichte geliefert, in der ausser der Jahresdurchschnittstemperatur überhaupt nichts stimmte. Was haben Sie dort die ganze Zeit gemacht?

Ich bin zwei Wochen lang jeden Tag vom Motel an der Interstate in den Ort gelaufen, um Bewohner zu treffen. Ich habe mit mehr als 20 Menschen gesprochen, fünf verschiedene Kirchen besucht, auf der Polizeistation oder in der Schule habe ich mir Notizen gemacht, bei Interviews im Rathaus oder beim Diner lief manchmal ein Tonbandgerät mit. Wie bei jeder Recherche habe ich niemandem gegenüber verschwiegen, wie ich heisse und für welches Magazin ich schreibe. Ich habe vor Ort keine Spuren verwischt. Ich habe den Artikel sogar angekündigt und gesagt, wann und wo er zu lesen sein werde. 

Wir haben mit dem Bürgermeister gesprochen, der dies bestätigt. Nach zwei Wochen berichteten Sie damals der Redaktion: «Ich sehe hier nichts.» Kurz darauf, von einem Abend zum nächsten Morgen, vermeldeten Sie verschiedenen Personen zu Hause, Sie hätten es jetzt. Was war passiert?

Ich bin an einem Abend aus der Stadt zurückgelaufen, mit sehr vielen Gedanken gleichzeitig. Als ich beim Motel ankam, hatte ich die ganze Geschichte im Kopf, die ich in derselben Nacht runtergeschrieben habe. 

Sie waren mit einem Rechercheauftrag für vier Wochen in den USA und haben die Geschichte in einer einzigen Nacht erfunden?

Ja.

Was haben Sie in den restlichen zwei Wochen gemacht?

Ich bin unruhig geworden. In der dritten Woche habe ich einen Wagen gemietet und bin von Minnesota nach North Dakota gefahren, in das Gebiet Standing Rock, durch das Trump eine Pipeline legen wollte. Menschen zu Hause habe ich glauben lassen, ich sei weiterhin in Fergus Falls und würde recherchieren. Ich habe verschwiegen, dass ich ohne Auftrag in einem anderen Bundesstaat war, um noch einen Text schreiben zu können.

Wir haben keine Gelegenheit zu überprüfen, ob das stimmt. 

Acht Monate später, während einer weiteren USA-Reise mit ursprünglich nur einem Auftrag, ist auf genau diese Weise ein zweiter vollständig falscher Text entstanden, der gedruckt wurde.

Wir wissen, dass Sie kurz vor dieser Reise ein Fernsehredakteur kontaktierte, der einen Film über Fergus Falls drehen wollte und Ihnen von der Unzufriedenheit eines Bewohners über Ihren Text berichtete. Während Ihrer Reise konfrontierte Sie auch unsere Redaktion mit unangenehmen Fragen zu einer vier Jahre alten Geschichte. Hatten Sie keine Angst, dass da zwei Bomben gleichzeitig hochgehen könnten?

Nein. Ein Journalist würde nie in die Situation kommen. Ein genialer Betrüger würde vermutlich spätestens jetzt korrekt arbeiten. Meine Reaktion war, wie in anderen Fällen auch, einfach noch zwei Geschichten zu schreiben, weil es mir innerlich Sicherheit gegeben hat. Für die zweite, einen Text über den Footballer Colin Kaepernick, hatte ich wieder gar keinen Auftrag, die Redaktion hat nichts verlangt. Es gab keinen Druck, keine äussere Not. Die war nur in mir.

Sie müssen erkannt haben, was in Ihren Texten falsch ist. Sonst hätten Sie Zweifel nicht immer wieder entkräften können.

Wenn ich mit Fehlern konfrontiert wurde, habe ich reflexartig Erklärungen dafür gefunden, auch für mich selbst. In anderen Momenten habe ich sehr bewusst gelogen, in der Überzeugung, dass andere nur nicht verstehen könnten, warum ich die Geschichte genau so schreiben musste.

Geschickte Handlungen, die auf Kalkül hindeuten, vermischen sich mit Irrsinn. In Ihren Texten finden sich vielfach leicht überprüfbare, haarsträubende und vor allem unnötige Falschdarstellungen, die den Text nicht farbiger oder besser machen. Ihre Geschichte über Fergus Falls beispielsweise beginnt mit einem Wald, obwohl dort kilometerweit nur Steppe ist. Das Wahlergebnis haben Sie sogar weniger dramatisch dargestellt, als es tatsächlich war. Wie wir wissen, haben Sie – wie auch in anderen Fällen – Einwohnern der Stadt trotzdem Belegexemplare geschickt. Was haben Sie sich dabei gedacht?

Nichts. Es gibt viele Fotos von mir auf Preisverleihungen, jeder muss auf diesen Fotos einen eiskalten Blender sehen. Das meistpublizierte Bild stammt vom Liberty Award 2017, und die Person, die man dort sieht, sieht tatsächlich keine Probleme, diesen Preis entgegenzunehmen, hat keinen einzigen zweiten Gedanken. Genauso wenig wie ich zwei Tage später ein Problem darin gesehen habe, den zehnseitigen, beleidigend falschen Text nach Fergus Falls zu schicken an Menschen, über die ich darin falsch berichtet hatte.

Wollten Sie manchmal, dass alles auffliegt?

Das Wort Auffliegen war überhaupt nie da. Zwei Jahre später, als es um die Bürgerwehr in Arizona ging, die ich nie getroffen hatte, stand ich im Layout neben Kollegen, um Archiv-Fotos zu sichten. Es gab genügend Bilder, auf denen keine Gesichter der Protagonisten zu sehen waren. Damit wäre auch nichts nachprüfbar gewesen. Ich selbst bin es gewesen, der ohne jede Not die Bilder mit den Gesichtern jener Nationalisten ausgewählt hat, die Juan Moreno dann besuchen konnte. Dass ich sie nie getroffen hatte, das war zeitweise nicht mehr in meinem Kopf. 

Ihr ehemaliger Kollege musste Ihnen hinterherreisen, um zu beweisen, dass Sie die Arizona-Geschichte erfunden hatten. Konfrontiert mit seinen Vorwürfen, haben Sie diese so überzeugend entkräftet, dass Moreno zeitweise als Nestbeschmutzer dastand. Wie konnten Sie das tun? 

Ich hatte keinerlei Schuldbewusstsein. Es ist gekippt, als mir Handy-Videos gezeigt wurden, auf denen Männer dieser Bürgerwehr in die Kamera sagten, sie hätten mich noch nie gesehen. Trotzdem habe ich weiter an meiner Vorstellung festgehalten. Ich war nicht in Panik, sondern bis zuletzt ganz ruhig, habe ernsthaft überlegt, nach Arizona zu fliegen, um zu belegen, dass ich recht habe. Ich habe dazu auch E-Mails manipuliert, um andere und mich selbst davon zu überzeugen. Ich habe ignoriert, in welche Lage ich Juan Moreno und meine Vorgesetzten damit bringe.

Sie nahmen in Kauf, dass Moreno nicht nur seinen Ruf als Journalist, sondern möglicherweise auch seinen Job verliert. Es heisst, Sie hätten sogar gesagt, er werde jetzt leider entlassen.

Ich habe die Person, der gegenüber ich diesen Satz gesagt haben soll, danach gefragt. Diese Person hat nicht nur mir gegenüber bestätigt, dass dieser Satz nie gefallen ist. Ich wusste zu keinem Zeitpunkt von einer Entlassung, weiss es bis heute nicht und möchte mich zu Morenos damaliger Position beim SPIEGEL nicht äussern. Fest steht, dass ich skrupellos in Kauf genommen habe, dass er in der Redaktion gegen Wände anrennen, um seinen Ruf fürchten und sich meinetwegen sogar noch rechtfertigen musste, obwohl er mit allem recht hatte. 

Ende 2018, also zur gleichen Zeit, sollte die Leitung des Gesellschaftsressorts weitergegeben werden. Laut Moreno standen Sie als künftiger Ressortleiter fest und hätten sich als solcher bereits mit Kollegen von SPIEGEL TV getroffen, um eine Kooperation zu besprechen. Sie seien am Ziel gewesen.

Es war nie mein Ziel, und es stand auch nie fest. Ich habe zu keinem Zeitpunkt zugesagt, und ich hatte auch nie ein konkretes Angebot. Ich habe mich auch nie mit Kollegen von SPIEGEL TV getroffen. Das sind Behauptungen für ein Buch, das Antworten geben will, die es nicht geben kann.

Laut Moreno wären Sie auch deswegen am Ziel gewesen, weil Sie keine eigenen Texte mehr hätten schreiben müssen und Ihre alten im Archiv verschwunden wären, online nicht mehr verfügbar. Sie hätten aufgehört, als Reporter zu arbeiten und nicht mehr auffliegen können. Darauf läuft der ganze Spannungsbogen, das «System Relotius», hinaus. 

Das genaue Gegenteil stimmt. Es gibt drei ehemalige Vorgesetzte, die bestätigen können, dass ich nicht aufgehört hätte und mir die Position vielmehr völlig egal gewesen wäre, solange ich nur weiter in der gleichen hohen Frequenz hätte schreiben können. Sämtliche Archiv-Texte aller SPIEGEL-Autoren sind bis heute frei verfügbar, auch die von Moreno selbst. Würde es stimmen, dass die Ressortleitung feststand und diese mein strategisches Ziel gewesen wäre, dann hätte ich bei der letzten Recherche auch keinen irrsinnig falschen Text mehr geschrieben, sondern einfach nichts. Dann wäre ich nicht mehr freiwillig losgeflogen, denn dann wäre ich als karrieristischer Betrüger ja am Ziel gewesen.

Wir haben Juan Moreno Fragen zu diesen und anderen Darstellungen geschickt, die er unbeantwortet liess. Er hat Sie mit seinem Buch zum Hochstapler erklärt. Weder der SPIEGEL noch die Aufklärungskommission verwenden diesen Begriff. Was stimmt?

Wenn es keine Redakteursstellen beim SPIEGEL gäbe, wenn es keine Journalistenpreise gäbe – ich hätte alles genau so gemacht. Aber ich denke bis heute nicht bloss über Realitätsverluste nach. Ich frage mich noch viel mehr, wie ich in so vielen Situationen so gewissenlos handeln konnte. Ich habe aktiv gehandelt und will mich nicht hinter psychischen Problemen verstecken. Niemand hat mich gezwungen, Journalist zu werden. Ich wollte das. Es war meine Entscheidung. 

Das Buch von Juan Moreno wurde in der Branche einhellig gelobt. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen bezeichnete Moreno als «Musterbeispiel eines investigativen Medienjournalisten». Moreno hatte Sie nach dem Skandal per SMS einmalig kontaktiert und Ihnen angeboten, ihm ein Interview zu geben. Sie hätten seinem Bild rechtzeitig entgegentreten können.

Ich war zu dem Zeitpunkt in einer psychiatrischen Klinik und habe so kurz nach allem gar nichts verstanden. Er schrieb, dass er mich nicht brauche, und hat keine Frage gestellt, nur angekündigt, wie gut sich sein Buch verkaufen lassen werde, dass er die Filmrechte schon verkauft habe. 

Nach Veröffentlichung des Buches wurde in Ihrem Auftrag eine Abmahnung gegen Juan Moreno und den Rowohlt-Verlag erlassen. Viele in der Branche sind der Meinung, dass Ihnen das nicht zusteht.

Der Grund, warum ich mich erst nach einem Monat dazu entschlossen habe, war, dass ich derselben Meinung gewesen bin. Mir ist die offensichtliche Ironie und auch das schwer Erträgliche daran, dass ausgerechnet ich mich gegen Falschdarstellungen wehre, sehr bewusst.

Warum dann diese Entscheidung?

Einen Tag nachdem der Regisseur für die Verfilmung angekündigt worden war, sagte mir Morenos zeitweiliger Co-Autor, ein anerkannter, vom SPIEGEL abgestellter Redakteur, wie dieses Buch entstanden sei. Er hatte für seine eigene Recherche auf ein Honorar verzichtet, weil es ihm nicht um einen Bestseller ging, sondern um Erkenntnisse, und mich Monate vorher bereits einmal in der Klinik angerufen. Er sagte und schrieb mir damals, wenn Moreno dieses Buch allein mache, stünde ich da wie der Teufel in Menschengestalt und alle ausser ihm selbst wie Idioten. So sei es nicht gewesen, aber die Leute würden das glauben.

[Die Textnachricht liegt der Redaktion vor] Kurz darauf platzte die Zusammenarbeit mit Moreno. Angeblich, weil der Rowohlt-Verlag mit der Mitarbeit des SPIEGEL-Redakteurs nicht einverstanden war.

Ich habe diesen Redakteur nicht als missgünstigen Menschen kennengelernt, und er steht nicht auf meiner Seite. Nachdem das Buch erschienen war, sagte er trotzdem, dass Morenos Auftritte als Wahrheitssucher eine Inszenierung seien: er gebe eine Recherche vor, die es so nicht gegeben habe. Vor allem habe er nichts über mich als Menschen gewusst, da keine der am Fall beteiligten Personen, kaum jemand aus der Redaktion und niemand aus meinem früheren oder heutigen Umfeld mit ihm reden wollte. 

In uns vorliegenden Textnachrichten macht der SPIEGEL-Redakteur deutlich, dass Moreno an zentralen Stellen Insiderwissen suggeriere, das in Wirklichkeit eine Farce sei. Dass er falsche Dinge behauptet, Zitate gefälscht, teilweise selektiv fragwürdige, negativste Quellen verwendet und sich das, was er nicht gewusst habe, ausgedacht habe. Wir haben mit einer weiteren am Fall beteiligten Person gesprochen, die diese Einschätzungen bestätigt. Es war auch jener SPIEGEL-Redakteur, der Ihnen mehrfach schriftlich zur Klage riet und konkrete Hinweise auf Falschdarstellungen und Fälschungen gegenüber Ihrem Anwalt bestätigte. Öffentlich wollte er sich nicht über einen Kollegen äussern. Warum wurde die Klage bis heute nicht eingereicht?

Ich habe mich nicht in der Position gesehen, jemanden zu verklagen, ohne mich selbst meiner viel grösseren Schuld zu stellen. Ich meine das mit der Dankbarkeit gegenüber Juan Moreno, was sein Handeln im Dezember 2018 betrifft, auch wirklich ernst. Die Abmahnung diente vor allem dazu, ihn zu bremsen, weiter Falschbehauptungen zu verbreiten.

Sie beziehen sich darauf, dass er verbreitete, Sie hätten nur vorgegeben, in einer Klinik zu sein, obwohl Sie es angeblich nicht waren. Der Co-Autor vom SPIEGEL bestätigte, dass Moreno diese Behauptung nicht missverständlich, sondern wider besseres Wissen konstruiert habe.

Er ist damit in Talkshows aufgetreten. Später sagte er dann, er habe nur eine Figur erschaffen. Um mehr ging es nicht, und er hat mit anderen Dingen ja auch recht: meine Agenda sei ich selbst gewesen. Das stimmt, wenn vielleicht auch etwas anders als gemeint. 

In einem Fernsehinterview zwei Monate später antwortete Moreno auf die Frage, warum Sie das alles gemacht hätten, man müsse Sie selbst fragen. Netflix, Amazon und internationale Filmproduktionsfirmen haben das getan und versucht, Sie für eine Dokumentation aus Ihrer Sicht zu gewinnen. Dabei war von Honoraren im sechsstelligen Bereich die Rede. Warum gingen Sie nicht darauf ein?

Der SPIEGEL hat den Fall sachlich aufgeklärt. Ich habe anderen konkreten Schaden zugefügt und möchte hiermit auch öffentlich dafür geradestehen. Dass wieder andere damit nun Geld verdienen und unterhaltsame Bücher und Filme produzieren, ist klar. Ich sehe keinen Grund, da mitzumachen. Für mich geht es hier um mein Leben.

Im Dezember 2018 ist Ihr Leben öffentlich zusammengebrochen. Auch das berufliche Umfeld brach von einem Tag zum nächsten weg. Wie geht es Ihnen heute?

Gesund für mich war nicht das ständige Abtauchen und Schreiben, sondern der Redaktionsalltag. Die feste Struktur, die täglichen Gespräche mit Kollegen ‒ das hat mir mehr geholfen als vieles andere. Es tut weh, dass ich ausgerechnet dieses Umfeld, diese Menschen, so enttäuscht habe. Und es ist nicht so gewesen, dass ich mir nach dem Skandal einfach meiner Probleme bewusst geworden bin. Ich habe weiterhin irrationale Gedanken für mich behalten, genau wie vorher. Die Gefahr besteht, dass ich das auch heute tue und in Zukunft. Erst 14 Monate nachdem alles bekannt geworden war, habe ich es hinbekommen, eine falsche Überzeugung als solche zu erkennen und engsten Menschen davon zu erzählen. Erst seitdem schaffe ich es, einen besseren Umgang damit zu finden. 

Auch für Ihr privates Umfeld war das, was Sie getan haben, ein Schock. Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich habe versucht, auf Menschen zuzugehen und so offen wie möglich Fragen zu beantworten. Das ist mir häufig nicht gelungen. Ich habe trotzdem viel Vertrauen erfahren, vielleicht auch, weil diese Menschen nie den angeblichen «Starreporter», von dem erst nach dem Skandal die Rede war, in mir gesehen haben und andere Dinge wichtiger waren. Ich bin sicher, dass ‒ abgesehen von Printreportern ‒ auch die allermeisten Journalisten meinen Namen bis dahin noch nie gehört hatten. Ich war abseits der Arbeit nie Teil einer Medienszene, in jeder Hinsicht nicht. Dass Menschen, die mir wichtig sind, nicht noch stärker an mir gezweifelt haben, hat mir geholfen.

Ihr Name wird immer für einen der grössten Skandale im deutschsprachigen Journalismus stehen. Wissen Sie, wie die Zukunft aussieht?

Ich habe mich zweieinhalb Jahre lang vor allem damit beschäftigt, die Vergangenheit zu verstehen.

Margrit Sprecher, Daniel Puntas Bernet unterwegs:
Daniel Puntas Bernet