Es begann im Aufzug

Beide sind über achtzig, als die Liebe nochmal anklopft. Die Geschichte von Karins und Walters neuem Frühling.

Sabine Riedel

Wunder suchen sich manchmal die seltsamsten Orte aus. Sie verlangen nicht immer nach einem Ort von ausgewählter Extravaganz – ein Candle-Light-Dinner etwa in einem Restaurant der gehobenen Preisklasse, gestärkte Leinentischtücher, warmes Licht, das kleine Makel in den Gesichtern verzeiht, und auch nicht das Hintergrundgezirpe der Easy-Listening-Musik.

Manchmal ereignet sich ein Wunder im sterilen Ambiente eines mit poliertem Edelstahl verkleideten Fahrstuhls, wo weisses Streulicht von der Decke fällt und jede Unperfektion von zwei Menschen, die sich gegenüberstehen, rücksichtslos akzentuiert.

 

Der männliche Protagonist des Wunders, das sich an einem ganz unspektakulären Wochentag vollzog, der so unspektakulär war, dass sich beide später nicht genau erinnern können, welcher Tag es denn nun war, ein unverkennbar alter Mann, stand im Fahrstuhl, den er im Erdgeschoss eines vierstöckigen Wohngebäudes betreten hatte. Er stand halb hingewandt zu der Tafel mit den Schaltknöpfen, sein rechter Zeigefinger nahm bereits Kurs auf den untersten Knopf, als eine Frau vom Hausflur durch den Spalt zwischen Türrahmen und der sich langsam schliessenden Fahrstuhltür in den Fahrstuhl trat.

Hatte er sie schon einmal gesehen? Er konnte sich nicht erinnern. Dabei lebte er zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahren in diesem Wohnkomplex, einer sich weitgehend im Stillen vollziehenden Nachbarschaft von Wohnungen massvollen Ausmasses, von einer Genossenschaft, konzipiert für alte Menschen, die sich unter den Zumutungen des Alters aus ihrem alten Zuhause in kleine Wohnungen flüchten – mit der Option auf spätere Betreuung. Jedenfalls entspann sich zwischen den beiden ein interessantes Gespräch, sehr inspirierend, wie sich der Mann erinnert, und in der Rückschau ist es doch sehr erstaunlich, wie ein Leben sich verändern kann in der kurzen Zeitspanne, in der ein Fahrstuhl vom Erdgeschoss in die erste Etage rauscht. Das inspirierende Gespräch jedenfalls endete mit der Feststellung, dass man so ein Gespräch unbedingt bei einer Tasse Kaffee fortsetzen müsse – bevor sich die Fahrstuhltür wieder schloss und der Fahrstuhl mit der Protagonistin Kurs nahm auf die vierte Etage.

Wer der Urheber dieser Feststellung war, lässt sich heute nicht mehr klären. Sie meint, die Einladung ging von ihm aus – einem Mann, ganz old school, einem Wertekanon verpflichtet, der Avancen als männliches Privileg betrachtet.

Er sagt: «Die Initiative ging doch von dir aus. Du weisst immer, was du willst.»

Wollte sie ihn?

Vielleicht liess der flüchtige Gedanke, dass er in seinem fortgeschrittenen Alter ein wie auch immer geartetes weibliches Interesse erregen konnte, die Schmach vergessen, dass er in einer ähnlichen Situation im Fahrstuhl mit seiner Einladung zu einer Tasse Kaffee bei seiner Nachbarin in der Wohnung vis-à-vis abgeblitzt war.

 

Jedenfalls, auch wenn sich diese Frage nicht mehr abschliessend klären lässt, ging es dann ganz flott, wie er sich erinnert. Und schon stand sie mit ihrer trotz des Alters ungebrochenen Attraktivität vor seiner Tür.

Sie sagt: «Es verging eine Woche.»

Er sagt: «Wir waren sehr schnell in einem gewissen Ausnahmezustand.

Das ist in unserem Alter ja eher selten.»

 

Sein Name ist Walter, und ihr Name? Karin. Wie angenehm.

 

Also stand sie vor seiner Tür: Karin. Sie ist nicht einfach eine Frau, sie ist eine Erscheinung. Sie betritt nicht einfach eine Wohnung, sie tritt auf mit Aplomb. Ihre Vitalität verlangt nach Raum und Ausdruck, sie lacht viel und herzlich, ihre Emotionalität überrascht die Mitmenschen wie ein freundliches Sommergewitter nach einer langen Phase der Dürre. Ihre zwischen Gletscherblau und Türkis oszillierenden Opalaugen haben auch nach 81 Jahren ihren Glanz nicht verloren und können einen Mann noch immer nervös machen. Zugegeben, sie hat Arthrose im Fuss, und die abgenutzten Halswirbel verlangen regelmässig nach schmerzstillenden Spritzen, aber von diesen Malaisen abgesehen, ist sie eine Frau mit starker Ausstrahlung.

 

War sie nervös wie ein Teenager vor dem ersten Rendez-vous? Nein. Aber als ihre Augen unter den von Mascara beschwerten Wimpern noch einmal kurz vor dem Verlassen der Wohnung ihr Erscheinungsbild im Spiegel kontrollierten, meldete sich flüchtig das Bedauern darüber, dass das Alter ihr ihre Kleiderfigur genommen hatte. Sie war sehr lange sehr schlank gewesen, sie hatte die perfekte Figur für extravagante Kleider gehabt. Dann hatten die Jahre und vier Geburten ihren Körper neu modelliert. Jetzt trägt sie Hosen, aber noch immer Haar von dunklem Walnussbraun, mit gewollter Nachlässigkeit von einem einfachen Band im Nacken zusammengehalten. Und an den Ohrläppchen schimmert der Perlmuttglanz übergrosser, in Gold gefasster Perlen.

So stand sie vor seiner Tür, mit ihrer ganzen weiblichen Präsenz, die ihm ein bisschen Angst machte. Schliesslich hatte er, Walter, jahrelang allein gelebt.

 

Sie lobte seinen Kaffee. Er hatte extra die bessere Kaffeemaschine genommen, die mit den Kapseln, wobei das Unbehagen über den kleinen ökologischen Frevel, den er mit diesen Kapseln beging, sich schnell verflüchtigte.

Sie sassen einander gegenüber am runden, mit einer grob strukturierten Tischdecke bedeckten Tisch, im Licht eines riesigen Lampenballons aus intransparentem Reispapier. Das sanfte Licht war auf ihrer Seite.

Ein vorsichtiges Abtasten mit den Augen. Ein Casting für nicht mehr Casting-Taugliche. Da sass er, Walter, mit der Last seines gelebten Lebens. Die Jahre hatten ihn in eine gewisse Alterskorpulenz gezwungen, die sich um seine Taille zentriert – schütteres, weisses Haar, kleine Augen, die hinter den Brillengläsern den Ausdruck von Verlorenheit annehmen.

 

«Sie interessierte sich für mich», sagt Walter.

«Nicht als Mann. Als Persönlichkeit.» 

 

Das war ihm lange nicht passiert. Er hatte ja so lange mit sich allein gelebt. Er war ein bisschen oder doch ziemlich unsichtbar geworden. Und unsichtbar für sich, denn es gab ja niemanden, in dem er sich spiegeln konnte.

Und nun war da diese Frau, diese Fahrstuhlbekanntschaft, und interessierte sich tatsächlich für ihn. So wurde er durch sie allmählich wieder sehend, er begann sich dank ihrer Opalaugen wieder selbst wahrzunehmen.

 

Sie, Karin, sagt: «Ich war fassungslos, was dieser Mann alles kann.»

 

Und was Walter alles kann – oder doch zumindest einmal konnte: singen. Er sang mit einer Stimme, schwebend zwischen Bariton und Tenor. Jetzt sind seine Stimmlippen müde.

Er strickte Pullover, er kocht noch immer sehr gut und peppt die Tiefkühlkost mit viel Phantasie auf.

Er beschäftigte sich lange mit Fotografie, Fotos, die er digital am Computer verfremdet.

In Karins Wohnung liegt heute ein Album, voll mit Bildern nur von ihr – Porträtaufnahmen, retuschiert, mit Farben von einer Intensität, wie die Natur sie nicht kennt, ein Gesicht, gekrönt von einem Farbkranz, eine Femme fatale mit grossem Hut und provozierendem Seitenblick, Karin als Supermodel auf dem Cover der Vogue. Er schenkte ihr eine schöne altersresistente Illusion – forever young.

 

Er schrieb Erzählungen, Gedichte, Liebeslyrik, hingeseufzte Zeilen an ein unbenanntes Du, gesetzt, gebunden und publiziert in Kleinstverlagen. Natürlich war er nicht Rilke, er schrieb keine Duineser Elegien – Lyrik von einer Wucht wie das Brechen von Wellen an Steilklippen. Und doch übersah er zuweilen in seinem von Leidenschaft gewürzten Schreiben die Gefahr, wie kurz bisweilen der Weg ist von einem übervollen Herzen zur rhetorischen Süssspeise.

Karin, die Rilke liebt und Hesse, las Walters Gedichte.  Zunächst reagierte sie etwas verstört, und Walter tröstete sich mit dem Gedanken, dass es an dem arg verschnörkelten Schrifttypus liegen musste, den die Druckerei ausgewählt hatte, zu viel schweres Parfum, zu viel Damastdeckchen-Ästhetik.

Doch dann war sie ganz hin und weg von seinem künstlerischen Schaffen.

«Wow», dachte Walter. «Die Frau hat verstanden, was ich da mache. Das hatte ich nie.

Zum ersten Mal ist da jemand, der verständige Worte findet.

Verständige, nicht lobende.»

Denn was könnte ihm wohlmeinendes Lob bedeuten aus dem Mund eines Menschen ohne Kunstverstand?

 

So kam sie in seine Welt, unerwartet, unverhofft, fast unwirklich. Sie flutete sein Leben mit ihrer Emotionalität. Sie fand alles grossartig, bewunderte ihn aufrichtig. Liess den alten Mann, der er war, in unbekanntem Glanz erscheinen: diesen Mann mit seiner stillen Liebenswürdigkeit, die sich in kleinen Gesten versteckt, dem Händedruck, nach dem es ihn verlangt − auch in Zeiten einer Pandemie. Es war, als hätte das nicht immer faire Leben 85 Jahre gebraucht, um einen Scheinwerfer einzuschalten und seine gebündelte Strahlkraft auf ihn, den weitgehend unbekannten Künstler Walter, zu richten.

 

Und so begann etwas, das eine letzte späte Liebe werden sollte.

Sie erscheint ihnen heute in manchen Momenten unwirklich. Sie waren ja beide lange schon jenseits eines Alters, in dem die Erwartung, hinter jeder Strassenecke könnte eine neue, aufregende Bekanntschaft auf einen warten, den Schritten etwas Federndes gibt. Mit 80 und darüber waren solche Zeiten vorbei. Sie hatten sich doch beide eingerichtet in diesem winterstarren Zustand der Erwartungslosigkeit.

 

Da sassen sie nun, manchen Nachmittag, im gedimmten Licht von Walters Essecke, und langsam setzte sich die Liebe dazu. Sie tranken Walters guten Kaffee und liessen die grossen und kleinen Momente ihres gelebten Lebens wie gezupfte Rosenblätter auf den Tisch zwischen die Kaffeetassen rieseln.

Es gibt Tage, da staunt Walter noch immer über diese Frau, dieses Wunder an seiner Seite. Wie diese Frau so selbstverständlich mit der Leichtigkeit einer Tänzerin (trotz Arthrose im Fuss) in seine Wohnung geschwebt war und in seinem Leben Platz genommen hatte.

Wie war das möglich?

«Ich habe doch nichts mehr zu bieten», sagt er.

«Ich bin 86.

Ich habe keine Show mehr zu bieten.»

 

Wer ist dieser Walter?

 

In seiner ersten Lebenshälfte bemühte er sich, sich in der Unauffälligkeit einer bürgerlichen Durchschnittsexistenz einzurichten. Er studierte Germanistik und unterrichtete an einer Oberschule, er heiratete früh und bekam mit seiner Frau zwei Söhne. Das Durchschnittsleben empfahl sich, weil das Regime der DDR mit seiner sozialistischen Zwangsbeglückungsutopie keine Extravaganzen duldete. Walter hatte bald genug, 1960 verliess er mit seiner Familie die östliche Ausgabe des geteilten Deutschlands. Im Westen angekommen, verschwendete er sich erneut an eine Generation von Schülern, denen er begreiflich zu machen versuchte, dass der Mensch nicht allein von Brot, Motorrädern und Nagellack lebt. Die Prosa, die Lyrik, die Schönheit und Ernsthaftigkeit der Sprache – waren sie nicht das Brot der Seele? Nun ja.

Immerhin wurde die Bildungsbürokratie auf diesen Mann aufmerksam. Walter wurde Dezernent für Jugendarbeit – zunächst in der niedersächsischen Stadt Hildesheim, dann bei der Bezirksregierung Hannover.

 

Dann kam der Unfall, nicht von ihm verschuldet, der ihn schliesslich aus der Kurve seines Lebens als Familienvater trug. Sein Knie war schwer lädiert, er verbrachte Wochen im Krankenhaus und hatte viel Zeit zum Nachdenken. Er sah seine Hände auf der glattgestrichenen weissen Krankenhausbettdecke liegen: Hände, die eine fast feminine Empfindsamkeit ausstrahlen. Und doch rumorte in ihnen schon eine ganze Weile das Verlangen, sich die Welt gestaltend anzueignen und sie mit neuer Bedeutung aufzuladen. Es verlangte ihn nach kreativem Tun, nach Schöpfertum – und nicht länger nach der täglichen Reproduktion von Wissen und Gewissheiten (das Los eines Lehrers, das er jahrelang klaglos ertragen hatte).

 

Mehr noch: Der Unfall, der lange Dämmerzustand im Krankenhaus, der mit viel Zeit und Musse zum Nachdenken flankierte Genesungsprozess führten ihm den Zustand seiner Ehe vor Augen. Seine Frau und er hatten sich entfremdet. Sie hatte für seinen plötzlichen Hunger nach künstlerischem Schaffen kein Verständnis. Seine Ambitionen rückten ihn in ihren Augen in die Sphäre des Spinnertums, wo ein Mensch, mental und psychisch in einem Zustand permanenter Überreiztheit, für eine Familie, diese Keimzelle der Gesellschaft, unkalkulierbar wird und damit potenziell gefährlich.

Die Scheidung machte aus Walter endgültig einen Suchenden. Das Kunstverlangen, die Sehnsucht nach einem mehr bohèmehaften Leben war seine zitternde Kompassnadel, die nicht zur Ruhe kam.

 

Er zerbrach nicht an der Scheidung, an der Entfremdung von seinen Söhnen, auch wenn er das Scheitern seiner Ehe als eine gewisse Niederlage empfand.

Die Scheidung war eine Zäsur, das gutbürgerliche Leben kippte in das Experimentelle einer Künstlerexistenz.

Er hatte für seine unverschuldete Knieverletzung Schmerzensgeld in beträchtlicher Höhe erhalten. Es war das Startkapital für die Neuerfindung des Menschen Walter. Er kaufte sich eine Fotoausrüstung. «Das war wie eine Explosion», sagt er in der Rückschau, und diese Explosion entlud sich in Bildern von expressiver Farbigkeit, die er verfremdete. Er schuf knallbunte Mischtechniken, Ausschnitte aus dem urbanen Leben. Sie hängen grossformatig und ihre Farbigkeit in das Zimmer ergiessend an den Wänden seiner kleinen Wohnung. Er begann zu schreiben, Gedichte und Erzählungen, er machte eine Gesangsausbildung.

 

Er hoffte nicht mehr auf weiblichen Applaus.

Er verschwendete seine Liebe nicht mehr an den Unverstand leidenschaftsloser Frauen, die in künstlerischen Fragen von einer statuarischen Gleichgültigkeit waren wie ein Garderobenständer.

Seine Liebe galt jetzt der Kunst. Sie war, in all ihren Genres, zu seiner Überraschung weiblich: die Fotografie, die Malerei, die Prosa, die Lyrik, die Musik. Sie wurden zu seinen wahren Geliebten. Sie inspirierten ihn, diese körperlosen Wesen von edlem Geist, sie verlangten Hingabe, die er gerne gab. Er war jetzt ein zufriedener, polygamer Künstler. Er lebte jetzt für viele Jahre sein Alleinsein radikal, sein künstlerisches Schaffen war die Barrikade, hinter der er vor jeder Form von Zweisamkeit und deren Alltagsritualen in Deckung ging.

 

Er kam jetzt ohne den Lobgesang der Frauen aus, wenngleich er gelegentlich das Echo einer kunstinteressierten Öffentlichkeit vermisste. Er hatte kleine Ausstellungen, Ausstellungen von lokaler Bedeutung, die allenfalls von lokalen Medien beachtet wurden. So lebte der Künstler Walter weitgehend isoliert im Echoraum seiner eigenen Urteilskraft.

Das schmerzt ihn noch heute ein wenig. Es ist die zartbittere Note im Nachgeschmack seiner Lebensbilanz.

Und dann kam Karin, beanspruchte zunächst Raum im Fahrstuhl, dann in seiner Essecke und schliesslich in seinem Leben. Am Anfang war er irritiert. Sie brachte sein wohltemperiertes Gefühlsleben, seinen genau getakteten Alltag durcheinander. Aber: «Sie war sich ihrer Sache so sicher. Sie hatte mich erwählt.»

Man wird nur einmal im Alter von 85 Jahren erwählt.

 

Wer ist Karin?

Wer ist diese Frau, die mit dieser Grandezza die Festung seines Altmänner-Singlelebens stürmte?

 

«Mein Leben war grossartig», sagt die, die ihre Begeisterungsfähigkeit gegen alle Gewitterstürme des Lebens verteidigt hat. 1939 beginnt der Zweite Weltkrieg und beginnt ihr Leben, bald vaterlos. Aber die Leerstelle, die der an der Front gefallene Vater hinterlässt, füllen schnell Mutter und Grosseltern. Sie führen ein unstetes Leben an wechselnden Orten in der bayerischen Provinz. Sie macht Abitur, erlangt die allgemeine Hochschulreife und fühlt sich reif für das Eheleben. Sie ist 19, als sie heiratet – einen Mann, der sechzehn Jahre älter ist und wohl nicht nur aufgrund des Altersunterschieds die Position eines Paterfamilias beansprucht. Er heisst Heinz, aber sie nennt ihn siebenundvierzig Ehejahre lang Felix. Felix, der Glückliche.

Dieser Felix also war ein Macho, er hatte das Kommando, sie ordnete sich unter. Der Zeitgeist wollte es nicht anders. Mit 21 bekommt sie eine Tochter, es folgen drei Söhne.

Heinz alias Felix verstand sich nicht auf das Vatersein. Er spielte nie mit seinen Söhnen Fussball, er wusste nicht, wie man einem Kind die Schuhe bindet. Lose hängende Schnürsenkel an Kinderschuhen machten ihm das Ausmass seiner Hilflosigkeit als Vater bewusst. Er rief dann nach Karin, und sie beugte sich, ganz Dienende als Mutter, hinab zu dem Kind mit dem vorgestreckten Fuss.

Das weitgehende Versagen des Vaters in seiner Vaterrolle kompensierte sie mit mütterlicher Hingabe. Das Blutsaugerdasein der vier Kinder erträgt sie nicht nur geduldig, sie liebt es, Mutter zu sein.

Aber Heinz alias Felix tat, was ein guter Paterfamilias zu tun hatte. 
Er sorgte gut für seine Familie, er bot ihnen ein Leben ohne materielle Sorgen, er baute ihnen ein Haus, zunächst in einem Dörfchen im Schwarzwald, dann in einem Dorf in Niedersachsen. Es war ein schönes Haus und bot mit seiner Split-Level-Architektur und seinem weissen Sichtmauerwerk innen und aussen inmitten bäuerlicher Architektur eine gewisse Extravaganz. Ihr ganzes Leben war metropolenfern,
es vollzog sich in der Provinz, wo die Stille sich über Äcker und Wiesen senkt und manche Nachmittage nichts an akustischen Reizen boten 
als das Schnauben der in der Nähe weidenden Rinder oder das Anspringen eines Rasenmähermotors.

 

Sie, die Geselligkeit liebt, den Austausch mit anderen, empfand ihr gesellschaftliches Leben als ungenügend, während Heinz sich selbst genug war. Sie lebten isoliert, sie war oft allein, Heinz alias Felix war beruflich viel unterwegs. Und ausserdem verstand sich dieser selbstgenügsame Mann – da wir gerade einen Blick werfen auf die Sollseite der Ehebilanz – nicht auf Gesten der Zärtlichkeit gegenüber dieser Frau, die nach eigenem Bekunden so viel Zärtlichkeit braucht.

«Wir haben nie zusammen gelacht», sagt Karin.

 

Und jetzt klappen wir das Buch mit der Soll- und Habenseite zu. Denn 2006 stirbt ihr Mann. Sie bleibt allein in ihrem Haus, zwölf Jahre lang, bis ihre in Hannover lebende Tochter sie zu einem Umzug überredet. So entkommt sie im hohen Alter der Provinz und zieht in eine Stadt ohne Metropolenglanz. Obwohl Landeshauptstadt mit Flughafen und Messe, die im Jahr 2000 die Expo ausrichtet, kann sich dieses im Krieg radikal ins Nichts gebombte Hannover nicht wirklich entscheiden, eine Grossstadt zu sein mit dem dazugehörigen urbanen Flair.

Karin wechselt von einem grossen Haus in eine Einzimmerwohnung mit Kochnische und einem Schlafkämmerchen, klein wie ein Alkoven. Die drastische Verkleinerung ihres Lebensraums macht ihr nichts aus, es erscheint ihr als natürliches Habitat für eine alte Frau, die sie nun ist, der Haus- und Gartenarbeit zu belastend wurde. «Ich kann mich schnell von etwas trennen», sagt sie, «auch von Orten, ohne Schmerzen.»

 

Und dann traf sie Walter. Das, was Heinz/Felix ihr nicht bieten konnte, bietet ihr nun dieser Mann. Liebe, unaufdringliche Zärtlichkeit und vor allem das gemeinsame Lachen. Wenn sie zusammen am Tisch in Walters Küchenecke sitzen, lachen sie ständig. Ihr Lachen ist so ausdauernd, so exzessiv, dass man als Besucher den (unbegründeten) Verdacht nicht loswird, dass diese beiden in ihrem hohen Alter sich nicht länger über Belanglosigkeiten wie das Betäubungsmittelgesetz den Kopf zerbrechen und ausgiebig von Haschkeksen naschen.

Karin zitiert gerne Milva, diese italienische Chanteuse, auch so eine Frau mit granatrotem Haar und lodernder Sinnlichkeit:

Du fragst, warum ich so zufrieden

Mit dir zusammenleben kann.

Ich mag dich, weil du klug und zärtlich bist

Und doch, das ist es nicht allein.

Du zeigst mir immer, dass es möglich ist,

Ganz Frau und trotzdem frei zu sein.

 

Das Lied klingt, als wäre es exklusiv für sie geschrieben. 

 

Am Anfang war es nicht leicht, einen Rhythmus zu finden für die neue, unerwartete Zweisamkeit. Sie hatten sich ja eingerichtet in ihrem Alleinsein.

Vormittags gehört jeder sich selbst. Karin in der vierten Etage, dem vom Himmel gespendeten Licht näher, Walter in seiner im ersten Stock gelegenen Wohnung, die er als sehr viel gemütlicher empfindet als Karins Wohnung. Er sucht selten den Weg hinauf in ihre Lebenswelt – in diese von weiblicher Hand mit Sinn für klare Linien arrangierte kühle Schneelandschaft: dominierende Farbe Weiss, etwas Schwarz (der Fernsehsessel), etwas Rot (das Sofa, eine rote Vase aus glasierter Keramik), sparsam hingetupfte Wohnaccessoires.

Mittags kochen sie zusammen. Karin ist nach eigenem Eingeständnis keine gute Köchin, Walter wieder einmal ganz Künstler im Zubereiten von Mahlzeiten. Hier zeigt sich wieder seine Phantasie, seine Experimentierfreude, er versteht sogar etwas von ayurvedischer Küche. Karins Bewunderung ist wieder einmal ehrlich und grenzenlos.

Nach dem gemeinsamen Essen wartet die Siesta. Nach dem Mittagessen trennt man sich, und jeder hält in seinem Schlafzimmer ein Mittagsschläfchen.

 

Die Nachmittagsstunden vollziehen sich im winzigen Aktionsradius von Walters Essecke. Sie gehen kaum noch raus. Auch wenn die hübsch gestaltete, terrassierte Uferlandschaft am nahe gelegenen Flüsschen Ihme sich für einen Spaziergang anbietet. Walters Beine sind müde, eine hinterhältige Polyneuropathie hat das Kommando über seine Beine übernommen.

Manchmal, von der Sonne verführt, schaffen sie es doch an das Ufer der Ihme. Sie geben sich gerne mit ihrer Körpersprache als Paar zu erkennen. Walter schiebt seinen Rollator über den asphaltierten Weg, seine Hände umklammern die Griffe, Karin geht an seiner rechten Seite und legt ihre linke Hand auf seinen rechten Handrücken. Junge Paare begegnen ihnen und lächeln ihnen zu. Sie müssen etwas Trostreiches finden in dieser Geste, die Karin die ganze Wegstrecke lang durchhält – keine Ekstase mehr, kein Sichverzehren mehr nach dem anderen, aber doch noch immer ein, wenn auch auf unaufgeregte Gesten reduziertes, Verlangen nach körperlicher Nähe. Wie schön, wie wohltuend – wie fünf Minuten Sonne nach einem verregneten Tag.

 

Sie gehen nicht mehr an Konzerte, in die Oper (die sie beide lieben), nicht mehr in Ausstellungen. Ihre letzte Operninszenierung, zu der sich Walters Beine mühsam hinbewegten, war für beide und ihren konservativen Geschmack eine grosse Enttäuschung. Eine Zauberflöte, finden sie, sollte man nicht dem Zeitgeist und albernen Anachronismen opfern. So wird ihnen das abendliche Zuhausebleiben erleichtert.

 

Und doch: Das Kulturleben fehlt Karin. Die Bewegung draussen, der Austausch über das gemeinsam Gesehene und Gehörte, und so schleicht sich manchmal in diese gemeinsam gelebte Harmonie der dunkle Gedanke, dass sie sich wieder einmal – ganz Frau und doch nicht ganz frei – einem Mann, wie schon in ihrer Ehe, unterordnet.

 

Sie verbringen die Abende vor dem Fernseher, dem grossen Trostspender und Unterhalter.

Ursprünglich war Walters Wohnung nicht ausgerichtet auf abendliche Zweisamkeit. Anfänglich sassen sie, wenn mit der Tagesschau um 20 Uhr der Fernsehabend begann, auf zwei getrennten Stühlen. Dieses unbequeme Sitzen auf zwei vereinzelten Stühlen deutete eine Distanz an, die sie bald überwunden hatten. Die Anordnung der Stühle im Raum, ihre Vereinzelung, entsprach nicht mehr ihrer Gefühlslage. Walter kaufte ein Sofa, einen Zweisitzer. «Das musste jetzt her», sagt er nachdrücklich und erinnert an einen jugendlichen Verehrer in einem Roman des 19. Jahrhunderts, der, weil es der Anstand gebietet, lange mit Worten und Blumen wirbt, ehe er auf den ersten Kuss hoffen kann. Er suchte das Sofa ganz allein aus, kirschrot, «weichsitzig», wie er sagt. 

Abend für Abend versinken ihre in die Jahre gekommenen Körper in diese Polsterlandschaft aus angenehmem Rot. Karins Kopf mit dem walnussbraunen Haar sinkt an Walters Hals, und für die Dauer eines langen Fernsehabends ruht dieser Kopf in der kleinen Mulde zwischen Hals und Schlüsselbein, die all die Jahre überstanden hat, die auch im Alter ein Mann einer anlehnungsbedürftigen Frau noch bieten kann.

Da sitzen sie nun, eine Frau, die sich noch immer als leidenschaftlich bezeichnet, und er, ein Mann mit der Last seiner 86 Jahre. Dass sein unter der Wucht des langjährigen Alleinseins etwas erstarrter Körper immerhin doch noch subtile Signale der Sinnlichkeit sendet, überraschte, erschreckte und beglückte ihn zuletzt.

 

Wenn es am Anfang ihrer späten Liebe Spannungen gab, dann war der Grund das Fernsehprogramm und die Frage der Herrschaft über die Fernbedienung. Die Herrschaft über diese Kommandozentrale ist nun mal unteilbar.

Zu Walters grosser Irritation liebt Karin Krimis. Ihr erster Mann teilte diese Liebe, Walter nicht. Diese vermeintliche Schwäche pariert er mit einer ins Intellektuelle schwappenden Bemerkung: «Krimis sind a priori nicht klug, weil es um Gewalt geht.»

Er teilt auch nicht so recht ihre Liebe für französische Filme, Filme, die etwas in die Jahre gekommen sind wie sie: mit einer jungen Romy Schneider, der das Alter durch einen frühen Tod erspart blieb, mit einer hinreissend schönen Catherine Deneuve und ihrer blonden Löwinnenmähne, einer Fanny Ardant mit glühenden Granataugen.

Dass der Lieblingsfilm dieser erstaunlichen Frau an seiner Seite ausgerechnet Jules et Jim ist, eine ménage à trois, und ausgerechnet von einer Frau zwischen zwei Männern erzählt, befremdet Walter bis heute. Es ist diese von Truffaut gefeierte Libertinage, die ihn beunruhigt, es ist die Liebe eines Sommers, leicht wie ein hingetupftes pointillistisches Genrebild, das sie liebt.

Karin mag auch Bergman: das Dunkle, Raunende, Wortgemetzel, Kriege, mit Worten ausgeführt, skandinavisch kühle Entzauberung.

 

In ihrer Zeit der Annäherung waren die Abende konfliktträchtig. Es genügte eine Walter unbedenklich erscheinende Bemerkung, und Karin sprang auf, stürmte wortlos aus seiner Wohnung und verbrachte den Rest des Fernsehabends allein. Ihr plötzliches Aufspringen, ihr wortloses-wortreiches Hinausstürmen verstörten Walter und erinnerten ihn auf ungute Weise an die eigene Mutter, eine hochnervöse Frau, wie er sich erinnert, deren prinzipielles Aufgebrachtsein er in der Rückschau als Teil ihrer Persönlichkeit wertet.

«Ich glaube», sagt er heute im Bemühen, die Frau zu verstehen, die so unerwartet-unverhofft in sein Leben marschierte, «das ist bei temperamentvollen Frauen Teil der Natur.

Ich bin ja eigentlich ein stiller Knopf», sagt Walter fast betreten, als wäre seine stille Sanftmut ein Makel in seiner Persönlichkeit, für den er Abbitte leisten muss.

 

Sie wollen keinen Streit, keine Bergmanschen Gespenster, die ihr neues weichsitziges Sofa flankieren, jederzeit bereit, die abendliche Harmonie mit unschönen Worten und Szenen zu vergiften.

So ist der Abend immer wieder der Moment der Konsensfindung. Walters Geschmack und Walters Ohren machen es nicht ganz einfach. Eine Last für diese altersmüden Ohren ist schon diese Unsitte von Filmproduzenten und Regisseuren, alle Sendungen mit einem hochfrequentigen Rauschton, wie Walter sagt, zu durchziehen. Natürlich findet er sich in solchen Momenten wieder einmal im Zustand radikaler Vereinzelung, denn er ist der Einzige, der dieses Rauschen vernimmt, das ihm das Verstehen der Stimmen unmöglich macht. In seiner Verzweiflung schrieb er einmal sogar (handschriftlich) an die Redakteurin einer Sendung und kassierte als Antwort nur einen niederschmetternd arroganten Brief.

 

Was tun? Sie siebten das Fernsehprogramm, wie Goldsucher den Schlamm aus dem Flussbett. Tatsächlich blieben ein paar Goldklümpchen übrig. Literaturverfilmungen, unlängst sahen sie eine gelungene Verfilmung eines Brontë-Romans. Beide lieben sie Konzerte, die Übertragung von Opern.

Sie entdeckten, dass sie beide sanfte Filme mögen, Filme, die einem die Gewissheit geben, dass am Ende alles gut wird und nach finsterer Nacht immer wieder die Sonne aufgeht. Sie verpassen keine Folge der Dauerserie In aller Freundschaft: Das Setting ist ein Krankenhaus, es gibt grosse Dramen, die das Leben schreibt, und zum Glück Ärzte, die fachlich perfekt sind und sich ausserdem noch dem einmal geleisteten hippokratischen Eid verpflichtet fühlen.

 

«Es ist so lebensnah», sagt Walter.

«Sie sind sich alle gut», sagt Karin.

«Sie repräsentieren ein Ethos», sagt Walter, der dazu neigt, das Gesagte auf ein reflektiertes Niveau zu heben.

«Es rührt mich immer wieder», spricht das emotional-impulsive Naturell von Karin. 

 

Und so geht ein Tag zu Ende. Auf dem Balkon vor Walters Küchenecke blühen die Geranien. Sie haben einen langen Sommer lang geblüht. Jetzt im Spätherbst treiben sie letzte Blüten und rebellieren gegen das Wissen, dass nach dem Herbst der Winter naht.

 

 


Im hohen Alter

«Liebe ist ein Stoff, den die Natur gewebt und die Phantasie bestickt hat», schrieb Voltaire. Liebe und Partnerschaft sind zentrale Fragen unseres Lebens – und unserer alternden Gesellschaft. Statistische Daten zu Paarbeziehungen liegen zwar für die meisten europäischen Länder vor, doch enden die Erhebungen oft mit dem Alterssegment 65 bis 80 Jahre – so auch in der Schweiz: Etwa 40 Prozent der Frauen haben keinen Partner, bei den Männern sind es zirka 15 Prozent, was deren geringerer Lebenserwartung geschuldet ist. In Deutschland kommen bei den über 80-Jährigen auf einen Mann drei Frauen. Wenig ist jedoch bekannt über die Art der Beziehungen von Menschen im sogenannten «hohen Alter» – einem in soziologischen Publikationen üblichen Begriff für Menschen über 80. Exakt jener Teil der Bevölkerung also, der aktuell und coronabedingt erhöhte Aufmerksamkeit erfährt, jedoch nahezu ausschliesslich bezüglich der Gesundheit – als Risikogruppe. In einem Essay spitzt Philosoph Ludwig Hasler diese Sichtweise zu, und er fragt: «Wie möchten wir denn sterben – wenn überhaupt?» Die Geschichte von Karin und Walter gibt eine Antwort: «Liebend und geliebt.»

 

Silver Sex

Es gibt nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen zu Sex im Alter. Unterschiedliche Befragungsmethoden erschweren die Vergleichbarkeit der Ergebnisse zusätzlich. Die Berliner Altersstudie II der Berliner Humboldt-Universität, der Charité, des Max-Planck-Instituts und weiterer Forschungsanstalten wartet dennoch mit interessanten Erkenntnissen auf: Der Vergleich mit einer Kontrollgruppe von 20- bis 35-Jährigen und 1600 befragten Menschen im Alter von 60 bis 80 Jahren belegt, dass 30 Prozent der Älteren häufiger sexuell aktiv waren als der Durchschnitt der Jüngeren.

 

Die Autorin

Für Sabine Riedel, die rund zwanzig Jahre jünger ist als die Protagonisten ihrer Reportage, die sie sowohl einzeln als auch zusammen traf, veränderte sich dank Karin und Walter nicht nur der Blick auf die Liebe im hohen Alter: «Ich bin in Niedersachsen aufgewachsen, und die Landeshauptstadt erschien mir immer gesichts- und glanzlos. Seit meiner Begegnung mit Karin und Walter erlebe ich Hannover als freundlicher, denn auch in dieser Stadt kann sich irgendwo, zum Beispiel in einem Fahrstuhl, ein Wunder wie der Beginn einer späten Liebe ereignen.»

 

Mehr von der Autorin:

Reportagen#44  — Für immer Feierabend

Andere Liebesgeschichten:

Reportagen#54 — Amour fou in Udatschny — von Urs Mannhart

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