Europäische Weicheier

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Franzosen sind politische Banausen und Deutsche naiv: Mit dem verbalen Zweihänder durch Europa.

P.J. O’Rourke

Dieses Jahr müssen die Europäer ihr warmes Nest mit den Travellerschecks anderer Leute polstern. Der übliche Schwarm amerikanischer Tauben kackt andernorts die Statuen voll. Sylvester Stallone schwänzt die Filmfestspiele von Cannes. Prince umschifft auf seiner Tournee die europäischen Gewässer. Das US-Juniorenteam schlägt seine Tennisbälle lieber in der Heimat als in Wimbledon. Und die Buchungen aus Übersee sind eingebrochen. Manche geben der Terrorangst die Schuld, andere der atomaren Verstrahlung nach Tschernobyl, dritte dem schwachen Dollar. All dies übersieht freilich eine schlichte Tatsache: Europa ist ganz einfach beschissen. 

Ich halte mich jetzt schon einen ganzen grauen, nasskalten Frühlingsmonat in Europa auf und kann beurteilen, warum sich einst jeder Mensch, dessen IQ grösser war als seine Hutnummer, für Strandferien auf Ellis Island entschied. Was immer man über das «Land der unbegrenzten Möglichkeiten» und «America the Beautiful» sagen mag – unsere Ahnen emigrierten in die Vereinigten Staaten, weil sie die Schnauze voll hatten von lauwarmem Bier … und lauwarmem Kaffee und lauwarmem Badewasser und lauwarmen Schnitzeln im schlammfarbenen Champignon-Käse-Tarnkleid. Alles in Europa ist lauwarm, nur die Heizkörper sind es nicht. Mit deren Wasser liessen sich die schönsten Eiswürfel herstellen. Nur tut das niemand. Ich wette, dass man auf dem ganzen Weg vom Ural bis zum Strand von Biarritz keinen einzigen steinharten, kristallklaren, faustgrossen amerikanischen Eiswürfel finden wird. Bestellt man einen «Whisky on the rocks», bekommt man einen sündhaft teuren Fingerhut Scotch vorgesetzt, in dem ein einzelnes graues, bröckeliges Restchen aus einer zugefrorenen Zwergpfütze schwimmt. Und die Telefone funktionieren nicht, sondern machen nur «blat-blat», «niiik-niiik» und «ugu-ugu-ugu». Es gibt nicht zweimal dasselbe Freizeichen. Das Besetztzeichen tönt so, als klingle das Telefon. Und klingelt das Telefon dann tatsächlich, glaubt man, der Hund habe gefurzt. 

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