Evas Mann verliert die Sprache

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Ein Linguist, der verstummt, und eine Frau, die ihn trotzdem liebt.

Esther Göbel

Noch immer stehen ihre beiden Namen draussen an der Haustür, als würde er jeden Moment wieder nach Hause kommen. Aber nicht ein gemeinsamer Name, wie das üblich ist bei verheirateten Paaren. Nein, zwei: Romano Müller, zwölf Buchstaben, und Eva Cignacco, elf Buchstaben. Wobei er sie immer Ewa rief, die italienische Art. Das v in ihrem Namen nicht hart ausgesprochen, sondern als weiches w. Ewa und Romano. 31 Jahre lang ein Paar, 14 davon verheiratet. «Romano e Eva Venezia 2. 5. 2003», so steht es eingraviert in der Innenseite ihres Eherings aus Gold, «Eva e Romano Venezia 2. 5. 2003», so steht es in seinem.  

«Unsere Liebe war Schicksal», sagt sie.

«Ich habe in ihm immer meinen Mann gesehen. Trotz allem. Am meisten Angst hatte ich in den vergangenen Jahren davor, dass die anderen in ihm einen Idioten sehen könnten.»

Ihr Mann: Romano Müller, eigentlich Roman, aber wegen einer Affinität fürs Italienische hatte er sich in jüngeren Jahren einfach ein o ans Ende gehängt, und dabei war es geblieben. Er, Prof. Dr., Pädagoge, Psychologe, Spracherwerbsforscher, Buchautor, Experte für Mehrsprachigkeit, Dozent an der Pädagogischen Hochschule Bern, fliessend in Deutsch, Französisch, Englisch, Italienisch, Spanisch und Schweizerdeutsch, dazu ein paar Brocken Türkisch. Ein Mann von Welt und des Wortes, geboren 1949 in Zug in der Innerschweiz als Sohn eines Dachdeckers. Romano, der leidenschaftlich diskutierte, forschte, schrieb, der die Klassiker der Moderne liebte, Grass, Frisch, Dürrenmatt. Der streng war, mit sich, seinen Studierenden und der Sprache, keinen Fehler duldete, ganz Wissenschaftler. Für den es Probleme nur gab, um sie zu lösen. Der seine Korrespondenzen stets akkurat führte, der in Gesprächen keinen Widerspruch zuliess, dem Gegenüber ein «Was redest du denn für einen Blödsinn?!» an den Kopf knallte, wenn es sein musste, der Eva beim Tango dominant führte, ihr Bücher über Hannah Arendt und Lyrik von Hilde Domin schenkte und der oftmals am Abend nach getaner Arbeit noch mit tief gebeugtem Rücken am Schreibtisch sass.

Auch später noch, als alles längst anders war.

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