Für immer Feierabend

Mensch, Kumpel, was machst du bloss? Ein Mann, der morgen ein Mann von gestern ist.

Sabine Riedel

Mensch, Jacke, jetzt bloss nicht sentimental werden. Und nicht daran denken, dass bald Schluss ist für Männer wie dich. Guck ma, ist doch Sommer, der blaue Himmel verschüttet kostenlos seinen Trost an alle, und guck ma, der Flieder blüht. Wenn du in die Knie gehst – ich weiss, in den Kniescharnieren fehlt bei einem Bergmann nach dreissig Jahren unter Tage die Schmiere, aber doch nicht bei dir, Jacke –, also, wenn du mal in die Knie gehst, siehst du die perfekte Poesie der Gänseblümchen, die sich auf deinem schmalen Rasen hinterm Haus dem Licht in Demut öffnen. Und der Nachbar stutzt die Hainbuchenhecke, wie jedes Jahr, und nächstes Jahr wird er sie wieder stutzen um genau diese Zeit, und so gibt es ein Kontinuum, und du stehst mitten drin. Auch für dich gibt es die verlässliche Stabilität von Alltagsritualen. Hömma, Jacke, wie die Singdrossel singt und die spitzen Schreie der Mauersegler, wie sie haarscharf an den Hauswänden vorbeiwischen mit ihren Flügeln und diesem merkwürdig abgeflachten Vogelkopf. Is dat alles nich schön, Jacke?

Und irgendwie geht es doch auch immer weiter. Oder, Jacke. Alles geht doch weiter. Dafür sorgt schon der mächtige Impresario auf der obersten Himmelssohle. Und die Gewerkschaften, vergiss die Gewerkschaften nicht, sie haben dafür gesorgt, dass der Bergmann nicht ins Bergfreie fällt, wie sie hier sagen. Schöner Vorruhestand mit fünfzig. Ist doch was, oder nicht.

Ganz ehrlich, so wird es nicht sein. Wenn Ende des Jahres die Zeche Prosper-Haniel in Bottrop und damit die letzte Kohlezeche im Ruhrgebiet schliesst, wenn die Kohleförderung, die das Revier 150 Jahre geprägt hat, endgültig Geschichte ist, bist auch du Geschichte. Ein Mann von gestern, hinter sich die bis zum maximalen ökonomischen Gewinn ausgebeutete Landschaft, vor sich das unbestellte Brachland des Vorruhestands.

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Ich werd in ein tiefes Loch fallen, sagt Jacke jetzt, um auch einmal etwas zu sagen, und blickt auf die Hände, die auf dem Küchentisch liegen, kräftige Hände, gutes Werkzeug. Was macht ein Bergmann, der keine Kohle abbaut, dann mit seinen Händen? Im Frühjahr den Rasen vertikutieren? Am Nachmittag am Küchentisch Sudoku lösen?

Gestern ist ein alter Kumpel von ihm gestorben. Ein Titan von einem Mann, sie nannten ihn Bud Spencer. War gerade fünfzig, vor sechs Wochen war er die letzte Schicht gefahren. Vorruhestand. Jetzt ist er tot. So kann das Loch aussehen, in das er fällt. Der Mann von gestern.

Jetzt schweigen wir auch. Retten uns in Verlegenheitsgesten. Rühren in unserem milchlosen Kaffee, als gäbe es da zwei Substanzen, die sich unter Rühren unbedingt verbinden müssen. Jetzt sollten alle, die vom Leben eines Bergmanns keine Ahnung haben, mal die Klappe halten. Und komme ihm jetzt niemand mit der Poesie der Gänseblümchen. Mit all dem billigen Trostplunder.

Jeden Morgen, wenn die Nacht noch durch die Strassen schleicht, steht Jürgen Jakubeit – Freunde dürfen ihn Jacke nennen – vor dem Werkstor von Schacht 10.

Jakubeit ist 49 und das, was man landläufig im besten Mannesalter nennt. Jacke ist nicht gross, aber er hat diese terrierhafte Körperspannung, diese grundsolide Maskulinität, die in manch einer Frau reflexhaft den Wunsch weckt, mit so einem Mann ihr Leben zu verbringen. Seien wir ehrlich: Viele Frauen, selbst akademisch abgeklärte Frauen, träumen letztlich von einem Mann, der sie auf Händen tragen wird – in guten und in schlechten Tagen. Die Muskeln an den Oberschenkeln, die sich unter der eng sitzenden Jeans abzeichnen, die Muskeln an den Oberarmen, über die sich der dünne T-Shirt-Stoff spannt, sind echt, nicht durch Hanteltraining und Proteindrinks in der gefilterten Luft eines Fitnessstudios erschlichen, sondern ehrlich erworben durch harte körperliche Arbeit. Dieses Grundsolide in der Körperlichkeit eines Bergmanns mag die Frauenphantasie nähren, dass ihr an der Seite eines solchen Mannes nichts wirklich Schlimmes passieren kann. Auch ein Grund, warum eine Frau wie Jackes Frau bereit ist, jeden Morgen mit ihm um 3 Uhr 30 aufzustehen, für ihn Kaffee zu kochen und dick geschnittene Brotscheiben, die man im Ruhrgebiet Dubbel nennt, mit Butter und Käse zu belegen. In diesem mütterlichen Gestus des morgendlichen Brotschmierens ruht die Hoffnung, dass einem Mann mit etwas so Elementarem wie einem Butterbrot in der Hand 1200 Meter unter Tage nichts Böses widerfahren kann.

Es ist jetzt 4 Uhr 45, und Jakubeit schickt seinen ersten Glückauf-­Gruss an diesem Tag Richtung Pförtnerkabuff, wo hinter dem Fenster der Pförtner mit seinem Frühschichtgesicht sitzt. Gegenüber, rechts vor dem Werkstor der Zeche Prosper-Haniel, steht eine Kantine: ein Rundbau, 60er-Jahre-Ästhetik, weisse Resopaltische, der Boden braun gefliest. Im Zentrum der Kantine ist ein Glaskasten, in dem drei Frauen in weissen Kitteln in drei Schichten mit ihren Küchengeräten hantieren. Die Kantine öffnet um 2 Uhr 30. Wie ihr das gefalle? Ich könnte in die Luft springen vor Freude, sagt eine der Frauen mit tizianrotem Haar. Und mehr will sie nicht sagen. 2,35 Euro kostet die Ruhrpott-Currywurst mit Brötchen.

Die Frauen, die hier arbeiten, nennt man «gestandene Frauen», um ihre Korpulenz rhetorisch zu kaschieren. Noch ist nicht viel los. Ihre Körper senden auch in dieser Aktivitätspause ihre Resolutheitssignale. Das Gewicht ruht auf dem gestreckten linken Bein, das rechte Bein ist leicht eingeknickt, der rechte Arm ist in die Hüfte gestemmt und wird getragen von einer durch die Schräglage exponierten soliden Hüftschaufel. Wie sie so stehen, wenn kein Kunde den Kopf durch die Öffnung des Glaskäfigs steckt, lässt ahnen, dass die Frauen nicht nur hier drinnen mit beiden Beinen fest auf den alten Fliesen der Kantine stehen. Die Arbeit in der Werkskantine, dieser dem eigentlichen Zechengelände vorgelagerten Welt des Gastronomischen, fordert den Frauen eine gewisse Härte ab. Die Männer, die hier nach Ende der 23-Uhr-Schicht eintreten, haben noch immer diesen breitbeinigen John-Wayne-­haften Gang, als hätten sie die ganze Nacht im Sattel gesessen und die Rinderherde zu neuen Weidegründen getrieben. Es ist der Gang, den das Leben unter Tage den Männern antrainiert, die im Halbdunkel kilometerweit über unbefestigten Grund laufen und an dem breiten Ledergürtel, der sich um ihre Hüften spannt, einen mehrere Kilogramm schweren CO-Filter tragen. Die Männer sitzen wortlos an den weissen Tischen, kauen an ihrer Müdigkeit und ihren Brötchen mit Fleischwurst. Sie bleiben nicht lange sitzen und gehen wortlos in den Tag hinaus, der langsam die Nacht ablöst und mit seinem Licht den Himmel poliert.

Jetzt kommt der Pförtner von gegenüber. Er hat gerade seine Schicht begonnen, und er hat Hunger. Er tunkt sein Brötchen in die Schale mit der in braunroter Sauce schwimmenden aufgeschnittenen Wurst. Currywurst morgens um fünf ist selbst für einen im Ruhrgebiet sozialisierten Mann früh. Zu Hause würd ich so wat auch nich essen, sagt er. Dat schmeckt hier nur auffe Zeche.

Na, sagt der Pförtner, als er die Kantine verlässt und vor dem Werkstor die Kumpel trifft, die zur Schicht kommen, habta alle Spass inne Backen?

In der Weisskaue, in der die Männer die von der Zeche gestellte Arbeitskleidung anlegen, vollzieht sich die Verwandlung vom Privatmenschen Jakubeit, der über Tage Frau und zwei Töchter hat, zum Reviersteiger mit leitender Funktion. Er legt seine Zivilkleidung ab, auch die Unterwäsche, und steht für einen Moment nackt da in seiner ganzen soliden Körperlichkeit. Dieser Moment des Nacktseins hat für die Männer unter Tage etwas Selbstverständliches. Als wären sie überzeugte Nudisten in einem Nudistencamp, für die das äusserste Zugeständnis an den textilen Benimmcode der übrigen Welt das Tragen eines Jutebeutels für die Einkäufe ist. Nur die Türken, die zu Beginn der sechziger Jahre kamen, weigerten sich zunächst, beim gemeinsamen Duschen nach der Schicht die Unterhosen auszuziehen – gefangen im rigiden Moralkodex der archaischen Agrargesellschaft Anatoliens. Jakubeit steigt in die Unterhose (Doppelripp, mit Eingriff), zieht das Unterhemd über, die zementfarbene Hose, die Jacke, darunter das dunkelblaue Hemd mit feinen vertikalen Streifen, bindet sich das Halstuch, zieht die Schienbeinschoner über, bindet die Knieschoner, die Sicherheitsstiefel mit Stahlkappe und verstärktem Rissschutz, bindet den Hüftgürtel mit dem schweren CO-Filter, nimmt Helm und Kopflampe, Schutzbrille, Staubmaske und Gehörschutz.

Da steht der Bergmann Jakubeit.

Jeden Morgen vollzieht sich die Verwandlung, das rituelle Anlegen der Arbeitskleidung. Dicht gedrängt stehen die Männer im Förderkorb, sie atmen die Morgenaromen ihrer Kumpel und die künstlichen Aromen ihrer Kluft, die jeden Tag gewaschen wird. Mit 45 Stundenkilometern saust der Korb durch das Erdinnere und passiert verschiedene Temperaturzonen. Auf den ersten Metern herrschen 9 Grad, dann steigt die Temperatur alle 100 Meter um 3 Grad. Und auf Sohle 7 sind es jetzt 42 Grad. Nur eineinhalb Minuten Fahrt, die Tür wird geöffnet, und kühler Wind aus den Luftschächten schlägt den Männern in den Nacken. Dann ziehen sie los. Jeder kennt seinen Weg in diesem Labyrinth, diesem verzweigten Streckennetz von 100 Kilometern Länge.

Sie kommen vorbei an der Barbara. Sie ist eine Heilige und taugt mit ihrem alles Geschlechtliche bereinigenden Heiligenstatus für keine erotische Phantasie, die einen Mann hier unter Tage von seinem Weg abbringen könnte. Sie ist die einzige Frau, die hier in dieser Männerwelt gern gesehen ist. Sie steht in einer Steinnische hinter Glas, ein Blumenkranz zu ihren nackten Füssen. Sie ist die Schutzpatronin der Bergleute. Der Legende nach war sie eine schöne Königstochter aus dem Morgenland, die die meiste Zeit ihres Lebens in einem Turm eingesperrt war, weil sie sich weigerte, dem christlichen Glauben abzuschwören. Die Heilige und die Männer, sie haben etwas gemeinsam: Sie leben in dieser tagabgewandten Welt, in ewiger Dunkelheit, und der Stein, der sie umschliesst, kennt kein Mitgefühl und keine Gnade.

Das ist auch eine Erkenntnis, die ein Mann hier unten macht. Die völlige Indifferenz der Materie gegenüber dem Menschen. Es ist eine Erkenntnis, die einen am Anfang erschauern lässt und mit der sich ein Bergmann später arrangiert.

In 150 Jahren der Kohleförderung hat die Materie immer wieder ihre Gleichgültigkeit demonstriert und Männer unter dem Gewicht ihres Steins begraben.

Hömma, Jacke, dein Vater hat dich gewarnt und dessen Vater auch. Beide Bergmänner, sie kannten den Stein, er war Freund und Feind zugleich. Er nährte die Familie, und manchmal holte er sich als Opfergabe den Ehemann und den Vater. Mensch, Jacke, aber du musstest ja unbedingt Bergmann werden. Sahst als kleiner Junge mit romantisch geweiteten Augen aus dem Fenster, sahst den Förderturm der nahen Zeche, wie die Räder sich drehten. Andere Jungen wollen Astronauten werden, im Weltall die Antworten finden auf die elementare Frage: Woher kommen wir. Aber du wolltest nicht ins Weltall, dieser Planet war dir genug, und hier müsste man nur tief genug graben, um eine Antwort auf alle Fragen zu finden.

Aber alles, was man dort findet, ist die Unbarmherzigkeit des Gesteins. Und dass, wenn es ernst wird, auf die Magie eines Butterbrotes hier unten kein Verlass ist – und auch nicht auf die Barbara mit ihrem Silberblick und ihren blumenbekränzten Füssen.

An einem Montagmorgen, im Jahr 2005, fiel dir ein Stein, 60 mal 60 Zentimeter, aus grosser Höhe und mit der Wucht seiner Indolenz auf den Kopf. Mensch, Jacke.

Jakubeit lag da, der Körper so merkwürdig verdreht, der Kopf verdreht, kein Gefühl im Körper. Kaum noch Mensch, mehr urzeitliches Wesen. Kneif mich mal in den Oberschenkel, sagte das merkwürdige Wesen, das da auf dem gestampften Boden lag, zu einem Kumpel. Er spürte nichts. Aber er spürte jede Minute der eineinhalb Stunden, die es dauerte, bis der Notarzt kam. Das Rückenmark nicht getrennt, nur gequetscht zwischen den Wirbeln C3 und C4, Dank sei der heiligen Barbara, und niemals wieder ein Lästerwort mehr über alle Heiligen. Drei Monate Krankenhaus, dann von einer Reha zur anderen und der Orakelspruch des Werkarztes, der seine Bergmannseele verschattete: Sie werden nie wieder anfahren.

Aber er stand wieder auf, es war ein Wunder, biblisches Drama, er war der Blinde, der sehend wurde, der Lahme, der gehen konnte. Nach 18 Monaten fuhr er tatsächlich wieder an. Ich bin gar nicht so ’ne harte Sau, sagt Jakubeit. Aber härter als die Angst, die in seinen Schläfen trommelte, während er zum ersten Mal wieder im Förderkorb abwärtsraste.

Er denkt nicht mehr oft daran, manchmal denkt er an die goldene Kette, er hatte sie um den Hals getragen, seitdem er 1985 zum ersten Mal angefahren war. Seit dem Unglück blieb sie verloren, als hätte sich der Stein, wenn er schon nicht den ganzen Menschen haben konnte, doch wenigstens etwas von ihm geholt.

Er geht jeden Morgen kilometerweit bis zu dem Streb, dem von der Hauptstrecke abzweigenden Gang, wo die Kohle abgebaut wird. Über schlecht ausgeleuchteten, unebenen Boden, Steine, Pfützen, während ihm die Neonröhren an den Wänden ihr diffuses Licht vor die Füsse werfen. Neben ihm rattert das Förderband, auf dem riesige Steinbrocken holpernd ihren Weg zur Sortieranlage nehmen. Manchmal fährt er auf dem Förderband, legt sich flach auf die Steine und fühlt die Schärfe der Kanten auf seinen Rippen. Die Männer der 23-Uhr-Schicht kommen ihm entgegen, alles, was er sieht, ist das Leuchten ihrer Kopflampen, kleine Punkte, die in der Dunkelheit im Rhythmus der Schritte auf- und abtanzen. Kommen sie in Hörweite, rufen sie: Glück auf! oder einfach nur Auf! Auch die Kurzversion macht die Hoffnung nicht kleiner, dass sie hier alle mit heiler Haut wieder rauskommen.

Es riecht nach Stein, nach Metall, nach Fetten, es riecht nach Millionen Jahren, es riecht nach dem Geheimnis, das der Stein für sich behält: wie alles einmal begann. Schachtelhalm, als Fossilien erstarrt. 300 Millionen Jahre, die sich jetzt als Kohleflöze materialisieren. Erde, schwarze Schönheit: nichts als Stein, Staub und Schweigen. Sieben Liter Flüssigkeit gibt jeder Bergmann pro Schicht von seinem Körper wie eine Opfergabe an diese Schönheit.

Hier unten sind sie alle gleich, nennen sich, kaum dass sie sich kennen, beim Vornamen. Sie sind alle gleich dreckig, alle Gesichter von Russ unkenntlich gemacht.

Sie sagen: Der Staub, den du siehst, ist nicht gefährlich. Gefährlich ist der Staub, den du nicht siehst, der quarzhaltige. Er frisst dir die Lungenbläschen weg.

Der Staub fräst alles weg, alle Individualität, Nachnamen, Herkunft, Familiengeschichten. Hier unten sind die Männer Knochen und Haut, Muskeln und Fett, zusammengehalten von harter, zu oft gewaschener Baumwolle. Sie vertrauen ihren Urinstinkten, ihrem archaischen Wissen ums Überleben. Hier unten sind sie nichts und nichts mehr als Männer. Hier, 1200 Meter unter Tage, auf Sohle 7, ist ein Mann vor allem Mann.

Hier unten sieht man nicht schwarz, auch wenn einem die Decke auf den Kopf fällt. Sonst würden sie es nicht aushalten.

Hier unten, wenn es kritisch wird, glauben sie an Gott, den grossen Maschinisten im Innern des Planeten, der alles zusammenhält. Und grüssen Barbara, seine persönliche Assistentin. Hier gilt der Glaube an die eigene Muskelkraft, an die Perfektion der Technik und die Güte des grössten aller Maschinisten. Hat er nicht gesagt: Macht euch die Erde untertan? Aber manchmal können einem Zweifel kommen, ob er sich das wirklich so vorgestellt hat. 

Je näher er dem Streb kommt, umso dichter wird der Staub. Er brennt in den Augen. Jakubeit stopft sich den Schnupftabak in die Nasenlöcher, wie es viele Männer hier machen, um wenigstens die Nase frei zu kriegen. Er kriecht mit gebücktem Rücken in den Abbaustreb. Der Streb ist nur 1 Meter 50 hoch, Schilde aus Stahl stützen die Decke. Jedes Schild wiegt 12 Tonnen, auf jedem Schild lastet das Gewicht von drei Häusern. Zwei Teufel, sagt man, kenne der Bergmann: Druck und Klima. Hier im Streb hat das Gestein 43 Grad. Noch tiefer in der Erde hätte der Stein 60 Grad. Irgendwann ist Schluss. Tief in der Erde unter Sohle 7 sitzt der Teufel und triumphiert. Und lacht über den Menschen und die Perfektion seiner Technik.

Ein riesiger Kohlenhobel, von einer massiven Gliederkette aus Stahl geführt und von Prozessoren gesteuert, rast durch den Streb, vor und zurück, vor und zurück, und rammt bei jedem neuen Angriff die Hobelmeissel wie monströse Zähne in das Kohleflöz. Fast 2,7 Millionen Tonnenvolumen haben sie so im vergangenen Jahr aus der Erde geholt. Die Kohle wird in Kraftwerken verstromt, unterirdisch transportiert in die Kokerei, die einmal zur Zeche Prosper-Haniel gehörte und jetzt zum Stahlriesen Arcelor-Mittal, der den Koks weiter in sein Stahlwerk nach Bremen transportiert und seine Hochöfen mit Koks aus Bottrop befeuert.

Schacht-Strecke-Streb: In diesem Dreiklang lebt der Bergmann, in seinem Nachhall schläft er ein.

Sach bloss nich Stollen. Stollen is dat wat die Mutta zu Weihnachten backen tut.

Um das einmal klarzustellen.

Er ging seinen Weg, wurde Strebmeister, das war schon was, aber Jakubeit nicht genug. Er wurde Steiger, dann Reviersteiger, er ist jetzt ziemlich weit oben angekommen, 15, 16 Männer hören auf ihn, und jeder verlässt sich auf jeden. Jeder Kumpel ist für den anderen Kumpel die Versicherungspolice für ein langes Leben. Sie können sich hier unten keinen Fehler leisten.

Die Welt unter Tage macht sie zu Brüdern. Sie teilen alles, die Enge im Förderkorb, den Druck auf den Ohren, wenn sie in die Tiefe fallen, das Dunkel, den Staub, den Lärm, die Hitze, das Rattern der Förderbänder. Sie teilen alles, wie Soldaten im Schützengraben eine letzte Zigarette kreisen lassen, von der jeder einen Zug nimmt, bevor es in die entscheidende Schlacht geht. Sie teilen das Schlagwetter, wenn bei fallendem Luftdruck die Methankonzentration im Streb steigt. Den Glauben an die Technik und daran, dass sie nach Ende der Schicht das Licht wiedersehen. Sie schämen sich in den Mannschaftsduschen nicht ihrer Nacktheit. Sie kennen ihre Körper seit Jahren, wie sie das Gesicht ihrer Kinder im Schlaf kennen und das Gesicht ihrer Ehefrauen nach dem Aufwachen. Sie schrubben sich gegenseitig den Russ von den Rücken, Buckeln nennen sie das. Wieder so ein Männerritual, das den Zusammenhalt stärkt, wie das gegenseitige Läusepuhlen das Sozialgefüge in einer Affenhorde festigt.

Lange Zeit war alles klar im Revier: Kohle und Stahl bestimmten die Landschaft an Rhein und Ruhr, formten und deformierten die Agrarlandschaft zur monostrukturellen Industrielandschaft, bestimmten die Erwerbsbiografien der Männer, das Alltagsleben ihrer Familien, vergifteten Böden und Flüsse, verschatteten den Himmel, und der Russ machte ihre Kinder kurzatmig. Dafür machten sie eine Region reich und schufen aus dem zerbombten Nachkriegsdeutschland das Wirtschaftswunderland, über das heute die Enkel der Bergmänner in den Geschichtsbüchern lesen. In der Boomzeit in den fünfziger Jahren gab es 148 Zechen im Ruhrgebiet, in denen sich 500 000 Bergmänner ihre Lungen für die Wiederauferstehung Deutschlands ruinierten. Die Wirtschaft rief nach immer neuen Arbeitskräften. Es kamen die Polen mit ihrem katholischen Glauben, es kamen die Deutschen aus den deutschen Ostprovinzen mit ihrem evangelischen Glauben. Das Revier setzte auf die integrative Kraft von gemeinsamen Arbeiten und der geteilten Leidenschaft für Fussball. Und abgesehen von einigen kleineren anfänglichen Scharmützeln funktionierte das Zusammenleben auch. Und nachdem die Türken aus Anatolien ihren moralischen Rigorismus und ihre Unterhosen beim Duschen nach der Schicht abgelegt hatten, gehörten auch sie dazu.

Das Revier hatte eine stolze Arbeiterschaft, die ihr russgeschwärztes Gesicht selbstbewusst trug. Sie waren die Männer, die mit ihrem heroischen Einsatz unter Tage die Energieversorgung des Landes sicherten. Der Dreck verlieh ihnen eine Qualität, die man neudeutsch Authentizität nennen würde. Sie hatten die street credibility echter Malocher, die sich ihren Achselschweiss noch auf ehrliche Weise verdienten und mit ihrer Vorliebe für Fussball, Flaschenbier und Currywurst ihr Bekenntnis zur proletarischen Alltagskultur demonstrierten.

Aber schon 1958 wurde auf der Zeche Rosenblumendelle in Mülheim an der Ruhr eine erste Feierschicht gefahren – ein euphemistisches Wort, das den Beginn einer Strukturkrise noch als kollektive Party kaschierte. Die Öffnung internationaler Märkte für Kohle-Importe bedeutete für die Ruhrwirtschaft einen bis dahin nicht gekannten Konkurrenzdruck. Dabei erwies sich als nachteilig, dass die gute deutsche Steinkohle nur aus grosser Tiefe und unter ungünstigen geologischen Lagerungsverhältnissen und damit äusserst kostenaufwendig gefördert werden konnte. Das Volumen an billiger Importkohle nahm zu, denn die deutsche Wirtschaft hungerte nach billiger Energie. Die Situation im Revier verschärfte sich, als zunehmend Kohle durch andere Energieträger wie Erdöl, Erdgas und später die Elektrizität aus Atommeilern ersetzt wurde. Allein zwischen 1958 und 1964 wurden 27 unrentable Zechen ungeachtet heftiger Proteste der Bergmänner stillgelegt. Weil keine politische Partei angesichts von Arbeitsplatzverlusten Wahlen gewinnen kann, reagierten Bundes- und Landesregierungen mit Milliardensubventionen. Folglich kostete jeder Arbeitsplatz im Bergbau den Steuerzahler pro Jahr 80 000 Euro. Kein anderer Wirtschaftszweig war so stark subventioniert wie die Steinkohleförderung. Im Jahr 2007 einigten sich der Bund, die Länder Nordrhein-­Westfalen und das Saarland darauf, die Subventionen für den Steinkohlebergbau 2018 zu beenden.

So geht im Dezember 2018 endgültig zu Ende, was schon lange zu Ende geht: die Industriekultur mit ihrem Feierabendbier am Kiosk, den sie hier Büdchen nennen. Die Heroen von heute werden Männer von gestern sein. Bei Grillabenden werden sie ihre Weisst-du-­noch-Geschichten erzählen und, inspiriert von einem Pilsken oder zwei, die eigene Biografie zum Mythos erhöhen.

Was einem Mann wie Jakubeit am meisten fehlen wird, wenn hier alles zu Ende geht: seine Kumpel.

Wie sie so dasassen noch stundenlang in der Kaue freitags nach der Schicht. Dicht an dicht auf der Bank, stolze Arbeiter, stolze Bergmänner. Sieger in Unterhosen, behaarte, muskulöse Beine von identischer Blässe, kein Eichenlaub im Haar, aber Staub in allen Poren, sogar in den Wimpern hing das Zeug. Sie feierten ihren Tagessieg. Acht Meter Vortrieb, Tagessoll erfüllt, das bedeutete Zulagen. Jeden Freitag hockten sie noch stundenlang zusammen in der Kaue, mein Gott, sie wollten einfach noch ein bisschen Spass haben.

Sie waren wie kleine Jungs, die sich mit einem stumpfen Taschenmesser die Unterarme aufritzten und Arm an Arm pressten, bis sich ihre Blutgruppen mischten. Sie waren Helden, siegreich im Kampf gegen das Urelement Stein. Sie sorgten dafür, dass auch morgen in Deutschland die Lichter angingen, die Frauen auf ihrem Herd die Suppe und die Stahlarbeiter bei Thyssen in Duisburg ihren Stahl kochen konnten.

Sie teilten Bier – denn damals war Alkohol auf dem Zechengelände noch erlaubt – und Döner und Zoten und Sprüche, die nur Männer kennen. Sie klopften sich auf die Schulter, das Dönerfett noch an den Händen, ohne dass einer maulte. Das waren vielleicht die besten aller guten Tage im Leben des Bergmanns Jakubeit. Er hat noch Fotos, sie zeigen einen Mann deutlich jünger, mit Augen klarer und grösser als die Augen von heute, die in all den Jahren in Dunkelheit immer kleiner geworden sind.

Draussen in ihren unklimatisierten und ungeheizten Wagen warteten ihre Frauen. Sie warteten, dass die Männer mit ihren Anekdoten, Witzen, Frotzeleien jenen Sättigungsgrad erreichten, wo sie gewillt wären zu gehen. Hinauszugehen, sich in das Auto auf den Beifahrersitz zu setzen und sich von den Frauen nach Hause fahren zu lassen. Das konnte dauern, drei Stunden, vier Stunden. Das Elend des Wartens machte die Frauen draussen in ihren Autos zu Schwestern.

Sach ma, es muss nicht einfach sein, die Frau eines Bergmanns zu sein. Wieso, sagt Jacke. Bergmänner haben immer gut verdient. Und ausserdem sind sie immer frisch gewaschen, wenn sie nach Hause kommen.

Mensch, Jacke, was macht ein Mann wie du mit seinen Bergmannhänden? Ein Mann mit fünfzig Jahren im Vorruhestand? In ein tiefes Loch fallen, und unten auf der untersten Talsohle sitzt der Teufel und lacht. Kein Stein wird dir mehr auf den Kopf fallen, aber jeder Tag mit dem Gewicht seiner Stunden.

Vergangenes Jahr war Jakubeit im Bergbaumuseum in Bochum. Er war nicht beeindruckt. Als könnte eine inszenierte Untertagewelt, gerade mal zwanzig Meter unter der Erde, einen Bergmann beeindrucken. Es war ein bisschen so, als würde ein ausgedienter Astronaut Achterbahn fahren, um noch einmal auf dem Scheitelpunkt für ein paar Sekunden den Rausch der Schwerelosigkeit zu erleben.

Er erinnert sich, wie er aufwuchs in der Zechensiedlung, mit ihrer Kleines-Glück-für-kleine-Leute-für-wenig-Geld-Philosophie. Jeder kannte jeden, alle hatten gleich viel oder vielmehr gleich wenig. Genormtes kleines Glück in Häusern, die alle identisch waren, und hinten im Garten stand der Stall für das Schwein, das sie mit Kartoffelschalen und dem, was übrig blieb vom Mittagessen, fütterten. Die soziale Gleichheit manifestierte sich in der Uniformität der Architektur, in den immer gleichen Linden, die die Strassen säumten, und der Sommerwind fächelte ihnen, wenn sie im Garten zwischen den Gemüsebeeten sassen, ihren schweren Duft zu. Das Schlachtfest war ein Fest für die ganze Kolonie. Gemeinsam atmeten sie den ekligen Geruch verbrannter Schweineborsten, den sauren Geruch von Blut, in dem sie gemeinsam rührten. Es war eine Gemeinschaft, getauft mit Schweine­blut. Sie waren füreinander da, sie kannten die grossen und kleinen Dramen in den Nachbarhäusern, jeder Ehestreit war öffentlich, Diskretion war ihre Sache nicht.

Die Kinder spielten draussen in der verwüsteten Industrielandschaft, kletterten auf Kohleberge, auf Abraumhalden und fanden es wunderbar. An Sonntagen liess der Nachbar die selbst gezüchteten Tauben in den Himmel steigen, mit ihnen stiegen die Kleine-Leute-­Träume in den Himmel, und die Nachbarn schlossen Wetten ab, welche Taube zuerst den Schlag erreichen würde.

Heile Welt im kleinen Massstab, geordnetes Leben in einem Planquadrat, auch wenn ständig die Türen und Fenster schwarz waren vom Russ und die Frauen täglich den Staub von den Fenstersimsen kehren mussten. Von der nahen Kokerei wehte, wenn der Koks abgestrichen wurde, der Schwefelgeruch in die Siedlung – das Parfum einer prosperierenden Industriegesellschaft.

Das war der Unterschied zum Rest der Republik. Die einen atmeten Rosenduft und die anderen Schwefel. Steigt Jakubeit heute der Duft von Schwefel in die Nase, beim Koksabstrich in der Kokerei, die jetzt Arcelor-Mittal führt, wird er nostalgisch.

Heute lebt er in einem kleinen Reihenhaus in einer gutbürgerlichen Siedlung. Er ist der einzige Bergmann hier, während die Nachbarn willig ihr Dasein als domestizierte Menschen in der modernen Dienstleistungsgesellschaft führen. Hier schlachtet man nicht gemeinsam im Herbst mit dem Nachbarn das fett gewordene Schwein, hier leiht man sich höchstens mal die elektrische Heckenschere, um die Thujahecke und die Momente des Blickkontakts auf ein sozial verträgliches Mass zu stutzen. Hier erschöpft sich das Sozialleben in der Minimalrhetorik von Guten Tag und Guten Weg.

Mensch, Jacke, was machste bloss? Ein Mann, der morgen ein Mann von gestern ist.

Zum Glück hat er ein Hobby. Er sammelt Grubenlampen. Auf dem Küchenbord links vom Fenster steht eine französische Lampe von 1890, punktgenau in der Mitte des langen Küchentisches steht eine Jubiläumslampe von Friemann & Wolf aus Vollmessing, ein Accessoire des täglichen Abendessenspektakels der Familie Jakubeit. Sie ist eine «ungefahrene» Lampe, wie Jakubeit sagt, sie hat nie die Welt unter Tage erleuchtet. Er entdeckt immer neue Grubenlampen auf den Antikflohmärkten, die er am Wochenende mit seiner Frau besucht. Wohnzimmer und Flur sind so zahlreich bestückt mit diesen Lampen, dass man den Eindruck gewinnt, als läge auch die Wohnung auf Sohle 7, 1200 Meter unter der Erdoberfläche.

Zum Glück hat er seinen Ford Mustang. Baujahr 1968. Karosserie schwarz, innen die Ledersitze schwarz. Von März bis Oktober fahren sie mit ihrem Mustang zu Oldtimertreffen, nur bei schönem Wetter, denn der Wagen hat keine Hohlraumversiegelung. Dann packen sie früh am Morgen die Klappstühle und Proviant in den Kofferraum, verbringen den Sonntag entspannt in ihren Campingstühlen und fachsimpeln stundenlang mit anderen Oldtimerbesitzern über Oldtimer.

Zum Glück hat er einen Hund: Rocci, eine französische Bulldogge, ein Rüde, der etwas schwer atmend durch die Wohnung saust und mit Vorliebe alte Plastikflaschen so lange mit seinen Zähnen bearbeitet, bis die Luft raus ist und die kräftigen Kiefer die Flaschen platt gepresst haben. Rocci fährt gern Auto, das Schwarz seines kurzhaarigen Fells harmoniert wunderbar mit dem Schwarz der Ledersitze im Mustang, und so fährt der Hund mit zu den sonntäglichen Oldtimertreffen.

Am späten Nachmittag nach der Schicht geht Jakubeit mit Rocci spazieren. Manchmal steigt er mit ihm auf die Halde Prosper-­Haniel. Sie liegt nicht weit entfernt von der Wohnung, und manche halten sie für eine der schönsten Abraumhalden im Revier. Das ist eine Wortkombination, die nur den Menschen, der nicht von hier ist, für einen Moment stutzen lässt. 

Mit der Ankunft des Ruhrgebiets in der postindustriellen Ära stellte sich nicht nur die Frage nach einer wirtschaftlichen Neuorientierung, sondern auch, wie man die industrielle Vergangenheit entsorgen konnte: die hochgradig kontaminierten Industriebrachen, die Hochöfen, Fördertürme und Gasometer, Zechensiedlungen, die ihre Funktion verloren hatten.

Nachdem das Revier zunächst gar nicht schnell genug die steinernen Zeugen der alten Industriegeschichte niederreissen konnte, wandelte sich unter dem Eindruck zunehmenden Bürgerprotests das Denken der politisch Verantwortlichen, und sie entdeckten endlich den kulturellen Mehrwert der alten Industriearchitektur. Die Monumente der Schwerindustrie, die das ästhetische Empfinden eines sensiblen Toskanareisenden beleidigen mussten, erfuhren ihre kulturelle Umdeutung zu Industriedenkmälern. Hochöfen, Kokereien, Zechen und Arbeitersiedlungen wurden entstaubt und erfahren heute ihre Wertschätzung als identitätsstiftende Wahrzeichen eines Stadtteils oder einer ganzen Region. Orte, die daran erinnern, dass Prosperität auch Dreck produziert, wurden auf Hochglanz poliert. Aus Industriearchitektur wurden Artefakte, kurz gesagt: Aus Dreck wurde Kunst. Rekultivierte Halden und Deponien wurden durch Skulpturen und Lichtinstallationen ästhetisch überhöht. Sie sind Landmarken, veredelt durch Monumentalkunst auf dem Haldentop. Die Halde Prosper-­Haniel vor der Haustür der Jakubeits, dieser Berg aus Industrieschlacke, ist heute ein Andachtsraum: Ein Kreuzweg führt zum Haldenplateau, wo ein vom Papst geweihtes Gipfelkreuz die Distanz zum Himmel verkürzt.

Manchmal steigt Jakubeit mit Frau und Hund nach der Schicht auf die Halde mit schweren Gedanken und stellt sein Kreuz dazu.

Erlebnispark Revier: Die Touristen kamen aus anderen Teilen Deutschlands und staunten: Hier war alles noch so echt, so ungeschminkt proletarisch, stolze Arbeiter. Hier war es noch immer ein bisschen so, wie Deutschland einmal gewesen war, bevor es sich einen Anzug kaufte, lernte, wie man sich eine Krawatte bindet, und dann hinter dem verspiegelten Fensterglas im Grossraumbüro verschwand. Die Männer im Revier mit ihrer Direktheit, ihren derben Sprüchen, ihrem Wat und Dat und ihrem Hömma waren so anders als das in Benimmseminaren verkorkste Bürgertum im nahen Düsseldorf.

Auf der sommerlich ausgeleuchteten Strasse in der ehemaligen Zechensiedlung Welheim trottet ein kleiner Junge seiner Mutter hinterher, die einen Kinderwagen schiebt, in dem ein Säugling kräht. Die Mutter hievt den Wagen über eine hohe Stufe in eine Imbissbude, wo hinter einer gläsernen Theke eine nicht mehr junge Frau mit wirrem Haar und in einem weissen Nylonkittel Bratwürste wendet. Der kleine Junge trägt eine kurze orangefarbene Hose und ein enges orangefarbenes Hemd. Er hat das ernste Gesicht eines Erwachsenen. In seiner Hand hält er eine transparente Plastikdose mit einer grünen amorphen Masse. Guck ma, sagt der Junge. Slime. Willste ma anfassen? Ja, jubelt das Herz des Touristen. So isses im Revier.

Die ehemalige Zechensiedlung Welheim, die um 1900 für Bergmänner und deren Familien gebaut wurde, liegt im äussersten Südosten von Bottrop. Als das Ruhrgebiet begann, sich hübsch zu machen und den Dreck von den Fassaden zu kratzen, wurde auch Welheim aufwendig saniert, bis es jenen putzigen Puppenstubencharakter bekam, der heute an Sonntagen busweise die Touristen anzieht. Die Wohnungen in Welheim sind heute sehr begehrt. Man riss die Zwischenwände in den Häusern raus und schuf aus den winzigen Wohnungen der Bergarbeiterfamilien ein grosszügiges Heim für die gehobenen Ansprüche der Gegenwart. Das Crèmeweiss der Hausfassaden leuchtet im hellen Sommerlicht, die in hundert Jahren gross gewordenen Linden fächeln den Häusern ihren Schatten zu, im Glas der Sprossenfenster neben den tannengrün gestrichenen Haustüren spiegeln sich die im Wind tanzenden Lindenblätter.

So ist es, und nichts mehr ist, wie es war. Vorbei die Zeit, als alle Männer zusammenhielten. Vorbei die Zeit des gemeinschaftlichen Schweineblutrührens.

Die Kriminalität wird auch immer schlimmer, sagt der libanesische Taxifahrer, der den Touristen zum Bahnhof fährt und seit vierzig Jahren in Bottrop lebt. Kinderbanden treiben sich in den Strassen herum, stehlen Geldbörsen und Handtaschen, zapfen nachts Benzin aus dem Tank, und die Nacht drückt ein Auge zu.

Selbst das Wetter verändert sich: Letzte Nacht wütete ein Tornado im nahen Viersen. Der Wind hob den Campingwagen hoch und setzte ihn im Garten des Nachbarn wieder ab, sagt ein Mann, der mit dem Moderator von Radio Emscher Lippe telefoniert. Hunderttausend Hörer hören diese Geschichte, und so bekommt die Geschichte vom verwehten Campingwagen Gewicht. Es ist ein besonderer Tag im Leben des Anrufers: Es ist der Tag, an dem ein Tornado die Stimme des Mannes nahm und im Frequenzbereich von Radio Emscher Lippe verwirbelte.

Im Bahnhof von Bottrop setzt sich langsam der Regionalzug nach Essen in Bewegung. Die Waggontür öffnet sich. Ein kleiner Mann stellt sich breitbeinig in den Gang zwischen den voll besetzten Sitzen, hebt eine Trompete an die Lippen und beginnt mit seinem wehmütigen Trompetenspiel. Seine Haare sind schwarz und glänzend, sein Gesicht hat die Farbe von polierten Haselnüssen. Halt die Schnauze, ruft die nicht mehr ganz nüchterne Stimme eines Mannes aus einer der gepolsterten Sitzreihen. Er ist unsichtbar, er versteckt seinen Hass hinter der hohen Lehne des Vordersitzes. Der Mann mit der Trompete verstummt. Die Hoffnung auf etwas Trinkgeld fällt ihm aus den Händen. Er dreht sich um und verlässt durch die sich automatisch öffnende Tür den Zugwagen.

Nicht alle Menschen werden Brüder. Was, Jacke? Nicht einmal hier im Kumpelrevier.


 

Es wird gestritten

In den vergangenen zwanzig Jahren ist der Kohlekonsum weltweit gestiegen – bis 2015. Seitdem ist er etwas gesunken und hat sich grob eingependelt auf einem Niveau um 3,7 Millionen Tonnen jährlich. Deutschland fördert besonders viel Braunkohle, dabei ist der Kohleausstieg beschlossene Sache. Eigentlich. Die heiss diskutierte Frage lautet allerdings: wie schnell? Naturschützer pochen auf einen möglichst raschen Ausstieg bis 2030, so fordert es etwa der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V. (BUND). Doch die Menschen, die in den Braunkohlerevieren im Rheinland, in der Lausitz und im Südosten des Landes leben, fürchten das Ende der Kohleproduktion. 100 Milliarden Euro und 72 000 Arbeitsplätze bundesweit würde ein zu schneller Ausstieg kosten. Das hat das Institut der deutschen Wirtschaft in einem Gutachten berechnet – erstellt im Auftrag des Bundesverbandes Braunkohle.

Es wird gekämpft

Der Streit um den Kohleausstieg manifestiert sich in Deutschland im Hambacher Forst, einem 200 Hektar grossen Wald in Nordrhein-­Westfalen. Seit April 2012 protestieren Umweltaktivisten und Kohlegegner in dem Wald, weil dieser durch den Energiekonzern RWE gerodet werden soll; der Hambacher Forst soll dem Tagebau weichen. Teilweise haben Aktivisten aus Protest viele Monate oder mehrere Jahre in selbst gebauten Baumhäusern gelebt. Im September hat die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen dann mit der Räumung der Baumhäuser durch die Polizei begonnen. Bei Unfällen wurde eine Aktivistin verletzt, ein 27-jähriger Journalist kam ums Leben. RWE gibt an, die Rodung sei unerlässlich für die Braunkohleförderung – das Oberverwaltungsgericht Münster hatte Anfang Oktober nach einer Klage des BUND einen vorläufigen Rodungsstopp verfügt.

Zur Autorin

Sabine Riedel hat eine Affinität zum Thema Bergbau, die sich aus ihrer Biografie ergibt: Ihr Urgrossvater mütterlicherseits arbeitete als Bergmann. Allerdings nicht im «Pott», sondern im östlichen Niedersachsen. Im Haus ihrer Grossmutter hing die alte Grubenlampe des Vaters im Treppenhaus. Im Ruhrgebiet fühlte Riedel sich sofort wohl. «Ich mag einfach die Leute aus dem Pott», sagt sie. «Die Menschen sind boden­ständig, unprätentiös und unglaublich nett!»

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