Familienrat im Busch

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Das südafrikanische Volk der Xhosa ringt um seine Zukunft.

Monique Schwitter

Bandlakazi ist eine imposante Erscheinung, eine grosse, massige Frau Anfang vierzig im farbenprächtigen formlosen Kleid und in Flipflops, mit überdimensionierter Sonnenbrille, auf deren dramatisch geschwungenen Bügeln Gucci steht, aber das ist Fake, mit kurzgeschorenen Haaren und einem – wenn sie nicht schallend lacht – angewiderten Gesichtsausdruck. Dauernd hat sie Hunger, und dauernd ist ihr schlecht, seit Wochen, sogar, wenn sie schläft. Auf dem Arm trägt sie ein dünnes, zappelndes Kleinkind von anderthalb Jahren, ihren Sohn, dem die Tränen so locker sitzen wie das Kreischen.

Sie verbringt die Weihnachtstage zu Hause, dort, wo ihre Vorfahren herkommen, auf dem kleinen, schäbigen Gehöft, das sie Umzi nennen. Es liegt im Niemandsland des südafrikanischen Eastern Cape, von wo auch Nelson Mandela stammte. Er war der berühmteste Vertreter dieser Region und seines Volkes, der Xhosa, die traditionellerweise hier siedeln. Das Gehöft von Bandlakazis Vorfahren liegt mitten in diesem kargen, strukturschwachen Landstrich, unweit der Stadt Mthatha, im Zentrum der ehemaligen Transkei, die zu Zeiten der Apartheid ein Homeland war, ein von Schwarzen autonom verwaltetes Gebiet.

Sie nennt diesen Ort Zuhause – the soil from which I sprang. Dort wuchs sie auf. Heute lebt sie, nach mehreren Stationen, in East London, am Indischen Ozean. Kaum jemand, der am Eastern Cape geboren wird, bleibt dort. Dürre und Arbeitslosigkeit treiben die Jungen fort. No rain, no work, sagen sie. Bandlakazis Familie lebt verstreut übers ganze Land in den grossen Städten: in Johannesburg, Kapstadt, Port Elizabeth und Durban. Sie alle an Weihnachten zu versammeln, wird von Jahr zu Jahr schwieriger. Aber ihr Name, Bandlakazi, bedeutet Zusammenkunft, und sie weiss ihn zu tragen. Im Schicksalsjahr 1989, in dem die Apartheid zu bröckeln begann, starb kurz nach der hundertjährigen Urgrossmutter auch ihre Mutter. Sie wurde nur 46, und alles drohte auseinanderzufallen. Ihre grossen Schwestern hatten andere Sorgen und Interessen, wollten raus aus dem ländlichen Kaff, raus aus dem Kummer, raus aus der Verantwortung dem kleinen vierjährigen Bruder gegenüber, sie waren hungrig aufs Leben und auf die Liebe. Bandlakazi war damals 14. Seitdem kümmert sie sich.

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