Flüchten dank Facebook

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Der Hamburger Student Tom erhält eines Tages die Nachricht: «Rette mich!» Absender: Ein Bekannter aus Homs, Syrien.

Alexandra Rojkov

Der Krieg erreicht Tom an einem Dienstag im Mai. In Göttingen, seiner Studienstadt, ist der Frühling noch nicht angebrochen, es regnet in Strömen. Das Semester hat gerade begonnen, Tom hat die ersten Vorlesungen hinter sich gebracht. Politik im Haupt-, Ethnologie im Nebenfach. An jenem Dienstag bekommt er eine Facebook-Nachricht, geschrieben auf Englisch, abgeschickt von einem Computer in Homs, Syrien:

 

Nabil Talab, 14. Mai 2013 um 11:09

Hey Tom! Wie geht es dir? Ich hoffe, du bist zufrieden und alles in deinem Leben läuft gut. Ich muss dich um einen Gefallen bitten. Einen riesigen Gefallen.

 

Tom Scheunemann, dunkle Locken, Stoppelbart, ist einer jener Menschen, denen das Leben wenig Furcht zugeteilt hat und viel Neugier. Er ist allein durch Südamerika gereist, studierte ein halbes Jahr im Sudan. Im Februar 2011 fliegt Tom in den Nahen Osten: erst nach Jordanien, dann nach Syrien. In Damaskus nimmt ihn ein Couchsurfer auf. Als Tom nach Homs weiterreisen möchte, bietet der Couchsurfer ihm einen Schlafplatz bei einem Freund an. Nabil, ein schmächtiger Medizinstudent, holt Tom am Busbahnhof in Homs ab.

Der Ort, drittgrösste Metropole Syriens, boomt zu dieser Zeit, Neubauten dehnen den Stadtrand. In einem dieser Häuser bewohnt Nabil ein Zimmer. Tom schläft auf dem Teppichboden.

Tagsüber schlendern Tom und Nabil durch die Stadt, die Abende verbringen sie in einer Bar. Sie spielen Tischtennis, trinken Bier. Nabils Englisch ist fliessend und fehlerfrei. Er hört amerikanischen Rap und bewundert den Westen, wo jeder frei ist und Religion sich nicht in persönliche Belange einmischt. Über Persönliches sprechen sie kaum. Sie adden einander bei Facebook, und nach drei Tagen macht Tom sich auf den Weg nach Aleppo. Eine Reisebekanntschaft, wie sie jeder Backpacker unterwegs schliesst, scheint hier ihr Ende zu nehmen. Tom denkt nicht, dass er noch einmal von Nabil hört.

 

Nabil Talab, 14. Mai 2013 um 11:09

Ich plane einen Besuch in Europa. Wie du weisst, ist es fast unmöglich, ein Schengen-Visum zu bekommen, besonders wenn man aus Syrien kommt. Darum muss meine Bewerbung perfekt sein, und dafür brauche ich, wenn möglich, ein Einladungsschreiben. Glaubst du, dass du mir helfen kannst? Alles Liebe, Nabil.

 

Als Tom die Nachricht liest, lebt er gerade in einer 4er-WG. Sein Zimmer ist geschmückt mit Mitbringseln: Muscheln aus Panama, eine Holzmaske aus Südafrika, Fotos aus Costa Rica, wo seine Freundin an einer deutschen Schule lehrte. Er spielt Handball und kellnert in einer Bar, am Wochenende kocht er mit Freunden indisches Curry.

Zur gleichen Zeit sind am anderen Ende der Welt fünf Millionen Syrer auf der Flucht. Mehr als 70 000 sind schon gestorben. Tom weiss das, er sieht es in der Tagesschau, liest es in Online-Zeitungen. Dann denkt er an Syrien: an Daraa, wo die Revolution begann und wo Nabils Familie lebt. An Aleppo, das einmal wunderschön war und dessen Fluss nun Leichen anschwemmt.

Aber Tom ist auch mit seinem eigenen Leben beschäftigt: Er muss Prüfungen bestehen und Geld verdienen. Von den Artikeln über Syrien bleibt eine flüchtige Beklemmung, aber in Wahrheit ist das Elend weit weg. Bis zu jenem Dienstag im Mai.

Als er Nabils Nachricht liest, ist Toms erster Gedanke: Bin ich stark genug? Will ich diese Verantwortung tragen?

Und einen Moment später, sagt Tom heute, habe er gewusst: «Ich muss. Ich kann ein Leben retten.»

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