Fliesen legen im Krieg

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Ob Espressotassen oder Ziegelsteine: Im syrischen Bürgerkrieg bringt der Handel erbitterte Gegner zusammen. 

Kurt Pelda

Anwar hält einen mit Seifenwasser gefüllten Eimer in der Hand, setzt zu einer schwungvollen Bewegung an und schüttet ihn im hohen Bogen über das Schachbrettmuster seines Innenhofs. «Los, schrubben! Der ganze Staub muss weg, die Fliesen müssen glänzen!», ruft er Dschuma zu, dem Buben mit dem Schrubber in der Hand. Als ob der taub wäre. Dabei hören Dschumas junge Ohren die Flugzeuge immer als erste. Sie sind wie ein Frühwarngerät für Jetmotoren, wenn das Fauchen der Düsen noch ein Säuseln in der Ferne ist.

Spitzt Anwars Neffe seine Ohren und zeigt mit dem Finger in Richtung Himmel, dauert es meistens nicht mehr lange, bis eines von Asads Kampfflugzeugen über die kleine Stadt hinwegdonnert. Und dann fallen Bomben, manchmal ganz in der Nähe, manchmal auf der anderen Seite der Ortschaft. Wirklich nützen tun Dschumas Warnungen allerdings nicht. Anwars kleines Haus ist ebenerdig, zwei Zimmer, eine Küche, Dusche, Plumpsklo und eben dieser Innenhof, im Hochsommer mit Wellblechdach als Schattenspender. Kein Keller, kein Luftschutzbunker in der Nähe, in den man sich bei Luftalarm verkriechen könnte. Anwars Haus bietet keinen Schutz vor den Bomben. Man kann nur abwarten, wen es diesmal trifft, und hoffen, dass der Pilot sein Ziel verfehlt und einmal mehr nur die Olivenhaine der Umgebung umgepflügt werden.

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