Fluch der Karibik

Beat Sterchi verlor sein Herz an Honduras. Nach vierzig Jahren kehrt er zurück in ein zerrüttetes Land.

Beat Sterchi

Macondo

Tegucigalpa erwacht mit dem Tageslicht. Waren es in meiner Erinnerung Hähne und Hunde, die sich dazu als Erstes bemerkbar machten, ist es jetzt der Verkehr. Kurz nach fünf braust er los. Sofort ist klar, er ist mörderisch laut und bewegt sich nur sporadisch. Hier fährt man nicht, hier hupt man sich durch die schmalen Gassen. Auch kommt vor dem Hotelfenster jetzt ein architektonisches Desaster der Extraklasse zum Vorschein, das sich bei der Ankunft noch diskret in der Nacht verschleiert hatte. Nicht dass Tegucigalpa je eine Schönheit gewesen wäre, vielmehr war diese Stadt ausserhalb des historischen Teils schon vor 40 Jahren, zur Zeit des berühmten Fussballkrieges gegen den Nachbarn El Salvador, in einem derart schlechten Zustand, dass die damals eingeflogene internationale Presse auch dort über Bombardierungen berichtete, wo solche nie stattgefunden hatten. Noch gibt es zwischen all den Scheusslichkeiten ein paar der altehrwürdigen, riesigen Tropenbäume: Wie vergessen stehen sie auf einem Parkplatz oder verstaubt und deplaziert mitten auf einer Kreuzung. Sonst wurde flächendeckend mit jeder Art von Kolonialstil-Romantik aufgeräumt. Bei etlichen Gebäuden, die sich abenteuerlich über andere erheben, weiss man nicht, sind sie noch nicht fertig gebaut oder schon wieder am Zerfallen. 

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Weil jetzt vor dem Hotel ein Wagen die Strasse blockiert, hupen die Taxis ununterbrochen. Aber wie vom Sack geschlagen! Man kann es kaum glauben! Dazu dröhnen aus den Nebengassen die Hupen blockierter Lastwagen wie Nebelhörner von Ozeandampfern, dann das Schreien einer Sirene und Motorräder, die sich im Chaos Lücken suchen mit einem Krach, als liefen im Nebenzimmer zwanzig Kreissägen auf Hochtouren, und schon ist es da, das erste Bild einer ziemlich anderen Welt.
Als ich später selbst ein Taxi besteige, wundere ich mich, dass es nicht nur klappert und quietscht, sondern auch noch fährt. Es ist rostig wie eine alte Blechbüchse, ebenso zerbeult und durchlöchert. Der Sitz ist so durchgesessen, dass ich unter meinem Hosenboden den Strassenbelag zu spüren glaube. Durch ein Loch zwischen meinen Füssen kann ich sehen, wie er sich abspult. An ein hoffnungsloseres Pflaster kann ich mich nicht erinnern. Selbstverständlich ist es schrundig, narbig, aufgerissen und lückenhaft, und natürlich gibt es Löcher so gross wie Badewannen, aber hier scheinen die Narben zu leben, und diese Badewannen sind buchstäblich so gross wie Badewannen, und zwar ohne Vorwarnung, ohne jegliche Abschrankungen, ohne den kleinsten Hinweis. Auch die Fussgänger leben sehr gefährlich auf den viel zu schmalen Trottoirs der Innenstadt. Mindestens so gefährlich wie damals, als sich die noch zählbaren Autofahrer aus rätselhaften Gründen einen Sport daraus machten, zu beschleunigen, wenn sich jemand vor ihnen auf ihre Fahrbahn wagte.
Damals war 1975 und 1976, zwei Jahre, während deren ich hier als Englischlehrer arbeitete. Es war die Zeit, in welcher der Vietnamkrieg gerade zu Ende gegangen war und sich Lateinamerika literarisch in einem geheimnisvollen Aufbruch befand, dem ich mich aussetzen wollte. Um die Sprache zu erlernen, belegte ich an der pädagogischen Hochschule von Tegucigalpa ein paar Literaturkurse und ich war bemüht, mich auf die exotische Wirklichkeit dieses Landes einzulassen. Und die war in der Tat ausserordentlich. Man sagte damals, Honduras sei das einzige Land, in welchem es Fische regne, und das einzige, in welchem es sowohl ein Bus und ein Schiff als auch ein Zug und ein Flugzeug fertiggebracht hätten, zusammenzustossen. Tegucigalpa wurde in diesen Jahren in Protestliedern zwar noch heftig von Gitarren verteidigt und überhaupt mit schönsten Melodien besungen, aber man sagte auch, es sei die einzige Hauptstadt der Welt ohne Bahnhof, ohne Oper, ohne eine einzige Rolltreppe. Es gab nur einen Briefkasten, ungefähr ein halbes Dutzend öffentlich zugängliche Telefonapparate und in der ganzen Stadt nur zwei Lokale mit Klimaanlage. Und es wimmelte derart von Goldsuchern, Krokodiljägern, falschen Priestern, Wahrsagerinnen, Halsabschneidern und bunten Hunden jeder Art, dass man Tegucigalpa immer wieder mit dem berühmten Macondo aus dem Roman «Hundert Jahre Einsamkeit» von García Márquez verglich. Zusammen mit Haiti war Honduras auch das ärmste Land des amerikanischen Kontinents, und, was seinen politischen und ökonomischen Zustand betraf, bestimmt auch eines der absolut trostlosesten. Nicht selten wurde man von Kindern gefragt, ob es dort, wo man herkomme, genug zu essen gebe. Man nannte Honduras auch hämisch den Inbegriff der Bananenrepublik, und bis heute witzelt man, als ob das lustig wäre, ein Abgeordneter sei billiger zu haben als ein Maultier. Nobelpreisträger Eugene O’Neill, der in jungen Jahren hier sein Glück als Goldgräber versuchte, soll gesagt haben, Gott habe sich erst zur Erschaffung der Hölle inspiriert gefühlt, nachdem er Honduras erfunden habe. 
Und es ist tatsächlich in einem für Honduras ebenfalls wenig schmeichelhaften Roman, der an dessen Karibikküste spielt, dass O. Henry, ein anderer nordamerikanischer Erfolgsautor des frühen 20. Jahrhunderts, zum ersten Mal das Wort Bananenrepublik verwendet hatte. 
Was mir damals aber am meisten zu schaffen machte, das waren die gigantischen sozialen Unterschiede und der absolute Mangel an jeglicher gesellschaftlicher Solidarität. Ich konnte mich nie wirklich daran gewöhnen, umringt von grösstem Elend, selbst gut zu leben. Ich konnte nie wirklich vergessen, wie privilegiert ich war, während die meisten Honduraner und Honduranerinnen dagegen so vieles entbehrten und mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen mussten. 
Weil sich aber bis heute, heute nach fast 40 Jahren Entwicklungshilfe, nach fast 40 Jahren internationaler Förderprogramme und Weltbankprojekten jeder Art, keine der damals aufkeimenden Hoffnungen erfüllt hat, allen politischen Reformen und Versprechen zum Trotz, und weil grosse Teile der Landbevölkerung statt mit einem jetzt mit zwei Dollar pro Tag auskommen müssen, weil sich also an der Armut grundlegend nichts verändert hat und weil in diesem Jahr Wahlen anstehen, bin ich wiedergekommen, um nach Möglichkeit vor Ort herauszufinden, warum dem so ist. Angereist bin ich zusammen mit Juan de Dios Pineda, einem literarischen Freund aus jener Zeit, der sich mittlerweile in Deutschland heimisch gemacht hat. 

Die Wahrheit

In Honduras läuft vieles schief, nur in einem ist dieses Land bekanntlich an der Spitze. Gemäss UNO ist Honduras ausserhalb der offiziellen Kriegsgebiete das gefährlichste Land der Welt. Ursprünglich hatte ich beabsichtigt, mich nicht darüber dem Thema anzunähern, sondern über die sogenannten Kolonialwaren, die auch uns Mitteleuropäer mit der Realität dieses sonst so fernen Landes verbinden. Ich wollte alles in Erfahrung bringen, was es über Tabak, Kaffee und Bananen zu berichten gibt. Aber kaum angekommen, legt sich das Wissen um diese Gewalt wie ein Schatten über alles. Man spürt sie sofort und vergisst sie nie, weil sie bei all den sichtbaren Waffen jederzeit potentiell vorhanden ist. Von Reisen nach Honduras wird aus guten Gründen abgeraten, will man sich aber ein Bild machen, stellt man sich am besten den wilden Westen vor. Die Banden, mit welchen sich die Mächtigen umgeben, heissen jetzt paramilitärische Einheiten, als Pferde dienen schwere Geländewagen mit verdunkelten Scheiben, und der käufliche Sheriff trägt in der Regel einen Anzug und seinen Revolver so, dass man ihn nicht sieht. Aber sonst, wo immer man hinschaut: Gewehre, Flinten und Pistolen. Vor jedem Laden gibt es schussbereite Wächter, im Supermarkt steht bei jeder Kasse jemand mit einer Knarre im Anschlag, und für die Sicherung einer Bank braucht es eine kleine Armee von Uniformierten. Entsprechend sehen die Häuser aus. Wer etwas besitzt, panzert sich mit Stahltüren, sperrt sich ein hinter Gitter, Zaun, Stacheldraht und einzementierten Glasscherben auf der Gartenmauer. Auch in der noch so kleinen Pension: zwei Gäste, ein Wächter draussen im Hof. Und nachts hört man Schüsse. Wobei man sich an die Schüsse schnell gewöhnt, nicht aber an die unheimliche Stille danach. Kein einziges Mal heult eine Sirene auf. Kein einziges Mal haben die Schüsse Folgen, sie verhallen in der Nacht, und am nächsten Tag ist man gezwungen, sie mit den überall vorhandenen Bildern von Tod und Verbrechen in Verbindung zu bringen. Auch mit den Geschichten, die man notgedrungen mitbekommt. Man hört von Stadtteilen, die völlig von Jugendbanden kontrolliert würden, wo sich kein Soldat und kein Polizist hingetraue; man hört von berühmten jungen Männern, deren Ausserordentlichkeit darin besteht, dass sie dutzendweise Menschen umgebracht haben, und dennoch unbehelligt durch die Gegend spazieren. Man hört von Kindern, die schon mit acht Jahren das Schiessen üben, indem sie auf Hühner und Ferkel zielen, und dass diese Kinder niemanden mehr bewundern und verehren als Joaquín Guzmán, den mexikanischen Chef des sogenannten Sinaloa-Kartells. Längst eine berüchtigte Legende vom Ausmass eines Al Capone. So wie «El Chapo», wie er auch genannt wird, genau so, wird uns gesagt, wollten grosse Teile der Jugend sein: so reich, so unberührbar und im Besitz einer goldenen Pistole mit Diamanten am Griff.
Das erste Taxi, das ich bestiegen habe, bringt mich ins Zentrum, wo die Spanier einst wie in allen Städten vor der Kirche einen Park angelegt haben. Noch schwebt hier mitten im Chaos der baulichen Verschandelungen ein Hauch von Nostalgie, als befände man sich in einer kolonialistischen Oase mitten in den imperialistischen Verwüstungen. Da steht das obligate Denkmal des Nationalhelden hoch zu Ross, und da gibt es Zeitungsstände, Losverkäuferinnen, Schuhputzer, Bettlerinnen, Missionare und Geldwechsler, und da sieht man auch noch die Herren mit Stil, mit kräftigem Schnurrbart im zerfurchten indianischen Gesicht und mit dem nie fehlenden Strohhut auf dem Kopf. Aber es gibt auch gleich einen Tumult, Schreie werden laut und schon wimmelt es von Uniformen und man sieht die Knüppel hochgehen und man sieht die Knüppel niedersausen. Eine Meute von Menschen rafft sich zusammen und geht unter den Schlägen der Polizisten auch gleich wieder auseinander, als wäre nichts gewesen, als müsste das so sein, den Grund erfahre ich nicht und gehe auch einfach weiter zu einem Zeitungsstand, wo ich frage, welches denn die beste Tageszeitung sei. Der Zeitungsmann trägt eine Brille und hat ziemlich Gel in den Haaren, ist untersetzt und sehr energisch. Diese hier sagt die Wahrheit! Er streckt mir die Zeitung «El Tiempo» entgegen. Und diese nicht? Ich zeige auf «El Heraldo». Nein, die sagt nur die Wahrheit derjenigen, die viel Geld haben, aber diese hier, insistiert er, indem er mit der einen Hand auf die Ausgabe von «El Tiempo» klopft, die er mit der andern feilhält, diese hier sagt die Wahrheit der Reichen und der Armen! Die Wahrheit, die für alle wahr ist.
Schlägt man diese Zeitung dann auf, sieht man auf der ersten von vier Seiten «Vermischtes» das Bild eines etwas düster blickenden, aber nicht allzu auffällig aussehenden 14-jährigen Jungen, der mit einem seiner Namen Paz heisst, also «Frieden», was ihn aber offensichtlich nicht davon abhielt, einen anderen Minderjährigen mit einer Machete abzuschlachten, weil ihn dieser mit Steinen bewarf, nachdem er ihm das Handy geraubt hatte. Weiter ist zu lesen, dass der Chauffeur eines Kleinbusses einfach so mit einem halben Dutzend Kugeln ermordet wird, dass ein angeblicher Käufer beim Ausprobieren eines Motorrades dessen Besitzer mit einer Machete tötet und dass, nur zwei Strassen von der Polizeiwache entfernt, ein Friseur von zwei Velofahrern aus unbekannten Gründen erschossen wird, während er wegen der vorherrschenden Unsicherheit seine Freundin zum Bus begleitet. Und dass eine Frau im Streit eine andere Frau mit einem Messer ersticht, weil die ihr ihren Mann gestohlen habe, und dass im gleichen Ort ein nackter Mann von 17 bis 20 Jahren an den Händen gefesselt, mit mehreren Einschüssen im Schädel auf dem Bauch am Strassenrand liegend aufgefunden wird. 
Auf der nächsten Seite verliert ein mit Namen erwähnter junger Mann von 26 Jahren sein Leben, weil ein Radfahrer mehrere Schüsse auf ihn feuert, während er abends um halb neun nach Hause geht, und die Leiche einer Frau wird ohne Schuhe morgens am Rand einer nicht asphaltierten Strasse mit acht Kugeln in Kopf, Schulter und Magen gefunden, nachdem nachts Schüsse gehört worden waren. Der Gerichtsmediziner schätzt, dass diese Frau 25 bis 30 Jahre alt und 1 Meter 60 gross ist. Einen mehrfach für Mord und Raub und illegalen Waffenbesitz vorbestraften Mann von 30 Jahren findet man von Kugeln durchlöchert am Steuer eines Wagens ohne Nummernschilder, und auf dem Weg zum Strand wird eine Familie in ihrem Toyota-Pick-up mit Doppelkabine von drei andern Fahrzeugen gezwungen, in einen Weiler abzubiegen, wo sie tot und ausgeraubt aufgefunden wird. Am frühen Nachmittag erschiessen sechs als Polizisten verkleidete Männer mit Waffen von grossem Kaliber einen 42-jährigen Mann, während er sich in seinem Haus hingelegt hat. Ein gefesselter und geknebelter Mann von 20 bis 25 Jahren mit Folterspuren am Leib wird tot von einem fahrenden Lastwagen auf die Strasse geworfen, und mit 20 Einschüssen des Kalibers neun Millimeter wird ein 20-Jähriger mit dem Übernamen «der Bär» von Unbekannten und aus unbekannten Gründen umgebracht. Ein Mann von 30 Jahren – vorbestraft wegen Raub, Mord und illegalen Waffenbesitzes – wird in seinem weissen Wagen aus einem roten Wagen unter Beschuss genommen, dann verfolgt, und, nachdem er gegen einen Baum gerast ist, noch am Steuer ermordet. Weiter unter «Vermischtes» ist ein Bild von zwei jungen Männern zu sehen, die mit selbstgebauten Waffen Kaliber 22 die Zulieferer von Quartierläden überfallen. Auf einer Bank unter einem Baum in einem Park wird ein mit Namen erwähnter Mann (67) von einem angeblichen Bandenmitglied überrascht und nach einem kurzen Wortwechsel mit mindestens sechs Schüssen hingestreckt. Noch am Tatort vermuten Nachbarn, dass er als Vermieter von mehreren Marktständen erpresst worden war. In einem Quartier ganz in der Nähe wird einer ebenfalls mit Namen erwähnten und auf einem Passbild abgebildeten, im siebten Monat schwangeren Frau beim Gemüseeinkauf durch ein nahes Fenster in den Nacken geschossen. Von dem Täter berichten Augenzeugen, dass er einen in der Nähe wartenden Wagen bestieg und entkam. Und in Tegucigalpa wird gemäss Augenzeugen eine 40-jährige Hausfrau von ihrem Ex-Ehemann erstochen. Ihr Name wird erwähnt, seiner nicht. Ebenfalls in Tegus wird, um die Mittagszeit auf dem Markt, wenige Meter vor einer Überwachungskamera, ein Händler umgebracht. Motiv unbekannt. Dabei wird in diesem Bericht versichert, dass alles unternommen werde, um das Verbrechen aufzuklären.
Und dann auf Seite 44 noch der Nachschlag: Als Polizisten verkleidete Männer mit Kapuzen holen mit Gewalt drei Jugendliche aus einem Billardsaal, schleppen sie in die Nacht hinaus, foltern sie, töten sie mit mehreren Schüssen und lassen sie auf einem Feld liegen. Ein mit Namen erwähnter Sicherheitsbeamter wird nicht einfach umgebracht, um ihm seine Waffe stehlen zu können, sondern – so wie die dazugehörigen Bilder gnadenlos sind, ist der Text hier ganz genau – mit 16 Schüssen durchlöchert. Acht Schüsse reichen dagegen, um einen ebenfalls mit Namen erwähnten Waffenmechaniker (65) umzubringen, und zwar, während dieser seinen Enkel, den er an der Hand hält, zur Schule bringen will. Der Enkel bleibt unverletzt. 
Trifft es einen Schweizer, einen Agraringenieur, wie dies kürzlich der Fall war, taucht genau eine solche Meldung auch in unseren Zeitungen auf: Zwei jungendliche Motorradfahrer haben ihm bei einer Autowaschanlage aufgelauert. Die beiden Täter eröffneten laut Polizei sofort das Feuer. Das Opfer sei noch an der Unfallstelle gestorben. Laut den Ermittlern wies die Leiche insgesamt sieben Einschusslöcher im Kopf- und Nackenbereich auf. Die Art und Weise des gezielten Überfalls deute auf einen Auftragsmord hin, berichtet die «NZZ» vom 18. 12. 2012, allerdings ohne auf die jährlich rund 8000 anderen Fälle einzugehen, die sich nicht nur alle erschreckend ähnlich sehen, sondern die zu 95% nicht aufgeklärt werden.
Etwas friedlicher geht es in der Stadt Trujillo zu, unserem ersten und fernsten Ziel. Trujillo, 1525 gegründet, war auch schon die Hauptstadt des Landes und ist immerhin der Ort, an welchem Christoph Kolumbus bei seiner vierten und letzten Reise in die neue Welt zusammen mit seinen Leuten zum ersten Mal den Fuss auf amerikanisches Festland gesetzt hätte, wäre er nicht gerade krank gewesen und an Bord geblieben. Auf einer kleinen Aussichtsterrasse hoch über der herrlichen Bucht erklärt uns ein älterer Mann ziemlich stolz, dass Trujillo sehr sicher sei, hier könnten wir ruhig überall hingehen, Trujillo sei nicht wie andere Städte, wo alle immer schiessen würden, hier zücke höchstens einer ein Messer und verlange alles, was man auf sich habe! Mehr nicht! 
Und eben findet nicht weit davon entfernt der abendliche Sonntagsgottesdienst statt. Man hört Glocken und Trommeln und dann einen mitreissenden Frauenchor. Stimmiger kann man sich eine religiöse Veranstaltung nicht vorstellen. Der volle Gesang hallt aus der auf allen Bänken dicht besetzten Kirche durch das weit geöffnete Tor auf die Strasse hinaus. Die Gemeinde antwortet auf die Vorgaben des Priesters in überzeugendem Einklang, wie eingeübt für einen Film, und doch steigen diese aufrechten, bunt und sonntäglich gekleideten Gläubigen nach der Messe schon in der nächsten Strasse über Müll und Schutt in ihre heruntergekommenen Wohnquartiere zurück.
Auf eine diesbezügliche Bemerkung meinerseits sagt mein Begleiter Juan mit spürbarer Trauer in der Stimme, dieser einst blühende Ort komme ihm vor wie eine ungekämmte, sehr bejahrte Frau. Die Verwahrlosung ist tatsächlich allgegenwärtig. Leider alles sehr arm, sagt ein Taxifahrer, während er um die Löcher im Asphalt kurvt. Die Touristen wollten nicht kommen, niemand investiert, und die Leute leben von dem Geld, das ihnen Verwandte aus den Staaten schicken. Er selbst habe vier Kinder, verdiene von morgens um sechs bis abends um neun 14 Dollar, was wenig sei, denn die Lebenskosten seien hoch, und er wisse sehr wohl, dass man das andernorts in einer Stunde verdiene. 
Aber einen Friedhof gibt es hier, mit Meeresblick und überhaupt wie für Götter gemacht, von einem eifrigen Gärtner mit Herzblut gepflegt, auf dem das karibisch-mystische Trujillo noch zu spüren ist. Schief stehen steinerne Kreuze vor dem tiefblauen Himmel zwischen wild wuchernden und rot blühenden Pflanzen und erzählen Geschichten. Hier ruht mit William Walker auch einer jener legendären Abenteurer, die sich in Lateinamerika nicht nur bereichern wollten, sondern sich gleich noch zu selbsternannten Staatspräsidenten machten, nicht selten aber, wie auch der Amerikaner Walker, standesrechtlich erschossen wurden. Fusilado 12 Septiembre 1860 steht auf seinem Grab. Und gleich mitten im Ort, unmittelbar neben dem baufälligen, aber bis auf die Strasse hinaus belagerten Spital, befindet sich das ziemlich improvisiert wirkende Gefängnis. Der vor dem Eingang mit einem Gewehr auf einem Stuhl sitzende Soldat vom Dienst gibt erst erstaunlich freizügig Auskunft: 300 Insassen, Übeltäter, Halunken und Kriminelle aller Gattungen, Diebe, Messerstecher, Erpresser, Mörder… Plötzlich unterbricht er sich, sein Gesicht erstarrt, und unfreundlich wendet er sich ab, als erinnerte er sich eines Befehls, keine Fragen zu beantworten.

Mestizen

Ein paar Tage danach besuchen wir einen der führenden Intellektuellen des Landes, den Schriftsteller Julio Escoto, in San Pedro Sula. Ebenfalls hinter verschlossenen und bewachten Türen, betreibt er dort zusammen mit seiner Gattin ein kleines Kulturzentrum. Auf das Problem der Gewaltbereitschaft angesprochen, macht er auf die Tatsache aufmerksam, dass es zwar auch in Honduras davon unterschiedlich betroffene Regionen gebe, aber anders als beispielsweise in El Salvador, wo man davor gewarnt werde, gewisse Stadtteile zu betreten, sei sie in Honduras allgegenwärtig, und eigenartigerweise seien es die Mestizen, die sich ihrer bedienten, während sich die afrikanischstämmige Bevölkerung durch auffallende Friedlichkeit auszeichne, möglicherweise, weil sie sich in ihrer Geschichte als Nachfahren von Sklaven dazu eine andere Haltung angeeignet hätten. Und mit Nachdruck fügt er hinzu: Das Problem sind wir! 
Julio Escoto ist ein sanfter, nachdenklicher und doch humorvoller Mann, der einen grossen Teil seines Lebens im Exil verbracht hat. Er ist überzeugt, dass sich bei der Bevölkerung seit dem letzten Staatsstreich ein kritisches Bewusstsein entwickelt hat. Man habe genug davon, dass die Armee die eigene Landbevölkerung umbringe, anstatt sie vor den Interessen der Grossgrundbesitzer zu schützen. Die traditionellen Parteien werden es bei den nächsten Wahlen schwerer haben, sagt er, obschon Wahlbetrug nie auszuschliessen sei.
Die eklatante Straflosigkeit im Land erklärt er damit, dass niemand den Mut habe, Präzedenzfälle zu schaffen, die sich bei einem eventuellen Machtwechsel gegen einen selbst richten könnten. Da die Oligarchie total verklüngelt sei und eine Gewaltentrennung nicht wirklich existiere, könne sich das System nicht mehr selbst reinigen. Man müsse auch wissen, dass sich diese Elite in den letzten 30 Jahren sämtliche Ressourcen angeeignet habe. Der Staat arbeitet nur für sie, und die schlechten Politiker arbeiten auch für sie. Gegen Bezahlung, versteht sich. Das Land habe sich nicht entwickeln können, weil es diesen Kräften in die Hände fiel. Während in andern Ländern Firmen mit andern Firmen Geschäfte machten, macht hier die Oligarchie ihre Geschäfte mit dem Staat. So verkauft ein Pharmaimporteur dem Staat für Millionen Medikamente, die andernorts schon verfallen oder überholt wären. Um dies zu erreichen, braucht er nur einen Minister, der sich bestechen lässt und die Spitäler dazu bringt, diese Produkte mit entsprechenden Gewinnmargen zu kaufen. Und dieser Señor besitzt natürlich auch noch Zeitungen und Fernsehkanäle, mit welchen er die öffentliche Meinung manipuliert, und verkauft dem Staat auch noch gleich die Waffen. Diese kleine Oligarchie von 13 oder 14 Familien habe sich Minen, Flüsse, Ländereien angeeignet. Sogar die Flughäfen sind nicht mehr im Besitz des Staates. Vorher hatten wir schlechte Regierungen, korrupte Militärdiktaturen, die sich die öffentlichen Ämter unter den Nagel rissen, aber diese neuen Herren haben das ganze Land übernommen und machen mit ihren gekauften Politikern die Gesetze gleich selbst. 

Mogeln und Wursteln

Der Lichtschalter kann eine Attrappe sein, von zwei Wasserhähnen funktioniert nur einer, hat man endlich einen bestimmten Termin, kommt bestimmt etwas dazwischen, denn in der Regel geht schief, was schiefgehen kann. Auch im besseren Hotel fehlen Glühbirnen, oder die Bettwäsche unter dem buntschönen Überwurf ist durchlöchert, und die Bedienung, obschon meist freundlich, ist nur sehr halbherzig bei der Sache. Kauft man im Laden ein Bier und eine Flasche Wasser, greift der Verkäufer zum Taschenrechner und sagt: 65 Lempiras. Legt man 100 Lempiras hin, greift er wieder zum Taschenrechner. 
Absolut abenteuerlich und aufsehenerregend sind die elektrischen Verbindungsleitungen, welche zwischen den Häusern viele Gassen und Strassen zieren. Sie sehen aus, als würde jemand versuchen, mit Tausenden von Kabeln Ineffizienz und Unübersichtlichkeit zu moderner Kunst zu verknoten. Und noch ein aufschlussreiches Bild: Vor dem Hotel wird von Männern, die nie darin baden werden, in Zeitlupe ein Swimmingpool gebaut: Ein Radio plärrt, einer wischt, als wäre er tot, einer schaut zu wie im Schlaf, einer schleppt in einem Eimer ein bisschen Schutt auf einen anderen Haufen, insgesamt ein halbes Dutzend Leute und kaum Bewegung. Neben dem halbfertigen Pool liegen Berge von Schutt, aber es gibt keinen Kran, keine Rutsche, keine Schubkarre, nichts! Nur geduldiges, gelangweiltes Ertragen von bestimmt sehr misslichen Arbeitsbedingungen.
Auf der Post hat die Dame am Schalter keine zehn Briefmarken im Angebot, und als ich mich vor einer Bank an die Euros erinnere, die ich noch nutzlos herumtrage, kostet mich das Wechseln der Scheine eine gute Dreiviertelstunde. Erst heisst es Schlange stehen, dann werden die Scheine siebenmal gezählt und dann einzeln fotokopiert. Wegen der Geldwäscherei! werde ich belehrt. Aber gleichzeitig wechselt mein Freund Juan seine Euros nur wenige Meter vor der Bank in wenigen Sekunden, um sich dann, während er auf mich wartet, vergnügt mit dem Geldwechsler zu unterhalten. 
Weil es nicht ratsam ist, nachts in der unbekannten Gegend einer grossen Stadt ein Lokal zu suchen, essen wir in einer amerikanischen Fast-Food-Kette irgendetwas Geschmackloses, Blasses, Pampiges, etwas wie Hühnerfleisch und etwas wie ein Salatblatt, beides eingeklemmt in eine irgendwo wohl von einer riesigen Maschine millionenfach ausgespuckte Brötchenattrappe. Schlechter haben wir noch nie gegessen, und wir befinden uns zwar in einem Kaffeeproduktionsland, aber die dunkle Brühe im Plastikbecher ist absolut ungeniessbar. 
Obschon auch hier äusserst freundlich, ist die Bedienung so etwas von langsam, unbeholfen und unmotiviert, es spottet jeder Beschreibung. In einer Raststätte an einem der wenigen kurzen Autobahnstücke, die das Land zu bieten hat, bewegt eine junge Frau wie der Inbegriff der Apathie ihren Mob derart langsam und abwesend über den Fussboden, dass sie zwischen Tisch- und Stuhlbeinen mir auch gleich noch die Schuhe putzt, und schon fängt man an, die Allgegenwärtigkeit von Ineffizienz und Inkompetenz als erste Vorstufe der Korruption zu verstehen. 
Die wenigen kulturellen Institutionen scheinen nur sich selbst zu dienen, sind undenkbar kompliziert organisiert, immer ist da noch ein Beamter oder noch eine Beamte und noch ein Wächter, und immer gibt es noch jemanden, der ein Formular ausgefüllt haben will. Überall eine Schwerfälligkeit, die nur noch durch die allgemeine Unzuverlässigkeit übertroffen wird. Angeschriebene Öffnungszeiten scheinen nirgends verbindlich zu sein. 
Das Museum für Kunst und Geschichte in Tegucigalpa versuchen wir morgens zu besuchen, aber da ist nur ein Wächter im vergitterten Eingang, der uns auf später vertröstet und dann meint, den Verantwortlichen klebten heute wohl wieder mal die Ohren am Kopfkissen fest, und das Museum bleibt geschlossen. Mit Blaumachen kompensiert man auch in den Schulen die unzureichenden Löhne. Gleich wochenweise gehen dabei in jedem Semester überall dringend benötigte Unterrichtsstunden verloren, zum Beispiel wenn sich unter dem Vorwand des Personalmangels die Einschreibungen tagelang hinschleppen, bis der Minister eingreift. 
Beim Besuch der Nationalbibliothek erzählt uns der als Direktor amtierende Schriftsteller Eduardo Baer, wie wenig man auf Regierungsebene von Kultur halte und dass er trotzdem schon vier Minister überlebt habe. Man mache es den Intellektuellen und besonders den Linken nicht leicht. Man wolle ihn immer wieder entlassen, aber um der Sache willen halte er durch, obschon man ihm gedroht habe, ihn nicht mehr zu bezahlen. Er würde sogar gratis arbeiten, sagt er trotzig. 
Bei der gewährten Besichtigung durch die verschiedenen Abteilungen dieser für eine Nationalbibliothek sehr bescheidenen Institution wird aber nicht klar, worin deren Aufgabe genau besteht. Zwar ist sie in einer ehemaligen Hazienda der Kolonialzeit stilvoll untergebracht, gleicht aber, was ihren Bestand betrifft, einer etwas vernachlässigten Schulbibliothek irgendwo in einer noch computerfreien Provinz, und schnell kommt der Verdacht auf, da werde vom ganzen siebzehnköpfigen Team lediglich Zeit abgesessen. Seit vier Jahren gibt es kein Geld für Neuanschaffungen, aber man verschanzt sich bei der «Erfassung» hinter ganzen Stapeln von alten Büchern, die schon Staub ansetzen, und hält sich fest an einem Arbeitsplatz, der keiner mehr ist. 
Werden in dieser Kultur des Mogelns und Wurstelns Wahlen durchgeführt, kennt der Selbstbetrug keine Grenzen, und keinem Wahlausschuss wird es je gelingen, sich nicht in peinlich kindische Sackgassen zu manövrieren. Denn wenn alle betrügen, muss den andern selbstverständlich massiver Betrug vorgeworfen werden, und ein unliebsames Resultat wird nie und nimmer als rechtmässig akzeptiert werden können. Wundert man sich aus europäischer Sicht, warum sich Auszählverfahren in Ländern wie Honduras lange hinziehen, so muss man wissen, dass eine abgewählte Verliererpartei sich erst dann geschlagen gibt und aufhört, ihre «Betrug» schreienden Aktivisten auf die Strasse zu schicken, wenn sie den Siegern die notwendigsten Zugeständnisse abringen konnte, wie zum Beispiel, nicht wegen Korruption vor Gericht gezerrt zu werden.
Auch im chaotischen Strassenverkehr wird man das Gefühl nicht los, sich mitten in einer gigantischen Wurstelei zu befinden. Es herrscht die absolute Anarchie, und es bleibt undurchschaubar, was man als Fahrer darf und was nicht, denn alle tun alles, was man eigentlich besser nicht tut. Nicht nur sind die Strassen der viel zu schnell angewachsenen Mobilität nicht gewachsen, es fehlen Signale und Markierungen, Schilder jeder Art, ein Rotlicht ist nirgends ein Rotlicht, und bei den vielen zerbeulten Wagen wundert man sich kaum, noch und noch Zeuge von Unfällen zu werden. Die Staus sind gnadenlos und natürlich alles immer bei laufendem Motor. Die Heerscharen von ambulanten Verkäufern und Scheibenputzern turnen zwischen den Schlangen herum wie Lebensmüde, und es kracht links und es kracht rechts: Plötzlich geht es zu wie beim Autoscooter im Vergnügungspark, und Busse kippen, Lastwagen brechen ein oder verlieren ihre Ladung, Motorräder werden zerquetscht, es wird gehupt und geschrien. 
Entkommt man nach Stunden dem mörderischen Stau der Stadt, gerät man unfreiwillig mitten in die kühnsten Verfolgungsrennen und wird Zeuge von Überholmanövern, wie man sie eigentlich nur aus Gangsterfilmen kennt. Auf einer Überlandstrasse sehen wir, wie ein Geländewagen in eine Kuhherde hineinrast, ohne abzubremsen, und einmal heftet sich ein Taxifahrer an die Stossstange des Taxis vor ihm, schubst es absichtlich an, eine verbeulte Karre rammt die andere verbeulte Karre, und die Fahrer scheinen es zu geniessen, sie lachen wie kleine Kinder und rasen dann ohne Rücksicht auf Fussgänger zwischen Schlaglöchern hindurch davon wie Bankräuber auf der Flucht. Und natürlich hat so ein Fahrer auch nie Wechselgeld. Schon gut, denkt man da, steck es irgendwo hin! Sagt vielleicht noch, der Rest ist für die Kinder, und ist froh, dass man draussen ist. 
Gerne nimmt man das Wechselgeld ohnehin selten in Empfang. Honduras ist ein Land ohne Münzen, weil diese zu so niedrigem Nennwert nicht herstellbar wären, ohne dass es sich lohnen würde, das Metall zu horten und einzuschmelzen. Oft sind die abgegriffenen Scheine aber so feucht und dreckig, dass man sich ekelt, sie anzufassen. Als wären der ganze Schweiss und alle Tränen des Landes in diesem kümmerlichen Papiergeld aufgesogen, was allerdings niemanden daran hindert, es zu liebkosen. Offensichtlich ist es für viele Leute eine Wohltat, sich diese bis zur Unkenntlichkeit abgegriffenen Scheine durch die Hände flutschen zu lassen. Der Junge, der in einem Bus den Fahrpreis kassiert, glättet sein dickes Bündel, streichelt es, fährt mit einer Hand darüber, als liebkoste er eine kleine Katze. Die Männer geben dieses Geld nicht aus der Hand, und viele Frauen stecken es sich ohne Bedenken in den Ausschnitt.
Wie absurd sich das Wursteln bis zur höchsten Ebene gebärden kann, zeigt auch der bisher letzte von einer ganzen Reihe honduranischer Staatstreiche, der 2009 als «Pyjamacoup» weltweit Schlagzeilen machte: Die gleichen Drahtzieher der Oligarchie, welche den gewählten Präsidenten Mel Zalaya stürzten und ausser Landes brachten, erliessen kurz darauf gegen denselben einen internationalen Haftbefehl wegen 18 schwerwiegenden Vergehen. Inkonsequenteres Handeln ist kaum vorstellbar. 

Lethargie

Einer, der meiner Behauptung, in Honduras habe sich nichts verändert, widerspricht, ist Rafael Murillo-Selva, ein Bekannter aus alter Zeit. Aber, sagt er, es gebe Veränderungen zum Guten oder zum Schlechten. Leider sei zweiteres der Fall. Rafael Murillo kennt die offenen Venen Lateinamerikas, denn es sind die eigenen. Er ist mit Leib und Seele Theatermann, war Universitätsprofessor und unter dem gestürzten Zelaya Botschafter in Kolumbien. Er wohnt zwar in einem märchenhaft verspielten, jedoch einfachen und unbewachten Haus eine Stunde von der Hauptstadt entfernt in San Juancito, wo es keine eigentlichen Strassen mehr gibt, wo die Nachbarn in selbstgebauten Hütten leben, wo die Hunde bellen und die Hähne krähen und wo die tropischen Blumen explodieren wie Feuerwerk. Wir erreichen das kleine, mit dem Dschungel verwachsene Dorf auf ziemlich rudimentären Sitzen in einem Bus, der, wie einem verrosteten Schild beim Fahrer zu entnehmen ist, vor Generationen in Kalifornien Kinder zur Schule gebracht hat. 
Umgeben von den Bildern seiner Künstlerfreunde und von den Plakaten seiner Inszenierungen in Europa und Nordamerika, erläutert Rafael Murillo dialektisch geschult die Beschleunigung der Verarmung seit der Globalisierung, dabei schreckt er auch nicht davor zurück, Marx zu zitieren. Die wenigen Errungenschaften, die es zu verzeichnen gab, sagt er, wurden eliminiert, die Agrarreform zugunsten der Grossgrundbesitzer unterbrochen. Mit 400 000 gibt es heute mehr Bauernfamilien ohne Land als je zuvor. Auch tiefe Preise auf dem Weltmarkt, die Verteuerung von Dünger und Energie führen zu der brutalen Armut, die die Leute weg von der Scholle in die Städte oder in die illegale Emigration treibt. Die Städte verfügten aber nicht über die notwendigen Strukturen und Bedingungen zum Überleben. Da hat ein grosser Teil jener Gewalt ihren Ursprung, auf welche die Regierenden keine Antworten haben. Die Gewaltzunahme interessierte diese wenig, weil sie sich nur auf das Stehlen konzentrierten. Jetzt sei der Zerfall total. Die wenigen Institutionen, die es gab, die Justiz, das Parlament, alles total verrottet. Aber, sagt er, mit Ausnahme der USA und Deutschland verarme die ganze Welt, nicht nur Honduras. Allerdings habe sich Honduras gar nie im Sinne einer eigenständigen Nation als Land konstituieren können, was wiederum vielen fremden Interessen entgegenkomme. Nirgends seien die Bodenschätze zugänglicher und die Geschäfte allgemein ertragreicher, als in einem kaputten, korrupten Staat. Es reicht aber nicht, immer nur andern die Schuld zuzuschieben, wir sind auch verantwortlich für das Desaster, sagt er und verweist auf chronische Trägheit, auf eine immer weiter vererbte Lethargie, deren Wurzeln in jener paradiesischen Phantasie zu suchen sei, für die der Kolonialismus irrtümlich von vielen gehalten wurde.
 
Narcokapitalismus

Der neben der Gewalt vielleicht Schlimmste Fluch über dem Land geht quer durch alle sozialen Schichten. Ist ein Laden oder ein Kiosk zu klein, um einen Wächter zu beschäftigen, werden die Kaugummis oder Zigaretten durch eine Öffnung in einem Gitter hindurch verkauft. In grenzenloser Armut ist rein nichts vor Dieben sicher. Schon gar nicht die Staatskasse. Da werden in erfundenen Orten, für phantasievoll auf die Namen von Dichtern und Denkern getaufte, aber nicht existierende Schulen schamlos Gelder abgezweigt, da werden nicht existierende Strassen repariert und über nicht existierende Flüsse nicht existierende Brücken gebaut, bloss für real existierende Aufgaben ist kein Geld vorhanden. Die gigantischen Strukturschäden, die der 1998 über Honduras wütende Hurrikan «Mitch» hinterliess, sind, der internationalen Solidarität zum Trotz, noch immer als gespenstische Ruinen allgegenwärtig. 
Kommt man im Gespräch auf einen Politiker, dessen Name noch nicht gefallen ist, wird für den Besucher unweigerlich die Formel hinzugefügt: Ha robado mucho! Er hat viel gestohlen! Oft erfährt man auch noch gleich, wie viel und wo. Nicht selten geht es um Millionenbeträge. Eine Auseinandersetzung zwischen zwei verfeindeten Politikern wird nicht etwa ideologisch im Zusammenhang mit einer zu ergreifenden Politik geführt, sondern durch gegenseitiges Aufrechnen der illegitimen Bereicherung. 
Zugegriffen wird allenthalben mit blossen Händen, da ist niemand bemüht, sich auch noch weisse Handschuhe überzustülpen. Dabei ist es für Aussenstehende nicht nachvollziehbar, mit welcher fatalen Selbstverständlichkeit dies hingenommen wird. Wird eine Bürgermeisterin wegen Unterschlagung zu bedingtem Gefängnis verurteilt, heisst dies noch nicht unbedingt, dass sie ihr Amt niederlegen muss, und der gestürzte Präsident Zelaya, der zwar aus gutem Grund in grossen Teilen der Bevölkerung für seine angestrebten Reformen weiterhin viel Achtung geniesst, soll einen seiner Minister, anstatt ihn verhaften zu lassen, in aller Öffentlichkeit aufgefordert haben, sich weniger schamlos zu bereichern. Derselbe Mel Zelaya, dem man nachsieht, dass noch sein Vater auf seinen Gütern reihenweise um ihr Land betrogene und rebellische Kleinbauern erschiessen liess und dass sein Bruder im Drogenhandel mitmischt, liess als Präsident dieses Armenhauses sein privates Rennpferd nach Kanada zu einem Spezialisten zur Schönheitspflege fliegen, und zwar auf Staatskosten. Und während sich die Welt über seine Entmachtung empörte, soll es der gleiche Monsieur geschafft haben, in den ersten Stunden seines erzwungenen Exils in Costa Rica mit der nicht sofort gesperrten präsidialen Kreditkarte noch Kleider und Accessoires im Wert von immerhin 80 000 Dollar einzukaufen. 
Es ist diese peinliche Herrschaft der Würdelosigkeit, die Lateinamerika allgemein so lange zu ertragen hatte, deren sich auch Honduras anscheinend nicht entledigen kann. Hier besteht die hohe Kunst der Politik weiterhin darin, herauszufinden, welcher Prozentsatz der Beute an andere verteilt werden muss, um sich selbst unbehelligt bedienen und dennoch an der Macht halten zu können. Entsprechend entbehren die beiden traditionellen politischen Parteien jeglicher Ideologie und jeglichen Programms. Sie sind nichts mehr als Geldverteil- und Privilegienverschacherungsapparate, die allerdings bei den nächsten Wahlen Konkurrenz bekommen werden, da nach dem Sturz von Zelaya mit LIBER eine in der Bevölkerung breit abgestützte Bewegung und damit eine neue Partei entstanden ist. Was diese verändern wird, bleibt abzuwarten. Ebenso, was es bedeutet, dass sie von der Ehefrau des Ex-Präsidenten angeführt wird.
Nicht überraschen kann, dass sich vor einem solchen politischen Hintergrund der Narcokapitalismus nach seinen eigenen Gesetzen ausbreitet und etabliert. Was die Drogenbosse haben müssen, das kaufen sie sich und zeigen sich dabei besonders gegenüber den Ärmsten unwiderstehlich grosszügig und gönnerhaft. Offiziell werden die Narcos in Absprache und Zusammenarbeit mit den USA zwar mit riesigem Aufwand bekämpft, aber verhaftet und verurteilt werden nur die kleinen Fische, da es im ganzen Land keine Institution gibt, die stark und unabhängig genug wäre, die wirklich grossen anzutasten. Wegen diesen bräuchte es auch die unzähligen Strassensperren nicht, denn ihre Namen und Adressen sind bekannt, waren dies sogar schon, bevor Wikileaks Depeschen des amerikanischen Botschafters in Tegucigalpa publik machte. 
Die USA haben ihre Präsenz in Honduras in den letzten Jahren zwar weiter ausgebaut, und der Luftraumüberwachung des in Honduras stationierten Südkommandos der US-Armee sollte es nicht allzu schwer fallen, genau zu wissen, welche Persönlichkeiten aus der Oligarchie in Kontakt mit Drogenhändlern stehen und auf ihren Latifundien in der Kokaintransportkette von Venezuela in die USA Flugschneisen oder Landepisten zur Verfügung stellen, aber passieren tut nichts.

Der honduranische Selfmademan

«Meine Wahl zum Stadtpräsidenten haben sie mit allen Mitteln verhindert, aber als Präsident meiner Firma kann ich viel erreichen und viel verändern.» Roberto Contreras ist ein Macher und ein Hoffnungsträger. «Denn schauen Sie», sagt er, «es wäre einfach: Honduras ist so fruchtbar! Wenn Ihnen hier eine Tomate zu Boden fällt, wächst in ein paar Wochen eine produktive Pflanze mit einem halben Dutzend neuer Früchte.»
Das Auftreten des vitalen Mannes um die 50 ist selbstbewusst, aber freundlich, und sein Diskurs ist absolut frei von ideologischer Rhetorik, jedoch gespickt mit Sprichwörtern und Weisheiten, von denen er glaubt, dass sie den Schlüssel zu seinem Erfolg bedeuten. Fleiss, Ausdauer, Lernbereitschaft und Ehrlichkeit hat er sich auf die Fahne geschrieben. «Nicht unbedingt die vorherrschenden Tugenden des Landes», sagt er.
Er spricht aus der Optik eines Mannes, der ohne Schuhe die Schule verliess und von seiner Mutter auf einem Holzherd am Strassenrand lernte, wie man andere so bekocht, dass sie wiederkommen. Heute besitzt er mit «Power Chicken» eine Kette sehr empfehlenswerter Selbstbedienungsrestaurants mit einheimischer Kost, die tatsächlich gut schmeckt. Teil seines Ehrgeizes ist es, «McDonald's» und Co., die ein wohl bestochener Minister absurderweise mit der Garantie der Steuerfreiheit ins Land geholt hat, die Stirn zu bieten. Auch Schuhputzer sei er gewesen, sagt er und ist somit der Inbegriff des honduranischen Selfmademan. 
«Haben Sie keine Angst, aber seien Sie vorsichtig», rät er uns auf der Terrasse eines Cafés in San Pedro Sula, der gefährlichsten Stadt der Welt. «Als Tourist leben Sie hier statistisch gefährlicher als ein Amerikanischer Soldat in Afghanistan.» Von sich selbst sagt er, sein Kopfpreis liege bei 500 Dollar, vielleicht weniger. Trotzdem ist er ohne Leibwächter unterwegs und trägt sogar ein rotes Hemd, präsentiert sich als die ideale Zielscheibe. Rot sei die Farbe des Liberalen in ihm, sagt er lachend, klappt seinen iPad auf, stellt ihn auf den Tisch und zeigt Bilder nicht nur seiner Restaurants, sondern auch der Reihenhäuser, die er für seine Mitarbeiter baut, und von den Plantagen, auf welchen rote Bohnen, Kartoffeln und Yuca für den Eigengebrauch gepflanzt werden. 
Er spricht gerne vom Geist des Unternehmers, von persönlicher Tatkraft und Eigenverantwortung, die überall fehle, die aber unter den gegebenen, korrupten Verhältnissen den einzigen Weg aus der Armut bedeute. Er selbst sei schliesslich der Beweis dafür. Und er zitiert nicht Marx, sondern Kennedy: «Ask not, what the country can do for you! Ask, what you can do for the country!» 
Sehr vehement beklagt er eine Kultur der Rücksichtslosen und der Straflosigkeit als das Hauptproblem des Landes. Der Botschafter der USA habe einmal gesagt, in Honduras beisse die Schlange der Justiz nur diejenigen, die keine Schuhe besässen, und dem sei leider so. Kein Wunder, hätten 99.9% der Menschen kein Vertrauen in die Institutionen und keines in die Politik. Nicht einmal das Gefängnis sei unter der Kontrolle der Polizei. Weil sich dieses auch in San Pedro Sula mitten in der Stadt befinde, könne jeder sehen, wie man dort den Whisky kistenweise hineintrage, wenn es beispielsweise eine erfolgreiche Erpressung zu feiern gebe. Um das zu verändern, brauche es polizeiliche Macht, und diese sei nicht zu haben, wenn man die Polizisten mit unsäglichen Hungerlöhnen automatisch jeder Art von Bestechung ausliefere. Ebenfalls als sehr beklagenswert betrachtet er ein schlecht auf die eigentlichen Bedürfnisse ausgerichtetes Bildungssystem. Er ist überzeugt, dass sich in einer globalisierten Wirtschaft auch der Hunger globalisiere und dass es Länder mit schlecht ausgebildeten Arbeitskräften sehr schwer haben, mithalten zu können. Zu diesen Ländern gehöre Honduras.

Auf und davon

A. ist Kellner in einem überdimensionierten Restaurant, das sich Centro Touristico nennt und das sich in der Nähe der Stadt El Progreso so unangemessen weit und protzig ausbreitet, dass man nicht anders kann, als das Ganze für eine Geldwaschanlage zu halten. A. ist 22, macht einen sehr aufgeweckten Eindruck und fragt uns freundlich auf Englisch nach unserer Herkunft. Schon mit der zweiten Frage will er wissen, ob es dort Arbeit gebe. Er selbst schuftet für ein eigentliches Trinkgeld von sechs oder sieben Dollar 14 Stunden, und das sechs Tage die Woche ohne jegliche Zulaben. Und weil er weiss, wie wenig das ist, und weil er den Mut und die Kraft hat, sich etwas anderes vorzustellen, will er ausbüxen, abhauen in den Norden, in die USA. Verschwörerisch verrät er seinen Plan.
Ir de mojado heisst das hier. Auf den Einwand, dass allein in den letzten drei Jahren 8000 Honduraner, die genau dies versuchten, repatriiert worden seien, sagt er, das sei ihm egal, mit einem Freund fahre er in vierzehn Tagen per Bus nach Guatemala, und von dort würden sie versuchen, nach Tapachula in Mexiko zu gelangen. Seine Mutter, für die er sorge, sei dann erst einmal noch ärmer, aber allein lasse er sie nicht zurück, denn er habe noch einen jüngeren Bruder. 
Auch der Einwurf, Mexiko sei sehr gefährlich, beeindruckt ihn nicht. Er wisse, was er wolle, und er glaube an Gott, der werde ihn begleiten und beschützen. Gut, sage ich, das sei sehr schön, dass er auf Gott vertraue, er solle mir aber die Frage erlauben, wie es komme, dass dieser Gott, wie das gerade hier in seinem Land jedem auffallen müsse, nur die einen zu lieben scheine und die andern nicht? Das sei eine schwierige Frage, antwortet er, und sein sonst so freundlich lächelndes Gesicht wird für ein paar Sekunden sehr ernst und zeigt, dass er sich sehr wohl Gedanken zu machen weiss und sich einfach das Recht nimmt, das Paradies dort zu suchen, wo er eine kleine Chance sieht, es auch zu finden. 
Ebenfalls von Gott und dem Paradies spricht ein Missionar in Tegucigalpa, der vor allem dadurch auffällt, dass er nicht einfach predigt, sondern das 1. Buch Mose herunterrappt, und zwar mit einem Tempo und in einer Lautstärke, dass in dem schönen Park mitten in der kaputten Stadt die Fetzen fliegen. Die Worte Adam-Eva-Schlange-Kain-und-Abel-Noah-Sintflut-Regen-Bogen-Beten-Sünde-Gott-und-Babel fliegen unter den tropischen Bäumen hindurch. Geradezu surreal predigt er Frieden und Gnade und Erlösung und beschwört so den Traum von einem möglichen Paradies. Vermutlich gibt es wenige Orte, wo es mehr Gründe gibt, diesem Traum zu erliegen, als in Honduras.
Deshalb ist es auch nachvollziehbar, dass José Antonio Velasquez, der vielleicht bekannteste bildende Künstler des Landes, sich als erster grosser Vertreter der lateinamerikanischen Primitiven einen Namen machte. Velasquez war Autodidakt, hat es aber, seiner manchmal etwas unbeholfenen Staffage zum Trotz, nicht nur in einige der grossen Museen der Welt geschafft, sondern er hat auch einen spezifisch honduranischen Malstil begründet. In farblich betörend schönen Bildern zelebriert er das intakte koloniale Dorf als bunte, heile Welt, was seine Nachfolger in einem gewissen Sinn bis heute tun, wenn einige vielleicht auch mit mehr Ironie, denn der sozialen Hässlichkeit und der Tragik des honduranischen Alltages ist künstlerisch auf direktem Weg nicht beizukommen, schon gar nicht für ein einheimisches Publikum. Dieses will und sucht in der Kunst verständlicherweise Verklärung, Ablenkung und Trost.

Bilanz

Die Bilanz ist also niederschmetternd. Und so traurig, dass man sich nicht über den falsch prophezeiten Untergang der Welt im Maya-Kalender lustig machen sollte. Die Welt, welche diesen Ureinwohnern bekannt und vertraut war, die ist im eigentlichen Sinn tatsächlich verschwunden und eine neue, eine wirklich vertretbare Alternative ist nirgends zu sehen. Schon gar nicht aus europäischer Sicht. Hat nun diese Reportage gar keine positiven Aspekte vorzuweisen? Wo bleibt jene Ausgewogenheit, die sich unsere Medien so gerne auf die Fahnen schreiben? Hat denn Honduras nicht auch einzigartige und weltberühmte Ruinen, wunderschöne Strände und traumhaft romantische Inseln vorzuweisen? 
Es wäre absurd und verantwortungslos, über ein Land, das sich mit der beschriebenen Hingabe selbst systematisch hintergeht und ermordet, anders zu berichten, als es hier geschah. Es reicht auch nicht, von Krise und Anarchie zu sprechen. Ein Lebenskampf mit den in Honduras vorherrschenden Verlustziffern ist genau genommen als Krieg zu bezeichnen. Honduras durchlebt nicht einfach einen Klassenkampf, sondern einen eigentlichen Selbstzerstörungskrieg, von einer Art, die wir noch nicht kennen und mit der es sich auseinanderzusetzen gilt. Das ist es, was festgehalten werden muss. 
Dennoch: Ein Land ist ein Land, in welchem Zustand es sich auch immer befindet. Und ein Land, das sind seine Bewohner. Viele von diesen haben wir kennengelernt, viele haben wir auch bewundert für die Kraft, mit welcher sie ihre schwierigen Geschichten leben. Sie sind die Menschen, um die es geht, und diese Menschen leben nicht am andern Ende der Welt, sondern genau genommen nur ein paar Flugstunden von hier entfernt. 

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