Flucht aus dem Kartell

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Vom Sicherheitschef zum Sicherheitsrisiko: Jorge Salcedo verrät seinen Boss vom Cali-Kartell.

Bastian Berbner

Chris Feistl und Dave Mitchell rechnen mit einer Falle, als sie an diesem Juli-Nachmittag stadtauswärts fahren. Anders können sie sich diesen Anruf heute Morgen kaum erklären. Der Mann am anderen Ende der Leitung hat sich als Jorge Salcedo vorgestellt. Die beiden Agenten kennen den Namen gut. Er ist bei ihren Ermittlungen in den letzten Monaten immer wieder aufgetaucht. Salcedo soll der Sicherheitschef des Calí-Kartells sein, des grössten Drogenkartells der Welt. Aus Calí, einer Kleinstadt im Süden Kolumbiens, versorgt es die Welt mit Kokain. Und Salcedo, das erzählen die Leute, gehört zum innersten Zirkel. Mit ständigem Zugang zum Paten Miguel Rodríguez, einem der meistgesuchten Männer der Welt. Seit Monaten überlegen die Agenten, wie sie an Salcedo rankommen können. Und dann ruft er an diesem Morgen bei ihnen an und sagt, er wolle kooperieren. Einfach so. Ohne dass sie ihn unter Druck gesetzt hätten. Ohne dass sie je miteinander zu tun hatten. Kann das sein? Es wäre ein Coup. Jeder Bundesagent träumt von so etwas. Ein Informant von ganz oben. Mit besten Informationen. Feistl und Mitchell sind misstrauisch. Der Anrufer hat ihnen einen Treffpunkt nordwestlich von Calí genannt. Seine einzige Bedingung: Sie müssen alleine kommen. Keine Kolumbianer. Nicht mal jemand, der aussieht wie ein Kolumbianer. Er werde ihnen alles verraten. Ihnen, den Amerikanern, niemandem sonst.

Feistl und Mitchell sehen nicht aus wie Kolumbianer. Beide sind über 1 Meter 90 gross, kräftig gebaut, blond. Eigentlich ist es seltsam, dass die amerikanische Drogenbehörde DEA ausgerechnet sie nach Kolumbien geschickt hat, um gegen das Calí-Kartell zu ermitteln. Man erkennt sie hier sofort als Amerikaner. Aber vielleicht ist ihr Aussehen ja endlich mal ein Vorteil, denken sie. Die Fahrt zum Treffpunkt dauert eine halbe Stunde. Feistl und Mitchell sind früh dran. Sie sehen sich um, finden aber nichts Verdächtiges. Die Strasse, wo sie den Anrufer treffen sollen, ist kerzengerade und kaum befahren. Am Ende liegt ein internationales Agrarforschungsinstitut. Auf beiden Seiten steht das Zuckerrohr mannshoch und bietet Sichtschutz. Diesen Ort hat ein Profi ausgesucht, denken sie, perfekt für ein konspiratives Treffen. Oder einen Hinterhalt. Feistl parkiert den weissen Kleinwagen am Strassenrand. Scheinwerfer Richtung Norden, so wie es der Anrufer wollte. Mitchell wechselt auf den Rücksitz. Beide halten ihre Dienstwaffe in der Hand. Sie warten.

Jorge Salcedo fährt an diesem Nachmittag zur Sicherheit noch ein paar Extraschleifen durch Calí. Dann eine halbe Stunde raus aus der Stadt Richtung Norden. Es war wenig Verkehr, niemand ist ihm gefolgt. Jetzt biegt er rechts ab auf eine Seitenstrasse, die zum Agrarzentrum führt. Hier sollten die DEA-Agenten auf ihn warten. Er fährt langsam. Er sieht ein weisses Auto am Strassenrand stehen. Er hält an, steigt aus. In dem Wagen sieht er zwei Blonde. Beide ein wenig zu gross für den kleinen Wagen. Er geht langsam auf sie zu, beide Hände über dem Kopf. In der linken Hand hält er seinen Ausweis. Ein paar Meter vor dem Auto bleibt er stehen und dreht sich langsam um die eigene Achse. 360 Grad. Dann geht er weiter. Feistl sagt zu seinem Partner: «Der ist Profi. Er zeigt uns, dass er unbewaffnet ist.» Salcedo setzt sich auf den Beifahrersitz. Feistl und Mitchell blicken ein paarmal in die Seitenspiegel. Dann stellt Mitchell die erste Frage: «Stimmt es, dass du uns sofort zu Miguel Rodríguez führen kannst?» – «Ja.» – «Wie ist das möglich?» – «Ich bin für seine Sicherheit verantwortlich. Ich weiss immer, wo er ist. Ihr könnt ihn haben. Aber ihr müsst mir zwei Dinge versprechen: Beschützt mich und meine Familie. Und rettet Pallomari, den Buchhalter des Kartells.»

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