Frauendämmerung

Eine Berliner Feministin reist nach Saudiarabien und stellt fest: Nichts ist so wie erwartet.

Esther Göbel

Zugegeben: Pink war nicht unbedingt das, was Maha sich gewünscht hatte. Eigentlich wollte sie Weiss. Schneeweisse Sessel, die dann mit der Sonne Riads um die Wette hätten leuchten können. Alle Büros in Riad waren mit braunen oder schwarzen Möbeln eingerichtet, diesen in Mahas Augen männlichen Farben, die sie auf keinen Fall wollte. In ihrem Büro sollten schliesslich Frauen arbeiten. Ausserdem hasste Maha diesen männlichen Ton.

Durch die ganze Stadt liess sie sich von ihrem Fahrer Steve kutschieren auf der Suche nach der weissen Farbe. Wortlos und zuverlässig lenkte er den SUV über die achtspurigen Strassen durch den Verkehr, der in Riad immer stockt. Zum Morgengebet, mittags, am Nachmittag, selbst in der Nacht. Vorbei an den verspiegelten Hochhäusern des King Abdullah Financial District, vorbei an den glitzernden Fassaden der Wolkenkratzer, vorbei an den quadratischen Wohnhäusern mit ihren Wassertanks und Satellitenschüsseln auf den flachen Dächern, vorbei an Stadtvillen aus hellem Stein, vorbei auch an den zahlreichen Moscheen, deren Minarette mit dem Halbmond auf der Spitze kerzen­gerade in den Himmel ragten, der sich meist ohne eine einzige Wolke über Riad aufspannte.

Kreuz und quer ging es durch die riesige Wüstenmetropole, die sich dem Bauplan nach gar nicht so sehr von jenen Städten unterschied, die Maha in Kalifornien besucht hatte. Wie Los Angeles zum Beispiel, bloss ohne Hügel. Riad war flacher. Genauer gesagt so flach wie ein Fladenbrot, eingerahmt von Sand und ein paar Palmen am Strassenrand. Eine in Beton gegossene Oase. Aber Maha fand nicht, wonach sie suchte. Also entschied sich die Rebellin in ihr für Pink. Pinkfarbene Sessel, rosa und violette Orchideen, auf jedem Schreibtisch eine, pinkfarbene Heftordner, rosa Kissen für die Sofas und dazu ein kleiner Scherz: Kunstgras auf der Fensterbank vor der riesigen Glasfront, von der aus man auf eine mehrspurige Strasse schauen konnte, mit einer Zahnklinik auf der anderen Seite.

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Easy-Peasy. Die Frau auf der saudischen Botschaft in Berlin hatte wirklich dieses Wort benutzt. «Sie werden sehen, es wird alles ganz reibungslos verlaufen, vielleicht ein paar bizarre Situationen, aber ansonsten: easy-peasy.» Sie überreichte mir meinen Pass mit dem darin abgestempelten Visum und setzte noch ein Nicken obendrauf. Als würde ich in Kürze nach Sylt reisen und nicht nach Saudiarabien. Ich lächelte schief zurück und drückte meinen Pass an mich, während ich in meinem Kopf Worte mit mir herumtrug, die mir im Zusammenhang mit Saudiarabien weitaus angebrachter erschienen als easy-peasy: Scharia zum Beispiel. Öl. Todesstrafe. Wahabismus. Religionspolizei. Absolute Monarchie. Wüste, Mekka, Medina. Öffentliche Hinrichtung. Krieg in Jemen. Blockade von Katar. Eingeschränkte Frauenrechte. Burka, Nikab, Hijab – Gott, worauf hatte ich mich nur eingelassen?

Aber es war zu spät, um noch einmal zurückzurudern. Meine Reise in die Hauptstadt Riad war bereits gebucht.

Ich hatte Angst vor dieser Reise. Vor dem, was ich sehen würde. Als selbsterklärte Feministin etwa vor den verschleierten Frauen, diesen schwarzen Wesen, die manchmal sogar ihr ganzes Gesicht verhüllten. Dazu kam die Sicherheitslage: Gerade erst hatte die saudische Luftwaffe über dem Nordosten der Stadt eine Rakete aus Jemen abgefangen, war darüber hinaus der saudische Botschafter aus Berlin abgezogen worden. Kurz gesagt: Ich hatte die Hosen voll. Doch trotz meiner Nervosität und der monatelangen Warterei auf mein Visum wollte ich fliegen, unbedingt. «Saudiarabiens Aufbruch in eine neue Zeit», «zaghafte Schritte in die Moderne», «Frauen befreien sich langsam aus ihren Ketten» – es waren solche Schlagzeilen gewesen, die mich gelockt hatten.

Seit ich als Journalistin arbeite, habe ich immer wieder über Frauen geschrieben; ohne dass ich genau sagen kann, warum, interessieren sie mich in meiner Arbeit meist mehr als die Männer. Und so war es für mich nur einleuchtend, dass ich sie sehen wollte, die saudischen Frauen, um die sich im Westen so viele Geschichten rankten und für die sich offenbar gerade sehr viel änderte.

Wie sie lebten, wusste ich nicht. Ich hatte lediglich eine vage Vorstellung, die nahezu schwesterlich an das Wort Mitleid gebunden war. Sie liess sich auf drei Begriffe zusammenschnurren: Nikab, Unterdrückung, Opfer.

Logisch. So dachten doch alle im Westen, oder nicht? Also dachte ich es auch.

Bevor es losging, hatte ich mir von einer Bekannten in Berlin eine Abaya besorgt, jenes schwarze Ganzkörpergewand, das Frauen in Riad im öffentlichen Raum tragen müssen und das einem weiten Mantel ähnelt. Dazu einen dünnen schwarzen Schal, den ich mir zweimal um den Kopf legte, unterm Kinn feststeckte und als Hijab tragen würde. Offiziell ist der Hijab für Ausländerinnen keine Pflicht in Saudi­arabien, aber ich wollte vorbereitet sein. Prüfend betrachtete ich mein Spiegelbild, als ich zu Hause übte, den Hijab umzulegen. Ich fühlte mich seltsam. Die Haare vom Schwarz des Kopftuchs verschluckt, wirkte mein Gesicht müde und blass. Irgendwie alt. Leicht und fliessend überdeckte die schwarze Montur meine Alltagskleidung. Das wiederum fühlte sich eigentlich gar nicht so seltsam an. Sondern sogar bequem. Mit Abaya und Hijab im Gepäck bestieg ich das Flugzeug.

Die erste bizarre Situation erwartete mich bereits, als ich in meiner neuen Alltagsmontur im Hotel in Riad eintraf: In der Empfangshalle blickte das obligatorische Triumvirat aus König Salman, seinem Vorgänger König Abdullah sowie dem jungen Kronprinzen Mohammed bin Salman von einem Foto auf mich und die anderen Gäste herab. Auf einem grossen Flatscreen lief tonlos eine 24-Stunden-Liveübertragung, die ich auch in meinem Zimmer anschauen konnte und die Pilger dabei zeigte, wie sie in der Masdjid-al-Haram-Moschee in Mekka den Tawaf durchführten, also siebenmal gegen den Uhrzeigersinn die Kaaba umrundeten, das wichtigste islamische Heiligtum. Koran und Sunna stellen in Saudiarabien die Verfassung und sind zudem eng mit dem Königshaus verknüpft, absolute Loyalität der Bevölkerung gegenüber Allah, dem Propheten Mohammed oder der königlichen Familie inbegriffen. Wer sich abfällig äussert, sitzt schnell im Gefängnis. Mindestens. Der Wahabismus verbietet Alkohol; im Hotelrestaurant konnte, wer wollte, immerhin «saudischen Champagner» bestellen – Apfelsaftschorle, auf deren Oberfläche kleine Obststücke und frische Minze schwammen. Ausserdem verboten nach der strengen Auslegung des Islams: Musik, Konzerte, Filme. Trotzdem liefen auf dem Flatscreen in meinem Zimmer neben der religiösen Liveübertragung aus Mekka libanesische Musikvideos, amerikanische Actionfilme, CNN, BBC, eine Seifenopfer aus Dubai und Fussballspiele der saudischen Liga.

Als ich am nächsten Morgen den Frühstückssaal betrat, sassen dort drei Männer, die missmutig zu mir herüberblickten, mitten im Raum hatte irgendwer aus irgendwelchen Gründen zwei mannshohe einklappbare Trennwände so zusammengeschoben, dass dadurch ein abgetrennter Bereich entstand. Was dahinter lag, konnte ich nicht sehen. Vielleicht eine kleine Baustelle, dachte ich, ein Schandfleck im Saal, den das Hotelpersonal abgedeckt hatte, um die Gäste nicht bei ihrem Frühstück zu stören. Doch als ich schon längst am Tisch sass und zufrieden vor mich hin kaute, bewegte sich plötzlich etwas. Die eine Wand wackelte leicht. Von innen schob sie jemand wie eine Tür zur Seite – heraus traten zwei Frauen, von oben bis unten in Schwarz gehüllt. Beide trugen den Nikab, dazu weisse Nike-Turnschuhe und in einer ihrer Hände jeweils ein riesiges iPhone. Ich starrte die beiden Frauen an. Und dann dämmerte es mir: Wegen der Geschlechtertrennung, die in Saudiarabien noch immer an vielen Orten im öffentlichen Raum praktiziert wird, hatten die Frauen in einem abgetrennten Bereich frühstücken müssen. Und wenn es schon keinen eigenen Saal für sie gab, mussten sie es eben hinter zwei zusammengeschobenen Trennwänden tun.

Nach dem Frühstück war ich mit Maha verabredet. Maha mit dem pinkfarbenen Büro. 38 Jahre alt, circa 1,60 Meter gross, ihre braunen Knopfaugen blickten einen herausfordernd an, die pechschwarzen Haare trug sie auf Boblänge streng nach hinten gekämmt. An Ohren, Fingern und Handgelenken funkelte goldener Schmuck durchsetzt mit kleinen Swarowski-Steinen, den Maha je nach Tages­laune wechselte. Ihre kleine Nase und die Pausbacken verliehen der Kraft, die ihr Gesicht ausstrahlte, eine gewisse Milde; wenn sie lächelte, wirkte sie mädchenhaft. Dennoch war auf den ersten Blick klar: Hier stand eine Karrierefrau vor mir, die genau wusste, was sie wollte. Maha war eine Jongleurin auf Meisterniveau, die stets mehrere Dinge gleichzeitig regelte: Wenn sie nicht gerade ein Jobtraining für junge Frauen an der Princess-Noura-Universität abhielt, erklärte sie ihrem jüngsten Sohn Majed übers Telefon, warum er heute nicht verkleidet als crazy banana gemeinsam mit ihr zur Comic Con gehen konnte so wie im vergangenen Jahr, oder sie vernetzte schnell zwei Frauen über Twitter, um danach noch beruflich eine Whatsapp-Nachricht zu verschicken – wenn nötig, auch nachts um halb zwei.

Maha war die stille Herrscherin über eine pinkfarbene Welt, die sie mitten in Riad, verborgen hinter einer grauen Tür, erschaffen hatte. Ich musste nur mit dem Aufzug in den ersten Stock fahren, die Klingel drücken, einmal in die Überwachungskamera schauen, die graue Tür öffnen, und schon stand ich in der Zukunft, in Mahas lichtdurchflutetem Coworking-Space. Es war eine Welt, die von einem neuen Saudiarabien kündete, einem weiblichen. Maha vermietete Arbeitsplätze, ausschliesslich an Frauen: 16 Schreibtische, daneben fünf durch Glaswände voneinander abgegrenzte Büros. Einen kleinen Raum für Meetings mit eigenem Zugang für männliche Kunden und einen grossen Raum für Präsentationen gab es auch. In Mahas Büro, das sie schlicht auf den Namen SHEWORKS getauft hatte, mieteten Innen­architektinnen und Grafikdesignerinnen einen Schreibtisch, eine Make-­up-Spezialistin für künstliche Wimpern, eine Illustratorin, Wirtschaftsprüferinnen oder government relations coordinators, die Kundinnen etwa dabei halfen, nötige amtliche Bescheinigungen und Genehmigungen zu bekommen.

Am Tresen neben der Tür sass die Empfangsdame, die sich gerade die Nägel lackierte, «girl power» stand in gelber, blauer, grüner und roter Schrift auf ihrem Pulli. Vorne am Fenster hockten zwei junge Frauen konzentriert vor ihren Bildschirmen, eine andere rollte neben ihnen gerade einen kleinen Teppich aus, den sie wenige Minuten später nach ihrem Gebet wieder dezent in einem weissen Sitzkasten verstaute. In der Küche packte eine Frau gerade eine Packung Cupcakes für alle aus. Auf einem Kleiderständer in der Ecke des Büros hing wie vergessen ein lebloser Haufen Abayas. Wer gerade nichts zu tun hatte und auf einen Termin wartete, setze sich zu einem Schwätzchen in die Sofaecke oder nutzte die Zeit, um das eigene Make-up aufzufrischen.

Vor drei Jahren hatte Maha die Idee eines Coworking-Space für Frauen gehabt, nachdem sie mit ihrem Mann und den beiden kleinen Söhnen aus Kalifornien zurückgekehrt war. Vorher hatte das junge Paar mehrere Jahre in Kanada gelebt und studiert. Sie hatte ihren Master of Business Administration abgeschlossen und noch eine Ausbildung als Fotografin drangehängt, er seinen Abschluss in Medizin gemacht. Eine Ausnahme waren die beiden damit nicht: Viele junge Saudi der Mittelschicht verbringen, gefördert mit Stipendien des Königsreichs, einen Teil ihres Studiums im Ausland, auch die Frauen – sofern der Vater, Bruder oder Ehemann die dafür nötige Reiseerlaubnis erteilt.

Als das Paar 2013 nach Saudiarabien zurückgekehrt war und Maha noch als freie Fotografin arbeitete, brauchte sie ein Büro. Bloss: Das war nicht ganz ungefährlich. In Krankenhäusern, Schulen und manchen Banken war es erlaubt, dass Männer und Frauen zusammen arbeiteten, aber ansonsten bewegten sich die Geschlechter getrennt voneinander durch den öffentlichen Raum. Wie würde sie sich verhalten müssen in einem Coworking-Space, in dem auch Männer arbeiteten? Nirgendwo fand Maha eindeutige Regeln für einen solchen Fall. Durfte sie direkt neben einem Mann sitzen? Was würde sie tun, wenn sie essen oder beten wollte? «Die Religionspolizei konnte dich damals für alles verantwortlich machen, was sie als irgendwie sittenwidrig erachtete – auch wenn es gar nicht dein Fehler war», sagte Maha.

Doch das war gestern gewesen, im alten Saudiarabien. Als eine Frau noch für jeden Schritt, den sie ging, die schriftliche Erlaubnis ihres männlichen Vormunds brauchte. Jetzt aber wandelte sich das Königreich rasend schnell, sogar im erzkonservativen Riad. Der junge Kronprinz reformierte sein Land im Sprinttempo. Jetzt konnte die Religionspolizei niemanden mehr verhaften oder auf offener Strasse anbrüllen, weil der Hijab vermeintlich falsch sass. Frauen wurden mit finanziellen Starthilfen und Förderprogrammen von oberster Stelle zum Arbeiten ermutigt; Twitter, Instagram und Snapchat vernetzten jene Menschen, die sich im realen Leben so einfach nicht trafen. Wer sich als Frau keinen eigenen Fahrer leisten konnte, bestellte per App ein billiges Taxi und war plötzlich mobil. Auf einmal gab es Konzerte, für die man richtige Tickets erwerben konnte. Kinos sollten bald eröffnet werden, genauso wie die städtische Metro, Frauen würden ab diesem Sommer endlich auch in Riad Auto fahren dürfen. Im Viertel Al Bujeiri sah man des Abends händchenhaltende Paare flanieren, sie in Abaya und Hijab, er im traditionell weissen Gewand Qamis und der rot-weiss gemusterten Kufiya auf dem Kopf. Neuerdings gab es sogar eine Fatwa, einen Rechtsausspruch also, die das Beten mit lackierten Nägeln erlaubte!

An Schreibtisch Nummer zwölf in Mahas Büro sass Seham, 33, verheiratet, drei Kinder. Jahrelang war sie mit ihrem Mann durch Europa gereist, hatte in den Niederlanden gelebt. Nach ihrer Rückkehr in die Heimat hatte sie sich mit einem Startup selbständig gemacht, das allerlei Dekorationszubehör für Kuchen verkaufte. Ausserdem vertrieb sie Reis, Tee, Kaffee und Öl an Restaurants und Hotels im In- und Ausland. «Nebenbei» studierte Seham E-Commerce; sie hatte keine Lust mehr, sich nur nach den Belangen ihres Mannes zu richten. Nun kümmerte sie sich um ihre eigenen. Auf die Kinder passte derweil das philippinische Dienstmädchen auf, Statussymbol und bei 11 Millionen billigen Arbeitsmigranten im Land längst keine Seltenheit in der saudischen Mittelschicht, in der das Geld zwar knapper wurde, aber immer noch da war. Durch Sehams Haar schlängelte sich eine türkisblaue Strähne, Mund und Nägel hatte sie heute in derart knalliges Rot getränkt, dass die Farbe einen fast ansprang. Seham und Ghalia, die schräg gegenüber sass, wollten gemeinsam mit Latifa von Schreibtisch Nummer zehn nach Feierabend noch shoppen gehen.

Aber eigentlich war Ghalia heute gar nicht nach Shoppen zumute. Eigentlich musste sie sich schon wieder übergeben. Mit 24 Jahren erwartete sie ihr erstes Kind, sie war im vierten Monat. Vielleicht würde sie sich am Abend lieber zum Schwangeren-Yoga kutschieren lassen als zum Einkaufscenter. Bis vor kurzem hatte Ghalia mittels einer Website einen Catering-Service angeboten, über den Büros sich Essen für die Mittagspause bestellen konnten, asiatische Nudeln oder Okra auf libanesische Art – Ghalia hatte gekocht, ihr Mann sich um die Zahlen gekümmert. Doch seit das Kind in ihrem Bauch heranwuchs, konnte sie den Geruch von Essen nicht mehr ertragen. Also legte sie mit ihrem Business momentan eine Pause ein, liess sich von ihrem Mann Nachhilfe in Buchhaltung erteilen und bereitete sich auf die Mutterrolle vor. Jeden Morgen spielte sie dem ungeborenen Baby über ihr Handy Youtube-Aufnahmen von Geschichten aus dem Koran vor, abends hielt sie sich manchmal das Telefon an den Bauch, wenn die Youtube-Playlist gerade Mozart oder Miley Cyrus abspielte.

Latifa hingegen, die Dritte im Bunde, hatte mit Kindern wenig am Hut. Sie war 31 Jahre alt, trug knallenge Jeans, aus ihrem leicht gewellten Haar wuchs gerade die Blondierung heraus. Als einziges von sieben Kindern im Hause ihres Vaters war sie unverheiratet. Latifa hatte anderes im Sinn, sie strebte nach beruflichem Erfolg. «Was soll ich denn bitte mit einem Mann?!», fragte sie keck, ohne auf eine Antwort zu warten. Vor anderthalb Jahren hatte sie sich als Innenarchitektin selbständig gemacht. Eigentlich hatte sie Mathematik studieren wollen, aber das hatte der Vater nun wirklich nicht eingesehen. Die Mutter verstand sowieso bis heute nicht, wieso sie arbeiten wollte. Die Familie sorgte doch für sie, und später würde es ein Ehemann tun, Inshallah! Aber Latifa wollte sich beweisen, dass sie selbst etwas leisten konnte. Ihr Business lief gut, bloss jetzt, gegen Ende des laufenden Jahres, war die Auftragslage mau. «Gerade sind alle etwas unsicher wegen der ganzen Reformen», sagte sie.

Ich staunte über Seham, Ghalia und Latifa. Sie entsprachen so gar nicht dem Bild, das mir in den Sinn gekommen war, wann immer ich zu Hause in Berlin an Frauen aus Saudiarabien gedacht hatte. Sie gehörten vielmehr zu einer neuen Generation von Frauen, deren Leben sich zwischen Tradition und Aufbruch, Snapchat und Gebetsteppich, dem Kollektivismus der Familie und dem Wunsch nach Selbstentfaltung bewegte. Es war ein feiner Balanceakt, der Schritte nach vorne zuliess, aber immer in jenem engmaschigen Netz, das Königshaus, Scharia, Familie und Religion als darunterliegendes Netz spannten. Alles war mit allem verwoben. Vergangenheit und Zukunft kreuzten sich im Leben dieser Frauen so wie die steigende Zahl der Schönheitsoperationen mit der Tradition des Kopftuchs. Allgegenwärtig in diesem Kontrast: die Religion. Sie war in die DNA der Frauen eingespeichert wie ihre Fähigkeit zu atmen.

Wenn ich mit Maha über das Verhältnis von Männern und Frauen sprach, sagte sie augenzwinkernd: «Adam brauchte Eva im Paradies, er konnte ohne sie nicht sein. Aber wen brauchte denn Eva? Ihre Kinder – und heutzutage würde sie einen Job brauchen.» Wenn ich sie danach fragte, wie Frauen in der Berufswelt denn mit der konservativen Auslegung des Korans zusammenpassten, antwortete sie: «Sogar Khadija, die erste Frau unseres Propheten Mohammed, war eine Businessfrau! Und dazu noch 15 Jahre älter!»

Damit war das Thema für Maha abgehakt; die Religion war Argument genug. Dass irgendwelche Westler ihre Stärke als Frau allein nach der Abaya bewerteten oder danach, ob sie nun einen Hijab oder einen Nikab trug, irritierte Maha. Sie verstand nicht, wieso sich überhaupt jemand darüber erregen konnte. Als ob es sonst keine Probleme gäbe! Der Gedanke erschien ihr kleinlich, gar lächerlich.

Auch mir kam er nach einigen Tagen zumindest fragwürdig vor. Weil die Frauen, die ich traf, kein Problem hatten mit Abaya und Hijab. Beides gehörte für sie zum Leben dazu. Genau so, wie man seine Handtasche mitnahm, wenn man vor die Tür trat. Und wenn ich genau hinsah, konnte ich feine Unterschiede erkennen zwischen den schwarzen Gewändern: Schwarz war nicht gleich Schwarz – wer besonders modisch sein wollte, trug eine Abaya mit kleinen Strasssteinchen verziert, mit Bordüren an den Ärmelenden, mit aufgenähten Taschen, oder, noch gewagter, in Lila oder hellem Grau.

Bald ging ich in Mahas Büro ein und aus. Ich gewöhnte mich an die milde Luft und die Sonne, die jetzt, gegen Ende November, angenehm warm und nicht unerträglich heiss auf mich herabschien, wenn ich morgens das Hotel verliess. An die melodischen Rufe der Muezzins, die pünktlich zu den Gebetszeiten fünfmal am Tag durch die Strassen tönten und gemeinsam mit einer ewigen Kakofonie aus Motorengeräuschen und Hupen den Soundtrack Riads bildeten. An den arabischen Kaffee, der mit Kardamom oder Safran gewürzt wie ein goldgelber, trüber See bei jeder Begegnung mit einem neuen Gegenüber in meiner kleinen Tasse schwappte. An all die Köstlichkeiten, die die Saudi meisterhaft zubereiten: gefüllte Datteln, mit weisser Schokolade überzogene Baklava, das Nationalgericht Kabsa, bestehend aus Reis mit Hühnchen oder Lamm. Die Menschen, selbst wildfremde, überschütteten mich mit so viel Gastfreundschaft, wie ich es noch nie erlebt hatte.

Und so landete ich eines Abends auf einer saudischen Hochzeit. Noura, eine Freundin von Maha, hatte mich mitgenommen. Als Tochter eines erfolgreichen Geschäftsmannes und mit einem bekannten Familiennamen ausgestattet, achtete sie stets auf ihre Manieren und die «Etikette», wie sie gern sagte. Die Art, wie sie ihr fast hüftlanges Haar über ihre Schulter warf, den Lidstrich setzte oder auf High Heels langsam durch den Raum stöckelte, hatte etwas Urweibliches. Die feste Zahnspange, die sie trotz ihren dreissig Jahren trug, liess sie nur noch süsser erscheinen. Alles an ihr war weich und schien prinzessinnenhaft herzensrein; nie hörte ich Noura schlecht reden, immer war sie um mein Wohl besorgt und voller Lob für die Königsfamilie und «meinen Gott», wie sie sagte, wenn sie von Allah sprach. Tatsächlich hatte ich noch nie eine Person getroffen, die so viel Gottvertrauen besass und dafür so frei war von Zynismus. Stundenlag konnte Noura mir voller Begeisterung von islamischen Traditionen und den Weisheiten Mohammeds berichten.

Die Hochzeit fand im Intercontinental Hotel statt und startete am späten Abend gegen 22 Uhr. Männer und Frauen feierten getrennt voneinander. Doch nicht der Festsaal, in dem etwa 200 Frauen auf langen weissen Sofas sassen, Tee tranken, gelegentlich zu ohrenbetäubender arabischer Musik zaghaft trippelnd vor sich hin tanzten und stundenlang auf den Einzug des Brautpaars warteten, war der Ort grösster Spannung – für mich war es die Garderobe. Hier verwandelten sich die Frauen in jenem Moment, in dem sie ihre schwarzen Abayas in Plastiktüten verstauten, zu schillernden Wesen. Das, was sie sonst versteckten, zeigten sie nun umso mehr. Schönheit und ein gepflegtes Äusseres war den saudischen Frauen wichtig, und das nicht erst, seit sie gesellschaftlich aus dem Dunkel mehr und mehr in den Vordergrund traten. Ich sah tiefe Décolletés, freie Rücken, betonte Hintern; goldenen Satin, bunten Brokat und durchsichtigen Chiffon. Aufgedrehte Locken, gepuderte Wangen, lackierte Nägel; glitzernden Schmuck, operierte Nasen und einen gelifteten Po. Die Wolken schweren Parfums, die den Saal füllten, waren genauso schwindelerregend wie die Absätze der Frauen. Es war, als würde eine Horde bunter Schmetterlinge durch die Szenerie flattern – Kim Kardashian war eine graue Motte dagegen.

Mir stockte der Atem. In der Berliner Neukölln-Blase, in der ich lebte, galt eine Frau schnell als Tussi, wenn sie sich zu sehr auf­brezelte. Die Mode war praktisch, bequem, schnörkellos. Sneaker, Pulli, Jeans. Make-up? Überflüssig. High Heels? Haha! Hier aber feierten die Frauen ihre Weiblichkeit. Und sie waren stolz darauf. Mich faszinierte das Selbstverständnis, mit der die Damen sich zelebrierten. Ich konnte mich nicht sattsehen an ihrer Schönheit, die so geballt in der Luft lag, als hätte sie jemand im Raum gestapelt.

Ein Selfie jagte das nächste, noch eine Pose mit den Freundinnen für Snapchat, bitte. Die Braut zu fotografieren, war allerdings verboten; der Sitte nach schickte es sich nicht, sie einfach abzulichten. Lediglich der offizielle Hochzeitsfotograf durfte das. Als nach drei Stunden Warterei der Bräutigam unter dramatischer Musik mit seinen nächsten männlichen Verwandten als Gefolge einzog, warfen sich alle Frauen schnell wieder ihren Hijab oder den Nikab über – und jene, die es nicht rechtzeitig zur Garderobe geschafft hatten, um ihren Schleier einzusammeln, hielten sich ein Kissen vors Gesicht.

Ich wusste nicht, ob diese Hochzeit arrangiert worden war, hatte mir aber erklären lassen, dass viele andere es sind in Saudiarabien. Vor allem auf dem Land ist das nach wie vor üblich, und noch immer ist es gesellschaftlich absolut unmöglich, als unverheiratetes Paar zusammenzuleben. Beziehungen entstehen auch heute noch nach einem strikten Protokoll, im städtischen Milieu der Mittelschicht etwa so: Ein junger Mann sieht eine junge Frau, vielleicht hat man sich auch schon ein paar Mal unterhalten. Sie gefällt ihm, er holt die Erlaubnis seiner Familie ein, kontaktiert die Verehrte und ihre Familie, macht einen Heiratsantrag. Im Idealfall stimmen Braut und Familie zu, es folgt die Verlobungsfeier, auf der der Ehevertrag unterschrieben wird. Danach dürfen die Verlobten sich in Restaurants oder zu Hause im Beisein der Familie treffen – oder man lernt sich übers Telefon kennen. Etwa ein halbes Jahr nach der Verlobung folgt die Hochzeit. Die jungen Saudi der neuen Generation suchen sich ihren Ehepartner oder die Ehepartnerin zunehmend selbst aus, zumindest in der Stadt. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Scheidungen ausserdem kontinuierlich gestiegen. Mittlerweile behandeln die Scharia-Gerichte im Land fünf Fälle pro Stunde.

Noura, meine Bekannte mit der Zahnspange, kannte sich zwar mit Trennungen nicht aus, dafür aber mit Heiratsanträgen. Sie hatte bereits so viele bekommen, dass sie aufgehört hatte, zu zählen. Keiner war ihr passend erschienen. Sie wollte aus Liebe heiraten. Und so lebte sie wie jede unverheiratete Frau weiterhin im Haus ihres Vaters, träumte vom perfekten Ehemann und betete jeden Tag vorm Zubettgehen dafür, dass Allah ihr den richtigen Mann endlich schenken möge. Auch jetzt, während sie auf den Einzug der Braut wartete, schickte sie wortlose Stossgebete zum Himmel. Die Sehnsucht stand ihr ins Gesicht geschrieben.

Nach etwa zwei Stunden war es endlich so weit: Zwei philippinische Bedienstete öffneten zu dröhnender dramatischer Popmusik eine riesige Flügeltür, die Braut trat ein. In einem bestickten weissen Kleid nach europäischer Manier, das sie fast verschwinden liess. Die Braut wirkte wie ein Sahnehäubchen, über das jemand Glitzer gestreut hatte. In Zeitlupe schritt sie den langen Gang hinab, der sie zu ihrem Bräutigam auf die Bühne führte. Ich hatte Angst, sie könnte sich in ihrem meterlangen weissen Schleier verheddern, unter der Last des Kleides zusammenbrechen oder unter dem Druck der öffentlichen Aufmerksamkeit. Ein Kamerateam filmte jede Regung in ihrem Gesicht und übertrug sie auf zwei grosse Leinwände am Ende des Saals, Noura liefen beim Anblick der Braut Tränen über die Wangen.

Nachdem die Braut es nach etwa einer halben Stunde auf die Bühne geschafft hatte, alle Gratulationen empfangen und alle Fotos geschossen waren, wurde im Nebensaal endlich das Buffet angerichtet; es war bereits halb eins in der Nacht. Hungrig lud ich mir Falafel-Bällchen, gebutterten Reis, Hühnchen in Sauce und Blumenkohl auf meinen Teller, um mich neben Noura auf einen der samtbezogenen Stühle zu setzen. Ich hatte gerade zu essen begonnen, da klingelte Nouras iPhone. Ich verstand nicht, was sie sagte, da sie auf Arabisch in den Hörer sprach. Das Telefonat dauerte nicht lange. Noura legte auf, schob sich ungerührt noch ein paar Gabeln Essen in den Mund – und verabschiedete sich plötzlich von mir. Ihr Vater hatte angerufen, um Noura zu sagen, dass der Fahrer in fünf Minuten vor der Tür stehen werde. Er mochte es nicht, wenn sie nach Sonnenuntergang noch unterwegs war. Also faltete Noura hastig ihre Servierte zusammen und eilte nach draussen. Ihr Teller blieb halbvoll zurück. Ich blickte mich irritiert im Saal um und tatsächlich: Die meisten anderen brachen ebenfalls schon auf.

Die Kissen vor den Gesichtern der Frauen, Nouras früher Abgang, ihr Vater, der sie nicht reisen liess, noch nicht einmal innerhalb des Landes, dazu die Trennwand im Frühstückssaal meines Hotels und die Tatsache, dass ich in den Strassen Riads nur selten Frauen sah, waren die Dinge, an die ich mich nicht gewöhnte. Als junge Frau, die ihr Leben vollkommen selbstbestimmt gestaltete und diese Freiheit in vollen Zügen genoss, irritierten mich jene Details aus Nouras Leben. Kam sie sich nicht eingesperrt vor? Fühlte sie sich etwa nicht unterdrückt? War sie nicht wütend auf den Vater?

Ein paar Tage nach der Hochzeit fragte ich sie. Noura sah mich an, als würde ich fragen, wie es sein könne, dass morgens die Sonne aufging und abends wieder unter. «Habibti», sagte sie, «meine Liebe, meine Mutter und mein Vater sind alles für mich. Ich würde nie etwas gegen den Willen meines Vaters tun. Er will immer das Beste für mich, er sorgt sich doch nur.»

Und plötzlich verstand ich: Das, was ich als Unterdrückung wahrnahm, hatte für Noura viel mit elterlicher Fürsorge und andersherum viel mit Respekt den Eltern gegenüber zu tun. Mit der Aufgabe des Vaters, die Tochter als wertvolles Geschenk zu schützen – und mit der Aufgabe der Tochter, ihren Vater zu ehren. Der Koran verbietet es, sich gegen die Eltern aufzulehnen. Noura respektierte diese Rollenzuschreibung. Mehr noch: Sie reflektierte sie nicht einmal. Vielleicht lag darin die grösste Distanz zwischen ihren und meinen Überzeugungen. Ich hatte als Feministin gelernt, bestehende Verhältnisse zu hinterfragen. Doch so schwer es für mich auch war, Nouras Standpunkt zu verstehen, so begriff ich: Traditionelle Werte waren nicht nur Kernteil der Identität ihres Landes. Sondern auch ihrer eigenen.

«Natürlich wehren wir uns dagegen, dass der Vater oder Bruder oder Ehemann uns noch immer die Erlaubnis fürs Reisen geben muss», sagte Maha, als ich ein paar Tage später auch mit ihr über das Thema Freiheit sprach, während wir auf der Rückbank ihres SUV sassen und uns von Steve zu jener Gated Community kutschieren liessen, in der Maha mit ihrer Familie lebte. «Aber die Frauen im Westen stehen sehr unter Druck. Was ist Freiheit? Dass du für alles allein verantwortlich bist und nicht genug Unterstützung bekommst? Ich würde mich nicht frei fühlen, wenn ich so leben müsste. Sondern gefangen.» Mir war, als könnte ich in Mahas Augen Mitleid für meinen Berliner Lebensstil erkennen.

Sie und die anderen Frauen, mit denen ich gesprochen hatte, betrachteten die ganze Sache offensichtlich von einer vollkommen anderen Seite als ich – sie definierten Weiblichkeit anders. Ich war immer stolz darauf gewesen, alles allein zu können. Für mich war diese Selbständigkeit der Inbegriff einer starken, emanzipierten Frau. Ich verdiente mein eigenes Geld, ich allein entschied, was ich tun und lassen wollte, ich liess mir von meinem Freund nichts sagen, ich wollte nicht heiraten und wenn, dann würde ich die Person sein, die den Heiratsantrag machte. Niemals, so hatte es mir meine Mutter eingebleut, sollte ich mich von einer anderen Person abhängig machen – ich half mir lieber selbst, als mir helfen zu lassen.

Maha hingegen hatte ihre eigene Definition von Freiheit. Sie fühlte sich nicht unfrei. So hatte sie es mir gegenüber zumindest beteuert. Und ich glaubte ihr. Für sie und ihre Kolleginnen ging es nicht darum, alles allein stemmen zu können, jegliche sozial geprägten Unterschiede zwischen Frauen und Männern aufzuheben, gleich zu sein. So wie viele Feministinnen im Westen das sehen – mich eingeschlossen. Obwohl dem Koran nach Männer und Frauen vor Gott gleichgestellt sind, sind sie nicht gleichberechtigt. Ihnen kommen unterschiedliche Aufgaben zu: Der Mann ist für die Frau verantwortlich, nicht nur finanziell, er ist der Part, der Sicherheit und Schutz gewährt. Die Frau hingegen soll sich fügen. Für Maha und ihre Kolleginnen erwuchs daraus jedoch nicht zwangsläufig eine Schwäche. Im Privaten zogen sie die Strippen – und nun auch mehr und mehr im Öffentlichen. Sie nutzten das traditionelle Rollenverständnis für sich: So war Maha nicht verpflichtet, ihr Einkommen zum Überleben der Familie beizusteuern. Ihr Geld gehörte ganz allein ihr, wohingegen ihr Mann sehr wohl verpflichtet war, mit seinem Job die Familie zu ernähren. Und Maha trotz ihren eigenen Einkünften zusätzlich ein monatliches Haushaltsgeld zu zahlen.

Von unserem Gespräch übers Private landeten Maha und ich beim Politischen, denn noch viel mehr als anderswo waren beide Sphären in Saudiarabien eng miteinander verschränkt. Anfangs hatte ich mich nicht getraut, zu fragen, das Thema war heikel. Aber nun wollte ich es wissen: Was war mit dem Recht auf freie Meinungsäusserung in der saudischen Gesellschaft? Mit politischer Teilhabe? Kritik am Königshaus? «Wir Saudi sprechen nicht gern über solche Sachen», sagte Maha. «Ganz ehrlich: Es interessiert uns auch nicht besonders. Hauptsache, der Kronprinz, Friede sei mit ihm, macht einen guten Job.» Und dass er einen guten Job machte, davon war Maha überzeugt. Genauso wie alle anderen, mit denen ich sprach.

Tatsächlich wohnt den Saudi eine gewisse Obrigkeitshörigkeit inne. Ab und zu hört man von einer Twitter-Kampagne, aber eine politische Opposition gibt es nicht. Und so war der gesellschaftliche Wandel, der sich gerade vollzog, auch nicht von unten erkämpft worden, sondern weitestgehend von oben verordnet – der Kronprinz hatte seinem Königreich einen feministischen Anstrich verpasst. Die gesellschaftliche Revolution kam von oben, weil der Kronprinz sie brauchte, um in wirtschaftlich schwierigen Zeiten die Massen ruhig zu halten. Der Wohlstand der Saudi, der im Land jahrzehntelang so unumstösslich schien wie die fünf Säulen des Islams, hatte wegen des schwankenden Ölpreises längst zu bröckeln begonnen. Und so kamen ihm die saudischen Frauen, die mehr Teilhabe wollten und auch mehr zu leisten bereit waren, gerade recht.

Aber das war nur die westliche Sicht auf die Situation, in der das Königreich gerade steckte. Und, so viel hatte ich mittlerweile verstanden: Die Sicht der Saudi war eine andere als meine. Sogar Jawahir*, die einzige Frau, die in ihrem Büro hinter sorgsam verschlossener Tür mit mir über ihre Zweifel an der Religion sprach, fand nur gute Worte für den Kronprinzen. «Ich mag ihn», sagte sie, «er und der Rest der Königsfamilie, sie kennen unser Land. Wir sind eine Stammesgesellschaft, es wird noch lange dauern, bis wir für eine Demokratie bereit sind.»

Jawahir war 39 Jahre alt, unverheiratet, hatte sich hochgearbeitet, bis in die Manager-Etage einer grossen Firma im Finanzsektor, die auch international tätig war. Erst vor anderthalb Monaten war sie von ihrem neuen Arbeitgeber abgeworben worden. Jawahirs Kurzhaarschnitt und ihre grosse Brille vermittelten eine schnörkellose Eleganz, ihr Blick verriet eine scharfe Analysefähigkeit, ihre Worte wechselte sie mit Bedacht und wohlüberlegt. Jawahir kam mir vor wie die lebende Antithese zu Noura; zurückhaltender, weniger schwelgend, zweifelnder. Sie hinterfragte die bestehenden Verhältnisse. Wo Noura und Maha viel zu sehr im System verhaftet waren, reflektierte sie kritisch, zumindest im Stillen. «Religion? Ist doch dasselbe überall: ein Instrument, um Menschen zu einen – und um die Massen zu kontrollieren», sagte sie in einem vollkommen sachlichen Ton. «Ich würde mich nicht als Atheistin bezeichnen. Aber ich frage mich, was richtig und was falsch ist.»

Die Idee einer eigenen Familie und eines Ehemannes hatte sich für Jawahir bislang nicht richtig angefühlt. «Ich war immer daran interessiert, im Job weiterzukommen, Geld zu verdienen», sagte sie, «ich wollte mich nie binden.» Sie selbst habe durch die patriarchale Gesellschaft, in der sie gross geworden war, nie Probleme im Verlauf ihrer Karriere gespürt, beteuerte sie. Ihr Vater hatte sie nie gebremst. Und dennoch: Jawahir war sich schmerzlich bewusst darüber, wie fragil ihre Freiheit war. Und wie abhängig vom System der männlichen Vormundschaft, das sich in ihrem Land mit den laufenden Reformen zwar mehr und mehr lockerte, aber dennoch nach wie vor existierte. Würde ihr Vater morgen sterben, wäre ihr jüngerer Bruder ihr Vormund und würde darüber entscheiden, ob sie weiterhin reisen dürfe oder nicht. Und selbst wenn diese Frage in ihrer Familie nicht zur Debatte stand: Die Tatsache, dass Jawahirs Bewegungsfreiheit in den Händen eines anderen lag, eines Mannes, schwächte sie als eigenständige Person. Selbst eine Frau wie sie, die beruflich grossen Erfolg hatte und Ansehen genoss, kam aus diesem System nicht heraus. «Wenn ich zu viel darüber nachdenke, gerate ich in so eine dunkle Spirale rein, in der ich nicht sein will», sagte sie.

Wir verabschiedeten uns. Jawahir hatte zu tun, ich wollte am Abend noch mit Latifa und Seham aus Mahas Büro zu einem Event, den beide aufgeregt als Party angepriesen hatten. Nachdenklich stieg ich ins Taxi. Jawahir war eine starke Frau, keine Frage. Sie beeindruckte mich, nicht nur wegen ihrer scharfen Analyse. Genauso wie Maha mit ihrem Ehrgeiz und Noura mit ihren strikten Prinzipien. Alle drei gingen ihren eigenen Weg innerhalb des Systems, in dem sie nun einmal lebten und in dem sie sozialisiert worden waren. Und die jüngere Generation, die bereits in den pinkfarbenen Sesseln in Mahas Büro sass und an der Zukunft feilte, würde noch viel weiter gehen. So viele Türen öffneten sich gerade für sie.

Und doch, so fragte ich mich: Wie frei kann eine Frau wirklich sein in einer Klassengesellschaft wie der saudischen, die die Frau stets als schutzbedürftiges Objekt einstuft und ihren Wert als arbeitsfähiges Kapital zwar neuerdings anerkennt, aber ihre Rechte noch immer beschneidet?

Als ich in Mahas Büro ankam, um Latifa und Seham zu treffen, stand die Sonne bereits wie ein glühendroter Lampion tief am Horizont. Die «Party» war ein öffentlicher «mixed event» unter freiem Himmel, der offiziell als eine Art Jobmesse beworben worden war. Inoffiziell, das wusste jeder, der dorthin ging, war es eine der raren Möglichkeiten, bei denen junge Frauen und Männer sich neuerdings ohne Sorge im öffentlichen Raum begegnen konnten. Wenigstens, um sich zu unterhalten.

Gegen 19 Uhr wurden wir von Latifas Fahrer abgeholt, es war bereits dunkel. Die ganze Sache sollte in der Nähe des schicken Faisaliah-­Resorts ausserhalb Riads steigen. Eine Stunde würde die Fahrt dorthin dauern, immer geradeaus rauschten wir über die zweispurige Fahrbahn. Wir liessen das Stadtgebiet mit seinem blinkenden Lichtermeer hinter uns und rasten durch das abendliche Vakuum der Wüste, die Dunkelheit verschluckte alles um uns herum. Ich fühlte mich, als würde ich durch Raum und Zeit reisen. Im Auto lief arabische Popmusik, Latifa und Seham checkten Snapchat und Instagram – eine der Prinzessinnen aus der Königsfamilie hatte sich für heute Abend angekündigt, damit war der Hipness-Faktor der Veranstaltung besiegelt.

Die Fahrt durchs Dunkel erschien mir endlos. Als wir endlich ankamen, leuchteten uns auf einem runden Areal etwa so gross wie ein Fussballfeld bunte Lichtergirlanden entgegen, eine warme Brise wehte von der Wüste auf das Gelände herüber. Gleich hinter dem Eingang war ein grosses weisses Zelt aufgebaut, in dem hinter ein paar Ständen junge Saudi ihre Startups präsentierten. Alibi-mässig schritten wir das Zelt einmal ab, Latifa verdrehte die Augen und kicherte, schnell bewegten wir uns wieder nach draussen, wo sich um eine riesige Grünfläche herum kleine Fressbuden, Verkaufs- und Infostände aneinanderreihten. Grüppchen von jungen Männern und Frauen kreuzten sich, ein paar wenige Frauen hatten ihren Hijab zu Hause gelassen oder hielten ihn in der Hand. Erst seit kurzer Zeit war das in der Öffentlichkeit überhaupt möglich. Verschämte Blicke flogen hin und her, mehr aber auch nicht. Die Männer- und Frauengruppen wechselten wenige Worte, als stünde eine unsichtbare Wand zwischen ihnen.

Das hier sollte also die Party sein. Ich spürte Enttäuschung in mir aufsteigen, denn die ganze Veranstaltung war etwa so weit von einer Party entfernt wie ich von Berlin. Ob Latifa und Seham jemals erlebt hatten, was Ausgelassenheit bedeutete? Wie sie sich anfühlte? Mit Freunden einen draufmachen, sich gehenlassen, die Kontrolle verlieren dürfen?

Die Prinzessin war bis jetzt auch nicht aufgetaucht. Von der kleinen Bühne, die etwas verloren mitten auf der Grünfläche stand, drangen derweil ein nervöser Beat und blaues Scheinwerferlicht zu uns herüber, davor hatte sich eine Gruppe Zuschauer versammelt. Als wir näherkamen, konnte ich zwei Typen mit Sonnenbrillen und dem traditionell weissen Gewand erkennen, die auf Arabisch etwas in ihr Mikrofon sagten, worauf die Gruppe von vielleicht hundert Zuschauern klatschte. Latifa und Seham tuschelten sich aufgeregt etwas zu; sie kannten die Boyband offenbar. Die setzte gerade zu ihrem nächsten Song an, der wie eine Mischung aus Rap und arabischer Hochzeitsmusik klang. Die Musik wurde lauter und lauter, Latifa riss erregt die Augen auf. In Sehams Gesicht machte sich ein Lächeln breit, sie kannte das Lied, ihre Lippen formten tonlos den Text des Liedes nach. Sie schloss die Augen, um sich in die Musik fallen zu lassen, ganz leicht wiegte sie ihren Körper, für einen Moment wirkte sie wie weggetreten. Es war das Maximum an Kontrollverlust, das ihr in ihrer Heimat gestattet war.

Dann öffnete sie ihre Augen plötzlich, hielt in ihrer Bewegung inne, seufzte und blickte mich mit Wehmut an. «Wie gern würde ich jetzt tanzen!», sagte sie.

Aber eine saudische Frau, die öffentlich tanzte? In Riad? So weit war man in Sehams Land trotz allen Reformen dann doch nicht.

Noch nicht.

*Name von der Redaktion geändert

 


Schöner Schein

Kronprinz Mohammed bin Salman, von den Saudi kurz MBS genannt, versucht, seinem Königreich das Image eines modernen, zum Westen geöffneten Landes zu verleihen. Deswegen ist er vor allem bei der Jugend sehr beliebt. Im vergangenen Herbst sagte er, er wolle sein Land zu einem moderaten Islam zurückführen, der offen sei für die Welt, alle Religionen, Traditionen und Menschen. Schöne Worte – die bloss wenig realistisch sind. Die Millionen ausländischen Billigarbeiter im Land müssen sich Diskriminierung, Ausbeutung und nicht selten Missbrauch gefallen lassen, die schiitische Minderheit, vor allem im Osten des Königeichs ansässig, sieht sich Unterdrückung und Repressionen ausgesetzt. Kritiker werden in fragwürdigen Gerichtsverfahren auf Jahre im Gefängnis verurteilt – oder zum Tode. Noch immer gibt es in Saudiarabien die Todesstrafe, durchgesetzt durch Köpfen oder Erschiessen, teilweise seien diese Methoden auch gegen jugendliche Protestler eingesetzt worden, schreibt die Menschenrechtsorganisation Amnesty International in ihrem Bericht 2016/2017. Zudem dauert die Auseinandersetzung in Jemen, in deren Rahmen MBS sich einen Stellvertreterkrieg mit Iran leistet, weiter an. Bis Ende 2017 wurden rund neuntausend Menschen getötet und zehntausende verletzt. Millionen leiden Hunger.

Weiter Weg

Obwohl sich gesellschaftliche Fortschritte nicht leugnen lassen, von denen die saudischen Frauen profitieren, können sie vor der Scharia, die in Saudiarabien basierend auf Koran und Sunna den Rechtsrahmen bildet, noch immer schnell zum Opfer werden: Sie sind im Scheidungsrecht benachteiligt genauso wie im Sorge- und Erbrecht, auch das angewendete Zeugenrecht kann schnell gegen sie ausgelegt werden. Es mag für das ungeschulte Auge durch die Reformen vielleicht anders aussehen – aber von einer Gleichberechtigung nach europäischem Massstab ist Saudi­arabien nach wie vor weit entfernt.

Autorin

Mehr als ein Jahr dauerten die Vorbereitungen, bis Esther Göbel, 34, losfliegen konnte. Vor Ort lief die Recherche entgegen ihren Erwartungen tatsächlich ziemlich easy-peasy. Und trotz allen bizarren Situationen: Manchmal war für Göbel das bizarrste, dass die Dinge viel weniger bizarr waren, als sie es erwartet hatte. «Ich fühlte mich den Frauen, zum Beispiel Maha, manchmal erstaunlich nahe.» Sollte Maha jemals eine SHEWORKS-Filiale in Berlin eröffnen, Göbel wäre ihre erste Kundin.

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