Gedächtnis der Gene

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Vertauschte ZwillingeTeil II: Was prägt eineiige Brüderpaare stärker, die Umgebung oder die Gene?

Susan Dominus

Am Morgen des 29. März gegen halb zehn erreichten drei Autos La Paz, eine Stadt mit staubigen Strassen und herrlichem Blick auf die Anden. Die Gruppe – bestehend aus der Zwillingsforscherin Nancy Segal, einer Psychologin namens Yesika Montoya, den beiden Zwillingspaaren, Dolmetschern sowie diversen Freunden und Familienmitgliedern – war zu diesem Zeitpunkt bereits sechs Stunden unterwegs. Sie legten einen Zwischenstopp in einem Restaurant im Ort ein und bestellten das aus Knochenbrühe und heisser Schokolade bestehende traditionelle Frühstück. Jorge und William sassen nebeneinander auf einer Seite des Holztischs und Carlos ihnen gegenüber, während Wilber bei Segal und Montoya Platz genommen hatte. Beim Frühstück zog Carlos sein Handy aus der Tasche und rief ein Bild von Jorge und sich auf. «Ich liebe meinen Bruder, auch wenn ich es nur zeige, wenn ich betrunken bin», sagte Carlos. «Seht ihr?» Auf dem Foto hat er die Lippen gespitzt und war dabei, Jorge einen schmatzenden Kuss auf die Wange zu drücken.

William sah irritiert zu Carlos hinüber. Wilber, dachte er, war oft ganz genauso, denn er nahm Williams Existenz als vollkommen selbstverständlich hin und zeigte seine Zuneigung nur in Ausnahmefällen – wenn er zum Beispiel Angst hatte, dass einer von ihnen sterben könnte. Er und Wilber hatten in der gleichen Einheit beim Militär gedient, und als sie einmal eine besonders gefährliche Zone betreten hatten, hatte ein leichenblasser Wilber zu ihm gesagt: «Möge Gott dich beschützen, mein Bruder. Ich liebe dich.» William wusste zwar, dass Wilber ihn liebte, doch sowohl Jorge als auch William hätten sich gewünscht, dass die Brüder, mit denen sie aufgewachsen waren, sie stärker unterstützt, ihre Gefühle offener gezeigt hätten – so wie William und Jorge es nun in ihrem Umgang miteinander taten. Sie riefen sich oft abends vor dem Einschlafen an, einfach nur, um einander gute Nacht zu sagen.

Die vier jungen Männer kannten sich mittlerweile gut. Während des letzten halben Jahres waren sie zusammen ausgegangen, hatten gemeinsam gegessen und über Frauen, Familie, Geld und Wertvorstellungen geredet. Selbst nach mehreren Wochen hatten sie immer noch fassungslos und staunend in die Augen ihres jeweiligen Zwillingsbruders gestarrt. Sie hatten einander beäugt, beurteilt und beobachtet. Als sie sich einmal Rücken an Rücken gestellt hatten, hatte sich gezeigt, dass die Männer aus der Stadt grösser waren als die vom Land. Carlos hatte Wilber beim Wettkampf, wer am meisten essen konnte, weit hinter sich gelassen, und William hatte beim Armdrücken alle anderen vernichtend geschlagen. Bei einem Fussballspiel hatte Carlos auf der Tribüne fasziniert beobachtet, wie William seine Hand in der Jeans verschwinden liess, um sich am Allerwertesten zu kratzen: Jorge mache genau dasselbe, berichtete er Wilber. Als sie einmal beim Abendessen zusammen gesessen hatten, war Jorge aufgefallen, dass Carlos und Wilber sich in genau dem gleichen ungewöhnlichen Winkel über ihre Teller beugten. Jorge fand nichts dabei, seinen eineiigen Zwilling auf dessen Grammatikfehler hinzuweisen, während Carlos seine Verantwortung als Bruder äusserst ernst nahm und Wilber pflichtbewusst Nachhilfe erteilte, wie man sich einer attraktiven Frau in der Hauptstadt näherte oder einen Tequila trank. Die Zwillinge aus Santander waren ihrerseits verblüfft, zu erfahren, dass ihre Brüder aus der Stadt noch nie eine Waffe abgefeuert hatten, und sie sorgten dafür, dass dies bei einem Besuch auf dem Lande sogleich nachgeholt wurde.

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