Gedächtnis der Gene

Vertauschte ZwillingeTeil II: Was prägt eineiige Brüderpaare stärker, die Umgebung oder die Gene?

Susan Dominus

Am Morgen des 29. März gegen halb zehn erreichten drei Autos La Paz, eine Stadt mit staubigen Strassen und herrlichem Blick auf die Anden. Die Gruppe – bestehend aus der Zwillingsforscherin Nancy Segal, einer Psychologin namens Yesika Montoya, den beiden Zwillingspaaren, Dolmetschern sowie diversen Freunden und Familienmitgliedern – war zu diesem Zeitpunkt bereits sechs Stunden unterwegs. Sie legten einen Zwischenstopp in einem Restaurant im Ort ein und bestellten das aus Knochenbrühe und heisser Schokolade bestehende traditionelle Frühstück. Jorge und William sassen nebeneinander auf einer Seite des Holztischs und Carlos ihnen gegenüber, während Wilber bei Segal und Montoya Platz genommen hatte. Beim Frühstück zog Carlos sein Handy aus der Tasche und rief ein Bild von Jorge und sich auf. «Ich liebe meinen Bruder, auch wenn ich es nur zeige, wenn ich betrunken bin», sagte Carlos. «Seht ihr?» Auf dem Foto hat er die Lippen gespitzt und war dabei, Jorge einen schmatzenden Kuss auf die Wange zu drücken.

William sah irritiert zu Carlos hinüber. Wilber, dachte er, war oft ganz genauso, denn er nahm Williams Existenz als vollkommen selbstverständlich hin und zeigte seine Zuneigung nur in Ausnahmefällen – wenn er zum Beispiel Angst hatte, dass einer von ihnen sterben könnte. Er und Wilber hatten in der gleichen Einheit beim Militär gedient, und als sie einmal eine besonders gefährliche Zone betreten hatten, hatte ein leichenblasser Wilber zu ihm gesagt: «Möge Gott dich beschützen, mein Bruder. Ich liebe dich.» William wusste zwar, dass Wilber ihn liebte, doch sowohl Jorge als auch William hätten sich gewünscht, dass die Brüder, mit denen sie aufgewachsen waren, sie stärker unterstützt, ihre Gefühle offener gezeigt hätten – so wie William und Jorge es nun in ihrem Umgang miteinander taten. Sie riefen sich oft abends vor dem Einschlafen an, einfach nur, um einander gute Nacht zu sagen.

Die vier jungen Männer kannten sich mittlerweile gut. Während des letzten halben Jahres waren sie zusammen ausgegangen, hatten gemeinsam gegessen und über Frauen, Familie, Geld und Wertvorstellungen geredet. Selbst nach mehreren Wochen hatten sie immer noch fassungslos und staunend in die Augen ihres jeweiligen Zwillingsbruders gestarrt. Sie hatten einander beäugt, beurteilt und beobachtet. Als sie sich einmal Rücken an Rücken gestellt hatten, hatte sich gezeigt, dass die Männer aus der Stadt grösser waren als die vom Land. Carlos hatte Wilber beim Wettkampf, wer am meisten essen konnte, weit hinter sich gelassen, und William hatte beim Armdrücken alle anderen vernichtend geschlagen. Bei einem Fussballspiel hatte Carlos auf der Tribüne fasziniert beobachtet, wie William seine Hand in der Jeans verschwinden liess, um sich am Allerwertesten zu kratzen: Jorge mache genau dasselbe, berichtete er Wilber. Als sie einmal beim Abendessen zusammen gesessen hatten, war Jorge aufgefallen, dass Carlos und Wilber sich in genau dem gleichen ungewöhnlichen Winkel über ihre Teller beugten. Jorge fand nichts dabei, seinen eineiigen Zwilling auf dessen Grammatikfehler hinzuweisen, während Carlos seine Verantwortung als Bruder äusserst ernst nahm und Wilber pflichtbewusst Nachhilfe erteilte, wie man sich einer attraktiven Frau in der Hauptstadt näherte oder einen Tequila trank. Die Zwillinge aus Santander waren ihrerseits verblüfft, zu erfahren, dass ihre Brüder aus der Stadt noch nie eine Waffe abgefeuert hatten, und sie sorgten dafür, dass dies bei einem Besuch auf dem Lande sogleich nachgeholt wurde.

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Carlos musste zugeben, dass der Funke zu seinem neuen Zwillingsbruder sofort übergesprungen war. Wilber gab ihm keine Ratschläge zu seinem Liebesleben, wie es Jorge unentwegt tat, sondern hörte einfach zu und war für ihn da. Ja, sie verstanden einander: ihr männlicher Stolz gegenüber Frauen, ihre aufbrausende Reaktion auf die ständigen Sticheleien ihrer Brüder. Doch Wilbers «Carloshaftigkeit» verstörte Carlos. Allein die Tatsache, dass dieser Zwillingsbruder existierte, machte eine Vorstellung zunichte, an der Carlos sehr hing: der Glaube, einzigartig zu sein. Da er als Kind so anders gewesen war als die anderen Mitglieder seiner Familie, hatte er sich auf seine Individualität immer etwas eingebildet. Jetzt, als eineiiger Zwilling, gehörte er zu der kleinen Teilmenge der Menschheit, deren Reproduzierbarkeit beschämend offensichtlich war. Einmal hatte Wilber auf Facebook ein Foto von sich in Santander gepostet, auf dem er mit freiem Oberkörper in einem Fluss stand und triumphierend zwei Hühner hochhielt, die er gerade getötet hatte. Dieser Hinterwäldler mit seinen nassen Haaren ähnelte ihm mehr, als es Carlos lieb war. «Lösch das gefälligst», sagte er zu Wilber. «Sonst glauben die Leute noch, das bin ich.»

Carlos hatte nicht den Eindruck, seine perfekte andere Hälfte gefunden zu haben, ganz im Gegenteil: Er fühlte sich einsamer als je zuvor. Trotz Jorges Beteuerungen spürte er, wie dieser sich mehr und mehr William zuwandte. Die beiden trugen mittlerweile die gleichen Turnschuhe und den gleichen Spitzbart. Am Wochenende fuhr Jorge oft zu William in die Fleischerei, stand mit ihm hinter der Theke und bediente Kunden, nur um mehr Zeit mit seinem Zwillingsbruder verbringen zu können. Manchmal übernachtete er in Wilbers und Williams winziger Wohnung, während Carlos zu Hause schlief. Carlos sagte sich wiederholt mit perverser Erleichterung, er sei froh, dass das Ganze nach dem Tod seiner Mutter passiert sei, denn hätte sie William in den Arm genommen wie Jorge, wäre die Eifersucht für Carlos schlichtweg unerträglich gewesen.

Carlos wusste, dass Jorge seine Bedrücktheit kannte, dass er gerne helfen wollte. Doch immer wenn das Thema aufkam, verfielen die beiden in ihre altbekannten Muster und trieben einander zur Weissglut. Carlos hatte den Eindruck, dass Jorge seine Sorgen nicht ernst nahm, Jorge wiederum war frustriert, weil er – egal, was er sagte – einfach nicht gegen Carlos’ Gefühl der Isolation ankam. Doch Jorge gab nicht auf. Etwa sechs Wochen nach der «Wiedervereinigung» der Zwillinge bat er Carlos um ein Foto von sich. Am nächsten Sonnabend ging er in ein Tattoostudio. Er hatte bereits ein Tattoo seiner Mutter auf seiner linken Brust, nun verbrachte er vier schmerzvolle Stunden auf einem Stuhl und liess sich von seinem Lieblingstätowierer ein Bild seines Bruders ins Fleisch stechen, nur wenige Zentimeter von dem seiner Mutter entfernt. Als er nach Hause kam, zog er sein T-Shirt hoch und zeigte Carlos das Werk auf seiner Haut, die noch blutig und geschwollen von der Nadel war. Es sei, sagte Carlos später mit Tränen in den Augen, das schönste Geschenk, das er je bekommen habe, und es gab ihm einen gewissen Frieden.

Beim Frühstück in La Paz hatte Carlos allerdings das Gefühl, dass Jorge ihn wieder einmal provozieren wollte. Kaum hatte Carlos das Foto aus der Tasche gezogen, wandte sich Jorge ihm nämlich zu und brachte das Gespräch auf ein heikles Thema, das die beiden bereits mehrfach spätnachts diskutiert hatten: Was wäre wohl aus Carlos geworden, wenn er in Santander aufgewachsen wäre?

«Mensch, Carlos», sagte Jorge – «schau dich doch mal um. Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass du ein Wirtschaftsprüfer geworden wärst oder einen anderen qualifizierten Beruf ergriffen hättest, wenn du hier aufgewachsen wärst?»

Carlos sah die Sache anders. Wer konnte sicher sagen, dass er nicht doch eine Möglichkeit gefunden hätte, zur Schule zu gehen, einen Abschluss zu machen und heute in genau derselben Firma zu arbeiten, die ihn gerade erst befördert hatte?

William sagte nichts, doch seine Miene wurde zu Stein. Carlos hatte nicht die geringste Ahnung, dachte er, wie weit ein starker Wille einen Menschen bringen konnte oder eben auch nicht. William hatte so einen starken Willen und hatte mit allen Mitteln versucht, diesen durchzusetzen, um damals die Ausbildung zum Unteroffizier absolvieren zu können. Als Erstes war er nach Bogotá gezogen, um seinen Schulabschluss nachzuholen. Er hatte bestanden, doch seine Note war schlecht – acht Monate Teilzeitpauken konnten die vielen verpassten Schuljahre nicht wettmachen. Deshalb bekam er nur einen Platz auf der Warteliste, doch er blieb hartnäckig, packte seine Sachen zusammen und machte sich mit dem Bus auf den weiten Weg von Bogotá zu der Kaserne, wo der Kurs stattfinden sollte. Als er dort eintraf, erkannte ihn einer der befehlshabenden Offiziere. «Durchhaltevermögen wird belohnt», sagte der Offizier zu ihm. Er liess seine Beziehungen spielen, doch als sie die Formalitäten erledigten, stellten die Sachbearbeiter fest, dass William bereits aufgrund einer Krankheit, die er sich während des Militärdienstes zugezogen hatte, entlassen und entschädigt worden war. Durch diese Entschädigung hatte er das Recht verloren, sich jemals wieder beim Militär zu verpflichten. Keine noch so guten Beziehungen konnten ihm helfen, er würde niemals Unteroffizier werden, es war vorbei. Er musste nach Hause zurückfahren. Aber hatte der befehlshabende Offizier nicht gesagt, Durchhaltevermögen würde belohnt? Fünf Tage lang blieb William einfach trotzdem, versteckte sich, mischte sich unter die Soldaten. Er hoffte, es würde sich noch eine Lösung finden, vor allem aber konnte er sich nicht dazu aufraffen, tatsächlich zu gehen, denn das hätte geheissen, aufzugeben. Am sechsten Tag begleitete ihn ein freundlicher, aber bis an die Zähne bewaffneter Offizier zur Bushaltestelle und setzte ihn höchstpersönlich in den Bus zurück nach Bogotá.

William war bewusst, dass Carlos diesen Teil seiner Lebensgeschichte nicht kannte. Carlos ahnte vermutlich auch nicht, dass William als Sechsjähriger mit seiner Mutter immer zu Fuss in genau diese Stadt, La Paz, gekommen war, um Lebensmittel einzukaufen, fünf Stunden hin und fünf zurück. Sie hatten die Nacht dann bei einer freundlichen Frau verbracht und waren am nächsten Tag zurückgelaufen, die Lebensmittel auf dem Rücken. Und Carlos hatte auch keine Ahnung und würde es auch niemals nachempfinden können, wie viele Stunden William als Jugendlicher damit verbracht hatte, mit der Machete Zuckerrohr zu hacken, die Haut juckend von der Hitze und den kratzigen Zuckerrohrschnipseln, oder wie er 50 Pfund Zuckerrohr auf einmal getragen hatte, eine mühsame, anstrengende, stumpfsinnige Arbeit. Carlos hatte, wie William wusste, dieselben Jahre damit verbracht, an einer hervorragenden öffentlichen Schule mit Mädchen zu flirten, mit seinen Freunden Basketball zu spielen und Punkte bei irgendeinem Videospiel zu ergattern, dessen Name William vermutlich noch nicht einmal etwas sagen würde.

William war sich sicher: Carlos hatte Unrecht. Manchmal war der Wille allein eben nicht genug. Wäre Carlos in Santander aufgewachsen, wäre er heute kein aufstrebender junger Wirtschaftsprüfer. Und wenn Carlos dennoch darauf beharrte, war das für William wie eine Herabsetzung dessen, was er durchgemacht hatte – letztlich ja an Carlos’ Stelle.

 

Nach dem Frühstück verliessen sie La Paz und setzen ihren Weg auf den kurvigen, steinigen Strassen fort, über denen Palm- und Farnwedel ragten. Mittlerweile brannte die Sonne erbarmungslos auf sie hinunter, und einer der Fahrer wischte sich mit einem Kopftuch, das er sich von einem Familienmitglied im Auto geliehen hatte, in regelmässigen Abständen den Schweiss aus dem Gesicht, als sei er physisch davon völlig erschöpft, das Auto durch Flussbetten und um Gräben herum zu manövrieren. Gegen 11 Uhr 30 hielt der Tross endlich neben einem Unterstand auf einem grasüberwucherten Feld. Alle stiegen aus. Jetzt ging es zu Fuss weiter.

Nancy Segal hatte einen grellpinken Rollkoffer dabei, der die Ausrüstung für ihre Forschung und die Interviews mit Williams und Wilbers Familie enthielt. Deren Bruder Ancelmo lebte mittlerweile in dem Haus, in dem die Zwillinge ihre Kindheit verbracht hatten, doch die Eltern und weitere Verwandte würden ebenfalls dort sein, um Ancelmos Geburtstag zu feiern und die Zwillinge zu sehen. Schnell stellte sich heraus, dass der Rollkoffer völlig ungeeignet für den grasbewachsenen Weg war. Also hob William, der diesen Weg schon weitaus schwerer bepackt gegangen war, den pinken Koffer lässig auf die Schulter.

Die Gruppe machte sich auf den Weg, und bald ging es ein Stück bergauf. William legte trotz dem Koffer ein hohes Tempo vor und rief, dass er zwar stark sei, Jorge aber ebenso – auch wenn dies zweifelhaft erschien. «Nur Carlos nicht», sagte William. «Carlos ist nicht so stark.» William ging noch einige Schritte und drehte sich dann um, als sei ihm eben etwas eingefallen. «Warum trägt Carlos den eigentlich nicht?», fragte er. Er ging zurück zu Carlos, drückte ihm den Koffer in die Hand und machte sogleich wieder kehrt.

Der Pfad kreuzte eine Wiese, dann folgte ein langer, steiler Abstieg. Kurz darauf bestand der Weg nur noch aus Schlamm – klebrigem, tonartigem Schlamm, an manchen Stellen mehr als einen halben Meter tief. Carlos, der immer grossen Wert auf sein Äusseres legte, achtete penibel darauf, wo er hintrat. Doch seine Adidas-Basketballschuhe waren bereits nach wenigen Schritten rundum mit Schlamm überzogen.

Carlos fühlte sich unwohl, emotional wie körperlich. Seit dem allerersten Treffen der Zwillingsbrüder war er zweimal in Santander gewesen – einmal zu einer Geburtstagsparty für die vier Brüder in La Paz und einmal, um seine biologischen Eltern, José del Carmen Cañas (genannt Carmelo) und Ana Delina Velasco in ihrem neuen Haus zu besuchen. Beide Male hatte er sich unbehaglich gefühlt. Er wusste, dass William der Ansicht war, dass er sich unhöflich verhalten hatte, weil er auf den freundlichen Empfang seiner erweiterten Familie kaum eingegangen war. Doch es waren einfach zu viele Menschen um ihn herum gewesen – Nachbarn, Cousins, und jeder Einzelne, so schien es, wollte ein Foto oder eine Umarmung oder ein anderes Zeichen einer Bindung, die er einfach nicht empfand. Wie sollte er seine biologischen Eltern kennenlernen, wenn sie ständig von so vielen Menschen umgeben waren? Beim ersten Treffen mit Carmelo und Ana in Williams und Wilbers Wohnung war das Kamerateam eines kolumbianischen Nachrichtenmagazins dabei gewesen. Als er seine biologischen Eltern umarmte, hatten sie hemmungslos geweint. Er war ergriffen, als er Carmelos Umarmung spürte, denn seinen eigenen Vater, der kurz nach seiner Mutter gestorben war, hatte er nie wirklich gekannt. Anas Tränen nahm er hingegen distanziert und ruhig auf. Er hatte eine Mutter gehabt und eine sehr gute obendrein. «Weine nicht», sagte er zu Ana und wischte ihr die Tränen aus dem Gesicht. «Gott weiss, was er tut.»

In Santander war es mittlerweile Mittag. Carlos ging wie auf Eiern durch den Schlamm, der dennoch überall hinspritzte und in der Sonne an seinen Beinen verkrustete. Plötzlich entfuhr Carlos – der so peinlich genau auf seine Kleidung achtete, die immer wie massgeschneidert sitzen musste und von der er ständig irgendwelche eingebildeten Fusseln zupfte – ein Schrei. Sein Fuss war tief im Schlamm versunken. Langsam zog er ihn mit der Hilfe des Einheimischen neben ihm mit einem lauten schmatzenden Geräusch heraus: Sein Bein war bis übers Knie mit Schlamm bedeckt.

Eine gute Stunde später erreichte Carlos mit den anderen das Haus, in dem William und Wilber aufgewachsen waren. Es gab hier keine Toilette, keine Trockenmauer, keine Farbe, sondern nur Holzwände und einen Holzofen, dessen Rohr aus dem Dach herausragte. Carlos ging lächelnd auf Carmelo zu, und die zwei umarmten sich herzlich. Doch dann folgte Schweigen, und keiner von beiden wusste, was er sagen sollte. William stand daneben und beobachtete Carlos und seinen Vater. William sah makellos aus und hatte lediglich ein wenig Schlamm auf den Schuhen. Er hatte extra ein violettes gestreiftes Hemd angezogen, während Carlos eine schwarze Baseballkappe mit einem Batman­­Symbol, ein ärmelloses Hemd und eine Sonnenbrille trug. Carlos hatte kaum Zeit zum Durchatmen, da kam William auch schon auf ihn zu und tippte auf seine Kappe. «Setz das Ding und die Sonnenbrille ab», sagte er zu ihm. «Versuch, wirklich hier zu sein.»

Carlos beobachtete Jorge, der sich ganz entspannt unter all den Menschen zu bewegen schien. Seine Art, sich bei Williams und Wilbers Familie beliebt zu machen, ging Carlos weiterhin völlig ab. Ausserdem ärgerte er sich noch immer über die Unterhaltung beim Frühstück. Es kam ihm so vor, als erwarte Jorge eine gefühlsduselige Erklärung von ihm, welch grosses Glück ihm durch die Verwechslung widerfahren war und wie unendlich viel schwerer er es gehabt hätte, wenn er in Santander aufgewachsen wäre. Dabei war es nicht so, dass er nicht während vieler schlafloser Nächte darüber nachgedacht hatte, wie sein Leben wohl verlaufen wäre, wenn er bei seiner biologischen Familie aufgewachsen wäre. Zwei Brüder von William und Wilber waren sehr jung gestorben, einer bei einem Unfall mit einer Waffe, der andere während des Militärdienstes in einem Hinterhalt. Vielleicht wäre er gar nicht mehr am Leben, wenn er hier gross geworden wäre. Vielleicht war es leicht, in Bogotá zu den Guten zu gehören. Hätte er stattdessen in Santander gelebt, hätte er sich vielleicht den Rebellen angeschlossen, die vor einem Jahrzehnt populär gewesen waren, doch auch brutal. Es war nicht etwa so, als hielte er seinen beruflichen Erfolg für unvermeidbar, er fragte sich durchaus, ob sein Charakter den Kräften, die in einem anderen Leben auf ihn eingewirkt hätten, tatsächlich hätte Widerstand bieten können.

Aber das würde er doch nicht alles beim Frühstück vor einem Haufen fremder Leute sagen. Das war nicht seine Art.

 

Im Moment, in dem der Samen in die Eizelle eindringt, ist diese einzellige Zygote totipotent: Sie ist reines Potenzial. In ihr steckt die elegante Wölbung einer Augenbraue ebenso wie ein kraftvoller Herzmuskel oder die elektrochemischen Fähigkeiten einer Nervenzelle; sie verfügt über die komplexe Bauanleitung für jede Faser des Körpers und ihre Regulierung. Doch die Zelle teilt sich, und gewisse Lichter erlöschen, das Potenzial wird eingeschränkt. Damit aus der Zelle ein winziges Stück Fleisch im Herzen werden kann und nicht das Haar einer Augenbraue, ist die Ausschaltung eines oder mehrerer der genetischen Übertragungsmechanismen notwendig. Die Folge ist Differenzierung, ein kontinuierlicher Prozess der Eliminierung, der die Erschaffung komplexer biologischer Gebilde überhaupt erst möglich macht. Jedes Mal, wenn sich eine Gruppe von Zellen teilt, wird sie einer Sache ähnlicher und einer anderen unähnlicher.

Die meisten folgenschweren Teilungen, aus denen Zwillinge hervorgehen, ereignen sich, wenn der Embryo fünf oder sechs Tage alt ist. Einige Zellen landen dabei durch Zufall beim einen Zwilling, die restlichen beim anderen. Dies hat zur Folge, so vermutet Harvey Kliman, Direktor der Abteilung für Reproduktions- und Plazentaforschung der Yale School of Medicine, dass die Expression einiger Gene in einem zukünftigen Zwilling sich wahrscheinlich bereits subtil von der Gen­expression in dem anderen zukünftigen Zwilling unterscheidet. Ab dem Moment, in dem sich die meisten eineiigen Zwillinge voneinander trennen, weisen sie möglicherweise in Abhängigkeit von der Umwelt bereits eine abweichende Epigenetik auf, womit man die Art und Weise bezeichnet, in der Gene gelesen werden und zum Ausdruck kommen. Die Zwillinge sind bereits unterschiedliche Produkte ihrer Umwelt, wobei diese in den Bedingungen in der Gebärmutter besteht, die aus ihnen überhaupt eigenständige Wesen gemacht hat.

Den Laien fasziniert es, wie ähnlich sich eineiige Zwillinge teilweise sind, doch manche Wissenschafter sind mehr daran interessiert zu erforschen, warum sie sich auch in wichtigen Bereichen unterscheiden können. Wie ist es möglich, dass ein eineiiger Zwilling homosexuell oder transsexuell ist und der andere nicht? Warum sterben eineiige Zwillinge, die doch mit der gleichen DNA geboren wurden, manchmal in unterschiedlichem Alter an verschiedenen Krankheiten? Es muss an der Umwelt liegen, aber welcher Umweltaspekt ist dafür verantwortlich, dass ein Körper einen anderen Weg einschlägt als der andere? Rauchen, Stress, Übergewicht – dies sind einige Faktoren, die Forscher mit gewissen Veränderungen in der Expression bestimmter Gene in Verbindung bringen konnten. Sie gehen davon aus, noch hunderte, eventuell sogar tausende weitere zu finden.

Eine Metaanalyse, die im Frühjahr in Nature Genetics publiziert wurde und 50 Jahre Zwillingsforschung unter die Lupe nahm, kam zu einem Schluss über den Einfluss von Vererbung und Umwelt auf das Leben der Menschen. Die Forscher fanden heraus, dass eine bestimmte Eigenschaft oder Krankheit eines Menschen durchschnittlich zu 50% von der Umwelt und zu 50% von den Genen beeinflusst wird. Doch diese einfache Formel gibt das komplexe System unserer genetischen Schaltkreise nicht angemessen wieder, denn sie vernachlässigt, wie unsere Gene ständig mit unserer Umwelt interagieren, je nach Stimulus an- und ausgeschaltet werden, manchmal mit bleibenden Folgen, die in unser Genom eingehen und an die nächste Generation weitergegeben werden. Die Reaktion der Gene eines Einzelnen auf die Umwelt – ihre Expression – ergibt das, was Wissenschafter das «epigenetische Profil» nennen.

Bevor sie sich auf den Weg nach Bogotá gemacht hatte, hatte Segal Jeffrey Craig kontaktiert, einen Epigenetiker am Murdoch Childrens Research Institute in Australien, und ihn gefragt, ob er die Epigenetik von Carlos, Jorge, Wilber und William mithilfe von Speichelproben, die sie vor Ort nehmen wollte, untersuchen könne.

Craig hat die epigenetischen Profile von 34 eineiigen und zweieiigen Zwillingen kurz nach der Geburt mithilfe von Mundschleimhautabstrichen aus den Wangentaschen ermittelt. Craig ist dabei aufgefallen, dass in einigen Fällen – zwar nicht oft, doch es kommt vor – das epigenetische Profil eines neugeborenen Zwillings einem nicht verwandten Baby stärker ähnelt als dem seines eineiigen Zwillings, mit dem er sich bis vor kurzem die Gebärmutter geteilt hat. Strukturelle Unterschiede in der Gebärmutter könnten hierfür verantwortlich sein, vermutet Craig – zum Beispiel wenn ein Zwilling eine dickere Nabelschnur hat (denn es gibt tatsächlich zwei) oder wenn diese an einer unglücklichen Stelle auf der Plazenta ansetzt. Doch ihm ist klar, dass es durchaus auch zusätzliche Faktoren geben könnte, über die man bisher nur mutmassen kann. Vielleicht ist ein Zwilling weiter vom beruhigenden Pochen des mütterlichen Herzens entfernt und gerät so bereits auf einen geringfügig anderen Lebensweg.

Segal und Craig waren gespannt auf die Epigenetik der kolumbianischen Zwillinge. Welche epigenetischen Profile würden sich wohl ähnlicher sein? Die der biologisch nicht verwandten Zwillinge, die in der gleichen Umwelt aufgewachsen waren – Segal nennt sie virtuelle Zwillinge – oder diejenigen, deren DNA identisch war?

Vier Testpersonen können letztlich nur Fragen aufwerfen, sie aber nicht beantworten. Doch in Zukunft könnten epigenetische Tests von grösseren Gruppen getrennt voneinander aufgewachsener Zwillinge wertvolle Hinweise zur Erforschung der Epigenetik liefern, meint Kelly Klump, stellvertretende Direktorin der Michigan State University Twin Registry. «Um zu erforschen, wie die Umwelt die Funktionsweise des Genoms verändert, muss man das Genom konstant halten», erklärt sie. «Eineiige Zwillinge machen dies möglich.» Da es äusserst schwierig ist, eineiige Zwillinge zu finden, welche getrennt voneinander aufgewachsen sind, konzentrieren sich Zwillingsforscher in erster Linie auf eineiige Zwillinge, die Unterschiede aufweisen. Tim Spector, Professor für Genetische Epidemiologie am King’s College in London, baut gerade eine riesige internationale Kartei über eineiige Zwillinge auf, von denen einer beispielsweise unter Diabetes oder Autismus leidet. Spector und Craig versuchen zu erforschen, wie genau wir uns als Reaktion auf unsere Umwelt verändern. Die zugrunde liegende Frage ist: Wie kann die Wissenschaft herausfinden, welche Gene an- oder ausgeschaltet wurden, gegebenenfalls mit negativen Folgen, damit man diesen Schritt wieder rückgängig machen kann? Traditionelle Zwillingsstudien zeichneten sich dadurch aus, dass sie das Unveränderliche suchten, epigenetische Zwillingsstudien versuchen herauszufinden, was in uns dem Wandel unterliegt – beziehungsweise welche Mechanismen dafür verantwortlich sind.

Ein Lokalpolitiker hatte die Gruppe auf dem Fussmarsch nach Santander begleitet. Unterwegs versuchte er, sie zum Besuch einer nahe gelegenen Sehenswürdigkeit zu überreden: des zweitgrössten Erdlochs in Kolumbien, einer gewaltigen Grube, rund 150 Meter tief und 200 Meter breit. Einheimische legen sich dort gern auf den Bauch, robben an den Rand heran und blicken in den Abgrund.

Das zweitgrösste Erdloch wurde zu einem Running Gag unter den Brüdern, doch für Yesika Montoya, die kolumbianische Psychologin, war es zugleich eine Art Metapher für das, was die jungen Männer durchgemacht hatten. Sie versuchte, ihnen ihre Gefühle hierzu zu entlocken, unter anderem, indem sie die Männer beschreiben liess, welche körperlichen Empfindungen sie an verschiedenen Zeitpunkten während der Ereignisse verspürt hatten. «Mir war schwindelig», sagte Jorge, als er beschrieb, wie er vor dem ersten Treffen auf William gewartet hatte. «Es war so ein Druck, wie wenn man in einer Achterbahn sitzt und es plötzlich abwärts geht.»

Montoya stellte es sich so vor, als ob man «in ein Loch fällt, aber niemals unten ankommt». Sie ergänzte: «Und es nimmt kein Ende. Immer wenn man glaubt, einen Halt gefunden zu haben, fällt man weiter.»

Die Gespräche mit Segal und Montoya und das Erzählen ihrer Lebensgeschichte veränderte zweifellos auch die Sicht der jungen Männer auf ihre Wiedervereinigung. Carlos war überrascht, als Segal ihn fragte, welche Unterschiede es denn zwischen ihm und Wilber gebe. «Hm, na ja, wie haben uns eigentlich eher auf Gemeinsamkeiten konzentriert», sagte er. «Über Unterschiede haben wir gar nicht geredet.» Es schien ihm jedoch zu gefallen, nun die Gelegenheit dazu zu bekommen.

Carlos wies darauf hin, dass er ältere Frauen mochte, während Wilber jüngere Frauen vorzog. Doch die Wahrheit war natürlich viel komplexer. Carlos und Wilber glichen sich in den groben Pinselstrichen und unterschieden sich in unendlich vielen Details: den Ausdrücken, die über Carlos’ Gesicht und nur sein Gesicht allein huschten, den Gedanken und Sorgen, die ihm durch den Kopf schwirrten. Carlos war in jedem Fall zynischer als Wilber, weltmännischer; während Wilber sich in der Gesellschaft kleiner Kinder wohler fühlte und stets zum Lachen aufgelegt war.

Auch zwischen Jorge und William gab es offensichtliche Unterschiede. Jorge war ein Träumer, ein rastloser Reisender, ein Optimist, der glaubte, «wenn man der Welt sein Bestes gibt, bekommt man nur das Beste zurück». Williams schmaleres, hagereres Gesicht spiegelte eine weitaus skeptischere Weltsicht wider. «Nichts im Leben ist leicht», sagte er einmal, einen Satz, den man sich aus Jorges Mund nur schwerlich vorstellen konnte.

Waren all diese Unterschiede erlernt? Oder spiegelten manche die Epigenetik wider? Vielleicht profitierten Wilber und Jorge ja von einem Quentchen an zusätzlichem biologischem Schutz, weil sie, im Gegensatz zu Carlos und William, in den Armen ihrer Mütter aufgewachsen waren. Die Mutter, von der er aufgezogen worden war, hatte ihn geliebt, das wusste Carlos. Doch gleichzeitig war ihm auch bewusst, dass damals eine Cousine zu ihnen gezogen war, damit jedes der zwei Babys in den Genuss der Form von Attachment Parenting kommen konnte, welche das Krankenhaus seinerzeit empfahl. Ihre Mutter hatte Jorge in einem Tragetuch getragen, während Carlos von der Cousine getragen worden war.

Im Mai sagte Carlos zu Wilber, dass er seine biologische Familie besuchen wolle, doch diesmal ohne die vielen anderen Familienmitglieder, Psychologen oder Kameracrews. Wilber gab die Nachricht an William weiter. William fiel es mittlerweile leichter, zu akzeptieren, dass Carlos’ Zurückhaltung auf den bisherigen Reisen nach Santander weniger eine Reaktion auf seine neue Familie als vielmehr auf die öffentliche Natur der Treffen gewesen war. An einem Wochenende, an dem Wilber arbeiten musste, bestiegen William, Jorge und Carlos einen Bus, um Carmelo und Ana einen entspannten Besuch im privaten Rahmen abzustatten.

Carlos sass auf der Fahrt neben William und hörte zu, wie dieser – mittlerweile eine Art lokaler Berühmtheit in Santander – von seinen Plänen berichtete, für den Stadtrat von La Paz zu kandidieren. Carlos hielt zwar nicht viel von kolumbianischen Politikern, doch Williams Ehrgeiz beeindruckte ihn, er fand es gut, dass William einen Microsoft-Word-Kurs besuchte. Er hatte durch die Interviews von Segal und Montoya erfahren, dass Wilber keinerlei Ambitionen hatte, noch einmal die Schulbank zu drücken. Das enttäuschte Carlos, denn er wollte mit Wilber über mehr reden als nur über Frauen. Er wollte mehr für Wilber, mehr von Wilber, doch so langsam entstand bei ihm der Eindruck, dass er es nicht bekommen würde.

Carlos wusste: Wilber wünschte sich, dass die beiden mehr Zeit miteinander verbrachten. Doch zugleich wusste er auch, dass Wilber durchaus verstand, dass Carlos eine einsame Seele war. Wilber hatte ausserdem sein eigenes Leben und eine neue Freundin mit zwei kleinen Kindern, von denen er stolz überall Fotos herumzeigte. Die ganze Erfahrung war weniger kompliziert für Wilber als für seine drei Brüder – einfach deshalb, wie Wilber es selbst formulierte, weil er eben kein sonderlich komplizierter Mensch war.

Für Carlos fühlte sich sein vierter Besuch in Santander wie ein Neubeginn an. Die Brüder trafen nach einer durchreisten Nacht am frühen Morgen am Haus von Ana und Carmelo ein, doch Carlos fand die ländliche Umgebung zu schön, um gleich ins Bett zu gehen. Stattdessen nahm er ein Bad in einem Wasserbecken und lauschte den Vögeln und dem Familienpapagei Roberto, dessen besonderes Talent darin bestand, Ranchera-Songs zum Besten zu geben. Danach ging er, während seine Brüder vor sich hindösten, in die Küche, wo Ana, eine äusserst kleine Frau – deren Lachen er angeblich geerbt hatte, auch wenn er es selbst nicht hören konnte – einen Schafskopf zubereitete, den es zum Abendessen geben sollte. Er stand an der Arbeitsfläche in der Küche und leistete ihr Gesellschaft. Ihm wurde bewusst, dass sie zum allerersten Mal allein miteinander waren.

Sie sprachen über Anas Gesundheit, ihre schmerzenden Gelenke, ihre Probleme mit dem Rücken. «Weisst du, du hast dein ganzes Leben lang so viel gearbeitet», sagte Carlos zu ihr. «Es wird Zeit, dass du etwas kürzer trittst. Deine Kinder sind doch alle gross. Warum arbeitest du weiterhin so hart für sie?» Seine Beziehung zu Ana fühlte sich entspannter an, wenn auch nicht unbedingt enger. Er sagte sich, dass dies mit der Zeit schon noch kommen würde. Jorge unterstellte ihm immer, dass mit ihm etwas nicht stimmen konnte, weil er nicht unmittelbar die starke ursprüngliche Verbindung verspürt hatte, die emotionale Kraft von Biologie und Schicksal, welche William offenbar zu der Mutter empfand, der er niemals persönlich begegnet war. Carlos fragte sich, ob er sich Ana näher fühlen würde, wenn seine eigene Mutter noch gelebt und ihm so etwas wie eine Erlaubnis gegeben hätte. Doch die Wahrheit mochte viel schlichter sein. Vielleicht waren er und William in dieser Hinsicht einfach verschieden.

 

Bevor sie ihre Untersuchungen begann, hätte es Nancy Segal nicht überrascht, wenn die jungen Männer jeweils die gleichen Ergebnisse wie ihr eineiiger Zwilling erzielt hätten, der unterschiedlichen Umwelt zum Trotz. Doch ihre vorläufigen Ergebnisse zeigen, dass die eineiigen Zwillinge sich bei einer Reihe von Eigenschaften weniger ähnlich sind als zunächst vermutet. «Ich habe grossen Respekt für den Einfluss einer stark unterschiedlichen Umwelt entwickelt», sagt Segal.

Möglicherweise zeigen die Ergebnisse aber auch nur, dass Menschen, die in einem sehr ländlichen, bildungsfernen Umfeld aufgewachsen sind, an Tests insgesamt anders herangehen als diejenigen, die eine Universität besucht haben. William, der immerhin kompetent einen kleinen Betrieb leitet, schien der Test stellenweise über den Kopf zu wachsen. Doch Segal betrachtet die Geschichte der jungen Männer als einen Fall, der weitere Untersuchungen nach sich ziehen und andere inspirieren könnte, nach weiteren Zwillingen Ausschau zu halten, die getrennt voneinander unter sehr unterschiedlichen Bedingungen aufgewachsen sind, egal worin diese im Einzelnen bestehen.

Im Laufe der Woche, die sie mit der Beantwortung von Segals Fragebögen verbrachten, blickten die jungen Männer in eine Vergangenheit zurück, die dazu beigetragen hatte, sie zu dem zu machen, was sie heute waren. Wie viele Bücher hatte es in ihrem Haus gegeben, als sie Kinder gewesen waren? Hatten sie jemals geraucht? Waren sie in Familien aufgewachsen, in denen man seine Gefühle eher für sich behielt? Eine Woche lang verliessen sie das Hier und Jetzt und blickten zurück. Doch sobald Segal wieder aufbrechen würde, würden die Brüder ihre normalen Wege fortsetzen, immer vorwärts in eine unbekannte Zukunft, auf Kollisionskurs mit dem Zufall. Manchmal spielten sie mit dem Gedanken, sich eine gemeinsame Wohnung zu nehmen. William hatte den Eindruck, dass sie zu viert am stärksten seien. Wie die Mitglieder jeder anderen Familie auch mochten sie auseinanderdriften, nur um später wieder zusammenzufinden oder von der Geborgenheit ihrer besonderen Verbindungen zu profitieren. Es war an sich schon selten, als Zwilling aufzuwachsen, als Teil eines ursprünglichen Paares; doch jetzt war jeder dieser jungen Männer obendrein noch Teil eines weiteren, seltenen Paares, mit der Chance auf eine ungewöhnliche Art von Nähe. Doch wie beeinflusste diese Konstellation – eine doppelte Dopplung – was aus jedem von ihnen werden würde und was sie erreichen konnten?

Um das Ende der einwöchigen Untersuchungen zu feiern, entschieden Segal und Montoya, die jungen Männer zum Tanzen in ein beliebtes Steak-House in Bogotá mit einer grossen Tanzfläche einzuladen. Jorge und William tanzten abwechselnd mit Segal, wobei sie selbstbewusst lächelten und dem Rhythmus nur wenig Beachtung schenkten. Carlos hingegen war in seinem Element und brachte Wilber einige Tanzschritte bei. Die beiden tanzten nicht ganz synchron nebeneinander, Carlos mit sicheren Bewegungen, Wilber mit konzentriertem Blick auf seine Füsse. Zwischendurch hob er immer mal wieder den Blick, als ob er spürte: Bald würde er den Dreh raus haben. «Wilber hat das Talent», sagte Montoya, die das Geschehen vom Tisch aus verfolgte. «Ihm fehlt bloss die Erfahrung.» Alle Brüder legten eine Pause ein, um noch etwas Aguardiente, einen kolumbianischen Zuckerrohrschnaps, zu trinken. Sie kamen zurück zum Tisch und flirteten abwechselnd mit einer jungen Frau, die zu ihnen gestossen war.

Hier im Club war Carlos selbstbewusst, souverän, gewandt. Je später der Abend wurde und je mehr Aguardiente er trank, umso ausladender und mutiger wurden seine Bewegungen, bis er schliesslich einen Tanzschritt vorführte, den er und ein Freund sich eines Nachts ausgedacht hatten, eine Drehung aus der Hüfte, bei der er sich so weit zurücklehnte, dass sich seine Wirbelsäule praktisch parallel zum Boden befand, die Knie gebeugt und kurz vorm Verlust des Gleichgewichtes. Carlos nannte ihn «die Matrix» nach dem ähnlich aussehenden Ausweichmanöver, das Keanu Reeves im gleichnamigen Film vollführt, um nicht in einem Paralleluniversum von Kugeln durchsiebt zu werden. Als Carlos sich ganz zurücklehnte, sah es einen Moment so aus, als würde er gleich umfallen. Wilber, William und Jorge umringten ihn sofort, noch immer tanzend. Ihre Gesichter zeigten widersprüchliche Gefühle: Sie waren amüsiert, irritiert, besorgt. Doch Carlos fiel nicht, sondern richtete sich wieder auf.

Sie tanzten weiter. Die vier Männer spalteten sich in verschiedene Paare und Grüppchen auf, hielten nach jungen Frauen Ausschau, kamen dann wieder zusammen, um ihre Erfahrungen auszutauschen, nur um im Anschluss erneut auf die Tanzfläche zurückzukehren. Sie waren eins, sie waren zwei, zu viert, zusammen, getrennt und wieder zusammen, während die Musik spielte bis spät in die Nacht hinein.

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