Gefängnis der Liebe

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Im kolumbianischen Gefängnis Casa Blanca sitzen Männer neben Frauen ein: Von der Liebe unter Verbrechern.

José Alejandro Castaño

Einige Frauen nennen den Trakt El Infierno, weil es in den Zellen höllisch heiss werden kann: Die Temperatur steigt im Betonbau mit der Holzdecke zuweilen bis auf 40 Grad. Geschlafen wird auf Kajütenbetten aus Zement, die die Gefängnisinsassinnen mit dem schmücken, was sie gerade zur Hand haben: Landschaftsbilder aus einer Zeitschrift, Papiergirlanden, Plastikblumen und Fotos von Kindern, die sie jahrelang nicht mehr gesehen haben, von verstorbenen Geschwistern, von Enkeln, die sie noch gar nicht kennen, von Müttern und Vätern, die draussen auf sie warten.

Im hinteren Teil von El Infierno befindet sich ein Innenhof im Freien. Es ist ein quadratischer kleiner Platz mit Fussballtoren, auf denen die Insassinnen die Handarbeiten auslegen, die sie für ihre Verehrer aus dem Trakt von nebenan sticken – Männer, die genau wie sie wegen Totschlags, Einbruchs, Entführung, Kokainhandels, Körperverletzung oder Mordversuchs verurteilt worden sind. Yolima, eine Frau mit Mandelaugen und flacher Nase, stickt ein Tischtuch mit einem Herzen in der Mitte. Sie stickt mit zugekniffenen Augen, hochgezogenen Augenbrauen, die Zungenspitze zwischen die Lippen gepresst. Ihre kundigen Hände bewegen sich so flink hin und her, dass die Nadel nicht mehr zu sehen ist. Sie war einmal verheiratet, aber ihr Mann sei plötzlich gestorben, erklärt sie mir. Später erzählt eine Insassin, Yolima habe ihn umgebracht und den Leichnam hinter dem Haus vergraben. Entdeckt habe man ihn rein zufällig, weil ein hungriger Nachbarshund dem Verwesungsgeruch nachging, im Boden scharrte und sich mit einem Finger als Corpus Delicti davonmachte. «Hier darf ich nochmals Liebe erleben», sagt mir Yolima, während sie mit der Nadel immer wieder mitten ins Herz sticht.

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