Gefangen im Grünen

Von der Sehnsucht nach einem erfüllten Leben an den Rändern Berlins: drei Porträts.

Linus Reichlin

1 Ahrensfelde: 

Die Zwillingsmutter

Im Mai 2008 zog Silke Wölke mit ihrem Mann Arne nach Ahrensfelde, sie war im sechsten Monat schwanger mit den Zwillingen Lara und Alina. Vom Wohnzimmer des Einfamilienhauses, das Arne gekauft hatte, konnte Silke in der Ferne die ersten Häuser der Stadt Berlin sehen, und wenn sie an sonnigen Frühlingstagen spazieren ging, erreichte sie nach wenigen Schritten die Grenze zu Berlin. Diese symbolische Nähe zu ihrer Geburtsstadt war ihr wichtig, denn sie wusste, dass sich ihr Lebenszentrum nach der Geburt der Zwillinge nach Ahrensfelde verschieben würde, obwohl Arne, der den grösseren Wunsch als sie gehabt hatte, hierher zu ziehen, immer von der halben S-Bahnstunde bis ins Zentrum Berlins sprach und dass man zwar im Grünen wohne, aber doch auch in der Stadt leben werde. Arne arbeitete als Bauingenieur bei einer Schöneberger Firma, wo sie einander kennengelernt hatten, eine Arbeitsliebe. Silke war in der Firma als Sekretärin beschäftigt gewesen, hatte ihre Arbeit jetzt aber aufgegeben, denn sowohl sie wie auch Arne führten die Fehlgeburt, unter der Silke vor einem Jahr sehr gelitten hatte, auf die Anstrengungen des Berufslebens zurück. Man wollte aus Fehlern lernen, Silke sollte sich schonen, den Haushalt machen, während Arne die Statik von Aufzügen berechnete. Sie sollte kochen und da sein, wenn er abends spät nach Hause kam, und eines Tages sollten die Zwillinge im grosszügigen Garten des Reihenhauses spielen, zusammen mit den Kindern der anderen Städter, die an den Rand gezogen waren, weil hier die Bäume rauschten und vor dem Eingang zur Sparkasse keine Punks sassen.

 

Natürlich war Silke skeptisch. Den ganzen Tag allein im Haus, kochen, da sein, wenn Arne nach Hause kam, nicht einmal ihre Mutter hatte noch so gelebt. Und die halbe S-Bahnstunde in die Stadt entpuppte sich als ganze Stunde, und wenn man nach langem Weg endlich im Zentrum ankam, war man kein Bewohner mehr, sondern ein Besucher. Silke besuchte ihre Freundinnen, aber nur sehr selten besuchte eine Freundin sie, und Silke verstand es: Was wollte man in Ahrensfelde? Wie hältst du es hier aus?, fragte einmal eine der Freundinnen, und Silke sagte: Es ist ja nicht für immer. Nur solange die Kinder noch klein sind. Die Luft sei hier viel besser. Und sie zeigte der Freundin den Sandkasten im Garten, den Arne in Wochenendarbeit zusammen mit einem Freund selbst ausgehoben und mit Sand gefüllt hatte. Wozu ein Sandkasten, hatte die Freundin gefragt, wenn da hinten gleich der Wald ist? Silke war in Kreuzberg aufgewachsen, hatte ihr ganzes Leben im südwestlichen Berlin verbracht, und trotzdem empfand sie manche ihrer Freunde plötzlich als arrogant. Berlin war toll, natürlich, aber sie fand, dass die Freunde die Stadt idealisierten. Man kann auch in Prenzlauer Berg Kinder aufziehen, sagten die Freunde, und dass es für Kinder besser sei, in einer Grossstadt aufzuwachsen, es fördere ihre Spontaneität und ihre Offenheit, und sie selber, sagten die Freunde, könnten nie auf dem Land leben. Silke merkte, dass ihre Freunde sie nun insgeheim verdächtigten, schon immer eine Provinzlerin gewesen zu sein, und sie litt unter dem Unverständnis, mit dem sie ihr begegneten. 
Wenn Arne abends nach Hause kam und sie ihm davon erzählte, sagte er: Lass die mal reden! Und dann erzählte er ihr von seinem Tag, den er in der Stadt verbracht hatte. Er sagte: An der Bergmann-strasse gibt’s einen tollen neuen Italiener. Dort habe er heute mit einem Geschäftspartner zu Mittag gegessen. Dass man im Grünen wohnt, aber in der Stadt lebt, hatte sich nur für Arne verwirklicht. Als Silke den Wunsch äusserte, am nächsten Wochenende mit ihm bei dem tollen Italiener zu Abend zu essen, sagte Arne: Ja, aber dann der lange Nachhauseweg! Man sei ja doch eine knappe Stunde unterwegs. Hier in Ahrensfelde gebe es auch ein gutes Restaurant, ein indisches. Aber noch lieber, sagte Arne, würde er gemütlich zu Hause etwas Kleines essen, nur einen Feldsalat, er habe beschlossen, abzunehmen.
Das war Ende Juni 2008. Silke war jetzt im siebten Monat schwanger. Als Arne vom Abnehmen sprach, sagte Silke Wölke später, hatte ich schon so eine Ahnung. Aber ich hätte es trotzdem nie für möglich gehalten.

2 Königs Wusterhausen: 
Der Ghanaer

Südliche Randlage Berlins. Ein Frühherbsttag im Jahr 2011. Der Besucher hätte nicht vermutet, dass es in Königs Wusterhausen drei Bräunungsstudios gibt. Klaus Röpke kennt sie alle. Im einen sind die Schutzbrillen schlecht. Viel zu gross. Die Tränensäcke werden mit abgedeckt, sagt Röpke, und dann bleibt da alles weiss, das sieht bescheuert aus. Im zweiten Solarium erneuern sie die Röhren, ohne es dem Kunden mitzuteilen. Neue Röhren brennen aber viel stärker als alte, und wenn man die Bräunungsdauer nicht darauf abstimmt, kriegt man Sonnenbrand. Von Sonnenbrand kann ich Bände erzählen, sagt Röpke und erzählt von seinem Sonnenbrand in Accra, Ghana. Er legte sich mit seiner damaligen Freundin Abena nachmittags an den Strand. Und abends, sagt Röpke, habe ich vor Schmerz geschrien, wenn auch nur eine Mücke auf meinem Arm gelandet ist. Ich hatte so Blasen, sagt Röpke und formt mit den Händen einen Kreis. Er geht immer ins dritte Solarium, dort hängen in jeder Kabine Zettel, auf denen die letzte Wartung eingetragen ist. Und ausserdem ist dieses Solarium vom Bundesamt für Strahlenschutz zertifiziert worden. 
Klaus Röpke ist sehr braun. Ich bin achtundfünzig, sagt er, wie alt schätzen Sie mich? Man schätzt ihn auf siebzig, aber man weiss schon, was er meint. Irgendwie sieht er auch wie dreissig aus. Zwölf Jahre lang hat er in Ghana gelebt, zuerst mit Abena, dann mit Afur, dann mit Ako. Dem Besucher fällt auf, dass es lauter Namen mit A sind. Ist mir noch gar nie aufgefallen, sagt Röpke, aber jetzt, wo Sie’s sagen.
Röpke ist Taxifahrer, und auf die Solarien ist man gekommen, weil der Besucher ihn gefragt hat, ob er gerade aus dem Urlaub zurückgekommen sei. Nein, ist er nicht, Urlaub kann er sich nicht mehr leisten, seine Bräune stammt aus dem Solarium, hat aber im weitesten Sinne mit Ghana zu tun. Das ist so eine Art Heimwehbräune, sagt Röpke. Er war zwölf Jahre lang braun gewesen, und als er nach Deutschland zurückkehrte und allmählich ausbleichte, sehnte er sich danach, wieder so auszusehen wie damals in Ghana. Er lebt bei seiner Mutter, er ist vollständig zurückgekehrt, weiter zurück, als ihm lieb ist. Sobald ich’s mir wieder leisten kann, sagt er, miete ich mir eine eigene Wohnung. Das Taxigeschäft in Königs Wusterhausen läuft allerdings schleppend. Ausser an den Wochenenden. Dann lassen sich die Männer gern in die südlichen Bezirke der Stadt fahren, die keinen Sperrbezirk kennt, so dass man ein bisschen wissen muss, wo sich die Prostitution gerade massiert. Die Königs Wusterhausener lassen sich von einem örtlichen Taxi hinfahren, und wenn sie fertig sind, fahren sie mit einem anonymen Berliner Taxi wieder zurück. Auf diese Weise profitiert Röpke zumindest one way vom Vergnügungsbedürfnis der Königs Wusterhausener Familienväter. Sexverkehr nennt Röpke es, und er ist stolz, dass er sich in kurzer Zeit das Vertrauen der Kunden erworben hat, die auf Verschwiegenheit den grössten Wert legen. Wir sind ja hier eine kleine Stadt, sagt Röpke. Anfangs, als die Kunden ihn noch nicht gekannt hätten, hätten sie sich von ihm in irgendeiner unverfänglichen Strasse im Süden Berlin-Schönebergs oder in der Nähe des Kurfürstendamms absetzen lassen. Damit ich nicht merke, wo die hinwollen, sagt Röpke. Aber mit der Zeit hätten die Kunden gemerkt, dass er seriös ist, und dann hätten sie sich die Umwege erspart und sich direkt zu den Nutten fahren lassen. Röpke sagt, dass eben nicht jeder machen kann, was er will. Er wollte nach Ghana, und das hat er auch gemacht. Aber es kann eben nicht jeder nach Ghana. Er hatte keine Frau, keine Kinder, war ungebunden, und ein Zufall brachte ihn nach Ghana. Ein Freund von ihm, von Haus aus Bäcker wie er, hatte in Accra eine deutsche Bäckerei eröffnet, und er sagte: Klaus, komm runter, ich brauch hier noch jemanden zum Teigkneten, die rennen mir die Bude ein. 
Vor zwölf Jahren flog Röpke also nach Ghana, erst mal nur probehalber. Zuerst war es ihm zu heiss, und es stank, und überall lagen leere Plastiktüten herum. Und die Bäckerei seines Freundes entpuppte sich als Baustelle an einer lärmigen Hauptstrasse, und in einem der noch unverputzten Räume, in dem Elektrodrähte aus der Wand wucherten, lag der Freund mit seiner ghanaischen Frau auf einer Matratze. Der Freund war dauernd besoffen und führte grosse Reden: In einem Monat eröffne ich! Die haben ja hier kein Brot, was die Brot nennen, schmeckt wie getrocknete Scheisse! Wir backen hier deutsches Brot, Klaus, und dann rennen die uns die Bude ein! Röpke sagt, er wäre sofort wieder abgereist, wenn er nicht Abena kennengelernt hätte. Sie war die Schwester der Freundin seines Freundes, und einer ihrer Brüder, Kwame, sass im Gefängnis von Accra, weil er einen Dieb erstochen hatte, der ihm sein Motorrad klauen wollte. Und wenn Sie’s interessiert, sagt Röpke, erzähle ich Ihnen jetzt mal, wie das in Ghana so läuft.

3 Ahrensfelde

Im Juli 2008 war Silke im achten Monat schwanger, und Arne hatte vier Kilo Gewicht verloren. Er kam immer später von der Arbeit nach Hause, manchmal erst um halb neun, und dann sassen sie an einem weissen Plastiktisch draussen im Garten, die Luft war warm, die Amseln sangen schon nicht mehr, dafür war es zu spät. Aber im Nachbarsgarten spielten noch die Kinder, und Arne ass den Salat, den Silke für ihn zubereitet hatte, und sie selber ass Dillheringe in fetter Sahnesauce. Sie assen fast nie mehr dasselbe, Arne befolgte seine Diät strikt. Die Zwillinge trampelten in Silkes Bauch herum, und das Gejohle der spielenden Nachbarskinder erfüllte Silke mit Vorfreude, die aber getrübt wurde durch Arnes abschätzige Bemerkungen. Es ist halt schon ein Kaff, sagte er über Ahrensfelde, obwohl es doch er gewesen war, der unbedingt hierher hatte ziehen wollen. Ich habe das unterschätzt, sagte er und stocherte in seinem Salat herum. Jedes Mal, wenn ich aus Berlin zurückkomme, sagte er, kommt es mir vor, als würde ich aus einem ICE in eine Kutsche umsteigen. Silke sagte, es gehe ihr auch so, aber für die Kinder sei es hier besser als in der Stadt. Der Garten, der Wald, fast keine Autos. 
Und dann kam der Sommerurlaub, den sie im Haus in Ahrensfelde verbrachten, denn Silke war hochschwanger, jederzeit konnte es soweit sein. Arne war jetzt den ganzen Tag zu Hause, er ging jeden Morgen joggen, manchmal kam er erst mittags zurück, ass seinen Salat, er wurde immer dünner. Er fuhr nach Berlin und kam mit zwei grossen Taschen aus dem KaDeWe zurück, er hatte sich drei neue Hosen und zwei Hemden gekauft und ein beiges Sommersakko. Er zog die neuen Kleider im Schlafzimmer vor dem Spiegel an, und Silke stand in einem weiten, verschwitzten T-Shirt und einer alten Trainerhose neben Arne, mit zwei Kindern im Bauch, und Arne sah so gut aus in dem neuen weissen Hemd und der Hose. Er war so schlank und attraktiv, während ihr die Brüste wehtaten. Wenn sie an sich hinunterblickte, sah sie diesen grotesken Bauch. Sie war unförmig geworden und Arne flach. Sie war häuslich geworden, und er sah aus, wie einer, der aufbricht. Und dann schaute Arne sie an und sagte: Ich sage es dir besser jetzt als später. Er habe, sagte er, sich verliebt. Er wisse, dass er ihr damit weh tue. Aber er habe sein Leben lang zu wenig auf sich geachtet, habe immer das getan, was andere von ihm erwarteten. Dieses Haus hier in Ahrensfelde, er habe es nur gekauft wegen der Kinder und wegen ihr, Silke. Man könne sich eine Weile lang selbst belügen, aber nicht für immer. Er verspreche ihr aber, dass er für die Kinder und für sie finanziell aufkommen werde. Und wir werden auch die Geburt gemeinsam noch durchstehen, sagte er.

4 Königs Wusterhausen
Röpke sagt, dass es in Ghana so läuft, dass einer wie er, und er sei ja nicht gerade in den Kosmetiktopf gefallen, dort mühelos eine Frau finde, die viel besser aussehe als er selbst. Abena sei eine Schönheit gewesen, er habe überhaupt noch nie eine so schöne Frau gehabt. Aber er habe sich auch nie eingebildet, dass sie nur wegen seiner abstehenden Ohren mit ihm zusammen sein wollte. Das einzig Positive, was man über ihn sagen könne, rein äusserlich, sei, dass er zehn Jahre jünger aussehe, als er sei. Aber so was sei für ghanaische Frauen kein Thema. Ob ein Weisser gut aussieht oder nicht, das spiele keine Rolle, wenn man einen Bruder habe, der zusammen mit zwanzig, dreissig anderen Gefangenen in einem Verlies in Fort Ussher zusammengepfercht sei. Abena habe ihm das gleich nach der ersten Nacht klargemacht: Du machst gut Liebe, habe sie gesagt, du bist ein starker Mann, gib mir hundert Dollar, mein Bruder ist in Fort Ussher, er wird dort sterben, wenn du mir das Geld nicht gibst. Am nächsten Tag steckte Röpke einen Hundertdollarschein in einen Briefumschlag und gab ihn Abena. Sie sagte: Was ist das? Was soll ich mit einem Brief? Röpke sagte: Mach den Umschlag auf, und Abena riss den Umschlag auf, zog den Geldschein hervor und sagte: Warum verpackst du das Geld? Sie ging ins Fort Ussher, und nach einigen Stunden kam sie zurück und sagte: Als ich ihnen das Geld zeigte, wussten sie, dass ich einen Obroni kenne. Jetzt verlangen sie zweihundert Dollar. Röpke fragte: Was ist ein Obroni? Und Abena sagte: Du. Du bist ein Obroni. Er gab Abena zweihundert Dollar, diesmal ohne Umschlag. Sie ging wieder zum Gefängnis, er sah sie zwei Tage lang nicht mehr. Dann tauchte sie in Begleitung ihres Bruders Kwame in seinem Hotel auf. Kwame und ich haben Hunger, sagte Abena, kauf uns Essen. Abena war wunderschön. Wie ein Model, sagt Röpke. Der Vorteil war, dass sie, wenn er ihr Kleider kaufte, genau die Kleider trug, die er mochte. Ausser kurze Röcke. Sie weigerte sich, die zu tragen, sie sagte: Ich bin keine von denen. War sie auch nicht, sagt Röpke. Einmal, als er mit Abena in seinem Hotelzimmer lag, ging plötzlich die Tür auf, und Kwame und zwei Schwestern Abenas kamen ins Zimmer. Kwame brauchte fünfzig Dollar, weil er ein Geschenk brauchte für die Hochzeit eines Freundes. Die beiden Schwestern sagten, ein Polizist, der wisse, dass ihre Schwester mit einem Obroni zusammen sei, drohe, sie, die beiden Schwestern, ins Gefängnis zu werfen, wenn sie ihm nicht vierzig Dollar bezahlen. Röpke sagt, nach einem Jahr habe er zwanzig Verwandten von Abena regelmässig Geldgeschenke gemacht. Aus rein finanziellen Gründen habe er sich von Abena getrennt und sich eine neue Freundin genommen, Afur. Die Zahl der Personen, die er habe unterstützen müssen, sei nun wieder auf eins geschrumpft. Aber natürlich nur vorübergehend. Denn auch Afur habe Brüder und Schwestern, Tanten und Onkel gehabt. Und als auch hier wieder die Decke erreicht gewesen sei, habe er sich in Ako verliebt. Aber da waren meine Ersparnisse schon fast aufgebraucht, sagt Röpke. Von Akos Verwandten habe er nur noch ihren ältesten Bruder und die Eltern unterstützen können. Ako habe ihn unter dem Druck der restlichen Verwandtschaft verlassen. Aber wenigstens hab ich was zu erzählen, sagt Röpke, und ein Regen geht über Königs Wusterhausen nieder und trommelt auf Röpkes Taxidach.

5 Friedrichshagen: 
Die Liebenden

In Friedrichshagen, wo die Stadt ins Land übergeht, fanden sie Sinan und Jana unter einem Baum am Müggelsee. Es war Herbst und ein besonders kalter Tag. Sinan hatte sich Tage zuvor bei einer Online-Apotheke das Schlafmittel Distraneurin bestellt, die drei Packungen lagen neben den beiden im steifen Gras. Sinan und Jana waren beide 17, und sie hatten sich vor einem halben Jahr in einem Neuköllner Jugendzentrum kennengelernt, er war Türke, sie Deutsche. Sinan war kurz zuvor wegen Körperverletzung zu einer Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Er verheimlichte es Jana, aber die frühere Freundin von Sinan verpetzte ihn, und nun geschah etwas, was Sinan nicht kannte: Jana hielt trotzdem zu ihm, sie liebte ihn trotzdem noch, sie verliess ihn nicht, obwohl ihr Vater, der bei einer Getränkefirma arbeitete, ohnehin gegen ihre Verbindung mit einem Türken gewesen war. Als er von Sinans Bewährungsstrafe hörte, verbot er ihr, ihn weiterhin zu treffen, er sah seine Bemühungen gefährdet, seine Tochter von den dunklen Seiten Neuköllns fernzuhalten, und zu diesen Seiten gehörten für ihn die Türken, die bis abends spät auf der Strasse herumlungerten und mit ihren Kampfhunden den Gehsteig beherrschten, junge Männer ohne Chance, am Rand der Gesellschaft balancierend, und wenn sie abstürzten, dann in die Kriminalität oder die Religion oder beides. Jana scherte sich nicht um das Verbot ihres Vaters, sie traf sich weiterhin mit Sinan, der sich nun von seinen ehemaligen Kumpeln fernhielt, deren Leben ihm plötzlich leer und armselig vorkam, wie hatte er nur selber je so leben können? Janas Vater stand einmal vor Sinans Tür, er war ein starker, einfacher und herzlicher Mann und sehr besorgt. Er bat Sinan um Verständnis, er solle bitte einsehen, dass es für seine Tochter nicht gut sei, sich mit ihm zu treffen, sie stehe kurz vor dem Abitur, sie wolle Medizin studieren. Wir beide wissen doch, sagte der Vater zu Sinan, dass wir hier nicht rauskommen. Aber sie schon, verbau ihr die Chance nicht!
Sinan hatte nicht gewusst, dass Jana Medizin studieren wollte, ja noch nicht einmal, dass sie das Abitur machte. Sie hatte ihm erzählt, sie arbeite als Friseuse in Mitte. Es bedrückte ihn, dass sie ihn angelogen hatte, vielleicht stimmte es ja auch nicht, dass sie noch nie mit einem anderen geschlafen hatte. Sinan wandte sich an seinen Bewährungshelfer, einen Sozialarbeiter, der zu ihm ein enges Verhältnis aufgebaut und für Sinan zu einer Art väterlichem Freund geworden war. Der Sozialarbeiter zerstreute Sinans Bedenken, und nach Absprache mit Jana bat er ihren Vater um eine Unterredung, in der er ihn davon überzeugen konnte, dass Sinan seinem alten Leben abgeschworen hatte, dank Jana, und dass er nichts tun würde, was ihr schaden könnte. 
Drei Wochen später schlug Sinan kurz vor Mitternacht in der U-Bahn besinnungslos auf einen Gleichaltrigen ein, der Jana angerempelt und sein Bier über sie verschüttet, sich aber auch nach wiederholter Aufforderung durch Sinan geweigert hatte, sich dafür zu entschuldigen. Im Gegenteil hatte der Betreffende sich noch abfällig über Jana geäussert. Sinan hörte erst auf, den Bewusstlosen gegen den Kopf zu treten, als zwei Passagiere ihn von ihm wegrissen. Nach den Schlägen flüchteten Sinan und Jana zu Janas bester Freundin. Von dort aus rief Sinan seinen Bewährungshelfer an. Sinan drohten jetzt acht Monate Haft, und acht Monate waren für ihn und auch für Jana ein halbes Leben. Der Bewährungshelfer schlug ein Treffen vor, aber Sinan lehnte ab. Er sagte, er werde sich verstecken, niemals werde er ins Gefängnis gehen. Die Versuche des Bewährungshelfers, ihn umzustimmen, scheiterten. 
Zehn Tage lang blieben Sinan und Jana unauffindbar. Sie hatten sich in einem billigen Hotel in Schöneberg eingemietet. Sinan besorgte sich die Medikamente über die Adresse eines Freundes, der sie ihm ins Hotel brachte. Der Freund verständigte hinterher die Polizei, aber als sie eintraf, fanden sie das Zimmer leer. Sinan und Jana waren zu diesem Zeitpunkt bereits unterwegs nach Friedrichshagen. Sie wollten an einem schönen Ort sterben, nicht in der Stadt, schon gar nicht in Neukölln, wo die Parkanlagen mit Hundescheisse gepflastert waren. Am Müggelsee wollten sie sterben, am Wasser, unter Bäumen, vielleicht einen Schwan sehen. Sie suchten sich einen romantischen Platz, und bevor sie die Pillen mit Coca-Cola hinunterschluckten, schrieb jeder von ihnen heimlich eine SMS, Sinan an seinen Bewährungshelfer, Jana an ihre beste Freundin. Es war eine Abschieds-SMS, in der beide den genauen Ort beschrieben, an dem sie sich das Leben nehmen wollten, und dass sie es in der nächsten Stunde tun würden. Und genau eine Stunde später waren sie unter ihrem Baum nicht mehr allein.

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