Gefangen im vierten Stock

In Polen verlassen eine Viertelmillion Rentner ihre Wohnung nur noch selten.

Ewa Wołkanowska-Kołodziej

Die meisten Tassen in der Küche haben keinen Henkel mehr. Sie vergisst oft, dass sie etwas in der Hand hält, und dann fällt die Tasse zu Boden. Wenn sie im Wohnzimmer Tee trinken will, nimmt sie zuerst eine leere Tasse und stellt sie dort auf den Tisch. Dann kehrt sie in die Küche zurück, giesst das heisse Wasser in die Thermoskanne, hängt diese an den Rollator und geht wieder ins Wohnzimmer. Die Kraft reicht gerade noch dazu, sich hinzusetzen und ihre Arztserie im Fernsehen einzuschalten.

«Ich merke, was los ist. Neulich habe ich den Wasserkocher fallen lassen. Das Wasser war schon kalt, sonst hätte ich mich verbrüht. Und jetzt habe ich keinen Wasserkocher mehr. Manchmal erschöpft mich das alles so sehr, dass ich nach drei Zeilen einschlafe, wenn ich ein Buch zur Hand nehme.»

Neben ihr liegen die Bekenntnisse des heiligen Augustinus und Ausgaben der Wochenzeitschrift Niedziela («Sonntag»).

Danuta ist 75, hat schmale Hände, durchsichtige Fingernägel und weisses Haar, zu einem Knoten hochgesteckt wie bei einer Balletttänzerin. Sie ist so zierlich, dass der Tisch, an dem sie sitzt, riesig wirkt. Alles rundherum wirkt grösser, einzig das Abendmahl-Bildnis an der Wand ist so mikroskopisch klein, dass Jesus zwischen den Aposteln kaum zu erkennen ist.

Vor den weissen Wänden der Wohnung sticht jede Farbe ins Auge. Danutas lila Pullover blendet geradezu. Vom metallenen Rollator hinter ihr blättert der königsblaue Lack ab. Auch das grün-rote Kleid eines Engels zieht den Blick an. Nachbarn haben die Figur von einer Tante aus Amerika bekommen und Danuta überlassen, weil sie ihnen nicht gefiel. Sie nahm das Geschenk genauso an wie das Alter.

«Man darf sich nicht als Opfer sehen. Eine Anspruchshaltung gegenüber der Welt bringt nichts», sagt sie.

Wann hat sie das Haus zum letzten Mal selbständig verlassen? Vielleicht vor fünf Jahren. Schon damals fragte sie sich, was lauter knackte: die Treppe, über die sie sich vom vierten Stock hinunterquälte, oder ihre Knochen. Sie sind ja auch beinahe Altersgenossinnen.

Der Hausmeister hütete im Erdgeschoss ihren Rollator, 37 Kilogramm. Sie hielt sich jeweils mit beiden Händen daran fest und schob ihn zum nächstgelegenen Laden. Manchmal fragte jemand, ob sie Hilfe brauche. Aber was sollte sie einem dahineilenden Menschen schon zur Antwort geben? Aus ihrer Perspektive sind alle in Eile. Sie tätigte ihre Einkäufe und ging zurück. Es war ungefähr so, als würde ein gesunder Mensch mit Milch und Brötchen eine Bergbesteigung vollführen.

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Danuta verlässt das Haus nicht mehr. Leute wie sie bezeichnet man als «Häftlinge des vierten Stocks». Sie sitzen in ihren Wohnungen in Blöcken und Häusern ohne Lift fest. Erinnern niemanden an ihre Rechte, weil sie gar nicht der Meinung sind, welche zu besitzen. Am meisten über sie wissen die Sozialarbeiter, dort rufen sie an und sagen zum Beispiel:

«Ich schaffe es nicht mehr, einkaufen zu gehen. Ich wohne zu weit oben, und der Laden ist zu weit unten.»

Danuta hat sich selbst um Hilfe bemüht. Sie hat erklärt, dass sie an Osteoporose und Muskelschwund leide, vor einiger Zeit Gebärmutterkrebs gehabt habe und dass ihr bewusst sei, dass es zunehmend abwärtsgehen wird. Nach dem Anruf kam eine Sozialarbeiterin vorbei. Der Zweck des Besuchs war simpel: einen Betreuungsplan festlegen, damit die betagte Frau so lange wie möglich in ihrer eigenen Wohnung bleiben kann. Sie vereinbarten, dass Betreuerinnen Danuta dreimal pro Woche aufsuchen, für sie die Post abholen, einkaufen gehen, staubsaugen und die Wäsche machen und ihr nötigenfalls auch die Haare waschen, etwas kochen und die Windeln wechseln. Eine der ersten Aufgaben der Betreuerin von Danuta war es, ein ärztliches Attest über ihren Gesundheitszustand einzuholen.

Praxisassistentin: «Die Dame muss selber vorbeikommen.»

Betreuerin: «Sie verlässt das Haus nicht mehr.»

Praxisassistentin: «Dann jemand aus ihrer Familie.»

Betreuerin: «Sie hat keine Familie.»

Praxisassistentin (empört): «Was soll das heissen, sie hat keine Familie?»

«Ist das so ungewöhnlich? Ich habe nie geheiratet, habe keine Kinder, die restliche Familie ist irgendwo in Polen verstreut. Aber solche wie mich gibt es überall auf der Welt.»

Sie kam zwei Jahre vor dem Warschauer Aufstand auf die Welt. Ihr Stadthaus wurde zerstört. Bis in die 1970er Jahre lebte sie mit ihren Eltern und der Grossmutter am Stadtrand von Warschau. Sie hatten weder ein Bad noch Gas. Der einzige Luxus war kaltes Wasser aus dem Hahn. Als der Vater starb und die Grossmutter zunehmend pflegebedürftiger wurde, zogen sie zu dritt in das Mehrfamilienhaus in der Stadt, in dem sie bis heute lebt.

Sie arbeitete in einem Betrieb für Kommunikationsgeräte, dann beim Elektromaschinenbauer Wamel, auf dem Finanzamt und bei einer Bank. In Sachen Verluste hat sie Erfahrung: Zuerst verlor sie die Mutter und die Grossmutter, dann die Arbeit. Am Schluss das Gefühl in den Beinen. Seit 2000 bereitet ihr das Gehen Mühe. Arthrose. Sie hat auf eine Hüftgelenkoperation gewartet, aber der Orthopäde befand schliesslich, es sei nicht nötig. Jetzt kann man nur noch Schmerzen bekämpfen.

Sie ist krank und einsam. Spaziergänge führen nur bis auf den Balkon, weil sie niemanden hat, der es auf sich nimmt, sie vom vierten Stock hinunterzuschaffen und in einen Park zu fahren. Zwei Jahre hat sie auf einen Platz in einer Kurklinik gewartet, aber als es endlich so weit war, war sie nicht in der Lage, allein hinzufahren, und verzichtete darauf. Kürzlich stockte in der Küche der Rollator, sie versuchte ihn anzuschieben, versuchte es noch einmal, das Rad gab nach, der Rollator schoss davon, sie fiel hin. Auf allen Vieren kroch sie ins Zimmer, zum Telefon, wusste dann aber nicht, wen sie überhaupt anrufen könnte, und so mühte sie sich zwei Stunden allein damit ab, auf die Bettcouch hochzukommen.

Vor einem Monat hat sie sich entschieden, aus ihrem Gefängnis auszuziehen. Sie hat den Umzug in ein Pflegeheim beantragt. Nun versucht sie, sich an den Gedanken zu gewöhnen. «Jeder Körper altert. Daran führt kein Weg vorbei, man muss sich damit abfinden. Ich bin zutiefst gläubig und weiss, dass das Leben nicht nur aus Vergnügen besteht. Alles andere gehört auch dazu.»

Warschau altert, jeder zehnte Einwohner ist 70 oder älter. Hilfe gibt es bei einem der achtzehn Sozialhilfezentren. Wer nicht mehr allein wohnen kann, kann sich um einen Platz in einem der vierzehn Pflegeheime bewerben (davon sieben für chronisch Kranke).

Ende August beendete das Amt für Unterstützung und soziale Projekte in Warschau die Rekrutierung für die Teilnahme an einem auf zwei Jahre angelegten Projekt namens «Z@opiekowani» («Versorgt»), das sich an Senioren richtet, die bisher keine Pflegeleistungen beanspruchten. Auch Telemonitoring kommt zum Einsatz. Alle Teilnehmenden bekommen ein Gerät, das Körpertemperatur und Herzfrequenz misst und nötigenfalls in der Zentrale einen Alarm auslöst. Die betagte Person kann auch jederzeit selber auf den Alarmknopf drücken und Hilfe herbeirufen.

In Posen kommt Telemonitoring bereits bei über 250 Personen zum Einsatz, insgesamt sollen 550 kranke, vereinsamte Menschen so betreut werden.

Das Programm «Z@opiekowani» richtet sich an vierzig Einwohner der Hauptstadt. Die Anzahl der über 70-Jährigen beläuft sich auf mehr als 230 000.

Irena arbeitet seit 21 Jahren bei der Sozialhilfe. Sie möchte anonym bleiben.

Sie geht mit mir zu Alicja, einer Seniorin, die seit 59 Jahren im zweiten Stock eines Wohnblocks lebt. Letztes Jahr hat sie ihren hundertsten Geburtstag gefeiert.

Alicja trägt Silberschmuck an den Ohren, am Finger einen edelsteinbesetzten Ring, um den Hals einen Seidenschal in den Farben einer Sommerwiese. Wie eine würdige Kaiserin sitzt sie am Tisch.

«Was soll daran besonders sein, dass ich die Wohnung nicht verlasse? Tausende verlassen sie nie. Meine Nachbarinnen sind inzwischen gestorben, aber auch sie gingen nicht mehr raus, obwohl sie jünger waren. Wann zum letzten Mal? Ich kann mich nicht erinnern. Vor sechs Jahren hat die Betreuerin einmal versucht, mich die Treppe hinunterzubegleiten, aber es ging nicht, und so schleppte sie mich wieder zurück. Das war’s. In der Zwischenzeit habe ich zwei Schlaganfälle gehabt, einen leichten und einen ziemlich schweren. Man brachte mich ins Krankenhaus. Ich hätte länger dort bleiben können, aber ehrlich gesagt wollte ich lieber so schnell wie möglich nach Hause zurück. Wie ich den Tag verbringe? Um halb fünf stehe ich auf. Wasche mich, mache das Bett, bete, löse Kreuzworträtsel, lese Wochenzeitschriften. Meine Betreuerin Basia kommt vorbei. Ausserdem gucke ich aus dem Fenster. Sehen Sie, dort habe ich einen Tennisplatz und einen Park. Wenn die Linden und der Jasmin blühen, riecht man es bis hier. Früher lebten Hasen und Birkhühner darin, aber jetzt nicht mehr. Manchmal stehe ich auf und gehe ins Treppenhaus, um aus einem anderen Fenster zu gucken. Vögel kommen zu mir. Meisen, manchmal Spechte. Ich werfe ihnen Schwarte zu. Die Schwiegertochter schaut vorbei, der Sohn ruft an.»

«Eine ziemlich gute Situation, sie hat eine Familie», flüstert mir Irena ins Ohr.

«Mein Enkel ist schon erwachsen. Ich war nicht einmal auf seiner Hochzeit, und in den nächsten Tagen kommt seine Tochter zur Welt. Er hat ausserhalb von Warschau auf Kredit ein Haus gekauft, deswegen kommt er selten her. Natürlich würde ich gern sehen, wie sie leben. Ich kenne ihr Haus nur von Fotos. Aber ich werde sie nicht darum bitten, mich runterzutragen. Ja, sie haben einen Wagen, sogar zwei. Sie sind jung, ihnen fällt gar nicht ein, dass ich das Haus vielleicht einmal verlassen möchte. Basia liegt mir ständig in den Ohren: ‹Sie müssen es fordern. Ihr Enkel ist ein starker Bursche, er kann Sie auf den Armen runtertragen.› Das wäre ja noch schöner, ihnen zu sagen, dass ich mal rauswill! Das sähe ja so aus, als würde ich mich selber einladen!», ereifert sie sich. «Natürlich kommt an den Festtagen meine Familie. Den Heiligen Abend feiern wir am 23. Dezember und Ostern am Ostersamstag. Wie, warum?! Sie müssen am nächsten Tag doch bei sich zu Hause feiern!»

Irena seufzt.

«Ich könnte in einem kleinen Zimmer bei meinem Sohn leben, aber das wäre mir unangenehm. Eine Zeitlang hatte ich schrecklichen Durchfall. Ich wusch und schrubbte alles selber. Ich bin lieber bei mir zu Hause, bei ihnen bin ich trotz allem nur Gast. Wenn ich nur ruhig sterben kann, niemandem im Weg bin … Schrecklich ist nämlich, wenn jemand nicht mehr erwünscht ist, aber noch lebt und sich dessen bewusst ist. Man weiss ja nie, ob man nicht plötzlich bettlägrig wird. Davor fürchte ich mich am meisten. Ich habe Thrombosen. Jeden Augenblick könnte ich, na ja …»

Wir verabschieden uns.

«Haben Sie bemerkt, dass sie sich nicht gegen ihr Schicksal auflehnt?», fragt Irena noch im Treppenhaus. «Das ist typisch. Alte Menschen haben verinnerlicht, dass das der normale Lauf der Dinge ist. Wen interessiert es schon, wenn sie sich auflehnen? Was haben sie davon? Die Wohnung ist auf den Namen des Enkels eingetragen, er müsste sich um sie kümmern. Sie hinuntertragen. Oder die Wohnung tauschen und sie ins Erdgeschoss umziehen lassen, damit sie rausgehen kann. Sie denkt nur an ihn, nicht an sich. Glauben Sie mir, es will wirklich keiner etwas von den alten Leuten wissen.»

Wir setzen uns auf eine Bank in dem Park, der im Juni nach Jasmin riecht. Irena klagt über die Dienstleistungsfirmen, die sich im Auftrag der Sozialhilfe um alte Menschen kümmern. Klar definierte Vorgaben, welche Kriterien eine Betreuungsperson erfüllen muss, gab es lange nicht. Bei den Verhandlungen zwischen den Firmen und der Sozialhilfe zählt vor allem der Preis. Letztere zahlt einer Firma beispielsweise 18 Złoty (zirka 4.50 Franken) pro Betreuungsstunde. Davon gehen auf Grundlage einer zivilrechtlichen Vereinbarung rund 6 Złoty (1.50 Franken) an die Betreuungsperson.

«Es gibt immer wieder Probleme mit den Betreuerinnen», erklärt Irena. «Ein Beispiel: Ich weiss, dass eine Betreuerin von 8 bis 10 Uhr bei einer Seniorin sein sollte. Ich komme um 9, sie ist nicht da. Die Seniorin sagt: ‹Sie war schon da und hat alles erledigt.› Ich eile weiter zum nächsten Klienten, und das Gleiche wiederholt sich: ‹Sie war schon da, hat mir Einkäufe gebracht, mehr brauchte ich nicht.› Am nächsten Ort: ‹Sie ist bereits gegangen.› Die Klienten decken die Betreuungsperson, weil sie Angst haben. Sie ist ja oft überhaupt der einzige Mensch, der sie besucht. Natürlich gibt es auch gute, zuverlässige Betreuerinnen, aber das ist die Ausnahme. Die Personen, die in diesen Jobs landen, haben es oft selbst nicht einfach im Leben. Ein paarmal habe ich eine Betreuerin gefragt: ‹Sind Sie geschult worden?› Die Antwort lautet immer gleich: ‹Nein.› Das Ministerium für Familie, Arbeit und Sozialpolitik müsste begreifen, dass das wichtigste Element im ganzen System der Seniorenbetreuung die Betreuungsperson ist. Sie muss qualifiziert sein und entsprechend entlohnt werden. In den 27 Jahren seit der Gründung unseres Sozialhilfezentrums hat sich nie jemand dafür interessiert, wie die Dienstleistungen konkret aussehen. Ob Telemonitoring die geeignete Lösung ist? Ein ‹Notfallknopf› ist kein Ersatz für eine gute, einfühlsame Betreuungsperson und eine effiziente Gesundheitsversorgung. Können wir es uns wirklich nicht leisten, für unsere ältesten Einwohner zu sorgen? Sie gehen in den eigenen vier Wänden zugrunde.»

Joanna Mielczarek besucht seit 13 Jahren jeden Freitag als Freiwillige die 80-jährige Maria. Joanna ist Geschäftsführerin des in Warschau, Lublin und Posen tätigen Vereins Freunde alter Menschen. 2013 richtete man ein Sorgentelefon für Senioren ein, das zwölf Stunden pro Woche besetzt ist. Es klingelt jeden Tag zehn- bis zwanzigmal. Oft auch in der Nacht, wenn das Büro unbesetzt ist. Die Rentner sprechen aufs Band. Sagen, dass sie sich einsam fühlen, mit jemandem spazieren gehen, einen Freund, eine Freundin haben möchten. Zu diesen Senioren schickt die Organisation einen Freiwilligenkoordinator, der sich unter anderem erkundigt, wie sich die ältere Person die freiwillige Person vorstellt. Umgekehrt werden neue Freiwillige – jede Woche melden sich etwa zwanzig – nach ihrer Vorstellung der älteren Person befragt.

«Viele erzählen dann vom beliebten polnischen Klischee der warmherzigen alten Frau, die mit einer Decke über den Knien und in Pantoffeln im Sessel sitzt und mit einer Katze kuschelt. Aber es geht um Menschen aus Fleisch und Blut, die bessere und schlechtere Tage haben», sagt Joanna. Ihrem Verein liegt daran, dass es passt zwischen der freiwilligen und der älteren Person, dass die Beziehungen über Jahre andauern.

Wie ihre mit Maria, die im sechsten Stock lebt. In einem Block mit Lift, der sich aber im Hochparterre befindet. Maria ist zwar noch gut zu Fuss, aber sie sieht nichts mehr. Ihr Sehvermögen hat sie schrittweise verloren, jetzt ist sie blind. Joanna hat mit ihr geübt, auf welchen Knopf sie im Lift drücken muss, wo der Handlauf ist, wo die Treppe anfängt und aufhört und wie sie zum Laden findet, aber Maria vermag ihre innere Treppe nicht zu überwinden. Sie hat Angst, jemand könnte hinter ihr gehen, und ist vom Gedanken gestresst, diese Person, die vielleicht gar nicht wirklich da ist, könnte sich wegen ihr verspäten. Um ihren Nachbarn keine Probleme zu bereiten, verlässt sie die Wohnung lieber überhaupt nicht. Sie wartet auf Freitag und auf Joanna.

Übertreibt sie es mit ihrer Rücksicht auf die Nachbarn? Manche der Senioren, um die sich der Verein kümmert, leben in den Stadtbezirken Bielany und Zoliborz in fünfstöckigen Wohnblöcken ohne Lift. Die Treppen sind glatt und gefährlich, aber mit einiger Mühe schaffen es manche hinunter und nach draussen.

Vor ein paar Jahren befragte der Verein die Nachbarn, ob sie damit einverstanden wären, dass auf den Zwischengeschossen Stühle aufgestellt würden. Damit die Senioren sich hinsetzen, ausruhen und dann weitergehen können. In der Hälfte der Blöcke klappte es.

Nachbarn sagten: «Das ist nicht nötig.»

Die Freiwilligen: «Beata lebt seit über 60 Jahren hier.»

Nachbarn: «Na und? Die Betreuerin kann für sie einkaufen. Sie braucht gar nicht rauszugehen.»

Freiwillige: «Warum stört es Sie?»

Nachbarn: «Es sieht hässlich aus.»

Oder: «Man sieht sofort, dass hier kranke Leute leben.»

Joanna erklärt: «Es geht ja nicht ums Einkaufen von Kartoffeln. Das kann genauso gut die Betreuerin erledigen. Der springende Punkt dabei ist die Würde. Ich habe Zeit, mit Maria zu jedem Lebensmittel hinzugehen, damit sie eine Tomate in die Hand nehmen, die Äpfel berühren und selber entscheiden kann, welche sie kaufen will.»

Danach trinken sie Tee, lesen die Korrespondenz, besprechen Pläne für die nächste Woche. Joanna kommt immer wieder auf dasselbe Thema zurück: Zuerst liest sie die Aufgaben der Betreuerin vor, dann fragt sie, was diese in der laufenden Woche erledigt hat. Maria staunt jedes Mal wieder.

«Marias Betreuerin bügelt nicht, weil sie das nicht mag. Schält kein Gemüse, weil sie nicht will. Kocht nicht, weil sie es nicht kann. Sie organisiert Termine beim Arzt und staubsaugt, wenn sie weiss, dass ich komme», erklärt Joanna. «Wir haben beobachtet, dass die Betreuerinnen ihre Aufgaben besser erfüllen, wenn sie wissen, dass die Person auch von Freiwilligen besucht wird. Weil jemand kommt, dem sie nicht egal ist und der sie an ihre Rechte erinnern kann. Ich versuche Maria zu überreden, die Betreuerin mal zu fragen, wann sie eigentlich anfangen wird, zu arbeiten. Aber Maria will sie nicht vor den Kopf stossen, damit es nicht noch schlimmer kommt. Ihre Betreuerin hat einmal fallengelassen, dass sie ihre Besuche bei einer anderen Seniorin eingestellt hat, weil man sie zurechtgewiesen hatte.»

Das Syndrom der Gefangenschaft im vierten Stock betrifft nicht nur Warschau. Sozialarbeiter berichten, dass es in kleineren Städten ähnlich aussieht, insbesondere in solchen, die zu Zeiten der Polnischen Volksrepublik eine Industrialisierung erlebten und Arbeitskräfte vom Land anzogen. Diese Menschen kamen in Ein- und Zweizimmerwohnungen in rasch hochgezogenen Blöcken unter. Heute gehören sie zur Generation 70 plus, die Kinder sind ausgeflogen, sie sind allein. Aus einem Bericht, der 2012 vom Internationalen Institut für Molekular- und Zellbiologie Warschau publiziert wurde, geht hervor, dass fast jeder dritte Senior sich über architektonische Barrieren beklagt, die ihm das Verlassen des Hauses erschweren. In den meisten Fällen liegt das Problem darin, dass es keinen Lift gibt. Trotzdem wollen die Menschen nicht umziehen. «Die Haltung polnischer Senioren ist nach wie vor stark vom kulturellen Code geprägt, dass man einen alten Baum nicht verpflanzt», fassen die Experten zusammen.

Im Warschauer Stadtteil Praga gibt es eine Kolonie, die im Volksmund «Siedlung der obdachlosen Liebespaare» genannt wird. 1956 gründeten Angestellte von vierzehn verschiedenen hauptstädtischen Betrieben die grösste polnische Wohngenossenschaft und kündigten den Bau einer Siedlung an. Achtundzwanzig Gebäude (neun fünfgeschossige, die übrigen dreigeschossig) füllten sich mit jungen Menschen, die entweder noch keine Kinder hatten oder erst kleine, so klein wie die Schösslinge, die sie in den Höfen pflanzten.

Die Bäume sind inzwischen in die Höhe gewachsen, die Rücken der Liebespaare krumm geworden. Ein Fünftel der Bewohner ist älter als 80. Einer von ihnen ist Stefan Ciechanowicz, damals ein Architekt der Siedlung.

«Unser Ansatz war, dass wir nicht Wohnungen, sondern Lebensentwürfe planen. Dass man hier einzieht und bis zum Tod bleibt», erzählt er.

Die Pläne sahen eine Arztpraxis und daneben seniorengerechte Wohnungen vor.

«Die Idee war simpel: besondere Zimmer für alte Menschen, die ihre Wohnung aufgegeben haben. Sie hätten im angestammten Umfeld bleiben können und einen Arzt und eine Pflegefachfrau zur Verfügung gehabt. Etwas Besseres kann man sich nicht vorstellen, oder?»

Der Entwurf wurde nie umgesetzt. Die Leitung der Genossenschaft wechselte, und die jungen Leute interessierten sich nicht dafür, weil sie nicht daran dachten, dass auch sie älter werden würden.

Zum Zankapfel unter den Liebespaaren wurden die Lifte, beziehungsweise ihr Fehlen. Während in den dreigeschossigen Gebäuden keine Aufzüge eingebaut werden können, ist es in den fünfgeschossigen möglich. Der Vorstand prüfte die Angelegenheit: Ein Lift kostet rund 300 000 Zloty, alle müssten pro Monat 15 Zloty mehr zahlen. Aber die Leute aus den niedrigeren Blöcken stellten sich quer, sie wollten nicht für den Luxus der Leute in den höheren Blöcken aufkommen. 64 Mieter reichten bei der Siedlungsverwaltung einen Brief ein, der mit den folgenden Worten begann: «Ich bin nicht damit einverstanden, dass Geld aus dem Erneuerungsfonds, also dem Fonds sämtlicher Genossenschaftsmitglieder, dafür eingesetzt wird, Lifte in die Hochhäuser einzubauen …» Deshalb hat die Genossenschaft das Vorhaben einstweilen auf Eis gelegt.

Die Siedlung ist gross, und so kursieren über die Geschichte mit den Liften alle möglichen Gerüchte.

Eine Frau in weisser Tunika, um die fünfzig, aus einem der niedrigeren Blöcke: «Wer hat Ihnen solchen Unsinn erzählt?! Ich soll etwas dagegen haben, dass die Nachbarin aus dem vierten Stock einen Lift bekommt? So ein Mumpitz!», sagt sie entrüstet. «Die Verwaltung wollte sich Stimmen für die Wahlen an der nächsten Generalversammlung sichern und hat diesen alten Leuten deshalb Lifte versprochen, und dann hat sich herausgestellt, dass niemand überprüft hat, ob es überhaupt geht. Sie haben den Leuten etwas vorgemacht.»

Eine Frau mit einem Einkaufstrolley, 83 Jahre alt: «Ich wohne seit 57 Jahren hier, als ich mich für die Wohnung entschied, nahm ich bewusst eine im Erdgeschoss mit Garten. Ich war schwanger, mein Kleiner war unterwegs. Wenn andere später eine Wohnung gekauft oder von der Grossmutter geerbt haben, warum sollte ich denen den Lift bezahlen?»

Ein Mann über 70 mit Dackel. Nach einem Beinbruch musste er zwar ein Jahr lang an Krücken in den dritten Stock hochhumpeln, aber er stimmt ein Lied an: «Mich kümmert’s keinen Dreck, mich eiskalten Geck!»

Ein junges Paar entsteigt einem schicken BMW, auf dessen Heckklappe ein Aufkleber mit dem Symbol der polnischen Widerstandsbewegung und der Aufschrift «Wir erinnern uns» prangt. Sie: «Ja, das stimmt. An der Generalversammlung waren die Leute gegen die Lifte, weil sie so teuer sind. Nein, ich weiss nicht, wie teuer.»

«Und was sollen jene Senioren tun, die ihre Wohnungen nicht mehr verlassen können?», frage ich.

«Ich höre zum ersten Mal, dass es in dieser Siedlung Leute gibt, die die Wohnung nur aus diesem Grund nicht verlassen. Ich glaube kaum, dass es hier solche gibt.»

Es gibt sie aber.

Weronika, Besitzerin einer Einzimmerwohnung im dritten Stock, war wahrscheinlich die Erste, die einen Lift beantragte. Sie bat die Nachbarn um ärztliche Atteste, legte sie alle zusammen in einen Umschlag und trug ihn zur Verwaltung. Der Umschlag war dick. Sie hat einen Ordner mit den Kopien. Ich schlage ihn aufs Geratewohl auf: «Marianna, geb. 1912: stark fortgeschrittene Knochenarthrose, kann sich nicht mehr selbständig fortbewegen …» Oder: «Romuald, geb. 1935: stark eingeschränktes Gehvermögen …» «Bozena, geb. 1935: rheumatoide Arthritis, Gleichgewichtsstörungen, Beeinträchtigung von Sehkraft und Gehvermögen …». Überall der Vermerk: «Verlässt die Wohnung nicht», manchmal: «Lift unverzichtbar».

Weronikas Wohnung ist voller Topfpflanzen, Dekorationsteller, Nippes. Das Bad erstrahlt seit einer Renovierung in Rosa. Nirgends ein Körnchen Staub. Auf dem Salontisch liegt das Buch Gesunde Muskeln, Knochen und Gelenke.

«Ich erinnere mich noch an den ersten Tag in dieser Wohnung. Wir besassen einen Hocker, einen kleinen tschechischen Fernseher und ein Zweiersofa. Darauf setzten sich mein Mann und ich und weinten eine halbe Stunde vor Glück. Damals habe ich natürlich nicht daran gedacht, dass ich irgendwann alt werde und mir das Gehen Mühe bereiten wird.» Weronika kommen die Tränen, sie trocknet sie sich rasch ab, hebt das Kinn und sagt mit fester Stimme: «Ich spielte Volleyball, tanzte. Wurde von den Burschen umschwärmt. Ich bin 77 und habe noch keine Hängewangen, es bleibt mir auch noch ein wenig Energie. Wenn ich Zofia aus dem oberen Geschoss begegne, umarmt sie mich immer und fragt nach dem Lift. Aber ich kann nicht viel erreichen.» Wieder kommen ihr die Tränen, erneut unterdrückt sie sie nach wenigen Sekunden. «Ich begleite Sie zu Zofia und zeige Ihnen, wie die Situation dort aussieht», verkündet sie.

Vierter Stock. Ein altes Ehepaar, Zofia und Romuald. Er hat das Haus seit vier Jahren nicht mehr verlassen.

«Er stürzt immer wieder, ist voller Beulen. Dabei würde er so gern noch rausgehen. Einen Rollator habe ich, aber was soll ich damit? Ich schaffe es nicht mehr.» Zofias Stimme zittert. «Früher lebten wir in einem Arbeiterwohnheim, zu viert auf neun Quadratmetern. Als man eine Wohnung bekommen konnte, nahm ich sie. Und jetzt …» Sie zeigt im Nebenzimmer die Fotos der Töchter an der Wand. «Das sind meine Kinder. Solche Töchter hatte ich, immer fröhlich. Gott hat sie mir genommen, zuerst die eine, dann die andere. Und mein Mann ist krank.» Zofia muss weinen.

Weronika schnieft ebenfalls, flüstert mir dann zu: «Sehen Sie, sie macht das Beste aus ihrer Situation. Die Wohnung ist sauber! Sie hat sich vom Herumschleppen eine Gebärmuttersenkung zugezogen, man wollte sie im Krankenhaus behalten, aber ohne sie würde er nicht überleben.»

«Der Arzt hat gesagt, dass es für eine Operation zu spät sei, weil ich schon 88 bin. Ich muss mich ausruhen. Wenn ich einkaufen gehe, sage ich zu meinem Mann: ‹Bleib im Sessel sitzen. Wenn du brav bist, gebe ich dir danach etwas. Einen Kaffee oder etwas Schokolade.›»

Wir ziehen weiter, treppab. Eine 82-jährige Frau mit müdem Blick macht uns die Tür auf.

«Zeigen Sie ihr mal Ihre Hände», bittet Weronika. Die Frau hält eine Kartoffel in den Händen, die knotig und verkrümmt sind wie die Wurzeln eines alten Baumes.

«Ich habe unheilbare rheumatoide Arthritis und Wirbelfrakturen», erklärt sie.

Weronika läuft schon weiter. Zweiter Stock.

«Heute zeige ich Ihnen, wie es sich in einem Block ohne Lift lebt», flüstert sie.

In einem dunklen Wohnzimmer sitzen drei alte Menschen vor dem Fernseher. Auf dem Sessel Maria (105 Jahre), auf dem Sofa ihre Tochter Halina und deren Ehemann Tadeusz (beide über 70).

Tadeusz: «Schlecht lebt es sich. Aus dieser Wohnung ist ein Altersheim geworden.»

Halina: «Mama schafft es mit dem Rollator nur noch bis ins Bad und zurück zum Sessel, vor fünf Jahren kam sie noch mit in den Schrebergarten. Dann ist sie gestürzt, bekam eine Gelenkprothese. Seither verlässt sie die Wohnung nicht mehr. Oft sagt sie zu mir: ‹Wie gern käme ich einmal mit, wenigstens bis zur Apotheke.›»

Tadeusz: «Als wir jung waren, arbeiteten wir am Bau der Strasse mit, die man durchs Fenster sieht. Wir gehören sozusagen zum Inventar.»

Noch einen Stock abwärts.

«Die Frau von Nummer 7 macht ohnehin nicht auf, weil sie gerade wieder an der Wirbelsäule operiert worden ist.»

Weronika klingelt an der Nachbarwohnung. Es bleibt lange still. Dann endlich macht eine alte Frau auf, die sich bei unserem Anblick besorgt den Rock glatt streicht und die Bluse zurechtzieht. Sie kann nur mit Mühe stehen.

«Ich bin schlecht zu Fuss», sagt sie entschuldigend, mehr äussert sie nicht.

Weronika verabschiedet sich von mir:

«Wir geben ein jämmerliches Bild ab, nicht? Ich selber hatte Ischias, jetzt einen Bandscheibenvorfall. Der Arzt hat mir verboten, mehr als zwei Kilogramm zu tragen. Zum Einkaufen benutze ich meinen Trolley, ziehe ihn Stufe um Stufe die Treppe hoch. Wenn ich endlich oben ankomme, bin ich nass. Ein wahres Elend, das Leben alter Menschen.»

Nicht überall. In Warschau gibt es eine Wohnung, in der man das Alter in helleren Farben sehen kann. In Weiss und Blau, um genau zu sein. Sie befindet sich im fünften Stock eines Blocks mit Lift. Im bewachten, umzäunten Hof wachsen ein gleichmässig gestutzter Rasen und ein paar Hortensien. Das Architektenpaar Jan und Agnieszka Cieśla hat diese Wohnung gekauft und eingerichtet, für die alternden Eltern, die das Meer lieben, deswegen das Blau und Weiss der Wände, die aufgehängten Urlaubsfotos. Aber den Eltern geht es noch gut, ein Umzug ist noch kein Thema.

«Wir haben sozusagen einen Marketingfehler gemacht. Wir sagten, das sei eine Alterswohnung», erzählt Jan Cieśla. Deswegen steht sie leer. Auf Anfrage kann man sie aber besichtigen: ein Sessel (von den Architekten «Weltkommandozentrale» genannt). Man braucht sich nur mit dem Fuss leicht vom Boden abzustossen, und schon gleitet er dahin. Oder auf einen Knopf zu drücken, dann heben sich die Beine wie im Liegestuhl am Strand beim Sonnenbaden.

Ein Sofa. Junge Leute setzen sich, alte lassen sich plumpsen. Auf diesem Möbelstück sinken sie nicht zu tief ein, stossen sich nirgends den Kopf und können mühelos wieder aufstehen.

Das Badezimmer. Es gibt darin weder eine Badewanne noch ein Duschbecken, nur einen an der Wand befestigten Sitz und darüber eine Brause. Einen Vorhang mit beschwertem Saum, damit er nicht am nassen Körper klebt.

Der Fussboden ist geheizt, so trocknet er schnell, und man rutscht nicht so leicht aus. Und wenn die Beine versagen, kann man sich am Vorhang festhalten, der wie ein ABS-System im Auto funktioniert: Er löst sich stufenweise aus der Befestigungsleiste und verlangsamt so den Fall.

Der Klositz: genauso bequem wie der Sessel im Wohnzimmer, nur dass er nicht fährt. In den Armlehnen gibt es Knöpfe. Der erste löst die Spülung aus. Der zweite setzt die Duschfunktion in Gang, der dritte eine trocknende Brise. Der vierte neutralisiert unangenehme Gerüche.

Die Küche: Die Arbeitsfläche kann nach Belieben gesenkt werden. Die Schränke öffnen sich auf Knopfdruck.

Der Flur: so gross, dass man sogar im Rollstuhl mit Stil Gäste empfangen kann.

Die Tür: statt eines Spions Kamera und Bildschirm.

Das Schlafzimmer: eine Matratze, die sich an die Körpertemperatur anpasst. Ein Nachttisch mit einer kabellosen Ladestation für das Handy. Programmierte Gardinen, die bei Tagesanbruch aufgezogen werden. Die Beleuchtung ändert sich im Laufe des Tages: Je näher der Abend kommt, umso wärmer, schlaffördernder wird das Licht.

Die Wohnung wird von Bauherren besichtigt, Rentner schauen vorbei, Sozialarbeiter.

«Man braucht nicht auf einen Schlag alle Verbesserungen einzuführen. Aber wir wollen zeigen, dass es für ein gesundes Alter das Beste ist, wenn man möglichst lange eigenständig wohnen kann», erklärt Jan Cieśla. «In einer solchen Wohnung ist das möglich.» Nach dem 65. Altersjahr sei jeder Umzug ein Schock. Deshalb richte sich die «Musterwohnung für Senioren», wie sie offiziell heisst, an noch junge Senioren, an Leute, denen bewusst ist, dass das Alter nicht mehr fern ist.

«Wir sollten unsere Wohnungen so einrichten, dass man möglichst lange selbständig darin wohnen kann. Dann ist unser Gefühl der Würde nicht bedroht. Der Moment, in dem wir anfangen, Betreuung zu benötigen, ist der Anfang einer Abwärtsspirale. Aber natürlich müssen die Gefangenen des vierten Stocks gerettet werden, da sie nun mal in diese Falle geraten sind», schliesst Cieśla.

Halina, 86, hat noch nie etwas von der «Musterwohnung für Senioren» gehört. Ein halbes Jahrhundert arbeitete sie in der Buchhandlung des Warschauer Polytechnikums, und auch nachdem sie in Rente gegangen war, traf sie sich noch regelmässig mit ihren ehemaligen Arbeitskolleginnen. Seit zwei Jahren können diese sie nicht mehr besuchen, weil sie zu hoch oben wohnt.

Im vierten Stock. Aus diesem Grund zankt Halina oft mit ihrem Mann. Obwohl der schon seit 28 Jahren nicht mehr lebt.

«Als wir die Wohnung bekamen, habe ich zu ihm gesagt: ‹Józek, und was machen wir, wenn wir einmal alt sind?› Und er: ‹Mach dir keine Sorgen. Wenn das Rentenalter näher kommt, tauschen wir die Wohnung gegen eine andere.› Aber er ist gestorben, ihm ist es egal, dass ich mich so abplagen muss. Manchmal betrachte ich sein Foto und schimpfe: ‹Du liegst gemütlich im Grab, während ich die Wohnung kaum mehr verlassen kann›», sagt sie leise, aber kämpferisch. «Warschau war nach dem Aufstand ein Schutthaufen mit Resten von Häusern. Der Anblick trieb einem die Tränen in die Augen. Man wohnte in den Untergeschossen. Wir hatten nur Wasser und Licht. Hier aber gibt es Gas, Zentralheizung, ein Klo. Wir konnten es kaum glauben.»

Ihre Hände zittern, das Gehen bereitet ihr Mühe, aber sie legt Servietten mit weiss-rotem Zickzackmuster auf den Tisch, kleine Teller, rückt die Tassen zurecht. Ordnet das Gebäck sorgfältig an.

«Warum haben Sie Ihre Wohnung nicht gegen eine im Erdgeschoss getauscht?», frage ich.

Halina schweigt eine ganze Weile.

«Ich dachte nicht, dass ich nach dem Tod meines Mannes noch so lange leben würde. Ich war so niedergeschlagen, dass ich es für das Beste hielt, auch bald zu gehen. Ich bin aber nicht gegangen, und jetzt ist es nicht so einfach. Mit wem sollte ich tauschen? Niemand, der etwas Besseres hat, zieht in den vierten Stock.»

Sie bringt ein Heft, in dem sie ihre Arztbesuche einträgt. Seit mehreren Jahren, sechs, sieben Termine jeden Monat. Die Monate feinsäuberlich auf je einer eigenen Seite. Sie hat beide Hände operieren lassen, leidet unter einer kranken Wirbelsäule, musste sich eine Brust amputieren lassen, fährt seit fünf Jahren zu einer Blockadetherapie, bei der ihre Nerven betäubt werden. Dann hat sie eine Zeitlang weniger Schmerzen.

Als sie erzählt, dass sie nicht mehr bis zur Haltestelle gehen kann und im Taxi hinfahren muss, was ihr Budget stark belastet, fängt sie an zu weinen. Um sich sofort zu entschuldigen.

«Die schlimmsten Krankheiten sind nichts, im Vergleich zu einem Krieg», sagt sie. Sie hatte acht Brüder, drei Schwestern, alle verstorben, sie war die Jüngste. «Wenn alles in Ordnung wäre, möchte man am liebsten 1000 Jahre leben, oder? Erst wenn eins nach dem anderen nicht mehr funktioniert, verliert man den Lebenswillen.»

«Viele alte Menschen sind depressiv. Sie würden aber deswegen nie einen Psychiater aufsuchen», sagt Joanna Mielczarek vom Verein Freunde der Älteren.

Im Jahr 2016 nahmen sich nach Angaben des Statistischen Amtes 646 Polinnen und Polen der Altersklasse 70 plus das Leben.

 

Aus dem Polnischen von Barbara Sauser.

 


 

Pflege in einer globalisierten Welt

In Polen fehlen Pflegekräfte, denn diese suchen und finden lukrativere Jobs, unter anderem im Nachbarland Deutschland. In deutschen Krankenhäusern und Altenpflegeeinrichtungen arbeiten immer mehr Fachkräfte aus dem Ausland. Tendenz: stark steigend. Laut einer Studie der Hans-­Böckler-Stiftung kamen im Jahr 2012 knapp 1500 ausländische Pflegefachkräfte nach Deutschland, 2017 waren es bereits etwa 8800 – eine Versechsfachung binnen fünf Jahren.

Die Pflegekräfte stammen meist aus Rumänien, Kroatien, Ungarn und Polen. Aber auch aus Bosnien-Herzegowina, Serbien, Albanien und den Philippinen wandert Pflegepersonal nach Deutschland ein. Die ausländischen Pflegekräfte arbeiten oft schwarz und für Dumping-Löhne, zu denen die Deutschen nicht arbeiten wollen oder aufgrund ihrer höheren Lebenshaltungskosten schlicht nicht können. In einer Art Kettenreaktion wandern deshalb deutsche Pflegekräfte in das Nachbarland Schweiz ab, wo die Löhne höher sind. 40 Prozent des neu angestellten Pflege­personals in der Schweiz kommt aus dem Ausland: Von knapp 2500 ausländischen Pflegefachkräften, die beispielsweise innert einem Jahr in den Schweizer Arbeitsmarkt einwanderten, stammten fast 35 Prozent aus Deutschland.

 

Zur Autorin

Ewa Wołkanowska-Kołodziej hat sich auf soziale Themen spezialisiert und dafür schon einige Stipendien und Preise in ihrem Heimatland Polen gewonnen. «Ich denke, es gibt keinen Grund, weit weg nach Themen für Reportagen zu suchen», sagt die Autorin und zitiert den berühmten polnischen Reporter Ryszard Kapuscinski: «Wir alle wissen wenig über alle anderen.» Auf das Thema ihrer Reportage kam sie beim Interview mit einer sehr aktiven Seniorin: «Sie versuchte mir glaubhaft zu machen, dass alle alten Menschen in Polen aktiv seien, tanzten, trainierten und Auslandreisen machten. Sie erwähnte, dass es aber auch sogenannte ‹Gefangene des vierten Stocks› gebe, die sich in einer hoffnungslosen Lage befänden. Das war das erste Mal, dass ich diese Bezeichnung hörte.» Bei der Recherche hatte Wołkanowska-Kołodziej sehr eindrückliche Erlebnisse: «Ich bin in einer unbekannten Welt gelandet, die parallel zu meiner existiert. Die Leute sagten: ‹So sieht das Alter aus!› Ich war überrascht, dass viele von ihnen nicht wussten, dass sie Rechte haben und etwas von der Gesellschaft erwarten dürfen.»

 

Mehr aus Polen:

Reportagen #35  — Eine Nonne schmeisst hin — von Katarzyna Włodkowska

Reportagen #19   — Reality — von Mariusz Szczygiel

Ewa Wołkanowska-Kołodziej unterwegs: