Gefangen im vierten Stock

Diese Geschichte steht nur Abonnenten zur VerfügungLock icon

In Polen verlassen eine Viertelmillion Rentner ihre Wohnung nur noch selten.

Ewa Wołkanowska-Kołodziej

Die meisten Tassen in der Küche haben keinen Henkel mehr. Sie vergisst oft, dass sie etwas in der Hand hält, und dann fällt die Tasse zu Boden. Wenn sie im Wohnzimmer Tee trinken will, nimmt sie zuerst eine leere Tasse und stellt sie dort auf den Tisch. Dann kehrt sie in die Küche zurück, giesst das heisse Wasser in die Thermoskanne, hängt diese an den Rollator und geht wieder ins Wohnzimmer. Die Kraft reicht gerade noch dazu, sich hinzusetzen und ihre Arztserie im Fernsehen einzuschalten.

«Ich merke, was los ist. Neulich habe ich den Wasserkocher fallen lassen. Das Wasser war schon kalt, sonst hätte ich mich verbrüht. Und jetzt habe ich keinen Wasserkocher mehr. Manchmal erschöpft mich das alles so sehr, dass ich nach drei Zeilen einschlafe, wenn ich ein Buch zur Hand nehme.»

Neben ihr liegen die Bekenntnisse des heiligen Augustinus und Ausgaben der Wochenzeitschrift Niedziela («Sonntag»).

Danuta ist 75, hat schmale Hände, durchsichtige Fingernägel und weisses Haar, zu einem Knoten hochgesteckt wie bei einer Balletttänzerin. Sie ist so zierlich, dass der Tisch, an dem sie sitzt, riesig wirkt. Alles rundherum wirkt grösser, einzig das Abendmahl-Bildnis an der Wand ist so mikroskopisch klein, dass Jesus zwischen den Aposteln kaum zu erkennen ist.

Vor den weissen Wänden der Wohnung sticht jede Farbe ins Auge. Danutas lila Pullover blendet geradezu. Vom metallenen Rollator hinter ihr blättert der königsblaue Lack ab. Auch das grün-rote Kleid eines Engels zieht den Blick an. Nachbarn haben die Figur von einer Tante aus Amerika bekommen und Danuta überlassen, weil sie ihnen nicht gefiel. Sie nahm das Geschenk genauso an wie das Alter.

«Man darf sich nicht als Opfer sehen. Eine Anspruchshaltung gegenüber der Welt bringt nichts», sagt sie.

Wann hat sie das Haus zum letzten Mal selbständig verlassen? Vielleicht vor fünf Jahren. Schon damals fragte sie sich, was lauter knackte: die Treppe, über die sie sich vom vierten Stock hinunterquälte, oder ihre Knochen. Sie sind ja auch beinahe Altersgenossinnen.

Der Hausmeister hütete im Erdgeschoss ihren Rollator, 37 Kilogramm. Sie hielt sich jeweils mit beiden Händen daran fest und schob ihn zum nächstgelegenen Laden. Manchmal fragte jemand, ob sie Hilfe brauche. Aber was sollte sie einem dahineilenden Menschen schon zur Antwort geben? Aus ihrer Perspektive sind alle in Eile. Sie tätigte ihre Einkäufe und ging zurück. Es war ungefähr so, als würde ein gesunder Mensch mit Milch und Brötchen eine Bergbesteigung vollführen.

Sie möchten weiterlesen?

Wir stehen für herausragende literarische Reportagen. Dafür benötigen wir die Unterstützung unserer Abonnentinnen und Abonnenten. Mit einem Reportagen-Abonnement investieren sie in das Schaffen von Autorinnen und Autoren, die sich für das Kleine Zeit nehmen, um das Grosse zu erfassen.
Ewa Wołkanowska-Kołodziej unterwegs: