Geher in der Sackgasse

Mit manipulierten Dopingtests lassen sich missliebige Sportler disqualifizieren.

Barbara Bachmann

Menschen gehen einmal um den Block, wenn sie sich die Beine vertreten müssen. Sie gehen auf Berge und um Seen herum, wenn sie die Stadt satt haben. Sie gehen manchmal auch, um sich selbst ein bisschen besser zu verstehen. Menschen, die nicht gehen, sind sehr alt, haben ein gebrochenes Bein oder sitzen im Gefängnis. Alex Schwazer ist ein Mensch, der nicht mehr gehen darf. Dabei ist er gesund, ja topfit. Eine Strecke von 50 Kilometern kann er schneller gehen als ein ambitionierter Hobbysportler im fliegenden Laufschritt.

Doch der Weg des Südtiroler Gehers Alex Schwazer, Olympia­sieger und Europameister, führt zuletzt nicht über Asphalt oder Tartanbahnen zu einer Ziellinie, sondern an den Gehstrecken dieser Welt vorbei. Unterwegs sind nur noch seine Körperflüssigkeiten, Blut und Urin, von Labor zu Labor. Sein Fall, ein Krimi aus der Sportwelt, macht Schwazer bekannter, als es im Drehbuch für seine Randsportart vorgesehen ist. Denn für eine Figur interessiert sich die Öffentlichkeit vielleicht noch mehr als für einen strahlenden Sieger: für den gefallenen Helden.

Seine Geschichte ist die eines Täters, der zum Opfer wird. Schwazer hat Dopingmittel genommen, er wird überführt und gesperrt. Er versucht ein sauberes Comeback. Doch dabei wird ihm zum Verhängnis, dass er sich einen neuen Trainer wählt, mit dem noch so einige Köpfe aus der Sportwelt eine Rechnung zu begleichen haben. Nach einem zweiten positiven Dopingbefund beteuert er: «Ich habe nicht gedopt, ich wurde Opfer eines Komplotts.» Weil es Anzeichen für eine Manipulation seiner Dopingprobe gibt, kämpft er für eine grössere Sache als für Rekorde und Medaillen: für den Beweis seiner Unschuld. Und für das Recht, wieder gehen zu dürfen. Zwei Gerichte klären im Frühjahr 2021, ob Alex Schwazer rehabilitiert wird. Bekommt er mit 36 Jahren noch eine Chance, sich ein letztes Mal für Olympische Spiele zu qualifizieren?

Schwazers Karriere beginnt im Alter von 14 Jahren, als der Sohn einer Schulhauswartin und eines Strassenarbeiters über die Jugendspiele zum Gehen kommt, einer für Aussenstehende wunderlichen Sportart. Geher müssen stets mit einem Fuss Bodenkontakt haben. In der Bewegung darf das jeweils vordere Bein ab dem Aufsetzen nicht gebeugt werden, das Knie muss gestreckt sein. Das führt zu einer markanten Hüftbewegung, die Geher wie watschelnde Enten aussehen lässt.

Dabei fordert die Disziplin, seit 1932 olympisch, höchste Konzentration. Bei einer unsauberen Technik kann der Geher mit einer gelben Kelle verwarnt werden. Bei Regelverstössen stellen Kampfrichter Disqualifikationsanträge durch das Zeigen einer roten Karte. Bei der dritten war der Wettkampf bis 2018 vorbei, seither folgt vor der Disqualifikation noch eine Zeitstrafe. Schwazer wählt die Sportart als Jugendlicher, weil in seiner Nähe eine Gruppe von Gehern trainiert. Und weil er gut darin ist. «Was mich an diesem Sport am meisten fasziniert, ist die Distanz», sagt er einmal. So wie der Zehnkämpfer der vielseitigste Leichtathlet ist und der 100-Meter-Sprinter der schnellste, so ist der Geher über 50 Kilometer der ausdauerndste. Was er zu Beginn seiner Karriere nicht weiss: Ausdauer wird eine Eigenschaft sein, die ihm auch ausserhalb des Sports abverlangt wird.

Mit 18 gewinnt Schwazer ohne spezifisches Training die Junior-Italienmeisterschaft. Er tritt in die Sportgruppe der Carabinieri ein. 2005 wird er bei der WM in Helsinki unerwartet Dritter über 50 Kilometer. Ein «unbeschreiblicher Glücksmoment», vielleicht der schönste seines Sportlerlebens. Er ist der jüngste Leichtathlet Italiens, der eine WM-Medaille holt. 2007 stellt er einen bis heute unangefochtenen Italienrekord über 50 Kilometer auf. Schwazer gilt fortan als Ausnahmetalent. Er ist eifrig und streng zu sich selbst. Italienische Medien nennen ihn den «Soldaten».

Peking, 22. August 2008: Nach 24 Runden vor dem Leichtathletik-­Stadion und einer auf der Tartanbahn im «Vogelnest» von Peking läuft Schwazer, Startnummer 2102, als Erster ins Ziel, presst die Hände vors Gesicht, fällt vor Erschöpfung schluchzend auf die Knie. Bei 3 Stunden, 37 Minuten und 9 Sekunden stoppt die Zeit, olympischer Rekord.

Als Kind malt Schwazer die olympischen Ringe und sich selbst ganz oben auf dem Siegerpodest. Als junger Erwachsener unterschätzt er den Nachhall der Spiele. Der Verband, die Sponsoren, das Land Südtirol, alle feiern sie ihren Volkshelden. Er bekommt einen Werbevertrag von Ferrero, ein Nordic-Walking-Weg wird nach ihm benannt. Doch geniessen kann er seinen Erfolg nicht. Schwazer hat sein sportliches Lebensziel früh erreicht, mit 23. Was kann für einen Geher nach Olympia­gold noch kommen? Für seinen Trainer ein Vertrag mit der chinesischen Nationalmannschaft. Schwazer trainiert zeitweise mit zehn Chinesen in Piemont, hat morgens den Geruch von Algensuppe in der Nase und fühlt sich vernachlässigt. Er würde eine Pause brauchen und macht dennoch weiter. Alles ist ein Krampf. Je länger Schwazer Teil der Geher-­Szene ist, desto mehr versteht er: um ihn ein Dopingsumpf. Die Griechin Athanasia Tsoumeleka, Olympiasiegerin von 2004: gedopt. Der Russe Sergej Kirdjapkin, Weltmeister von 2005: gedopt. Der Spanier Francisco Fernández, Europameister von 2006: gedopt. Die Russin Olga Kaniskina, Weltmeisterin 2007 und Olympiasiegerin 2008: gedopt. Schwazer wiederum muss bei der WM in Berlin 2009 aufgeben, weil er körperlich und geistig ausgebrannt ist.

Sein Hauptsponsor, ein begeisterter Ausdauerathlet und sein Fan, bietet ihm daraufhin an, einen Kontakt zu Michele Ferrari herzustellen, weil dieser für sein strukturiertes Training bekannt sei. Der Sportarzt ist da schon ein verurteilter Sportbetrüger, nachdem er über Jahre die Radsportelite mit Dopingpräparaten versorgt hat. Zu Schwazer aber will Ferrari nur gesagt haben: «Wenn du gut trainiert bist und dein Gewicht niedrig hältst, gewinnst du auch ohne Doping.» Ferrari wird später lebenslang im Sport gesperrt.

Schwazer hat zu Beginn der 2010er Jahre das Gefühl, besser zu sein als seine Konkurrenten, die in seinen Augen nur gewinnen, weil sie vollgepumpt sind mit unerlaubten Substanzen. Nach der EM 2010 in Barcelona erhält Schwazer als Zweiter rückwirkend Gold, weil der Erstplatzierte, eine Russe, überführt wird. 2011 erzählen ihm russische Athleten bei einem Bier während der WM in Südkorea, bei der er Neunter wird, offen von ihren Bluttransfusionen, berichtet Schwazer. Er nimmt Nahrungsergänzungsmittel, schläft vor seinem Elternhaus in einem Sauerstoffzelt, aber beides bringt ihn nicht weiter. Schwazer hat Angst, dass er zurückfällt. Zweiter zu werden, ist keine Option für ihn. Warum soll ich der Einzige sein, der sich an die Regeln hält, denkt er damals. Was folgt, ist die oft erzählte Geschichte vom Einzeldoper. Ob sie stimmt, was Schwazer versichert, oder ob er ein System im Hintergrund deckt, lässt sich nicht aufklären.

Es beginnt mit einer Testosteron-Crème, die Schwazer in einer Online-Apotheke bestellt. Er trägt sie auf den Bauch auf, aber da sie keinen Effekt erzielt, setzt er sie ab. Sein Ziel ist das Blutdopingmittel Epo, das die Bildung roter Blutkörperchen anregt und so die Sauerstoffaufnahme verbessert. Es steht seit 1990 auf der Dopingliste. Er durchwühlt das Internet, in der Türkei sollen Dopingmittel rezeptfrei erhältlich sein. Im September 2011 fliegt er von Wien nach Antalya. In einer Apotheke bestellt er die Schachteln, 20 Minuten später liefert sie ein Kurier tiefgekühlt auf einem Scooter. Das Epo-Mittel Eprex im Wert von 1500 Euro. Der Präsident der Apothekerkammer von Antalya wird diese Darstellung später in türkischen Medien anzweifeln.

Wenn Schwazer zurückdenkt, sind das die schäbigsten Szenen seines Lebens. Am Telefon lügt er seine Familie und die Freundin an. Sitzt allein im Hotelzimmer und überlegt, wie er das Epo während des Rückflugs kühlen kann. Zu Hause versteckt er es in einer Schachtel Vitamintabletten im Kühlschrank. Über Google Scholar lernt er, wie er es spritzen muss. Am besten in die Armvene, weil es dort weniger lange nachweisbar ist. Epo hat einen zeitnahen Effekt, daher nimmt er es erst im März 2012, qualifiziert sich damit für Olympia in London. «Ich ekelte mich vor mir selbst», erinnert er sich Jahre später.

Als ein Blutwert nach einer kaderinternen Kontrolle auffällig ist, gesteht Schwazer Pierluigi Fiorella sein Doping. Der Arzt des Nationalkaders war früher selbst ein Spitzen-Geher im Studentensport. Er rät Schwazer, jeden Tag ein Blutbild zu machen, um den Wert mit möglichst vielen unauffälligen Vergleichswerten zu kaschieren. Damit schützt der Arzt auch sich selbst. Im Juli ist Schwazer nervlich am Ende, hat sich von allen isoliert. Er trainiert in Deutschland bei seiner Freundin, der italienischen Eiskunstläuferin Carolina Kostner. In ihrem Badezimmer spritzt er sich das Epo. Heute weiss er: «Ich war in einem Wahn drin und bin fast gestorben vor Angst.» Niemand im Team scheint ihm zu misstrauen, nur einen Mann macht Schwazers Verhalten stutzig: Sandro Donati, Italiens Symbolfigur des sauberen Sports.

Es ist der 11. Juli 2012, als Donati eine Nachricht an einen Mitarbeiter der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) verschickt, wie er das oft tut. Er schildert darin seinen Verdacht gegenüber Schwazer, der in London nicht im olympischen Dorf unterkommen will, sondern allein in einem Stadthotel. Als am 30. Juli die Kontrolleure zu Hause bei Schwazer in Südtirol klingeln, ist ihm klar, dass seine Probe positiv sein wird, am Vortag hat er das letzte Mal gedopt. «Ich war froh, dass es vorbei war.» Eine Woche später ist Schwazer überführt. Auf einer Pressekonferenz entschuldigt er sich unter Tränen. Sein Blick weicht den Kameras aus, dem Blitzlichtgewitter, er hält die Hände vors Gesicht, ist ein Bild des Elends.

Schwazer wird für drei Jahre und neun Monate gesperrt. Der Staatsanwalt ermittelt gegen ihn. Im Netz zirkulieren Unverständnis, Wut und Häme. Er fliegt aus der Sportgruppe der Carabinieri, muss seine Dienstwaffe abgeben. Er wendet sich vom Sport ab, beginnt ein Wirtschaftsstudium, kellnert. Da seiner Freundin vorgeworfen wird, von seinem Doping gewusst zu haben, wird auch sie gesperrt, für 21 Monate. Die beiden trennen sich. Ende 2014 endet das Strafverfahren gegen ihn mit einem Vergleich und einer achtmonatigen Bewährungsstrafe. Schwazer beschliesst, es noch einmal mit dem Sport zu probieren. Sauber. Mit der Hilfe eines Mannes, von dem Schwazer sagt, er sei «24 Stunden am Tag im Krieg gegen Doping».

Sandro Donati ist heute 74 Jahre alt und von schmächtiger Statur. Die braunen Haare trägt er seitlich gescheitelt. Bis 1976 trat er als Mittelstreckenläufer an, wurde dann Nationaltrainer. Viele Jahre arbeitete er für das Italienische Olympische Komitee (Coni) und den nationalen Leichtathletikverband (Fidal) und erhielt tiefe Einblicke in das System. Schnell merkte er, dass Doping von Trainern und Funktionären geduldet und manchmal gezielt gefördert wurde. Denn damit die Sportverbände in den Genuss staatlicher Sportförderung kommen, müssen Medaillen gewonnen werden. «Die Athleten wählen Doping, wenn sie dahin geführt werden. Die Verbände wollen es so aussehen lassen, als wäre es eine individuelle Entscheidung», sagt Donati, gebeugt über Aktenordner, im Frühjahr 2019 in seiner Wohnung in Rom.

Im Zuge der Ermittlungen gegen Schwazer wird dessen gesamtes Umfeld untersucht. Als Wada-Berater hat Donati Zugang zu konfisziertem Material. Auf einer Festplatte von Giuseppe Fischetto stösst er auf über 12 000 Blutwerte von internationalen Leichtathleten aus den Jahren 2000 bis 2012. Viele der Werte, vor allem bei russischen Sportlern, sind auffällig.

Fischetto ist damals nicht nur Leitender Arzt von Fidal, sondern auch einer der höchsten Anti-Doping-Beauftragten der IAAF. Kontrollierter und Kontrolleur in einer Person. Hätte man Schwazer nicht überführt, wäre Fischetto wohl nie durchsucht worden. Einer Kollegin sagt Fischetto im Juni 2013 in einem mitgeschnittenen Telefonat: «Dieser crucco (italienisches Schimpfwort für Südtiroler) muss eliminiert werden.» Rückendeckung erhält der Arzt vom damaligen IAAF-Präsidenten, dem senegalesischen Funktionär Lamine Diack. Jenem Mann, der 2020 wegen seiner Beteiligung an einem Korruptionsnetzwerk verurteilt werden wird, das Millionen Euro für die Vertuschung von positiven Dopingtests erpresst hat, in erster Linie von russischen Athleten. Alex Schwazer hat gewaltigen Ärger ausgelöst.

Im April 2015 sucht der Geher Sandro Donati in Rom auf, um ihm eine Frage zu stellen: «Würden Sie sich die Hände schmutzig machen und mich trainieren?» Das saubere Comeback eines Dopers könnte ein Signal sein, denkt Donati. Er verhört Schwazer stundenlang, aus den Akten kennt er die Wahrheit. Donati erklärt sich bereit, ihm eine zweite Chance zu geben – unter einer Bedingung: «Du musst aussagen, was du weisst.»

Als 2015 ein Verfahren wegen «Beihilfe zum Sportbetrug durch Mitwisserschaft» gegen die Ärzte Giuseppe Fischetto und Pierluigi Fiorella sowie eine Fidal-Funktionärin eingeleitet wird (sie werden 2018 zu Geld- und Haftstrafen verurteilt und 2019 in zweiter Instanz freigesprochen), ist Schwazer Kronzeuge. Er sagt aus, dass die Ärzte vor den Olympischen Spielen in Peking versuchten, den Athleten ein Asthma-Spray zu verschreiben, offiziell wegen der Luftverschmutzung vor Ort. Asthmasprays sind gängige Mittel zur Leistungssteigerung, da sie eine bessere Sauerstoffaufnahme ermöglichen. Er habe es nicht verwendet, andere Athleten schon, sagt Schwazer. Denn er habe kein Vertrauen zu Fischetto gehabt. Vor Gericht spricht der Geher das Offensichtliche aus: dass der Internationale Leichtathletikverband vom systematischen Doping Russlands gewusst haben muss.

Bevor er im Dezember 2015 diese vielleicht folgenschwere Aussage macht, werden Alex und Alessandro, der Südtiroler und der Römer, der reuige Doper und der Dopingbekämpfer, ein Team. Donati spricht seinen Namen italienisch aus, «Swazer». Der nennt ihn Prof., auch heute noch. Schwazer zieht in eine Pension unweit von Donatis Wohnung. Er investiert mehr als 30 000 Euro in das Comeback, für das Training verlangt Donati nichts. Es geht ihm um eine grössere Sache, um den sauberen Sport.

Fünf Stunden trainieren sie täglich, der halbe Sonntag ist frei. Donatis Methoden sind ungewöhnlich, aber Schwazer vertraut dem Trainer. Der hegt zunächst noch immer Misstrauen. Mithilfe von zwei Krankenhäusern in Rom entwickelt Donati ein Kontrollsystem. In achteinhalb Monaten wird Schwazers Blut 35 Mal untersucht. Zwei Mal die Woche schickt Donati Schwazer zum Psychologen, um die Depression zu behandeln, unter der er seit vier Jahren leidet. Es geht ihm jeden Tag ein wenig besser, er ist auch neu verliebt. Kathrin. Schwazer, der Soldat, er kämpft wieder.

Alex Schwazer, das ist zu jener Zeit wieder ein Weltklasseathlet mit einem Ruhepuls von 28 Schlägen pro Minute bei einem Maximalpuls von 190, mit einem Körperfett-Anteil von 5 Prozent und einem Lungenvolumen von 7,10 Litern. «Er ist absolut anders als andere Athleten», denkt Donati. Der Trainer verbessert seine Muskeleffizienz und Grundschnelligkeit, er verlängert seinen Schritt. Seiner Frau sagt er: «Dieser Junge ist ein Phänomen.»

Doch nicht alle freuen sich über die Rückkehr des verurteilten Dopers. Gianmarco Tamberi, Europameister im Hochsprung, bezeichnet Schwazer als «Schande Italiens». Luciano Barra, Ex-Fidal-Generalsekretär und erklärter Feind Donatis, versucht Schwazers Olympia-Qualifikation zu verhindern, indem er einen offenen Brief an den Fidal-­Präsidenten Alfio Giomi schreibt: «Ich empfehle dir, ich flehe dich an, Schwazer nächste Woche nicht am Weltcup (in Rom) teilnehmen zu lassen.» Doch Schwazer tritt an und gewinnt den Wettkampf über 50 Kilometer in der drittschnellsten Zeit seiner Karriere. Drei Wochen später qualifiziert er sich in La Coruña auch über 20 Kilometer Distanz für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. Vor beiden Wettkämpfen erhält sein Trainer einen Anruf eines Kampfrichters, der ihm nahelegt, Schwazer nicht gewinnen zu lassen. Den zweiten Anruf nimmt Donati auf und übergibt das Material der Polizei. «Für die IAAF war Alex da schon tot», sagt Donati heute.

Der 21. Juni 2016 ist der längste Tag des Jahres, es sind noch 50 Tage bis zu den Olympischen Spielen. In Rom hat es morgens schon 25 Grad, Schwazer packt seine Sachen zusammen und fährt mit dem Auto nach Südtirol. Zehn Minuten bevor er seine Freundin nach monatelangem Training erstmals wieder im Arm hält, klingelt das Telefon. Es ist Donati, er sagt: «Alex, du bist positiv.»

An die Stunden danach kann sich Schwazer nicht erinnern. Erst an den Moment, als sein Trainer vor ihm steht. Keine Sekunde zweifelt Donati an dessen Unschuld. «Sie haben sich gerächt, weil Alex nicht still war», sagt Donati. Etwas Ähnliches ist ihm schon einmal passiert. 1997 wird Anna Maria Di Terlizzi des Dopings mit Koffein überführt. Die Hürdensprinterin wird damals von Donati trainiert. Eine Analyse ergibt, dass ihre Probe im Anti-Doping-Labor in Rom manipuliert worden sein muss.

Donati vermutet einen Feldzug italienischer Spitzensportfunktionäre gegen ihn, bei dem Schwazer – Kronzeuge für die einen, Verräter für die anderen – die beste Angriffsfläche ist. Im nationalen Verband gilt Donati seit 1987 als Nestbeschmutzer. Damals deckte er auf, dass italienische Kampfrichter bei der WM in Rom das Messergebnis des Weitspringers Giovanni Evangelisti um mehr als 50 Zentimeter manipuliert hatten, um ihm zu Bronze zu verhelfen. Eine Kamera am Ende der Sprunggrube bewies den Betrug. Danach musste Fidal-Präsident Primo Nebiolo, ein mächtiger Strippenzieher der internationalen Sportwelt, zurücktreten. Donati wurde als Nationaltrainer abgesetzt. Doch auch als Italiens führender Anti-Doping-Fachmann, zu dem er sich in den folgenden Jahren aufschwang, schonte er seine Landsleute nicht. Donati legte in den 1990er Jahren das Dopingsystem des Biochemikers Francesco Conconi offen, er kam auch dessen Schüler Michele Ferrari auf die Schliche und belastete Nationalheilige wie den Radrennfahrer Marco Pantani und die Fussballer von Juventus Turin.

Weil sie ihn im Leichtathletikverband nicht feuern konnten, wurde Donati in abgelegene Büros versetzt, wo er Bücher über Dopingbekämpfung schrieb, zum Beispiel Sieger ohne Wert, dessen Auslieferung durch Sportfunktionäre gestoppt wurde. 2006 schickte man ihn in Frühpension. Er weiss, wie sich ein Kampf gegen Windmühlen anfühlt. Trotzdem trifft ihn Schwazers Fall bis ins Mark: «In all den Jahren war das, was mit Alex passiert ist, der schlimmste Schlag für mich», sagt Donati.

22. Juni 2016: Schwazer beruft wie vier Jahre zuvor eine Pressekonferenz ein, bei der er sagt: «Jemand will nicht, dass ich zu den Olympischen Spielen fahre.» Grund für das positive Ergebnis ist exogenes Testosteron. Die privat gemachten Bluttests könnten beweisen, dass er kein Epo genommen hat. Was das Steroid Testosteron betrifft, das den Muskelaufbau beschleunigt, sind sie aussagelos.

Dopingproben werden auf zwei Urin- oder Blutröhrchen aufgeteilt, die A- und die B-Probe. Untersucht wird zunächst nur die A-Probe, die B-Probe bleibt versiegelt und gilt als Garantie für den Sportler. Am 5. Juli bestätigt die Analyse der B-Probe Schwazers positives Ergebnis. Seine letzte Chance, noch an den Olympischen Spielen teilzunehmen, ist eine Berufung beim Internationalen Sportgerichtshof (CAS). Er tagt kurz vor den Spielen in Rio de Janeiro, also fliegen Schwazer, sein Anwalt und sein Trainer nach Brasilien. Schwazer ist überzeugt von einem Freispruch, als er das Anwaltsbüro betritt, in dem die Verhandlung stattfindet.

Bei Schwazer ist zwischen Oktober 2015 und Mai 2016 nur eine Probe von zehn Urin- und acht Bluttests auffällig. Einen leistungssteigernden Effekt schliessen Experten anhand der Werte aus, sie können kein Dopingverhalten bei dem Athleten erkennen. Doch das hilft ihm vor dem Sportgericht nicht, das nach Aktenlage entscheidet. Und die besagt, dass er eine illegale Substanz in der Urinprobe hatte. Das Gericht bestätigt die Sperre. Als Wiederholungstäter darf der Geher, damals 31, für acht Jahre an keinen Wettkämpfen teilnehmen. Seine Karriere ist damit faktisch zu Ende. Auf dem Weg zum Flughafen fährt Schwazer im Taxi an der Olympia-Strecke vorbei. Er starrt aus dem Fenster und denkt an die Anstrengung der letzten Monate. Er weiss, dass er in Form gewesen wäre, zu gewinnen. Was er nicht weiss, ist, wie das Testosteron in seinen Urin kam.

Am Neujahrstag 2016 stehen zwei Dopingkontrolleure um 7 Uhr 25 vor Schwazers Haustür, er soll eine Urin- und eine Blutprobe abgeben. Das ist an sich nicht ungewöhnlich: Spitzensportler müssen für Kontrollen rund um die Uhr erreichbar sein und ihre Aufenthaltsorte im Voraus online angeben. Das Datum hat aber zur Folge, dass Schwazers Proben mit dem Identifizierungscode 3959325 nicht direkt in das Institut für Biochemie der Deutschen Sporthochschule in Köln gebracht werden können, weil das Kontrolllabor an diesem Tag geschlossen ist. Stattdessen wird die Kühlbox über Nacht bei der Kontrollfirma GQS in Stuttgart abgestellt und erreicht das Labor erst anderntags um 10 Uhr 20. Dort werden jedes Jahr rund 30 000 Dopingproben analysiert. Dort lagern auch sämtliche Dopingproben, die Schwazer je abgegeben hat.

Der erste Test ist negativ. Der leicht erhöhte Testosteronwert ist nicht sofort verdächtig, weil Schwazer in der Silvesternacht Alkohol getrunken hat. Erst am 5. März wird die Probe im Online-Meldesystem «Adams» als «abnormal» eingestuft. Auf Ansuchen der IAAF wird sie mit der genaueren IRMS-Methode erneut untersucht. Das Ergebnis: Das Verhältnis von Testosteron zu Epitestosteron ist zu hoch, ein Hinweis für eine Zufuhr von Testosteron. Am 13. Mai liegt der IAAF für Schwazer ein positiver Dopingbefund vor. Es wird 39 Tage dauern, ehe der Weltverband den Athleten informiert und sperrt.

Gegen Schwazer wird erneut ein Strafverfahren wegen Sportbetrugs eingeleitet. Seine Anwälte erstatten indes Anzeige gegen Unbekannt. Sie glauben an eine Manipulation der Probe. Die jüngere Sportgeschichte ist gespickt mit derlei Geschichten. Nur waren es meist die Sportler selbst, die ihre Proben manipulierten. Auffällig ist, dass Schwazers Dopingkontrolle am 15. Dezember 2015 in Auftrag gegeben wird, just an dem Tag, an dem er gegen die italienischen Verbandsärzte aussagt. Auf der Urinprobe steht «Racines», Schwazers 4500 Einwohner zählende Wohngemeinde, in der ausser ihm kein Leistungssportler lebt. Im Abschlussbericht des Sportlabors ist bei Ort «unbekannt» eingetragen. Der Besitzer der Kontrollfirma ist ein Bekannter Fischettos, das belegen E-Mails, die der Staatsanwaltschaft in Bozen vorliegen. Die Zeugenbefragung in Rio ergibt, dass Schwazers Urin auf dem Weg von Südtirol bis nach Köln mehrmals unbewacht und in Stuttgart über Nacht für mindestens sechs Personen zugänglich gewesen ist. Die Verwahrungskette ist nicht lückenlos. Was paranoid klingt, hat reale Vorbilder. Welches Mass an krimineller Energie beim Vertuschen von Dopingproben möglich ist, zeigt das russische Staatsdoping in jenen Jahren. Dabei werden belastete Proben russischer Athleten nachts über ein Türchen in einer Wand des Anti-Doping-Labors in Sotschi heimlich ausgetauscht. Das Sportministerium in Moskau überwacht die Geheimdienstoperation, die der McLaren-Report der Wada 2016 nachweist.

Die Staatsanwaltschaft fordert die Beschlagnahmung von Schwazers Dopingprobe in Köln, um sie im Labor der Carabinieri-Sondereinheit RIS in Parma untersuchen zu lassen. Aber die IAAF, ihr Eigentümer, stellt sich zunächst dagegen. Kurz darauf wird die Sportwelt von einem internen Datenleck der Wada erschüttert. Das Hacker-Kollektiv «Fancy Bears», das dem russischen Militärgeheimdienst GRU zugerechnet wird, veröffentlicht im September 2016 interne Unterlagen, die darauf hindeuten, dass etliche westliche Spitzensportler medizinische Ausnahmegenehmigungen erhalten haben, um leistungssteigernde Präparate wie Asthma-Sprays nutzen zu können, die eigentlich auf der Dopingliste stehen. Der Wada-Hack wirke wie eine Revanche für die Aufdeckung russischen Staatsdopings, schreiben Sportjournalisten.

Italienischen Medien werden E-Mails aus dem Leck zugespielt, die den Fall Schwazer betreffen. Eine IAAF-Anwältin schreibt darin an einen Kollegen, dass es «unmöglich sei, die gentechnische Analyse zu stoppen» und «dass der Richter den IAAF-Ansatz negativ betrachten und seine Wahrnehmung zu dem Schluss führen könnte, dass Schwazers Verdacht in gewisser Weise begründet ist». Im E-Mail-Verkehr zwischen dem Anti-Doping-Beauftragten der IAAF, dem Franzosen Thomas Capdevielle, und dem IAAF-Anwalt Ross Wenzel ist von «einem Komplott gegen AS» die Rede. Die E-Mails werden auch an einen Wada-Anwalt geschickt, obwohl die Welt-Anti-Doping-Agentur zu absoluter Neutralität verpflichtet wäre.

Es wird ein Jahr dauern, ehe die Proben in Italien ankommen. 10 Milliliter der A- und 6 Milliliter der B-Probe, ein wenig mehr als ein Esslöffel. Dort stellt ein forensischer Gutachter fest, dass die Proben Schwazer zuzuordnen sind. Merkwürdig ist, dass der DNA-Wert in der B-Probe von Schwazers Urin drei Mal höher ist als in der A-Probe. Und 20 Mal so hoch wie in dem Urin, den Schwazer im April 2018 zum Vergleich abgibt. Dabei müsste es eigentlich andersherum sein, weil DNA-Spuren im Urin über die Zeit zerfallen, das belegt auch eine eigens angefertigte Studie mit 100 Probanden.

12. September 2019, Saal A des Landesgerichts Bozen: Der Gutachter nennt Manipulation als eine von mehreren Möglichkeiten für die abnormalen Werte des Gehers. Der Richter gibt ein weiteres Gutachten in Auftrag. Fidal und Wada werden um Mitarbeit gebeten. Der italienische Leichtathletikverband kooperiert, die Welt-Anti-Doping-Agentur nicht. Ein Jahr später hat sich Manipulation als die einzig plausible Erklärung herauskristallisiert. Richter Walter Pelino stellt das Verfahren wegen Sportbetrugs ein und erklärt den Geher in einem 87 Seiten langen Dokument für unschuldig: «Es steht mit hoher Glaubwürdigkeit fest, dass die von Alex Schwazer entnommenen Urinproben manipuliert wurden, um sie positiv zu machen.» Und damit nicht nur der Athlet, sondern auch sein Trainer diskreditiert werden sollte.

Schwazer und Donati glauben, dass die Probe gleich zweimal manipuliert wurde. Zunächst durch das Hinzufügen fremden, testosteronbelasteten Urins. Um den Betrug zu vertuschen, wurde die fremde DNA entfernt. Möglich ist das mit UV-Bestrahlung, aber das vernichtete auch Schwazers DNA. Als die Proben nach Parma geschickt werden sollten, musste seine DNA aus einer seiner negativen Proben hinzugefügt werden. Zuerst sei die A-Probe manipuliert worden, später die B-Probe. So erklären sich Schwazer und Donati das unterschiedliche DNA-Vorkommen.

Der Richter schreibt dazu: «Die Manipulationen an den Reagenzgläsern hätten jederzeit in Stuttgart oder in Köln stattfinden können, wo sich nachweislich unverschlossene, also für den Bedarf leicht verwendbare Reagenzgläser befanden.» Der Leiter des Kölner Labors hält die Möglichkeit der Manipulation in dem Labor für ausgeschlossen. Denn dort werden die Proben nach der Ankunft anonymisiert und sind Schwazer nicht mehr zuzuordnen. Aber die gehackten E-Mails, die vor Gericht als Beweismittel zugelassen werden, belasten auch Köln. Ein IAAF-Anwalt schreibt im Februar 2017 an Capdeville: «Ich denke, die Realität ist, dass das Labor versucht, so neutral wie möglich zu sein, aber es würde helfen, wenn sie bereit wären, unsere Position bis zu einem gewissen Grad zu unterstützen.» Wenig später antwortet derselbe Anwalt: «Ich glaube, ich habe sie überzeugen können.»

In seiner Urteilsbegründung kritisiert der Richter: «Wada und IAAF agieren völlig selbstbezogen. Sie dulden keine Kontrollen von aussen und sind bereit, alles zu tun, um sie zu verhindern, bis hin zur Erstellung falscher Erklärungen und zur Durchführung von Verfahrensbetrug.» In einem Tweet schreibt Wada, sie sei «entsetzt über die zahlreichen rücksichtslosen und unbegründeten Anschuldigungen».

«Jetzt lasst Alex wieder gehen», fordert die Gazzetta dello Sport am Tag nach der Urteilsverkündung. Doch so einfach ist es nicht. Der IAAF, 2019 in World Athletics umbenannt, teilt mit, dass die Sportsperre des Gehers bis zu ihrem Ende 2024 nicht aufgehoben werden soll. Das Urteil bezeichnet Schwazer trotzdem als seinen «grössten Sieg». Zwischenzeitlich hat die Aufarbeitung der Dopingfälle aus dem unbekümmerten und selbstsicheren Olympiasieger von 2008 einen misstrauischen Mann mit tiefen Stirnfalten gemacht, der nicht mehr ans Mobiltelefon ging, wenn er eine fremde Nummer auf dem Display sah. Nun ist die Last von ihm abgefallen. Vorerst.

Kalch, ein 9-Häuser-Nest in den Südtiroler Bergen: Vor Schwazers Elternhaus ragt ein eisernes Schild in die Höhe, darauf seine Silhouette und die Siegerzeit bei den Olympischen Spielen 2008. Am Balkon ein verblichenes Banner «Gratulation unserem Olympiasieger schwoz». Alex Schwazer hat die Insignien seines Erfolgs bei seiner Mutter zurückgelassen, die Urkunden und Pokale vor dem Verstauben bewahrt. Im Wohnzimmer, im Flur, überall im Hause Schwazer verteilt sich die erfolgreiche Vergangenheit des Sohnes.

Sein Glück findet Alex Schwazer, der nun Hobbyläufer trainiert, nicht mehr ausschliesslich im Sport. Nach Rio ist die Nachricht, dass er Vater wird, seine Rettung. Ida. Im September 2019 heiratet Alex seine Kathrin. An Schwazers Wohnzimmerwand hängt ein gemaltes Bild, lebensgross. Er hält darauf seine Frau und seine Tochter schützend im Arm. Im Oktober 2020 wird er zum zweiten Mal Vater. Noah. Der Geher ist wieder an einem Ziel angekommen. Nur lag es anderswo als gedacht.

April 2021: Die letzten Wochen hatten es in sich für Schwazer. Er tritt beim Festival di Sanremo auf, dem wichtigsten TV-Event Italiens. Der Ausschuss für Kultur, Bildung und Sport der Abgeordnetenkammer fordert die Regierung und das nationale olympische Komitee auf, bei den internationalen Sportgremien vorstellig zu werden, damit Schwazer an den Olympischen Spielen in Tokio teilnehmen kann. Eine dementsprechende Online-Petition wird Anfang Mai von über 73 000 Menschen unterstützt. Für den Sommer ist ein Buch von Sandro Donati angekündigt, Alex und die grosse Verschwörung, das auch zu einer Fernsehserie werden soll. Denn für eine Figur interessieren sich die Menschen ein kleines bisschen mehr als für einen gefallenen Helden. Für den gefallenen Helden, der wieder aufsteht.

Schwazer will gehen. Nicht irgendwann. Diesen Sommer. Im Herbst 2019 hat er mit Donati wieder mit dem Training begonnen. Fünf Stunden täglich, auf dem Radweg längs der Autobahn, wo er die ersten Schritte seiner Karriere unternahm. Sein Ziel: die Olympischen Spiele von Tokio. Seine Anwälte haben beim Schweizer Bundesgerichtshof einen Antrag auf Aussetzung der Wettkampfsperre eingereicht. Nur das oberste Gericht der Schweiz kann ein Urteil des Internationalen Sportgerichtshofs in Lausanne aufheben. Doch der Tag im Mai, an dem Schwazer sich für den Qualifikationswettbewerb über 50 Kilometer in Tschechien anmelden müsste, verstreicht. Ohne Post aus der Schweiz. Bis Ende Juni könnte er sich noch über 20 Kilometer qualifizieren. Die Zeit läuft wieder einmal gegen Alex Schwazer.

 

 

Ein Pole geht allen davon

Der Pole Robert Korzeniowski ist, wie er einmal der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagte, ein «typisches Produkt des sozialistischen Sports». Eigentlich wollte Korzeniowski Judoka werden. Weil der Geheimpolizei das Kampfsporttraining nicht geheuer war, wechselte er zur Leichtathletik. Dort erlebte er einen derartigen Drill, dass ihm die Füsse bluteten. Bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona wurde er im Wettkampf über 50 Kilometer als Zweitplatzierter 500 Meter vor dem Ziel disqualifiziert. In Polen wurde danach geraunt, dies sei eine Revanche dafür gewesen, dass ein polnischer Kampfrichter bei den Spielen von 1980 die drei führenden Geher disqualifiziert hatte. Die Ungerechtigkeit spornte Korzeniowski derart an, dass er bei den folgenden drei Sommerspielen vier Goldmedaillen gewann.

 

Doping in der Zahnpasta

Der Läufer Dieter Baumann wurde 1992 Olympiasieger über 5000 Meter, der Zielsprint gehört in Deutschland zu den grossen Sportmomenten der Fernsehgeschichte. Baumann wurde danach auch zum Sympathieträger, weil er sich gegen Doping engagierte. Umso grösser die Überraschung, als er 1999 positiv auf Nandrolon getestet wurde. Das Steroid wurde in der Zahnpasta des Läufers gefunden. Nach der Einreichung von Haarproben ohne Positivbefund wurde Baumann 2000 vom Deutschen Leicht­athletik-Verband freigesprochen, der Weltverband bestand auf einer Zwei-­Jahres-Sperre. Baumann bestreitet die Einnahme von Doping bis heute. Experten hielten es für möglich, dass es sich um einen Anschlag ehemaliger Stasi-Kreise handelte. 

 

Autorin

Barbara Bachmann, 35, stammt wie Alex Schwazer aus Südtirol. Sie kennt den Geher seit 2008. Damals porträtierte sie ihn für ein Südtiroler Wochenmagazin kurz vor seiner Abreise nach Peking. All die Jahre über verfolgte sie Medienberichte über ihn, vom Olympiasieg über die erste Doping-Beichte, das Comeback bis hin zum zweiten Doping-Vorwurf. Sie fragte sich, wie sehr ihn die Erfahrungen verändert hätten, und kontaktierte ihn 2018. Seither trafen sie sich in unregelmässigen Abständen im Café, in seiner Wohnung, im Elternhaus, beim Training, im Gerichtssaal. Bachmann lernte seine Frau kennen, die Tochter, die Mutter. Traf Anwalt und Trainer. Die Recherche zog sich länger hin als gedacht. Gutachten wurden in Auftrag gegeben, Verhandlungen verschoben. 2021 fand die Geschichte ein vorläufiges Ende.

 

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