Geschäfte mit Blutplasma

Der Handel ist global, verschwiegen und liegt in den Händen weniger.

Christian Schmidt, Sílvia Caneco und Mario Damolin

Diese Recherche wurde durch den Reportagen-Recherchefonds finanziert.

«Willkommen bei Octapharma Plasma. Wir begrüssen Ihren Entscheid, lebensrettendes Plasma zu spenden.»

Früher war der Bau rot und beherbergte einen Dollar-Store, jetzt leuchtet er meerschaumfarben. Die Scheiben sind getönt, überall Sicherheitskameras. Das Innere ist eine Mischung aus Notaufnahme und Bankfiliale: Über polierte Fliesen führt der Weg zu einer Rezeption mit behandschuhten Mitarbeitenden, die iPad-Stationen mit beinahe religiösem Eifer von Keimen reinigen. Neben ihnen Pinnwände, die einen Bonus von 100 Dollar denjenigen versprechen, die im Verlauf von zwei Wochen viermal Plasma spenden. Und nochmals 50 Dollar kriegt, wer Freunde anwirbt, die mindestens dreimal spenden. Mit allen Entschädigungen und Boni können neue Spender so mehr als 700 Dollar im Monat verdienen, heisst es auf der Website von Octapharma.

Blutplasma ist eine hellgelbe, wässrige Flüssigkeit, in der die roten und weissen Blutkörperchen schwimmen. Es ist Grundlage für eine Reihe lebensrettender Medikamente, da es Gerinnungsfaktoren für Bluter, Immunglobuline zur Therapie von Immunschwächen sowie Antikörper zur Bekämpfung von Krankheitserregern enthält. Darunter solche, die gegen eine Corona-Infektion wirken sollen. Um diese Antikörper reisst sich derzeit die Plasmabranche. Deshalb verdienen Spender, die Covid-19 überstanden haben, mancherorts noch mehr.

Krankenschwester Angel überreicht ein 17-seitiges Dokument mit der Aufschrift «NEW DONOR». Darin eine Fülle von Erklärungen und noch mehr Warnungen vor möglichen Folgen der Plasmaspende: Übelkeit, durchstossene Venen, Nervenverletzungen, Blutergüsse, Muskelzuckungen und Embolien bis hin zum Tod. Der erste Gesundheitscheck findet an einem Bildschirm statt, 44 Fragen, die sich mit Ja und Nein beantworten lassen. Haben Sie HIV? Sind Sie mit dem Blut eines anderen Menschen in Berührung gekommen? Waren Sie in den letzten 72 Stunden im Gefängnis oder im Strafvollzug? «Ich verstehe, dass ich alle Screening-Fragen wahrheitsgemäss beantworten muss», heisst es. Anschliessend werden drei Videos gezeigt, die den Inhalt der Informationsmappe wiederholen. «Damit stellen wir sicher, dass die Leute tatsächlich alles verstanden haben», so Angel.

Das Spendenzentrum, in dem Krankenschwester Angel arbeitet, gehört einer Tochtergesellschaft der Octapharma AG mit Sitz in Lachen am oberen Zürichsee, einer schweizerischen Steueroase. Das Hauptgeschäft von Octapharma sind Medikamente aus Blutplasma. Den Rohstoff sammelt die Firma in weltweit über hundert Spendenzentren, grösstenteils in den USA. Gründer und Eigentümer der Firma ist Wolfgang Marguerre. Er leitet die Firma seit bald 40 Jahren, unterstützt von seinen beiden Söhnen Tobias und Frederic. Octapharma gehört zu dem halben Dutzend Grosskonzernen, die das Plasmageschäft dominieren. Es ist das einzige Unternehmen im Familienbesitz und das einzige mit einem Patron, der alle Fäden in der Hand hält. Octapharma beschäftigt 9000 Mitarbeitende und ist in weit über hundert Ländern vertreten. 2020 setzte die Firma 2,4 Milliarden Euro um. 

Zurzeit baut das Unternehmen sein Plasmageschäft mit Hochdruck aus, vor allem in den USA, wo der Rohstoff ein wichtigeres Exportgut als etwa Sojabohnen oder Computer ist. Nun sollen zu den bereits achtzig bestehenden Octapharma-Spendenzentren in kürzester Zeit dreissig weitere hinzukommen. Grund: Bereits vor Covid-19 entwickelte sich der Markt äusserst vorteilhaft; gemäss Analysen soll sich das weltweite jährliche Marktvolumen bis 2024 um fast 20 Milliarden auf 43 Milliarden Dollar nahezu verdoppeln. Nun lauten die Prognosen nochmals besser.

Nach einer Stunde dürfen wir unser Plasma an Octapharma spenden. Daniel, ein weiterer Mitarbeiter, prüft mit einem Stich in den Finger unsere Vitalwerte, er misst Blutdruck und Gewicht. Dann übernimmt Rachel. Sie registriert Sozialversicherungsnummer, Führerschein und elektronischen Abdruck des rechten Daumens – «um sicherzugehen, dass Sie tatsächlich Sie sind». Anschliessend überprüft sie unsere 44 Antworten. Wir fragen, wie oft gelogen wird. «Ständig», sagt Rachel und lacht nervös. «Meistens lügen die Leute, wenn es um Drogen geht. Oder sie lügen über ihre sexuellen Vorlieben.» Sie fügt hinzu: «Ich meine, ich würde auch lügen, wenn ich in dieser Situation wäre.»

Das Zentrum, in dem wir Plasma spenden, befindet sich an der East 105th Street in Cleveland. Es wurde im Dezember 2020 eröffnet, es ist bereits das vierte in der 400 000-Einwohner-Stadt. Weshalb ausgerechnet Cleveland? Cleveland, Bundesstaat Ohio im Mittleren Westen, ist die ärmste Grossstadt der USA. Ganze Strassenzüge stehen leer, Hunderte von Gebäuden sind zerfallen. Damit ist klar: Hier ist viel Plasma zu holen. Stammspender checken an einem der Lesegeräte denn auch als Erstes den Kontostand ihrer – von Octapharma herausgegebenen – Debitkarte. «Danke, dass Sie Ihre Karte aktivieren!», sagt eine Roboterstimme. «Ihr aktueller Kontostand beträgt … vierzig Dollar!» Die überwiegende Mehrzahl der Menschen kommen hierher, weil sie sonst ihren Alltag nicht finanzieren könnten. Mit dem Entgelt für das Plasma kaufen sie Essen, füllen den Tank des Autos, zahlen die Miete.

Trotzdem – oder gerade deswegen – sind Spendenzentren nicht überall gern gesehen. Zweieinhalb Autostunden von Cleveland entfernt, am gegenüberliegenden Ufer des Lake Erie, liegt City of Westland. Am 2. September 2020 hat der Stadtrat des schmucklosen 85 000-Einwohner-Vorstädtchens von Detroit entschieden, kein weiteres Spendenzentrum für Blutplasma zuzulassen. Octapharma hatte um die Bewilligung ersucht, im Rahmen der Expansionsstrategie. «Wir haben bereits ein Spendenzentrum auf unserem Stadtgebiet, und viele Leute waren schon wütend, als wir dieses erlaubten», erklärt uns Stadtrat Peter Herzberg die Absage. Die Gründe für die Wut der Menschen liegen auf der Hand: Die Plasmaindustrie zieht es dorthin, wo sie ihren Rohstoff findet. Dessen vom Leben gebeutelte Lieferanten möchte die Westlander Mittel- und Oberschicht nicht an einer zentralen Kreuzung sehen, wo das Spendenzentrum hätte errichtet werden sollen.

Nach bestandenen Tests dürfen wir weiter zur Spenderetage mit ihren beigen Lederliegen. Zurzeit ist nur jede vierte belegt, manchmal – am frühen Morgen – steht man hier Schlange. Die nächste Mitarbeiterin kommt, mit regenbogenfarbener Kopfbedeckung und blauem Kittel. Sie desinfiziert die Armbeuge und steckt die Nadel. «Immer schön den Knautschball drücken», erinnert die nurse und wirft einen prüfenden Blick auf die leise summende Maschine, in der das Blut verschwindet. Das Gerät hat einen besonderen Filter. Während das Plasma in der Maschine zurückbleibt, fliessen die Blutkörperchen – zusammen mit einer Kochsalzlösung – über eine zweite Kanüle in den Körper zurück. Ein Erwachsener spendet pro Sitzung je nach Körpergewicht 600 bis 850 Milliliter Plasma.

Neben uns geben zwei Männer in Kapuzenpullis und Baseballcaps ihr Plasma an die Maschine ab. Ihre offensichtliche Langeweile lässt darauf schliessen, dass sie regelmässig hier sind. Die Frage, was sie davon halten, mit ihrem Plasma gesichtslosen Fremden das Leben zu retten, während sie gleichzeitig Geld verdienen, mögen sie nicht beantworten. Der Flachbildschirm über unseren Köpfen zeigt ein mittelmässiges Polizeidrama.

Wir sind nicht die ersten Journalisten, die die Geschehnisse in und um ein Octapharma-Spendenzentrum in Cleveland dokumentieren. «Die melken mich», sagt einer der Plasmaspender in die Kamera von François Pilet und Marie Maurisse, die im Jahr 2017 in der Stadt eine Dokumentation für Arte drehten. «Das letzte Mal dachte ich, ich sterbe», so der Kommentar eines anderen. Tatsächlich können häufige Plasmaspenden zu Schwächeanfällen führen; denn im Gegensatz zum Amerikanischen Roten Kreuz, das aus gesundheitlichen Gründen pro Jahr nur maximal 24 Plasmaspenden gestattet, nehmen die kommerziellen Plasmaverarbeiter ihrer Kundschaft gemäss eigenen Websites bis zu 104 Mal Plasma ab, zweimal wöchentlich, jede einzelne Woche im Jahr. Draussen vor dem Spendenzentrum sahen Pilet und Maurisse die Drogenhändler warten, im Wissen, dass ihre Kundschaft jetzt Geld hat.

 

Es geht um Geld, sehr viel Geld

 

Das alles macht uns ratlos. Ein Geschäftsmodell, das zwar legal ist, aber von Armut und Not profitiert, in dem der menschliche Körper eine Ware ist, die wie eine Zitrone ausgepresst wird. Dabei ist die Weltgesundheitsorganisation (WHO) seit Jahrzehnten daran, ein weltweites System von unbezahlten Plasmaspenden aufzubauen. Bereits 79 Länder sammeln fast ihren gesamten Plasmabedarf ohne Entgelt. In der Schweiz ist das Spenden von Blutplasma gegen Geld sogar verboten, ausgerechnet jenem Land, wo Octapharma den Geschäftssitz hat. Dieses Verbot steht nicht in irgendeiner Verordnung, sondern in der Verfassung: Der Körper und seine Teile sollen keine Handelsware sein.

Anders ist es in Deutschland. «Bitte kommt weiterhin spenden», heisst es im Frühling 2021 auf der Website der deutschen Niederlassung von Octapharma. Mit sinkenden Spenderzahlen bei gleichzeitig starkem Anstieg des Bedarfs an Plasmaprodukten sei die Firma «mehr denn je auf euch als treue Spender angewiesen. Jede einzelne Plasmaspende wird weiterhin dringend benötigt und ist für die Aufrechterhaltung des Versorgungssystems mit lebenswichtigen Arzneimitteln aus Blutplasma unabdingbar.»

Über das alles wollten wir mit dem Firmengründer Wolfgang Marguerre sprechen, dem «Hansdampf in allen Gassen der Plasmaindustrie», wie ihn der Journalist Egmont R. Koch einst nannte – wie kein anderer kennt sich Marguerre in der Branche aus. Er ist deutscher Staatsangehöriger, lebt in Heidelberg und hat Anfang Jahr seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert. In einem grossbürgerlichen Umfeld aufgewachsen, studierte er zunächst Politik und Wirtschaft in seiner Heimatstadt, ging dann an die Eliteschule Insead bei Paris und schloss die Ausbildung 1972 mit einem Master of Business Administration ab. Danach arbeitete er in Kopenhagen bei Pharma Plast, einer Firma, die mit medizinischen Geräten wie Spritzen und Infusionsbesteck handelte. Dann Wechsel nach Brüssel zum Europasitz des US-Pharmaunternehmens Baxter Travenol als Chef der Abteilung Plasmaprodukte. 1979 der Umzug nach Paris und Stellenantritt bei Revlon als Leiter der Pharmaabteilung. 1983 schliesslich gründete Marguerre Octapharma. Bereits als Kind spielte er hervorragend Violine, in der Reihe «Octapharma Classics» nimmt er heute regelmässig klassische Musik auf. Gemäss Forbes beläuft sich sein Vermögen zurzeit auf 9,1 Milliarden Dollar.

Bilder auf der Website von Octapharma zeigen einen älteren Herrn, Falten, randlose Brille, Typ gutmütiger Grossvater. Genau 54 Fragen wollten wir ihm, Wolfgang Marguerre, stellen. Ob es wirklich so simpel sei, wie seine Firma auf Websites, in Werbebroschüren und sozialen Netzwerken beinahe mantraartig bei jeder sich bietenden Gelegenheit wiederholt: «Spende Plasma, rette Leben». Wann er die grosse Bedeutung des Plasmas für die Gesundheit und – er hatte ja Wirtschaft studiert, nicht Medizin – die grosse Einträglichkeit des Plasmageschäfts erkannt habe. Wie sein soziales und kulturelles Engagement in Einklang zu bringen sei mit der in den Augen der Kritiker fragwürdigen Art und Weise, wie sich seine Firma den Rohstoff beschafft, den sie für die Herstellung ihrer Arzneien benötigt. Oder wie er zu Erfahrungen der WHO stehe, dass das sicherste und qualitativ beste Plasma von freiwilligen, unentgeltlich erfolgten Spenden aus risikoarmen Bevölkerungsgruppen stammt.

Wir haben Wolfgang Marguerre zweimal um ein Gespräch gebeten. Vergeblich. Nicht einmal eine Absage liess er uns zukommen. Das ist natürlich sein gutes Recht. Zugleich passt sein Verhalten zu einer Branche, die sich von jeher lieber in Schweigen hüllt und in der einige ihrer Vertreter auch vor Korruption nicht zurückschrecken. Es geht um viel Geld. Deswegen sind bis heute zehntausend Menschen gestorben, zwanzigtausend leiden unter den Spätfolgen.

Einer von ihnen heisst Ian Reddie. «Ich werde alles tun, um euch zu unterstützen», tippt er am 1. Juli 2020 um 14 Uhr 32 neuseeländischer Zeit in sein Smartphone. «Bereits mein Vater versuchte herauszufinden, wo und wie ich mich mit Aids und Hepatitis C infiziert hatte. Lasst uns also in Kontakt bleiben.» In den sozialen Netzwerken präsentiert sich Reddie, 47 Jahre alt, graumelierter Bart, schmale Augen, zu Hause in Wellington, stets mit strahlendem Lachen und pointiertem Daumenhoch. Reddie lässt in seinen Posts durchblicken, dass er auf Cricket und Led Zeppelin steht. Auf den meisten Bildern streckt er zudem seine Zunge heraus – Symbol für den Kriegstanz Haka der Māori. Sein jüngster Beitrag stammt vom 16. Dezember 2020: «Keep donating blood – it’s essential.» Dafür hat Reddie dreimal so viele Likes wie üblich erhalten.

So viel, oder so wenig, wissen wir über Ian Reddie. Seit dieser ersten Mail schweigt auch er. Eisern. Entgegen seiner Ankündigung.

Wir haben mit Ian Reddie Kontakt aufgenommen, weil wir wissen, dass die HI- und Hepatitis-C-Viren nicht zufällig in seinen Körper gelangt sind. Ian ist sieben, als er 1980 zusammen seiner Familie vom neuseeländischen Wellington nach Schottland reist. Doch im Flieger wandelt sich die Vorfreude jäh in Panik: Als Ian die Flugzeugtoilette verlassen will, prallt eine Stewardess mit ihrem Trolley in die Tür und klemmt Ians linken Fuss ein. Der Knöchel beginnt zu bluten. Eigentlich eine kleine Verletzung, aber nicht für Ian. Er wurde mit einer Mutation im Gen F8 geboren, geerbt von seinem Vater. Ian ist Bluter. Seine Leber produziert zu wenig vom Gerinnungsfaktor VIII, weswegen die Gerinnungsfähigkeit des Bluts vermindert ist. Jede Verletzung kann bei ihm zu einem lebensbedrohlichen Blutverlust führen.

Früher starben Menschen mit Bluterkrankheit oft schon in der Pubertät. Weil in den Adern zu wenig Blutplättchen zirkulieren, hatten sie unstillbare innere Blutungen, ihre Gelenke füllten sich mit Blut, sie erlitten Schlaganfälle. Wir «verarmten, verkrüppelten und vereinsamten», wie Günter Schelle von der deutschen Interessengemeinschaft Hämophiler zusammenfassend sagt. Nun haben Hämophile eine mehr oder weniger normale Lebenserwartung. Doch die Behandlung ist aufwendig und zeitraubend. Bei jeder Blutung muss Ian sofort ins nächstgelegene Krankenhaus, wo er eine aus Blutplasma gewonnene Infusion aus Eiweissen erhält. Wichtigster Bestandteil der Infusion ist der von der Leber gebildete Gerinnungsfaktor, früher als «antihämophiler Faktor A» bezeichnet, in den sechziger Jahren in «Faktor VIII» umbenannt, weil die Wissenschaft herausgefunden hat, dass der Gerinnungsfaktor durch das Gen F8 codiert wird. Die Plasmainfusion muss alle vier bis sechs Stunden wiederholt werden – so lange, bis die Blutung gestoppt ist.

Nach der Landung in Glasgow fahren die Eltern sofort ins damalige York-Hill-Kinderkrankenhaus. Die Ärzte schlagen vor, Ian mit Factorate, einem neuartigen Medikament, zu behandeln, das Ian nicht für den Rest des Tages – oder noch länger – ans Bett bindet, sondern ihm im Verlauf einer guten Viertelstunde verabreicht werden kann. Basis ist wiederum menschliches Blutplasma, doch es wird anders aufbereitet. Nach der Gewinnung tiefgefroren, wird es langsam aufgetaut. Dabei fällt ein Eiweissgemisch aus, das den gesuchten Gerinnungsfaktor in einer ungleich höheren Konzentration enthält als bisher. Die Eltern sind zwar skeptisch – die traditionelle Behandlungsmethode aus dem fernen Wellington hat doch auch bestens funktioniert –, aber sie wollen sich den Urlaub nicht verderben, und so willigen sie schliesslich ein. Woher der Beutel mit dem Blutplasma stammt und wer ihn hergestellt hat, ist beim Noteingriff kein Thema.

Eine Hohlnadel dringt durch Epidermis, Dermis und Unterhaut, erreicht die Vene, durchsticht die Tunica adventitia, die Tunica media und schliesslich die Tunica intima, die drei Schichten der Ader. Dann fliessen die Blutplättchen zusammen mit dem Plasma in Ians Körper. Und mit ihnen auch HI- und Hepatitis-C-Viren. Mit jedem Pulsschlag verbreiten sich die Viren weiter, das Herz pumpt sie mit etwa 25 Zentimetern pro Sekunde durch die Adern, bis sie auch die feinsten Kapillaren erreichen. Sie docken an Zellen an und befehlen ihnen, Bausteine für neue Viren herzustellen. Haben die Zellen ihren Job erledigt, sterben sie und setzen neue Viren frei, die nun die nächsten Zellen befallen. Ein tödlicher Kreislauf.

Fünf Jahre später, die Familie ist längst zurück in Neuseeland, melden die Eltern Ian für eine Routineuntersuchung an. Sie ahnen nichts, ihr Kind entwickelt sich normal. Dann das erschütternde Ergebnis: Ian hat sich mit Hepatitis C angesteckt. Aber nicht nur. In seinem Körper wütet zudem ein weiteres Virus, das 1981 erstmals bei Menschen entdeckt und zwei Jahre später einen Namen erhalten hat: Human Immunodeficiency Virus, kurz HIV. Doch wie konnte es zu den Infektionen kommen? Ian ist zwölf, ein Kind. Die Krankheiten kann er sich weder beim Stechen von Tattoos noch durch Spritzentausch unter Drogensüchtigen oder ungeschützten Geschlechtsverkehr eingefangen haben. Also müssen sie mit Ians Bluterkrankheit zusammenhängen.

Für die Eltern beginnt eine nervenaufreibende Suche. Sie recherchieren Umstände und Herkunft jeder einzelnen Infusion, die Ian je erhalten hat. Es sind an die tausend, aufgrund des riesigen bürokratischen Aufwands ein fast unmögliches Unterfangen. Auch nach Jahren der Suche kennen sie die Hintergründe immer noch nicht. Sie sind verzweifelt. Jemand hat das Leben ihres Kindes ruiniert. Doch wer?

Die Ungewissheit dauert bis ins Jahr 2000. Eines Tages, warum auch immer, erinnert sich Ians Mutter an den Besuch in Schottland zwanzig Jahre zuvor und Ians notfallmässige Behandlung im dortigen Kinderkrankenhaus. Erneut machen sich die Eltern an die Arbeit. Aufgrund der Entfernung und weil das Glasgower Krankenhaus nicht kooperiert, sucht Ian Reddies Vater Hilfe. Und findet sie bei Carol Grayson und Colette Wintle, zwei in ganz England bekannte Aktivistinnen in Sachen Blutplasma. Auch ihre Leben wurden durch infiziertes Blut ruiniert, weshalb sie es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, Betroffene wie die Familie Reddie zu unterstützen. «Radical Sister» nennt sich Grayson in ihrem Blog.

Für Wintle und Grayson wird bald klar, dass die Behandlung in Glasgow tatsächlich der Ursprung von Ians Krankheiten sein muss, weil der Junge weder vor noch nach dem Urlaub in Schottland jemals wieder das neuartige Medikament zur Blutgerinnung erhalten hat. In seiner Heimat Neuseeland wurde er stets auf traditionelle Weise behandelt, und auch nach der Rückkehr machten die Ärzte weiter wie bisher: Statt «gepooltem» Plasma bekam Ian jenes von jeweils einem bestimmten Spender infundiert, der sich zurückverfolgen und testen liess.

Wintle und Grayson wenden sich ans York-Hill-Krankenhaus, fordern Unterlagen über Ians Behandlung an und bleiben hartnäckig. Nach einem halben Jahr kriegen sie endlich Einsicht in die gesuchten Papiere. Sie erfahren, dass die mit HIV und Hepatitis C verseuchte Infusion aus Amerika stammt, hergestellt von einer Firma namens Armour Pharmaceuticals mit Sitz in Chicago. Ians Vater nimmt mit dem Unternehmen Kontakt auf, fliegt nach Amerika und legt zusammen mit Anwälten, die Grayson und Wintle vermitteln, seine Schadenersatzforderungen auf den Tisch.

«Es war ein klarer Fall», sagt Grayson rückblickend. «Ian hatte bis zur Diagnose seiner Krankheiten nur ein einziges Mal dieses neue Produkt erhalten – im Rahmen des Familienurlaubs in Schottland.» Am 2. Februar 2001 kommt es zur Einigung. Armour Pharmaceuticals erklärt sich bereit, 85 500 Dollar zu zahlen. Zwar viel zu wenig in den Augen von Ians Vater, schliesslich wird sein Sohn bis ans Ende des Lebens von den Krankheiten gezeichnet sein, doch eine schnelle Lösung ist ihm wichtiger als ein langwieriger Prozess mit ungewissem Ausgang.

 

Je günstiger der Rohstoff, desto höher der Gewinn

 

Als im Sommer 1980 das virenverseuchte Plasma in Ian Reddies Armbeuge fliesst, ist Wolfgang Marguerre, der spätere Gründer von Octapharma, oberster Leiter von Armour Pharmaceuticals. 1867 ursprünglich als Fleischverpacker gegründet, hat Armour als eines der ersten Unternehmen der Branche festgestellt, dass sich Schlachtabfälle zu mehr verwerten lassen als Dosenfleisch, spam. So trocknet Armour die Schilddrüsen von Schweinen und verkauft sie als Hormonersatz. Nach und nach erweitert das Unternehmen den einträglichen Pharmabereich und bringt 1979 Factorate auf den Markt. Der Name des Medikaments ist ein Wortspiel: Englisch ausgesprochen lautet der medizinische Terminus für den gesuchten Gerinnungsfaktor «Factor VIII» – oder eben «Factor eight». Factorate enthält jenen Stoff, der das Blut von Blutern gerinnen lässt.

Marguerre arbeitet nicht direkt bei Armour, sondern bei der Muttergesellschaft der Firma, der Revlon Health Care Group mit Sitz in Paris. Richtig, das ist jenes Unternehmen, das heute nur noch für Dinge wie Haarfärbemittel und Lippenstifte bekannt ist. Doch damals stellt Revlon auch pharmazeutische Produkte her. Allerdings läuft das Geschäft eher schleppend, Zukäufe sollen dem Zweig zu neuem Wachstum verhelfen. In der zweiten Hälfte 1977 kauft Revlon in den USA Armour Pharmaceuticals. Keine zwei Jahre später, 1979, zieht Wolfgang Marguerre nach Paris und übernimmt die Leitung der Pharmaabteilung der französischen Muttergesellschaft Revlon.

In Sachen Blutplasma herrscht Goldgräberstimmung. Zwang bislang jede grössere Verletzung Bluter unweigerlich zu einem manchmal tagelangen Krankenhausaufenthalt, kommt in den siebziger Jahren mit den Faktor-VIII-Präparaten eine neue Generation von Medikamenten auf den Markt. Sie wirken nicht nur schnell, die Bluter können sich den lebensnotwendigen Gerinnungsfaktor nun sogar selbst spritzen, prophylaktisch und zu Hause. Verletzungen verlieren dadurch ihren lebensbedrohlichen Charakter. Bluter können sich nun beinahe so frei bewegen wie jeder andere Mensch.

Das Geschäft boomt. Weltweit leiden heute rund 400 000 Menschen an Hämophilie, fast ausschliesslich Männer, die in der Regel mehrere Infusionen pro Woche benötigen. Für einen erwachsenen Menschen können sich die Kosten, je nach Schwere der Krankheit, auf mehrere hunderttausend Euro pro Jahr belaufen.

Um ans wertvolle Plasma zu gelangen, zeigen die Unternehmen entsprechend wenig Skrupel. Je günstiger der Rohstoff eingekauft werden kann, desto höher fällt der Gewinn aus. Die Branche kooperiert sogar mit dem nicaraguanischen Diktator Anastasio Somoza. Dieser lässt den Ärmsten des Landes bereits seit Jahren ihr Plasma abzapfen und wird damit noch reicher. Doch Somoza übertreibt es. Als ein Spender im Jahr 1978 quasi totgemolken wird, die Zeitung La Prensa, einziges Oppositionsblatt im Land, den Fall publik macht und Somoza mit dem Tod in Verbindung bringt, lässt der Diktator den Chefredakteur der Zeitung umbringen. Der Mord wird zum Funken im Pulverfass. Das Volk erhebt sich gegen den Despoten, er wird ermordet.

In den USA, mit einem Anteil von siebzig Prozent am globalen Handel bis heute wichtigste Plasmaquelle, gibt es keine Diktatoren. Dafür in jeder grösseren Stadt die skid rows, die Armenviertel. Für viele Menschen sind die paar Dollars, mit denen Plasmafirmen den Rohstoff entgelten, oft die einzige Einnahmequelle.

Und noch einen Ort gibt es, wo die Branche günstiges Plasma findet: Gefängnisse.

Wie die Journalistin Donna Shaw und der Jurist Eric Weinberg für ihr Buch Blood on Their Hands recherchiert haben, nutzen Häftlinge im Staatsgefängnis von Louisiana jede Gelegenheit, aus ihren Zellen herauszukommen – auch für gleichgeschlechtlichen Sex. Eine willkommene Möglichkeit sind Plasmaspenden, die in einem separaten Gefängnisgebäude stattfinden. Bereits im Bus auf dem Weg dorthin kommt es zu sexuellen Handlungen. Weiter geht es in den Toiletten und der Wartezelle des Spendenzentrums, unter den Häftlingen auch als «Flitterwochen-Suite» bekannt. Da das Plasma nicht von externem medizinischem Personal, sondern von besonders geschulten Häftlingen entnommen wird, entfallen auch die üblichen Fragen nach Krankheiten, kürzlich gestochenen Tattoos oder Drogenkonsum – alles Gründe, die eine Plasmaspende ausschliessen. Im Tausch gegen Zigaretten schauen sie auch bei Einstichstellen von Heroinspritzen weg und ignorieren, dass die Männer gleich nebenan ungeschützten Sex haben. Fast zwanzig Jahre lang, bis 1994, sammeln die Plasmafirmen auf diese Weise ihr Rohmaterial in Staaten wie Louisiana und Arkansas. Der Goldrausch lässt jegliches Risikobewusstsein vergessen.

Ausserhalb der Branche will das alles aber niemand hören. Dabei ist das an den Rändern der Gesellschaft gesammelte Plasma von schlechter Qualität. Die Spendenden sind oft krank, unterernährt oder drogenabhängig. Entsprechend ist ihr Blut mit Viren verseucht, die bei den Empfängern zu Infektionen führen können. Doch den Betroffenen fehlen die Beweise, und die Hersteller wischen die Bedenken vom Tisch. Die Folgen sind umso schlimmer, seit die Firmen zur Praxis übergegangen sind, die Spenden nicht einzeln zu verarbeiten, sondern zusammenzuschütten, zu «poolen» – so lassen sich Kosten sparen. Das Plasma landet in grossen Tanks. Manchmal ist es das Plasma von 100 Personen, manchmal auch von 20 000. Ist ein einziger Spender infiziert, ist der ganze Tank verseucht.

Bald zeigen sich die ersten Folgen. Krankheiten, die bislang selten waren, treten plötzlich gehäuft auf, darunter Funktionsstörungen der Leber, Milzvergrösserungen sowie Hepatitis A, B und C. Die amerikanische Überwachungsbehörde Food and Drug Administration beruft 1976 eine Konferenz mit dem Titel «Ungelöste Therapieprobleme bei Blutern» ein. Die Probleme müssen mit den Präparaten zur Blutgerinnung zusammenhängen, stellen die teilnehmenden Forscher fest. Auch beobachten sie, dass die Probleme sich zehnmal häufiger zeigen, wenn das Plasma von bezahlten Spendern stammt.

Und die Plasmabranche? Sie ignoriert die Erkenntnisse der Konferenz einfach. Und verschweigt weiterhin konsequent, aus welchen Quellen sie das Plasma bezieht. Die Firmen verzichten sogar darauf, auf den Verpackungen Hinweise auf mögliche Verunreinigungen anzubringen, lautet der Vorwurf in einer späteren Sammelklage. Niemand will vorausgehen, niemand will darauf aufmerksam machen, dass man sich mit dem lebensrettenden Produkt auch tödlich infizieren kann, niemand will Marktanteile an die Konkurrenz verlieren. Zudem sträubt sich die Branche dagegen – wie von der WHO seit 1974 unablässig gefordert –, ein System für freiwillige Blutspenden aufzubauen.

 

Vertuschung statt Aufklärung

 

Die Goldgräberstimmung hält auch dann noch an, als im Juni 1981 in den USA die ersten Hinweise auf eine tödliche neue Krankheit auftauchen. Bereits sind die ersten Menschen gestorben, alles homosexuelle Männer. Monate später verdichten sich die Hinweise, dass ein Virus die Immunschwäche verursacht. Dann erkranken die ersten Menschen, obwohl sie nicht homosexuell sind. Aber auch sie haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind Bluter und auf Plasma angewiesen. Bald erhält die Krankheit ihren Namen: Acquired Immune Deficiency Syndrome, Erworbenes Abwehrschwäche-Syndrom. Schlüssel­wort ist acquired, erworben: Aids fällt nicht vom Himmel, man holt es sich.

So beginnt einer der weltweit grössten Skandale der Medizingeschichte. Ein Drama, das sich hätte verhindern lassen, wenn die betroffenen Bluter über ihre Infektion gesprochen hätten. Doch aus Angst vor dem Stigma «homosexuell» schweigen sie. Eisern. Aus dem gleichen Grund wischen auch die Hämophilie-Organisationen das Thema unter den Teppich. Für die Plasmabranche ist das kollektive Schweigen der Betroffenen der perfekte Boden, um weiterzumachen wie bisher. Solange die Zusammenhänge zwischen den Plasmaspenden und Aids nicht publik werden, gibt es keinen zwingenden Grund, die Geschäftspraxis zu ändern.

Hinter verschlossenen Türen jedoch beginnt die Suche nach Lösungen. Aus den Papieren, die im Rahmen der sogenannten «Infected Blood Inquiry» in England im Februar 2021 publik wurden – das Land ist heute noch dabei, das immense Ausmass des Blutskandals der siebziger und achtziger Jahre aufzuarbeiten –, geht hervor, dass die Plasmafirmen sich der Probleme mit virenbelastetem Rohstoff bewusst waren. Der Plasmakonzern Cutter findet den wirtschaftlich lukrativsten Ausweg. Um die Lagerbestände mit möglicherweise infiziertem Plasma abzubauen, beschliesst die Geschäftsleitung, «die internationalen Märkte zu überprüfen, um festzustellen, ob mehr von diesem Produkt verkauft werden kann». Mit «internationalen Märkten» sind Asien und Lateinamerika gemeint. Cutter löst also das Problem, indem es bis Mitte 1984 möglicherweise mit HIV verunreinigtes Plasma zu Dumpingpreisen an arme Länder verkauft. Begründung von Cutter: Die Produktionskosten seien zu hoch gewesen, als dass man das Plasma einfach vernichten könne.

Andere lassen sich ausgeklügelte Vertuschungsmanöver einfallen und einiges kosten. Bereits Ende der siebziger Jahre kauft Armour in den USA die Firma Plasma Alliance Inc., ein Vorzeigeunternehmen, das Plasma ausserhalb der skid rows sammelt. Dorthin schickt Wolfgang Marguerre im Frühjahr 1980 den britischen Arzt Peter Jones. Jones leitet damals die Hämophilie-Abteilung am Royal Victoria Hospital im englischen Newcastle und steht Firmen wie Armour kritisch gegenüber: Er weiss um die Risiken bezahlter Blutspenden.

Revlon nimmt Jones als «Experten» unter Vertrag. Wie nicht anders zu erwarten, zeigt sich der Arzt vom Vorzeige-Spendenzentrum hocherfreut. Was Armour da mache, sei viel besser, berichtet er im Juni 1980 «in confidence» an Marguerre. Trotzdem macht Revlon seine Aussagen – ohne sein Einverständnis – publik und verwendet sie in der Publikation Plasma Perspectives als Werbung. Bei Armour stehe alles zum Besten, man habe «nothing to hide»; die «emotionalen und unbegründeten Behauptungen» bezüglich bezahlter Plasmaspenden seien somit widerlegt.

Wie konnte sich Ian Reddie dann genau in diesem Zeitraum – erste Hälfte 1980 – mit einem Produkt von Armour infizieren?

Dass Blut- oder Plasmatransfusionen Viren übertragen können, weiss die Wissenschaft bereits seit den dreissiger Jahren. Läge es nicht auf der Hand, Techniken zu entwickeln, um die Keime im Plasma abzutöten? Und tatsächlich, in den siebziger Jahren stehen die ersten Verfahren dafür bereit. Doch die Branche wendet sie mehrheitlich nicht an, weil sie auf Sterilisation durch Hitze basieren – und bei der Verarbeitung ein Teil des wertvollen Plasmas zerstört wird. Und wenn sie sie doch einsetzt, dann um Sicherheit vorzugaukeln. Dabei verschweigt sie mutwillig, dass die Verfahren nicht so zuverlässig wirken wie angepriesen: 1985 beauftragt Armour Pharmaceuticals den amerikanischen Forscher Alfred Prince, die Wirksamkeit der Wärmebehandlung zur Inaktivierung von HI-Viren zu überprüfen. In seinem Bericht hält Prince fest, er habe «wenig oder keine Inaktivierung» festgestellt. Mit Hinweis auf eine Vertraulichkeitsklausel im Vertrag hindert Armour Prince daran, die Ergebnisse zu veröffentlichen und damit die Patienten zu warnen.

Die amerikanische National Academy of Medicine wird Jahre später in einer Untersuchung des HIV-Skandals feststellen, dass die Firmen «alternative Inaktivierungsverfahren nicht ernsthaft in Betracht zogen», obwohl solche Verfahren «hätten entwickelt werden können». Tatsächlich wendet sich bereits 1980, noch vor dem Aids-Skandal, der amerikanische Chemiker Edward Shanbrom an die Plasma-Industrie und schlägt ein neues Verfahren zur Vireninaktivierung vor. Es funktioniert «so einfach wie Hände waschen» und ist zu beinahe hundert Prozent zuverlässig. Shanbrom bietet seine Technik auch Armour an. Doch die Firma steigt nicht darauf ein.

«Niemand kann nachvollziehen, wie viel Wut und Hass ich für jene Menschen empfinde, die das meinem Sohn angetan haben», sagt Ian Reddies Vater im August 2000 gegenüber der schottischen Tageszeitung Daily Record. Betroffene wie Ian Reddie schlucken jeden Tag ein halbes Dutzend Pillen, darunter nichtnukleosidische Reverse-Transkriptase-Inhibitoren, Proteasehemmer, Booster-Substanzen, Entry-­Inhibitoren und Integrasehemmer. Die einen verhindern, dass die HI-Viren in die Zellen eindringen, die anderen, dass eine dennoch infizierte Zelle neue Viren freisetzt, die dritten, dass die Viren in den Zellen das Kommando übernehmen. Die Therapie wirkt zwar. Trotzdem wird Ian Reddie aller Wahrscheinlichkeit nach seinen achtzigsten Geburtstag niemals erleben.

 

Bestechungsgelder auf Schweizer Nummernkonten

 

La ville parjure, ou le réveil des Erinyes heisst ein Theaterstück der hochdekorierten französischen Schriftstellerin Hélène Cixous aus dem Jahr 1994. Zu Deutsch etwa: Die verletzte Stadt, oder das Erwachen der Rachegöttinnen. Thema des Stücks ist der Skandal um verschmutztes Blut. In einer Szene stehen zwei Anwälte am Grab von zwei Kindern, die an Infektionen gestorben sind, und sprechen mit der Friedhofsgärtnerin. Die Mutter der beiden verstorbenen Kinder komme regelmässig, sagt die Friedhofsgärtnerin zu einem der beiden Männer, sie leide sehr. Oh, antwortet daraufhin der Mann, er werde sich erkenntlich zeigen und dafür sorgen, dass die Familie wirklich sehr grosszügig entschädigt wird. Das sei es aber nicht, was die Mutter wolle, erwidert die Gärtnerin. Sie wolle nur ein Wort hören: «Verzeihung.»

Cixous hat dem einen Mann den Namen «Marguerre» gegeben. Den anderen nannte sie «Brackmann». So hiess ein Oberarzt am Bonner Hämophilie-Institut.

1979 kaufen Scheinfirmen – als Klingelschild bisweilen bloss ein handgeschriebener Zettel, im Telefonbuch nicht verzeichnet – Plasma von US-Herstellern zu 25 Pfennig pro 450-Milliliter-Einheit und verkaufen es zu 83 Pfennig in Deutschland weiter. Gewinn pro Einheit: 58 Pfennig. Die Ware kommt tiefgekühlt im Flieger nach Zürich Kloten. Bevor man sie nach Deutschland bringt, wird sie auf dem Zollgelände des Flughafens umetikettiert: Medizinische Produkte mit deutschen Aufklebern brauchen keine besondere Einfuhrgenehmigung.

Wie die beiden Journalisten Egmont R. Koch und Irene Meichsner in ihrem Buch Böses Blut aufzeigen, kann sich eine Firma namens Pro Plasma trotz des eher zwielichtig wirkenden Auftritts einen der wichtigsten Kunden Deutschlands angeln: das Bonner Hämophilie-Institut; es betreut achthundert Patienten mit Bluterkrankheit. Wie gelingt einer Briefkastenfirma ein solcher Coup? Auf ein Schweizer Nummernkonto fliessen 1979 zunächst 278 000 Mark, wenig später kommen nochmals 592 699 Mark dazu; 1980 liegt die Bestechungssumme bei 800 000 Mark, 1981 bei 700 000 Mark. Empfänger ist ein anderer Oberarzt am Institut, Sohn eines Ex-Finanzministers.

Als die Steuerfahndung die Zahlungen aufdeckt, wird klar, wie sehr sich das Geschäft gelohnt hat. In nur drei Jahren kassiert Pro Plasma vom Bonner Hämophilie-Institut – und damit letztlich von den Krankenkassen der Bluter – 32 Millionen Mark. Das Geld bleibt unauffindbar. Pro Plasma löst sich wegen «Vermögenslosigkeit» auf. Der Spiegel berichtet 1993 über diese Vorgänge. Dabei nennt er auch mehrfach den Namen Wolfgang Marguerre, der im Hintergrund die Fäden gezogen haben soll. So soll hinter Pro Plasma eine Cousine Marguerres «als Strohfrau» gewerkelt haben. Im Nachgang der Publikation wehrt der sich mit einer Gegendarstellung. Darin schreibt er unter anderem: «Von keiner Staatsanwaltschaft ist jemals gegen mich ermittelt worden.»

«Wir haben ein herausragendes Ergebnis erzielt»

 

Der Name Octapharma leitet sich vom griechischen Wort für die Zahl Acht ab. Benannt, einmal mehr, nach dem Blutgerinnungsfaktor, dessen Code im Gen F8 gespeichert ist. Marguerre gründet die Firma, die ihn zum mehrfachen Milliardär machen wird, 1983. Ihren Sitz hat Octapharma zuerst in Ziegelbrücke im Kanton Glarus, bald erfolgt der Umzug in den Kanton Schwyz, nach Lachen am oberen Zürichsee.

Der Aids-Skandal, Mitte der achtziger Jahre aufgedeckt, führt zu einem Umdenken in der Branche; die Goldgräberstimmung ist fürs Erste vorbei. Der Plasmahandel wird von den Gesundheitsbehörden nun weltweit stärker reglementiert und kontrolliert. Und endlich werden jetzt auch die Viren im Plasma systematisch zerstört.

1985, zwei Jahre nach der Gründung, meldet sich der Amerikaner Bernard Horowitz bei Octapharma. Horowitz, am New York Blood Center tätig, hat die gleiche Idee wie sein Kollege Shanbrom: Die Hülle der Viren soll mithilfe von Lösungs- und Waschmitteln zerstört werden; sie fallen buchstäblich auseinander. Horowitz sucht nach Geldgebern, um das Verfahren zur Patentreife zu bringen. In den USA findet er niemanden. Also streckt er die Fühler nach Europa aus. Octapharma sagt als einzige Firma zu.

Wolfgang Marguerre hat ganz entscheidend zur Sicherheit der Plasmaprodukte beigetragen. Unter den Bluthändlern wird er zur treibenden Kraft in Sachen Vireninaktivierung. Woher der plötzliche Sinneswandel?

Wir wollten wissen, wie es zum Kontakt zu Octapharma kam und wie die Kooperation verlief, aber auch Horowitz liess uns ins Leere laufen. Zu den Motiven seiner Zusage hat sich Wolfgang Marguerre unseres Wissens nur einmal öffentlich geäussert, im Jahr 2012, in einem Interview mit Insead, seiner einstigen Alma Mater in Frankreich: «Ich erkannte den potenziellen Nutzen für die Patienten durch die Einführung der Vireninaktivierung. Zu dieser Zeit widmeten die Hersteller von Plasmaprodukten der Vireninaktivierung keine Ressourcen. Ich war fest davon überzeugt, dass die Erforschung und Entwicklung eines robusten Vireninaktivierungsverfahrens der richtige Weg war.»

Tatsächlich war «die Erforschung und Entwicklung eines robusten Vireninaktivierungsverfahrens» nicht nur der einzig richtige Weg, sondern revolutionierte die Branche geradezu. Tausende Menschen weltweit hatten sich an verschmutztem Plasma mit HIV infiziert. Wissenschaft, Mediziner, Politik, Behörden – alle waren alarmiert, alle suchten händeringend nach einer Lösung. Marguerre hatte sie. Die Technik machte Plasmaprodukte auf einen Schlag so sicher, dass die Wahrscheinlichkeit einer Infektion mit HI- oder Hepatitis-Viren auf eins zu einer Million sank.

Mit der Investition in Horowitz’ Verfahren sicherte sich Octapharma im Gegenzug die Patentrechte für ganz Europa. Natürlich waren die Abnehmer begeistert. Der damalige Leiter der Blutbank des Zürcher Universitätsspitals fasst die Situation so zusammen: «Endlich diese Sicherheit! Natürlich kauften wir bei Octapharma.»

Entsprechend floriert und expandiert die Firma. Das wichtigste Standbein – Produkte aus Plasma – wird erweitert durch Medikamente aus den Sparten Immunologie und Intensivmedizin. Ein Land nach dem anderen kommt auf die Kundenliste. Während die Konkurrenz, darunter Armour Pharmaceuticals, in Deutschland und den USA mehrere hundert Millionen Dollar Schadenersatz an Infizierte zahlen muss. «Octapharma hat zu keinem Zeitpunkt nicht vireninaktivierte Produkte in Umlauf gebracht», antwortet die Firma im Dezember 1993 dem Deutschen Bundestag auf die Aufforderung, sich an einem Entschädigungsfonds für HIV-Betroffene zu beteiligen. Das ist richtig. Die Firma, die Marguerre früher kontrollierte, tat das hingegen schon.

Diese Entwicklungen führen dazu, dass Octapharma immer mehr Geld umsetzt, eins ums andere Jahr kann Marguerre verkünden: «Wir haben ein herausragendes Ergebnis erzielt.»

 

Er kann gar nicht anders als helfen

 

Der Hauptsitz, so hatten wir erwartet, würde sich folglich als Palast präsentieren. Doch ein Ortsbesuch zeigte das Gegenteil. Der Bau mitten im Dorf wirkt für Grösse und Bedeutung des Unternehmens bescheiden: ein Halbrund aus hellem Backstein, vier Stockwerke, davor Buchskugeln, neben dem Eingang eine Abstraktion des Wappens von Lachen – ein Antoniuskreuz mit Schlange. Die Verwaltung von Octapharma nimmt nicht einmal das ganze Gebäude ein. Im hinteren Teil sind Zahnärzte, eine Krankenkasse und ein Geschäft eingemietet, das Blumen und Wein verkauft.

Einiges pompöser ist Marguerres privates Zuhause. Auf dem Reichenhügel Heidelbergs gelegen, von der Strasse kaum einsehbar, strahlt es weiss über den still dahinfliessenden Neckar und die Stadt. Eine dreistöckige klassizistische Villa inmitten eines grosszügigen Parks, unter den Bäumen ein Tennisplatz. Erschlossen wird das Grundstück von einer kleinen Bergbahn. Über einen Tunnel und drei Haltestellen fährt sie in die Höhe.

Mit dem wirtschaftlichen Erfolg bekommt Marguerre auch gesellschaftliche Anerkennung. Der Lebensretter wird Ehrensenator der Heidelberger Universität, erhält den Verdienstorden des Landes Baden-­Württemberg, das Grosse Goldene Ehrenzeichen des Landes Oberösterreich und wird Mitglied der französischen Ehrenlegion. Wie es sich für einen Mann in seiner Stellung gehört, beginnt Marguerre kulturelles und soziales Engagement zu zeigen. Das Theater und Orchester ist das kulturelle Zentrum von Heidelberg – und ein Höhepunkt seines Mäzenatentums. Als eine Renovierung des Baus unumgänglich wird, der Stadt aber das Geld fehlt, springt er mit 15 Millionen Euro ein. Weshalb der neu gebaute und grösste Saal des Theaters jetzt «Marguerre-Saal» heisst.

Auch die Stadthalle, unten am Neckarufer gelegen, muss dringend renoviert werden. Wieder ist Marguerre zur Stelle. Von einem Beitrag in Höhe von 22 Millionen Euro ist anfänglich die Rede. Doch dann kommt Missstimmung auf. Vielen Heidelbergern passt nicht, dass das repräsentative Foyer der Stadthalle nach den Wünschen Marguerres künftig «Octapharma-Foyer» heissen soll. Die Kraft des Geldes setzt sich durch. Der Oberbürgermeister der Stadt dankt Marguerre in der Folge so: «Es ist eine Ehre für uns, dass er [Marguerre] und sein Unternehmen die Modernisierung unserer guten Stube ermöglichen.»

Damit hört Marguerres Wohltätigkeit nicht auf. Seiner Heimatstadt schenkt er eine weitere Million Euro, damit Menschen mit Migrationshintergrund Deutsch lernen können. Aus eigener Schatulle unterstützt er 70 Kinder mit Blutungsstörungen in Indien, Nepal, Rumänien und auf den Philippinen. Im März 2021 hilft er mit noch einer Million Euro Menschen in Heidelberg, die ganz besonders unter der Corona-Pandemie leiden. Kein Zweifel, Marguerre ist ein guter Mensch und Octapharma eine gute Firma. «It’s in our blood», sagt Marguerre gern. Er kann gar nicht anders als helfen.

Völlig selbstlos scheinen diese Akte der Nächstenliebe jedoch nicht zu sein, wie uns ein Heidelberger Bürger erzählt, der einst eine Einladung in Marguerres Villa am Philosophenweg angenommen hat:

 

«Als ich dort ankam, war das für mich alles etwas seltsam, ich kam mir vor wie in einem futuristischen Krimi; man kommt ja in dieses Anwesen am Berg durch einen Tunnel, dann fährt man in einem Aufzug hoch. Der Herr Marguerre hat schon einen Charme, älterer Herr mit auf den ersten Blick guten Manieren, ist sehr gebildet, sehr belesen, sehr musikalisch, hat fast jedes Jahr CDs aufgenommen, spielte mit Musikern des städtischen Orchesters. Er hat ja auch einigen Menschen geholfen, aber er legt doch ziemlich Wert darauf, dass das auch öffentlich gewürdigt wird, er braucht ja auch das Gebauchpinsele hier in der Stadt, und natürlich liebt er es, wenn dauernd sein Name als ‹guter Mensch› im Gespräch ist – das kann man ja kaum mehr aushalten.»

 

Ein Journalist stellte Fragen

 

An einem Wochenende im Juni 2016 ist der Schlosspark von Heidelberg – das Wahrzeichen der Stadt und eigentlich für die Öffentlichkeit bestimmt – abgesperrt. Wolfgang Marguerre hat den malerischen Park gemietet, um hier drei Tage lang seinen 75. Geburtstag zu feiern. Die Grasfläche lässt er mit Kunstrasen bedecken, was ihm vonseiten der Naturschützer den Vorwurf einbringt, er walze Molche und Kröten platt. Vor dem Eingang demonstriert ein Dutzend aufgebrachter Bürgerinnen und Bürger mit Plakaten wie: «Alles ist käuflich», «Bescheidenheit ist eine Zier», «Keine Privilegien für Reiche». 

Während Sicherheitsleute die unwillkommenen Gäste fernhalten, lässt Marguerre die willkommenen von Hostessen in kurzen Röcken begrüssen, wie die Journalistin Anna Hunger beobachtet. Mehrere hundert Personen sind eingeladen, darunter die gesamte Noblesse Heidelbergs. Seine beiden erwachsenen Söhne sind hier, ebenso die damalige Nummer 4 in der Hierarchie von Octapharma, Paulo Castro. In seiner Festrede charakterisiert Castro den Chef als grossen Macher, als «mutig, zupackend und bescheiden», der sich durch seine grosse Menschlichkeit «tief in die Herzen und Köpfe der Mitarbeiter» eingegraben habe. Von Castro werden wir noch hören. In den zweistöckigen Festzelten hängen schwere Kronleuchter, 40 000 Blumen leuchten. Als auf dem Höhepunkt der Party eine Marilyn-­Monroe-Darstellerin aus einer gigantischen Geburtstagstorte springt und ein Feuerwerk den Himmel über Heidelberg erleuchtet, will der Applaus kein Ende nehmen.

Und wenn doch einmal kritische Stimmen gegen den Patron laut werden, ist die Rhein-Neckar-Zeitung (RNZ) sofort zur Stelle. Sie ist Marguerres publizistische Leibgarde, Chefredakteur Klaus Welzel ist für die schier unzählbaren positiven Artikel über den Octapharma-Chef verantwortlich. Als im Februar 2017 die Arte-Dokumentation von François Pilet und Marie Maurisse die Geschäftspraktiken von Octapharma in den USA anprangert, suggeriert Chefredakteur Welzel per Kommentar, dieser Film sei von der Konkurrenz provoziert worden.

Ein RNZ-Redakteur aber, so eine Geschichte, die in der gut informierten Heidelberger Stadtgesellschaft und in den politischen Parteien kursiert, ist neugierig geworden und schickt Marguerre einige Fragen zu diesem Film. Dieser, so heisst es, informiert daraufhin die RNZ-Chefetage, weshalb der betreffende Redakteur heute nicht mehr an seinem gewohnten Platz sitzt, sondern für die regionalen Seiten schreibt, weit weg von der Zentrale. Er schweigt beharrlich auf Anfragen, und Chefredakteur Welzel meint: «Ich sehe mich nicht als geeigneten Gesprächspartner, um pauschal über die Rolle von Herrn Marguerre für Heidelberg zu reden. Deshalb möchte ich von einem Interview absehen. Ich kann Ihnen jedoch auf diesem Weg mitteilen, dass ich in Herrn Marguerre einen bedeutenden Mäzen für das Heidelberger Kulturleben sehe, ohne den die von der RNZ unterstützte Rettung des Heidelberger Stadttheaters so nicht möglich gewesen wäre. Und ich hoffe, dass die Sanierung der Stadthalle in ein ähnlich positives Ergebnis münden wird.»

Aber auch Welzel kann nicht verhindern, dass die Schattenseite gelegentlich durchschimmert. 2010 verursacht das Octapharma-Produkt Octagam in den USA überdurchschnittlich häufig Thrombosen. Mehrere Personen erleiden Schlaganfälle, mindestens eine – Susan G. Sieger – stirbt nach monatelangem Leiden. Octapharma muss das Produkt vom Markt nehmen. Die Anwälte von Susan Sieger machen auf eine gefährlich hohe Anzahl von Unreinheiten aufmerksam, als Folge einer Herstellungspraxis, die die gängigen Industriestandards und Sicherheitsmassnahmen verletze.

In einem Branchen-Online-Forum namens Cafepharma bestätigen Mitarbeitende die bisweilen mangelnde Qualität der Produkte. So sei es bei Octapharma – in Anlehnung an einen James-Bond-Film firmenintern «Octapussy» genannt – an der Tagesordnung, dass das Plasma bereits Stunden vor der Weiterverarbeitung aus den Tiefkühltruhen genommen werde, was die Gefahr einer Kontamination mit Keimen erhöht. Entsprechend ein absolutes No-Go bezüglich Produktesicherheit. «Wenn [Octapussy] bei PPTA QSEAL mitgemacht hätte, wäre all das nie passiert.» PPTA QSEAL ist ein freiwilliges Programm zur Qualitätssicherung, dem sich die meisten Mitglieder der Branche unterziehen. Eine weitere Stimme meint: «Octapussy, nur du kannst uns nach dem Produkterückruf retten. Oder müssen wir nun für immer den Stempel tragen, korrupt und verachtenswert zu sein?» Die Einträge gipfeln in der Aussage, dass die gesamte Plasmaversorgung «ohne Octapharma» sauberer wäre.

«Jeden Tag erfüllen unsere Mitarbeiter die höchsten Sicherheits- und Qualitätsstandards, so wie es die Sicherheitsbehörden verlangen und unsere Patienten erwarten», versichert Marguerre in einem Firmenvideo. Doch auch die Patienten scheinen es anders zu sehen: Im Ranking von Patient View, einer Organisation, die aufgrund von Umfragen bei 1920 Patientenorganisationen jedes Jahr die Zufriedenheit mit Pharmaunternehmen ermittelt, rangiert Octapharma 2020 auf Platz 32 von 48 und damit ähnlich weit hinten wie bereits in den Jahren 2017 und 2018. 2019 hat die Firma mit Platz 20 besser abgeschnitten.

 

1049 Seiten lange Klageschrift

 

In Frankreich darf nur eine vom Staat beaufsichtigte Organisation, das Etablissement français du sang, Plasma sammeln, nach der von Bernard Horowitz entwickelten Solvent-Detergent-Methode (SD-Methode) Viren inaktivieren und an die Krankenhäuser liefern, so will es die französische Arzneimittelagentur ANSM. Private Unternehmen, die für Spenden zahlen, sind ausgeschlossen. Octapharma fühlt sich durch den Entscheid der ANSM wirtschaftlich benachteiligt und klagt 2010 vor dem Gerichtshof der Europäischen Union. Das Gericht entscheidet 2014 zugunsten von Octapharma. Seither darf das Etablissement français du sang kein SD-vireninaktiviertes Plasma mehr produzieren, sondern muss die Produkte von Octapharma vertreiben. Unter den 2850 Blutspendenorganisationen Frankreichs bricht Entrüstung aus. Sie sehen die ethische Tradition ihres Landes gefährdet: Gemäss dem «Code de Santé publique» dürfen keine finanziellen Vorteile aus der Blutspende erwachsen. Die Union der Blutspender der Region Drôme fordert die angeschlossenen Verbände auf, ebenfalls «ihre Tätigkeiten einzustellen». Doch das ändert nichts. Von nun an hat bei SD-Plasma Octapharma in Frankreich das Sagen. In einem anderen EU-Land ist das schon länger der Fall. Nämlich in Portugal.

Wann genau die frühere Nummer 4 in der Hierarchie des Unternehmens, Joaquim Paulo Nogueira Lalanda e Castro, kurz Paulo Castro, mit seiner Art von Geschäftsförderung beginnt, ist nicht bekannt. Der gebürtige Portugiese ist bereits seit 1988 bei Octapharma tätig. Castro trug zuletzt den ebenso schönen wie unverständlichen Titel «President of the Global Management Committee».

1992 gründet Castro die Octapharma-Niederlassung in Portugal und steigt dabei zum Verwalter des landesweiten Monopols in Sachen Verkauf von Plasma und anderen Blutprodukten auf. Er fährt Luxusautos, speist in den besten Restaurants der Welt und avanciert zum Multimillionär. Das alles geschieht unauffällig – bis sein Name 2014 durch die portugiesischen Medien rast, aber wenig später mit der gleichen Geschwindigkeit, wie er bekannt geworden ist, wieder verschwindet. Castro ist in Portugal in gleich vier der umfangreichsten polizeilichen Ermittlungen der letzten Jahre verwickelt. Es geht um Korruption und Geldwäsche, Fälschung und Steuerbetrug.

Die Geschichte fliegt auf, weil Castro im Januar 2013 den Fehler macht, sich mit José Sócrates einzulassen, einer schillernden Figur und ehemaligem Premierminister des Landes. Castro stellt Sócrates als Octapharma-Berater für den Geschäftsbereich Lateinamerika ein, offiziell mit einem monatlichen Gehalt von 12 500 Euro. Mit der Anstellung sind allerdings klare Vorstellungen verbunden: Es ist öffentlich bekannt, dass der Sozialist Sócrates ein Freund von Lula da Silva ist, dem ehemaligen Präsidenten Brasiliens.

Castros Schachzug scheint zunächst aufzugehen. Nur einen Monat nach seiner Anstellung trifft sich Sócrates mit dem damaligen brasilianischen Gesundheitsminister und Mitstreiter da Silvas, Alexandre Padilha, um die Möglichkeiten eines Ausbaus der Geschäftsbeziehungen zu erörtern. Dabei steht Octapharma bereits unter Beobachtung der brasilianischen Bundespolizei; Codename der Untersuchungen: «Operation Vampir». Die Behörden beschuldigen Octapharma, Teil eines Kartells zu sein, das sich das Ziel gesetzt hat, bei Ausschreibungen des brasilianischen Gesundheitsministeriums für den Erwerb von Blutprodukten die Preise in die Höhe zu treiben. Auch hier scheint es vor Scheinfirmen geradezu zu wimmeln.

Ende November 2014 durchsuchen Beamte des Finanzamts das Hauptquartier von Octapharma in Lissabon, am nächsten Tag verhaften sie Sócrates auf dem Flughafen der portugiesischen Hauptstadt. Sie stecken ihn ausgerechnet in jenes Gefängnis, das er Jahre zuvor selbst eingeweiht hat. Vorwurf gegen den früheren Premierminister: Sócrates erhalte nicht nur die deklarierten 12 500 Euro im Monat, sondern zusätzlich nochmals dieselbe Summe – undeklariert.

Eigentlich keine allzu grosse Sache, wie es auf den ersten Blick scheint. Doch als die portugiesische Staatsanwaltschaft tiefer stochert, wird deutlich, dass der Vorwurf an Castro, er habe Sócrates bestochen, nur die Spitze des Eisbergs ist. Als Folge wird Castro am 14. Dezember 2016, rund ein halbes Jahr nach seiner denkwürdigen Rede an Marguerres Geburtstagsfeier, mitten in einer Sitzung des Managements der Octapharma-Gruppe in Heidelberg verhaftet. Gleichzeitig durchsucht die schweizerische Bundesanwaltschaft die Räume des Octapharma-Hauptsitzes in Lachen. Vorwurf der Anklage: Castro habe Beamten des nationalen Gesundheitsdienstes Portugals über 15 Jahre hinweg Geld gezahlt, um sich das Monopol für die Lieferung von Plasmaprodukten an ebendiesem Gesundheitsdienst zu sichern. Daraus sei dem Staat ein Schaden in Höhe von mehr als 100 Millionen Euro entstanden.

Octapharma stellt Castro am Tag nach dessen Verhaftung frei. Man habe eine «Nulltoleranz» bezüglich finanzieller Gefälligkeiten, lässt die Firma verlauten, und: «Wir sind überzeugt davon, dass Castro von jeglichem Fehlverhalten freigesprochen wird.»

Die portugiesische Staatsanwaltschaft erstellt eine 1049 Seiten umfassende Anklageschrift, die das ganze Ausmass der Korruption zeigt. Der Wälzer, in den das portugiesische Magazin Visão Einblick hatte, listet auf, was Castro alles getan haben soll, damit Octapharma Ausschreibungen zur Lieferung von Plasma und Blutderivaten an öffentliche Krankenhäuser gewinnen konnte. So wird dem früheren Octapharma-Direktor unter anderem vorgeworfen, einem der Beamten des nationalen Gesundheitsdienstes ein Doppelhaus in Porto, eine Wohnung in Lissabon und einen Audi A5 zur Verfügung gestellt zu haben. Hinzu sollen auch zahlreiche Reisen und Hotelaufenthalte sowie Barzahlungen gekommen sein. Von den Schmiergeldern profitierte, so die Klageschrift, Castro persönlich. Aufgrund der hohen Verkäufe zahlte ihm Octapharma entsprechende Boni. Diese wurden bis 2013 an eine Offshore-Gesellschaft namens Ruby Capital Corporation ausbezahlt, die Castro Jahre zuvor auf den britischen Jungferninseln gegründet hatte. 35 Millionen Euro stellte die Justiz auf den Konten der Firma sicher. Eine Untersuchung der Geldbewegungen rund um die Gesellschaft soll nun zeigen, ob sich Castro zusätzlich zu den anderen Anklagepunkten auch noch des Steuerbetrugs und der Geldwäscherei schuldig gemacht hat.

Die Anklageschrift entlastet Octapharma als Unternehmen. Castro habe die Bestechungen im eigenen Interesse lanciert: Je mehr Blutprodukte er verkaufe, desto höher fielen seine Provisionen aus.

Der Manager wartet bis heute auf seinen Prozess. Nicht etwa in einem Gefängnis, sondern in der Schweiz, in seiner Villa in Schindellegi, keine zwanzig Minuten entfernt vom Octapharma-Hauptsitz in Lachen. Das Verfahren versucht er immer wieder mit juristischen Tricks hinauszuzögern. Im Oktober 2020 behaupteten Castros Anwälte in Portugal, der Richter sei voreingenommen. Dieser sei einst bei Castros Grossonkel in die Schule gegangen, habe dort möglicherweise unter dessen Strenge gelitten, weshalb er sich nun vielleicht an ihm, Castro, rächen wolle.

 

Lebenslanges Schweigen

 

Nach 45 Minuten ist unsere Plasmaspende in Cleveland beendet. Die Hände kribbeln etwas, leichter Schwindel macht sich bemerkbar – die üblichen und häufigsten Nebenwirkungen. Derzeit arbeitet Octapharma an einem Medikament gegen Covid-19. Basis sind intravenös verabreichte Immunglobuline, also Antikörper. Diese Eiweisse gehören zum Immunsystem und können Krankheitserreger erkennen und bekämpfen. In einer klinischen Studie testet Octapharma, ob eine hochdosierte Antikörpertherapie die Verschlechterung der Atmung bei Patienten mit schwerem Covid-19-Verlauf verlangsamen oder gar aufhalten kann.

Die Wirkung von infundierten Immunglobulinen als Gegenmittel gegen Infektionskrankheiten ist schon lange bekannt. Während der Spanischen Grippe zwischen 1918 und 1920 senkte diese Form der Immuntherapie die Sterblichkeit um bis zu einem Viertel. Dass Antikörper auch gegen Covid-19 helfen, ist allerdings umstritten. Das New England Journal of Medicine berichtete im Februar 2021, dass gemäss einem medizinischen Gremium «die Daten unzureichend sind, um eine Empfehlung für oder gegen die Verwendung von Rekonvaleszenzplasma auszusprechen». Bereits im Herbst 2020 hatte eine im angesehenen medizinischen Fachmagazin BMJ publizierte Studie aus Indien ergeben, dass eine Infusion mit Plasma von ehemaligen Covid-19-Patienten – und damit ihren Antikörpern – «nicht mit einer Verringerung der Progression zu schwerem Covid-19 oder der Gesamtmortalität» in Verbindung gebracht werden kann.

Weshalb setzt Octapharma auf einen therapeutischen Ansatz, der wissenschaftlich umstritten ist und wenig Erfolg verspricht?

Das wäre die letzte der insgesamt 54 Fragen gewesen, die wir Wolfgang Marguerre gern gestellt hätten.

In Ländern wie Indien und Pakistan sehen an Covid-19 erkrankte Menschen im Plasma von Genesenen trotz gegenteiliger Evidenz ein Wundermittel und zahlen auf dem Schwarzmarkt bis zu 4000 Dollar für einen einzigen Beutel Plasma. In mindestens einem Fall war es von so schlechter Qualität, dass der Empfänger verstarb.

Und Ian Reddie, jener Mann, der uns seine volle Unterstützung zusicherte, damit wir über die Hintergründe seiner Krankheiten recherchieren, nach seiner ersten Antwort aber nur noch eisern schweigt?

Alle weiteren E-Mails unsererseits – insgesamt sieben in immer dringlicherem Tonfall – liess Reddie verhallen. In den sozialen Netzwerken postet er seit Dezember 2020 nicht mehr. Verunsichert, ob Reddie an Covid-19 erkrankt oder als Hochrisikopatient gar gestorben war, wandten wir uns an die neuseeländische Gesellschaft für Hämophile, die uns bereits zum ersten Kontakt mit Reddie verholfen hatte. Doch diesmal erhielten wir auch von dieser Seite keine Antwort. Also machten wir Reddies Mutter ausfindig. Sie schrieb sofort zurück, fragte: «Worum geht’s?». Als wir das Stichwort «Blutplasma» fallen liessen, brach auch sie den Kontakt ab.

Den Grund für Reddies Schweigen begriffen wir erst dank der englischen Aktivistinnen Carol Grayson und Colette Wintle. Ian Reddie hat aller Wahrscheinlichkeit nach bereits 2001 einen Maulkorb erhalten, als Armour die Entschädigung überwies. So wie die meisten Opfer dieses schmutzigen Geschäfts darf er nicht darüber sprechen, was ihm widerfahren ist. «Das ist üblich so», sagt Grayson. «Die Schweigeklausel soll die Aufmerksamkeit weiterer Geschädigter verhindern.» Durch die Zahlung der Entschädigung erkauft sich die Branche deren Einverständnis, lebenslang zu schweigen.

Wir verlassen das Spendenzentrum an der East 105th Street. Auf dem Parkplatz treffen wir auf R. J., einen 58-jährigen Bauarbeiter in rotem Kapuzenpulli. R. J. ist Stammspender bei Octapharma. Man gewöhne sich daran, sagt er vom Vordersitz seines Autos aus: «Plasmaspenden ist eine Routine wie jede andere.» Damit mache er etwa 70 Dollar die Woche. «Ich gehe rein, sie bezahlen mich, ich habe Taschengeld.»

Er beschwert sich nicht.

 

 

Diese globale Betrachtung zu einem Thema wurde finanziert durch den Reportagen-Recherchefonds (reportagen.com/recherchefonds).

 

 

Gehört mein Körper mir?

Als Charles Byrne mit 21 Jahren nach London kam, war er eine Sensation. Nach eigenen Angaben mass der «irische Riese» über zweieinhalb Meter, eine Körpergrösse, die auch heute noch für Aufsehen sorgen würde – und im Jahr 1782, als Byrne seine Karriere begann und Europäer im Schnitt etwa 167 cm niedrig waren, erst recht. Doch lange sollte sein Ruhm nicht währen: Bereits nach einem Jahr in London verstarb der Riese, angeblich an zu viel Alkohol. Weil er auf gar keinen Fall Anatomen in die Hände fallen wollte, verfügte Byrne, dass sein Körper auf See bestattet werden sollte. Doch der Chirurg John Hunter bestach einen der Bestatter und konnte den Sarg abfangen, bevor dieser im Ärmelkanal versenkt wurde. Noch heute kann Byrnes Skelett, in Wirklichkeit 2,31 Meter hoch, im Hunterian Museum in London besichtigt werden. Byrnes Geschichte berührt ein noch immer ungelöstes Problem der Philosophie: Eigentum am eigenen Körper. Darf ein Staat den Einzelnen im Interesse der Gesamtbevölkerung etwa zur Corona-Impfung zwingen? Warum gilt freiwillige Blutspende als ein Akt der Nächstenliebe, während dieselbe Tätigkeit gegen Bezahlung moralisch verpönt ist? Wie verhält es sich mit Sterbehilfe? Und soll bei Organspenden nach dem Tod denn nun eigentlich die Zustimmungs- oder die Widerspruchslösung gelten? Zur Erinnerung: Bei ersterer muss ein Mensch zu Lebzeiten aktiv der Organspende zustimmen, bei letzterer werden die Organe nach dem Ableben automatisch entnommen, es sei denn, der Mensch hat dem Eingriff zuvor widersprochen. Wie seinerzeit Charles Byrne. Medizinethiker fordern seit Jahren, das frühere

Unrecht zu korrigieren und den Riesen wunschgemäss auf See zu bestatten. Das Londoner Museum indessen beharrt darauf, Byrnes Skelett für Bildungs- und Forschungszwecke für die Allgemeinheit zu erhalten.

Autoren

Über ein Jahr hat der Journalist Christian Schmidt für die Reportage über die Plasmaindustrie recherchiert. «Früher habe ich selbst Blut gespendet, freiwillig natürlich, wie in der Schweiz üblich», erzählt Schmidt. Später war er, diesmal als Patient, auf Transfusionen auf Plasmabasis angewiesen. Er wollte eine Branche durchleuchten, die sich «gutmenschlich» gibt, es aber nicht ist. Unterstützung bekam Schmidt von der portugiesischen Investigativreporterin Sílvia Caneco, die unter anderem für das Magazin Visão bereits über diverse Skandale im Zusammenhang mit Blutplasma berichtet hat, sowie von Mario Damolin, einem Rechercheur und Filmemacher aus Heidelberg, der über beste Kontakte in alle Schichten der Stadtgesellschaft verfügt.

 

Mehr vom Autor:

Reportagen#10 — Die Zellen meiner Schwester — von Christian Schmidt

Christian Schmidt, Sílvia Caneco, Mario Damolin unterwegs:
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