Geschichte neben der Geschichte

Als der Illustrator Olivier Kugler das erste Mal im schottischen Petershead war, verwöhnte ihn seine Landlady mit einem Essen, das sonst nur gute Freunde und Verwandte bekommen: selbst gemachte Fish & Chips.

Lucas Hugelshofer

Der Comiczeichner und Illustrator Olivier Kugler bereiste für seine Reportage Fish & Chips – Englands bedrohte Art zusammen mit dem Journalisten Andrew Humphreys die Küsten Englands und Schottlands. In Peterhead an der Nordostküste Schottlands war er für seine Recherchen gleich zwei Mal. Er wohnte da jeweils für ein paar Tage bei einer Frau, die ein Zimmer ihrer kleinen Wohnung an Gäste vermietet. Als er das erste Mal bei ihr war, verwöhnte sie ihn mit einem Essen, welches man in Petershead sonst nur guten Freunden und Verwandten vorsetzt: selbst gemachte Fish & Chips.

Traditionellerweise werden Fish & Chips am Freitagabend bei einem Chippie, einem Fish & Chips-Laden, gekauft und mit nach Hause genommen. Sie werden aber oft auch unterwegs gegessen, im Gehen, auf dem Heimweg, auf dem Weg zum Fussballstadion – wo immer man seinen Hunger stillen will. Zum Besuch der Küste gehört der Besuch beim Chippie, da werden die Fish & Chips an der Uferpromenade oder am Pier gegessen. Olivier traf bei seinem ersten Besuch nicht an einem Freitag, sondern an einem Sonntag ein. Und zwar am 11. November 2018, dem Remembrance Sunday, dem 100. Jahrestag der Einstellung der Kampfhandlungen im Ersten Weltkrieg 1918. Die Tochter seiner Landlady, die ebenfalls zum Festmahl eintraf, hatte sich deshalb ein Remembrance Poppy, eine rote Mohnblume zum Gedenken an die Kriegstoten, angesteckt. 

Die selbstgemachten Fish & Chips waren köstlich. Die Gastgeberin von Olivier hatte statt dem üblichen Kabeljau und Schellfisch die edleren Sorten Steinbutt und Seeteufel verwendet. Diese Fische hätte sie von ihren Nachbarn erhalten. «It's all wheeling and dealing», meinte sie. Wenn man im Fischerstädtchen Petershead jemandem einen Gefallen tut, wird man dafür in Form von Fisch entlöhnt. Die See ist in Peterhead allgegenwärtig. So sieht es auch in der Wohnung der Landlady aus wie auf einem Schiff, gebaut von ihrem Vater, der ursprünglich ein sehr geschickter Tischler war. Er wollte aber unbedingt zur See fahren. So verschlug es ihn zuerst zur Royal Navy in Gibraltar. Dann wurde er Fischer. Er habe, meinte Oliviers Gastgeberin, jeden Tag Fish & Chips gegessen. Keine wirklich gesunde Ernährung, dennoch wurde er 87 Jahre alt. Zweimal sei ihr Vater allerdings fast gestorben – bei der Fischerei. Das eine Mal habe er sich in einem Netz verfangen, welches mit schweren Gewichten behängt ist, damit es mit grosser Geschwindigkeit sinkt. Ein Freund reagierte schnell genug, sprang ins Wasser und befreite ihn. Die Fischerei ist ein gefährlicher Job. Und der Lohn für die schwere Arbeit ist höchst unsicher – wenn es gut läuft, kann man richtig gut verdienen, wenn es schlecht läuft, verdient man fast nichts. In der Ölindustrie ist das anders und die Arbeit weniger hart. 

Die Söhne der Landlady sind deshalb umgestiegen und arbeiten in der Ölförderung. Zuerst in den Ölfeldern vor Schottland. Als da die Suche nach Öl schwierig wurde, mussten sie in die Welt hinaus. Der eine nach Doha in Katar, der andere erst nach Thailand, dann nach Russland, um dort beim Bau der Gasleitung Nord Stream nach Deutschland mitzuhelfen. Oliver Kugler beleuchtet dieses Thema auch in seiner Reportage: Die Schotten fahren nicht mehr selbst hinaus aufs Meer, um zu fischen, sondern suchen sich besser bezahlte Jobs im Ausland. Schottlands Fischerei funktioniert heute wegen den Gastarbeitern. In Petershead sind es häufig Philippinos, die hier ihr Glück suchen. 

Oliviers Interesse am Fischfang hat mit seiner langjährigen Beschäftigung mit der Migration zu tun. «Der Fischfang ist mit der Migration eng verbunden», meint der Autor. Auch die Grossmutter seiner Landlady war eine Migrantin. Als sogenannte Fish Quine, Fisch-Mädchen, reiste sie jedes Jahr über Monate den Heringsschwärmen nach. Vom Norden Schottlands bis an die Küste Mittelenglands. Sie war immer in den Fischerhäfen, wo die Fischer die Heringe an Land brachten, nahm die Fische aus, salzte sie und legte sie in Holzfässer ein. Aus der Migration entstanden ist auch der lokale schottische Dialekt Dorisch, den man in Petershead spricht – so auch Oliviers Gastgeberin und ihre Tochter. Er ist entstanden, erzählt Olivier, weil sich holländische Fischer in Nordostschottland niedergelassen haben. Seine Landlady habe ihm von eins bis zehn vorgezählt, das klinge schon fast ein bisschen deutsch.