Gestrandet: Antwerpen

Mit der MS «Michaela» einmal den Rhein runter von einem Hafen im Ruhrpott bis nach Rotterdam. Eine Meditation, die später im Reiseteil der Zeit erscheinen sollte. Das war der Plan.

Philipp Wurm

Ich sah Metallschrott und Elektroschrott, Stahlschrott und Brennerschrott, Scherenschrott und Mischschrott. Hier endete meine Dienstfahrt also: zu Füssen einer monströsen Abfallhalde, aufgeschichtet im Hafen von Antwerpen. Dabei hatte ich mir meinen Trip so idyllisch vorgestellt: Ich wollte mich absetzen und innerlich reinigen. Nicht mehr das Leben eines Hauptstadtreporters führen, der in die schmutzigen Tiefen der Gesellschaft eintaucht, von Kriminalität und Radikalisierung berichtet, von Rockern, Drogendealern und Söldnern. Ich wollte aussteigen, zumindest für eine Woche. Also gönnte ich mir eine entschleunigende Recherche, eine Wohlfühlgeschichte: die Fahrt auf dem MS «Michaela», einmal den Rhein runter von einem Hafen im Ruhrpott bis nach Rotterdam. Untermalt von Möwen und Schiffshupen, gebettet in einen Fluss, dessen sanfter Strom meine von der Realität lädierte Seele kurieren würde. Eine Meditation, die später im Reiseteil der Zeit erscheinen sollte.

Meinen Trip hatte ich bei einem Reisebüro in Wuppertal gebucht, das darauf spezialisiert ist, übermüdete Grossstädter wie mich an Bord zu verfrachten. Auf den Rhein, manchmal sogar auf Weltmeere. Der besondere Dreh: Der Passagier besteigt echte Frachter, die Güter geladen haben und den Geruch von Maschinenöl verströmen. Mit der Mannschaft teilt man sich Kajüte und Küche. 

Statt Schifffahrtsromantik offenbarte mir meine Reise aber nun dieses gewaltige Schrottmassiv. Gelegen in Europas grösstem Binnenhafen, 150 Quadratkilometer russ­verschmierte Hässlichkeit.

 

Dabei war ich am Tag zuvor noch wie geplant in den Frachter gestiegen, den mir der Veranstalter vermittelt hatte, an einem Pier in Duisburg. Gesteuert wurde das Schiff von einem Kapitän, der Stephen-King-Romane auf der Kommandobrücke las und eine mari­neblaue Weste trug. Wir fuhren den Fluss stromabwärts, erreichten irgendwann die Schelde, die A 1 unter Belgiens Wasserstrassen, – und ankerten schon nach einem Tag, just an jenem Schrottplatz, der sogar als Kulisse für ein belgisches Schimanski-Remake zu schroff gewesen wäre. 

 

Im aufziehenden Nebel sagte der Kapitän: «Ich wäre dann mal weg.» Keine fünf Minuten später sah ich von seinem VW Phaeton, den ein Kran zuvor ans Ufer gehievt hatte, nur noch die Heckscheibe. Der Kapitän hatte sich abgesetzt, in ein Dorf nahe Meppen, «um auszuspannen».

Seine Fracht hätte im Hafen gelöscht werden sollen, zerpflügte Metallteile, die einmal zu Kühlschränken und Stereoanlagen gehörten. Doch es gab, hatte der Kapitän mitgeteilt, «terminliche Verzögerungen». Entladung erst in sechs Tagen. Bis dahin könne ich auf dem Schiff bleiben mit seinen Bootsleuten, ich hätte ja eine Woche Ferien gebucht. Das war's mit meiner inneren Einkehr. Keine Pilgerfahrt bis nach Rotterdam, keine Lustreise bis zur Loreley, entlang von Weinbergen und Ritterburgen. Stattdessen Endstation an einem Areal, auf dem Unrat angehäuft wird, um diesen zu schreddern, zu pressen und zurückzuspeisen in den Rohstoffkreislauf, vor allem in die Hochöfen der Schwerindustrie. «Belgian Scrap Terminal», las ich auf einem Schild am Kai. 

 

An diesem unwirklichen Ort und den dahinterliegenden Relikten des Hafengeländes, den Kränen und Lastwagen, Tanks und Silos, Güterbahnhöfen, Lagerhallen und Kaschemmen, verschoben sich die Perspektiven. Vom Erholungsreisenden verwandelte ich mich in einen Reporter zurück, der in der Wirklichkeit ein abgründiges Epos sieht.

Schrottplatz und Hafen erschienen mir als Topografie einer Halbwelt, vor der ich ursprünglich geflohen war. Ein Drehkreuz, das Waren und Geschäften eine Bühne gibt, aber auch Männerseilschaften und faustischen Pakten. Vielleicht auch Gewalt, nach Einbruch der Dunkelheit.

In den Baggerfahrern, die Elektroschrott auf Lastwagen luden, sah ich Komplizen eines Hehler-Rings. Mein Phantasma: dass ihre Fuhren an dubiose Händler weitergereicht werden, die sie nachts, über eine heimliche Route, nach Accra verschiffen. Wo der Müll für Mondpreise verkauft wird.

In den Mittagsgästen der Frittenbude sah ich Zuhälter, die abends im Flat-Rate-Bordell von ihren Huren abkassieren. Ich vergegenwärtigte mir, dass das schmutzige Geld womöglich in Immobilien in der Antwerpener Altstadt fliesst. 

In den Lageristen der Reedereien sah ich Schmuggler, die zwischen Holzkisten luftdicht verpackte Kokainplatten hervorholen, bedruckt mit Ferrari-Pferdchen, dem Branding eines Drogenkartells. Ich ersann, wie die einzelnen Tranchen zu Grosshändlern in Berlin oder Frankfurt gefahren werden. 

In den Anzugträgern hinter den Fenstern einer Baufirma sah ich Strippenzieher der White-Collar-Kriminalität. Sie redeten, so spekulierte ich, über eine geplante Hafen­erweiterung; es ging um die Bestechung eines Baurats, um den Auftrag zu ergattern. 

 

Während ich mich weiter durch die Industrie- und Gewerbelandschaft halluzinierte, war die Sonne fast untergegangen. In ihrem wüsten Orange sah ich meine Fluchtreflexe dahinschmelzen. Ich kehrte ein in einer Total- Tankstelle, die an einen Kreisver­­­kehr grenzte. An einem Stehtisch trank ich einen Kaffee, als sich ein Mann mit Halbglatze zu mir gesellte, um die 50, gekleidet in Jeans und Hemd, womöglich ein Firmenvertreter. Ich verwickelte ihn in ein Gespräch. 

«Der Hafen von Antwerpen ist wie Sodom», klagte er. «Ein Umschlagplatz für Drogen, eine Schaltstelle des Menschenhandels. Aber glaubʼ ja nicht, dass du je selbst Zeuge davon wirst.» Man könne sich den ganzen Sumpf höchstens ausmalen. Die imaginierten Geschichten ergäben bestimmt einen tollen Plot für eine HBO-Serie, sagte er. Ich antwortete, dass ich sofort einschalten würde.

 

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