Gestrandet: Bahnhof Mannheim

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Gestrandet in Mannheim, mitten in einem irren Flashmob.

Philipp Wurm

Es war der irrste Flashmob, der je eine deutsche Stadt bevölkerte. Vom Bahnhofsvor­­platz bis in die Fussgängerzone hatten sich seine Marscheinheiten ausgedehnt. An den Knien der jungen Männer schlotterten kurze Ho­-sen in Tarnfleckfarben. Auf ihren T-Shirts prangten pathosschwere Sprüche, etwa: «Lieber stehend sterben, als knieend leben». Die Männerkehlen gröhlten, und wenn ei­-ner den anderen zum Flachs in die Seite stupste, zischte der Gefoppte: «Ey, du Fotze!»

«Faschisten!», hätte die Antifa wohl diese krude Armee von Dorfjugendlichen genannt. Für mich waren sie an diesem Abend unfreiwillige Leidensgenossen – ein paar hundert Kilometer von meinem Zuhause in Berlin-Neukölln entfernt, mitten am Mannheimer Hauptbahnhof.

Dabei hatte ich geglaubt, ihrem Schatten längst entkommen zu sein. Zuvor hatte ich mit ihnen den zertretenen Boden eines Konzertgeländes am Hockenheimring geteilt. Genaugenommen mit 100 000 von ihnen. Eine Schützenfestgemeinde, deren Könige tätowierte Altherrenmusiker aus Frankfurt waren: die Böhsen Onkelz, in den frühen achtziger Jahren einmal die Urheber von Neonazi-Hymnen wie «Türken raus». Heute komponieren sie Rockmusik für weisse Männer im Delirium.

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