Gestrandet: Beirut

Der Stromgenerator, beliebt in Ländern mit unzuverlässigem Elektrizitätsnetz.

Theresa Breuer

33° 53' 13” N, 35° 30' 48” E

Niemals sollte ein Reisender den Fauxpas begehen, Libanesen als Araber zu bezeichnen. Habibi, wir sind keine Araber, wir sind Phönizier!, ist ein Satz, den man oft in Beiruter Restaurants hört, wo Dünkel in der Luft und Kronleuchter an der Decke hängen. Die Libanesen identifizieren sich mit diesem Volk, das vor 3000 Jahren im heutigen Fischerdorf und der damaligen Weltstadt Byblos das erste Alphabet entwickelt hat. Um sich vom Arabischen weiter abzusetzen, lassen sie oft etwas Französisch in die Begrüssung einfliessen: «Bonjour, keefik, ça va?», lautet die Standardformel jener, die fehlende Arabischkenntnisse mit ihrer französischen Erziehung entschuldigen. 

Kein anderer Ort im Nahen Osten ist so verliebt in sein eigenes Klischee wie Beirut. Ähnlich einem alternden Playboy ist es auf seine glorreiche Vergangenheit fixiert, hört nicht auf, von den Tagen zu erzählen, als Brigitte Bardot hier tanzte und Peter O’Toole an seinen Bars trank. Es hat etwas Verzweifeltes, wie sich die libanesische Hauptstadt an den Mythos klammert, das Paris des Nahen Ostens zu sein. Schon lange zieht der Jetset an andere Orte. Schon lange ist Beirut zu laut, zu schmutzig, zu heruntergekommen.

Die Narben von 15 Jahren Bürgerkrieg, der 1990 endete, hat die Stadt vielerorts dick, doch stellenweise nur dürftig überschminkt. Sie versucht es weiterhin, wie auch ihre Einwohnerinnen, die morgens in pinken Tops und mit farblich abgestimmtem Lippenstift Corniche, die Uferpromenade, entlangjoggen. Das Zentrum Beiruts ist wieder aufgebaut, aber es gleicht heute einem Disneyland für Orientalisten. Die Architektur ist der französischen Kolonialzeit und dem Osma­nischen Reich nachempfunden – sie steht im Widerspruch zum Rest der Stadt. 

Wie es sich für Beiruter Damen gehört, schlage auch ich mich morgens um sechs durch auf meinem Weg vorbei an Chanel-­Boutiquen und Bürgerkriegsruinen an die palmengesäumte Seepromenade. Eigentlich bin ich keine Frühaufsteherin. Doch später joggen zu gehen, ist unmöglich. Ab sieben Uhr morgens ist die Stadt von Abgasen so verpestet, dass ich anstelle eines Zehn-Kilometer-Laufs zwei Schachteln Zigaretten rauchen könnte. Neuerdings kommt erschwerend hinzu, dass die Frühlingswärme den Geruch von fauligem Müll aus den Vor­orten Beiruts heranträgt. 

Wie kommen die Müllmassen in die Vororte? Das Debakel begann im Süden der Stadt. Dort befindet sich ein Ort, der meiner Vorstellung von Vorhölle nicht unähnlich ist: die grösste Mülldeponie des Landes. Letzten Sommer blockierten Anwohner die Deponie. Sie waren es leid, den stetig wachsenden Abfallberg riechen zu müssen, der von den zugelassenen 2 Millionen Tonnen über die Jahre auf 20 Millionen angewachsen war. 

Die Regierung hatte von dem drohenden Problem gewusst und nichts getan. Als der Abfall die Gehwege blockierte und die Luftverschmutzung unerträglich wurde, gingen die Menschen auf die Strasse.
«Ihr stinkt!», riefen sie den Mächtigen zu. Sie wurden lauter, wütender, die Armee schritt ein, es gab Handgreiflichkeiten. Doch dann verloren alle irgendwie das Interesse. Hauptsächlich deshalb, weil die Regierung den Müll ausser Sichtweite der Einflussreichen und Schönen schaffen liess und ihn den Armen der Vororte vor die Füsse warf. 

Ich würde ja nicht meckern, wenn die Abfall­entsorgung das einzige infrastrukturelle Problem des Landes wäre. Doch das ist nur die Spitze des Müllberges. Im Sommer verbringe ich Stunden damit, Wasserkanister zum Tank auf dem Dach zu schleppen, weil die öffentliche Wasserversorgung versagt. Das Internet ist so langsam, dass ich seit Monaten keine neuen Serien mehr schauen kann. Und drei Stunden am Tag brummt mir der Stromgenerator in unserem Haus wie ein Tinnitus im Ohr, weil der Strom nicht ausreicht, um die Bevölkerung 24 Stunden am Tag zu versorgen. 

Im Moment herrscht ausnahmsweise Stille. Heute Morgen hat mir das Elektrizitätswerk den Strom abgestellt. Zugegeben, dieses Mal bin ich selber schuld. «Zu lange nicht gezahlt», sagte der Mann der Strombehörde eben zu mir am Telefon. Ich bot an, das Geld vorbeizubringen. «Nee», entgegnete er, «ist schon Feierabend.» Das war um 13 Uhr 49, vor etwa fünf Minuten. 

Ich lebe freiwillig in Beirut – ja, warum eigentlich? Um das zu verstehen, muss man einen Blick auf die Nachbarstaaten im Nahen Osten werfen: Ägypten foltert Oppositionelle zu Tode und lässt sich von westlichen Politikern als Stabilisator in der Region feiern. Die Türkei bombardiert die Kurden und deportiert fleissig einen Journalisten nach dem anderen. In Israel gehen seit Monaten junge Palästinenser mit Messern auf Israeli los und werden im Gegenzug von israelischen Sicherheitskräften erschossen. Von Syrien und dem Irak will ich hier gar nicht erst anfangen. 

Man muss es ihm lassen – trotz seiner Korruption und Selbstverliebtheit gibt es in Libanon etwas, das ich im Nahen Osten immer seltener sehe: Toleranz. Oder zumindest etwas, das Toleranz entfernt ähnelt. Deshalb ist Beirut für mich, die ich im Nahen Osten leben will, der einzig bewohnbare Ort.

Letzten Sommer fuhr ich mit einigen Freunden an den Strand. Natürlich an einen, der so weit wie möglich von Beirut entfernt liegt, weil die Stadt das Abwasser ins Meer leitet. An jenem Strand lag ich neben einer Gruppe libanesischer Transvestiten. Stolz präsentierten sie ihre neu gemachten Brüste und kicherten über eine Gruppe muslimischer Mädchen, die in prüden Ganzkörperbadeanzügen im Wasser sass. Die muslimischen Mädchen bekamen davon nichts mit, weil sie derweil abschätzige Blicke auf Ausländerinnen in knappen Bikinis warfen. Diese wiederum waren damit beschäftigt, die Avancen dickbäuchiger, wasserpfeiferauchender Macho-Libanesen abzuwehren, die ihrerseits Witze über die Transvestiten rissen. Immerhin, dachte ich, während ich an meinem Cocktail schlürfte, immerhin legen sie sich alle an denselben Strand. 

Mehr aus dieser Serie