Gestrandet: Bougainville

Kaffeekultur à la Marseillaise: Plastikbecher aus dem «Métro Gourmand».

Urs Mannhart

43° 19' 14.99” N, 5° 22' 17” E

In Bougainville, im Nordwesten des Zentrums gelegen, behördlich gesehen ein Teil von Marseille, wurde einst auf Teufel komm raus, miserabel und fern jeder städteplanerischen Überlegung gebaut. Will man den Zeitungen Glauben schenken, so hat sich der Teufel nicht zweimal bitten lassen: Verwahrlosung, Arbeitslosigkeit und Kriminalität prägen jenes Quartier, Drogen sind hier angeblich leichter erhältlich als Baguettes, tonangebend sind mafiöse Clans und zahllose Jugendliche, die mit täuschend echt ausschauenden Spielzeugknarren Angst und Schrecken verbreiten. Kein hübscher Ort – und eben doch einer, in dem sich das echte Marseille finden lässt.

Ein strahlend heller Herbsttag ist es, als ich am pittoresken Hafen Marseilles mit dem Gekreische einiger Möwen im Ohr in die Métro abtauche. Die von zahlreichen Touristen frequentierte Station ist keine Schönheit, aber auch nicht unheimlich, und doch ist mir unbehaglich. Die U-Bahn rauscht heran, nach billigem Plastik sieht sie aus. Hinein quetsche ich mich, speckig ist der Haltegriff, kotbraun der Sitz. Die Fahrt geht in den Nordwesten, länger als zwei, drei Stationen bleibt kein Tourist im dämmrigen Gerüttel, bald bin ich alleine mit unfroh blickenden Gestalten. Aber ich will mir nichts einbilden: In U-Bahnen zeigen Menschen selten glück­liche Gesichter. Oder sind diese hier besonders deprimiert? Die Medien, Stéphanie und Gregori: Sie alle haben mich gewarnt. Niemand muss viel über die Nordquartiere lesen, um zu erfahren, dass diese angeblich einer Vorhölle ähneln. Erst gestern stand in der Zeitung, dass unweit der Métro-Endstation, auf die ich mich zubewege, ein 28 Jahre junger Mann, mehrfach vorbestraft wegen Einbruchs, beim Verlassen einer Imbissbude erschossen worden ist. Zwei Spalten weiter rechts wurde geschildert, wie gleich ausserhalb der Markthalle Les Puces ein Mann zwei Kugeln abbekommen hat.

Dieses Vorurteil wurde alsbald untermauert von Gregori, der in den Nordquartieren als Lehrer arbeitet: «Die Bildung vieler Jugendlicher ist so miserabel, dass sie Mühe haben, in Comics die Sprechblasentexte zu lesen.»

Um ihn auf die in den Nordquartieren herrschenden Sitten vorzubereiten, schickt Gregori seinen zehnjährigen Sohn in einen Nahkampf-Kurs. «Wenn du nicht weisst, wie du dem anderen rasch viel Schmerzen zufügen kannst, hast du schlechte Chancen», sagt Gregori, der noch nicht in der Stadt wohnt. Stéphanie, die in Marseille aufgewachsen ist, hält das für übertrieben. Gregori jedoch wirft ihr vor, Bougainville und Co. zu romantisieren.

Die Bahn erreicht die Endstation, eine Rolltreppe bringt mich zu einem gepflasterten Vorplatz. Abfall bewegt sich im böigen Wind, vor allem billige braune Plastikbecher. Zahlreiche Busse verkehren hier, an Betonpfeiler gelehnt steht das Personal der Tage­dieberei, und dort, wo noch deutlich mehr Plastikbecher herumliegen, befindet sich der Eingang zum hässlichen Bistro «Au Métro Gourmand». Ich ignoriere meinen Durst und beginne mit einem Spaziergang.

Traurige, alte Bauten säumen die Strasse, weiter hinten beginnen die hohen Wohnsilos, hie und da werden Autos, Blumen oder Haarschnitte angeboten. Nach hundert Metern blicke ich in den Innenhof eines Obdachlosenheims. Wie Tierherden warten hier drei Dutzend Menschen auf ein Essen und bessere Zeiten.

Dann gelange ich zu einer imposanten Halle, in der sich unüberschaubar viele Marktstände befinden: Auf diesem verwirrend bunten Basar lässt sich vom Hochzeitskleid über das frisch geschlachtete Lamm bis zum Auto­reifen aus dritter Hand so ziemlich alles finden. Defekte Telefone kann man zwei Männern anvertrauen, die mit Zahnstochern, Pinzetten und Messern schon manches Reparaturwunder vollbracht haben. Erst nach einer Weile begreife ich, dass ich mich in Les Puces befinden muss, wo der erwähnte Kugelwechsel stattgefunden hat. Die friedliche Atmosphäre wirkt stärker als die Zeitungsnachricht, ich fühle deutlich, hier zeigt sich ein Marseille, auf das weder die Städteplaner, die Immobilienhändler noch die grossen Konzerne eine Macht ausüben. Bougainville verfügt über jenes multinationale Temperament, für welches die Stadt einst berühmt war.

Nach einem abenteuerlichen Umweg über den verlassenen Rangierbahnhof kehre ich zurück zur Métro-Station Bougainville. Nun wage ich mich ins «Métro Gourmand».

Das höchst unkomplizierte Lokal wird beherrscht von einem Mann mit allerhand körperlichen und geistigen Behinderungen, die es seiner Umgebung nicht ganz leicht machen. Er sitzt mitten im Raum in seinem Rollstuhl und kann erst sprechen, wenn er in seiner Lunge einen gehörigen Druck aufgebaut hat; dann jedoch klingt es, als müsse er sich übergeben. An seinen fleischigen Ohren klebt etwas Unschönes, im besten Fall wohl getrockneter Rasierschaum, seine Körperhaltung passt zum schiefen Mobiliar.

Die Reihe an der Theke ist noch nicht an mir, als schwarz gekleidete, totenkopfsymbolgeschmückte Jugendliche das Lokal betreten, im Gesicht eine pubertäre Generalgeringschätzung. Da sind sie nun, denke ich, die Jugendlichen aus der Kriminalstatistik.

Aber statt Aggressionen abzubauen, begrüssen sie den Mann im Rollstuhl mit einer Herzlichkeit, die bei den Mädchen gar in einem Wangenkuss gipfelt. Der Mann platzt beinahe vor Glück über diese Zuneigung. Dann holen sie sich ein Red Bull aus dem Kühlschrank, legen Kleingeld auf die Theke, verabschieden sich von ihm und machen sich davon.

Fast vergesse ich, dass die Reihe an mir ist. Ich bestelle einen Kaffee, erhalte einen billigen braunen Plastikbecher, ich fühle mich wohl hier. Mag sein, dass ich heute die Schokoladenseite von Bougainville gesehen habe. Aber ich weiss nun, dass es diese Seite gibt.

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