Gestrandet: Grossflughafen Berlin

Die Autos symbolisieren die Dekadenzphase von VW.

Philipp Wurm

Die Autobahn, die zum grossen Stillstand führt, ist ausgestorben. Nur ich und mein Rad, sonst ist niemand zu sehen. Ich trete in die Pedale, langsam erheben sich vor mir die Silhouetten von Empfangshallen und Terminals, Lagerhäusern und Garagen. Die Fahrbahnen fächern sich in Zubringer zu den Bauten des BER auf, jenes Flughafens, der ins Niemandsland zwischen Berlin-Schönefeld und brandenburgischen Dörfern wie Schulzendorf und Waltersdorf gestampft worden ist.

Neuerdings gibt es einen Grund, dieses gespenstische Entree zu passieren. Der Grossflughafen, noch immer eine Baustelle, ist im dreizehnten Jahr seit dem ersten Spatenstich ein Schauplatz für das Scheitern.

Auf dem Areal des Milliardengrabs: keine Boeing, die ausserplanmässig nach New York abhebt, auch kein Airbus, der Tokio ansteuert. Nicht einmal eine Fokker, die nach Bad Oeynhausen fliegt. Stattdessen stehen dort Blechkisten aus Wolfsburg, etwa 8000.

Die Autos symbolisieren die Dekadenzphase von VW. Sie parken dort, weil die Modelle noch nicht den neuen Abgastest der EU bestanden haben, ein Verfahren namens WLTP. Die Techniker des Konzerns laborieren zu arg an den Folgen des Diesel-Skandals – sie müssen zum Beispiel zurückgerufenen Fahrzeugen eine Software verpassen, die einen Betrug unmöglich macht. Eine Akkordarbeit, da müssen ökologische Nachbesserungen erst einmal warten.

Daher vergrössern sich die Flotten, die nicht zu Verkaufshäusern ausgeliefert werden dürfen – und Wagen, die in den VW-Werken keinen Platz mehr finden, verfrachtet der Konzern in angemietete Depots auf dem BER-­Gelände, jener Landschaftsinstallation, die das Absurde in einer Dimension verkörpert wie kaum ein anderer Ort in Deutschland.

Wer nach einer Zutrittserlaubnis fragt, wird in ein Pingpong-Spiel verwickelt, jedenfalls als Journalist. Ein Sprecher des BER-Presse­stabs verweist zum Medienteam von VW. In deren Zentrale erteilen die Mitarbeiter den BER-Leuten die Zuständigkeit. «Comedy», frotzelt in Berlin der Angestellte für die Öffentlichkeitsarbeit des Flughafens, der keiner ist.

Also hatte ich beschlossen, in Eigenregie die Parkhäuser zu besuchen. Und weil ich selbst kein Auto besitze und auch keine S-Bahn den BER anfährt, radelte ich zum Gelände. Das Security-Häuschen auf dem Vorplatz ist verwaist, als ich ankomme, an der Einfahrt kündet nur eine Wasserflasche und ein Rucksack von Sicherheitspersonal. Zu sehen ist keine Menschenseele. Ich betrete in Eigenregie die Parkhäuser.

Im Halbdunkel erblicke ich sie, unzählige VW, ob Otto- oder Dieselmotor. Von Polo bis Passat, von Golf bis Tiguan, jeweils bedeckt von einer Plane – in Parkhäusern, die einmal den SUV der Fluggäste eine Bleibe bieten sollten. Mumien, deren Sarkophag ein dysfunktionaler Airport ist. An den Fensterscheiben der Wagen kleben Seriennummern, dazu Einlieferungstermine.

Hinter einer Wand schiesst jemand hervor. «Was machen Sie hier?», fragt der Schatten in Funktionsjacke. Ein Security-Mann, der in sein Territorium zurückgekehrt ist. Er ruft Kollegen herbei, einer telefoniert nun mit «der Sicherheitsabteilung von VW», wie kundgetan wird. Dann nickt er kurz: eine zustimmende Geste. Ich nicke auch und knipse ein paar Fotos mit dem Handy. Verwackelt und ohne Mitte, wie Arbeitsproben eines Wirtschaftsspions, der ein Betriebsgeheimnis festhalten wollte. Oder auch: wie Alibi-­Bilder eines Reporters, der ein vermeintliches Abenteuer dokumentieren möchte.

Die Geisterkulisse verströmt eine Stimmung wie in einem Science-Fiction-Film, dessen Prophetien heute retro wirken, ich denke an The Day After oder Die Wolke. Malereien einer Zukunft, die schon wieder vergangen ist. So wie der Flughafen, der zum Bau­denkmal wurde, bevor dort je Jets starteten. Oder die Autos, deren Konstrukteure glaubten, sie könnten aus chromblitzenden Auspuffrohren giftige Abgase strömen lassen, einfach so, ohne Grenze, ohne Scham. Bis sie entlarvt waren. 

Als ich das Gelände verlasse, weht von der unbelebten Ankunftshalle des Flughafens eine Lautsprecherstimme herüber: «Achtung, Achtung, wichtige Durchsage! Bitte verlassen Sie sofort das Gelände! Nutzen Sie die Fluchtwege!» Das phonstarke Intermezzo: rätselhaft. Vielleicht eine Katastrophenübung ohne Probanden, vielleicht ein Klangtest.

Ich steige auf mein Rad. Es wirkt an diesem Monument des fossil betriebenen Verkehrs wie ein Gefährt aus einer anderen Welt: ein Gestell aus Stangen, Drähten und Gummi, angetrieben von Menschenkraft – unterwegs am Rand jener Autobahn, die auch auf der Rückreise eine Geisterstrecke bleibt. Die Leere evoziert sepiafarbene Bilder aus dem kollektiven Gedächtnis eines Landes: die Autobahnen der Bundesrepublik, von A 1 bis A 555, während der Ölkrise im Jahr 1973, als die Scheichs kein schwarzes Gold mehr nach Europa verschifften. Politiker verhängten Fahrverbote, um keinen Tropfen in den Rohstoffspeichern zu verschwenden. Eine Dystopie über Treibstoffe und Abhängig­keiten, heute in Geschichtssendungen im Spätprogramm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens lebendig.

Kilometer um Kilometer strample ich über diesen auf einmal ikonischen Asphalt, der ursprünglich für Autofahrer angelegt worden ist. Und verdränge fast das eigent­liche Trauerspiel: Es gibt keinen Radweg, der diese Strasse säumt. Was für ein Fehler. Alte Männer und ihre Enkel hätten an verträumten Sonntagen zum Flughafen radeln können, um Flugzeuge zu beobachten, wie sie hinter den Wolken verschwinden. Aber noch rechtzeitig, bevor ich melan­cholisch werde, fällt es mir wieder ein: Flugzeuge heben hier, am BER, ja ohnehin nicht ab.

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