Gestrandet: Hombrechtikon

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Bei unseren Telefonaten hatte sie sich häufig vorgestellt, wie sie den Corona-Massnahmen entgehen könnte. Nur im Spass.

Anja Schmitter

Als ich vor die Schiebetüre trete, geht sie nicht auf. Der Vorplatz ist verlassen, die Sitzbank neben dem Eingang mit rot-weissem Plastikband abgesperrt. Ich klingle, und ein Mann wird hinter der Glastür sichtbar, die Tür öffnet sich.

«Haben Sie sich angemeldet?» Der Mann trägt ein weisses Hemd, mustert mich von Kopf bis Fuss. Ich bejahe, er schaut auf seine Liste, nickt. Dann fülle ich das Formular aus. Unterschrift. Hände desinfizieren. Maske aufsetzen.

«Warten Sie hier, wir holen Frau Brun.»

Im Raum fehlen Tische. Die, die noch da sind, sind weit voneinander entfernt. Nur das Aquarium steht noch am gleichen Platz, die bunten kleinen Fischlein schwimmen von Wand zu Wand. Es riecht nach Kaffee und Desinfektionsmittel. Der Mann gibt mir ein Zeichen, ich durchquere den Raum, folge ihm nach draussen.

Draussen vor der Cafeteria sitzt meine Grossmutter an einem Tisch. Neben sich den Rollator geparkt. Das weisse Haar zu Locken gewellt. Sie trägt ihr Seidentuch (sie hat für jede Saison eins), Blumenmuster in Braun, Rot, Orange, ihre gelbgetönte Sonnenbrille. Ich rufe ihren Namen, sie lacht, ich setze mich. Wir umarmen uns nicht. Es ist Ende September. Der Himmel ist dunstig, hellgrau, dennoch drückt die Wärme der Sonne durch das orange gestreifte Schattendach der Cafeteria.

Meine Grossmutter fragt: «Und, hast du die Pistole reingeschmuggelt?» Ich verneine, die Kontrollen sind streng. Ihr Lachen ist trocken: «Schlimmer als im Gefängnis.»

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