Gestrandet: Karlowo

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Meine Uhr zeigt Viertel vor sieben.

Dmitrij Gawrisch

«Cows», antwortet die junge Frau schräg gegenüber. Kühe. Längst geht ein angespanntes Raunen durch den Waggon, ratlose Blicke zucken durch die heiss-schwüle Sommerluft, jemand kichert. Die Frau, die sich als Einzige in unserem Sechserabteil «a little English» zu sprechen getraut, füttert ihren dreijährigen Sohn mit Apfelschnitzen. Während der windigen Fahrt mit dem 16:05-Express von Sofia nach Burgas hat das blonde Kind fröhlich die vorüberziehende bulgarische Steppe bestaunt. Zu quengeln hat es erst begonnen, als der Zug hinter Karlowo, einem am Südhang des Balkans gelegenen Städtchen, plötzlich zum Halten gekommen war.

Ich trete auf den Gang hinaus und ziehe das Fenster herunter. Hinter einem ausgedörrten Strauch grast tatsächlich eine schwarz-weiss gefleckte Kuh. Sie stiert die blauen Waggons an und kaut dabei auf einem Grasbüschel, das sie samt Wurzel aus dem trockenen Boden gerissen hat. Tiere auf den Gleisen sehe ich nicht.

Als der Groschen endlich fällt, wundere ich mich: Hat es die Frau nicht besser gewusst? Wollte sie es selbst nicht wahrhaben? Oder wurde ich hier Zeuge von etwas, das mir aus meiner eigenen Kindheit allzu vertraut war? In meiner sowjetischen Familie wurde der Tod totgeschwiegen, der Freitod sowieso. Dabei hatte sich auch meine Urgrossmutter, wie ich erst im Erwachsenenalter und selbst da aus Nebensätzen erfuhr, Jahrzehnte vor meiner Geburt vor den Zug geworfen. Mein Schwarz-Weiss-Bild von ihr, ein aus Studioporträts und Erzählungen zusammengesetztes Puzzle, ist bis heute das einer wunderschön strahlenden Frau von Welt mit erstaunlich reiner Haut und Locken, klug, fürsorglich, heiter. Kein Wort dagegen von ihrer düsteren, depressiven Seite, als wäre bereits die Erwähnung ansteckend.

Ist es die Berufsneugier des Reporters, Notizbuch stets im Anschlag, keine Angst vor der Wahrheit und so? Oder doch bloss ein naiver Voyeurismus? Was auch immer die Beweggründe sind, zuverlässig treiben sie meine Begleiterin und mich an, aus dem Zug zu steigen und über Schotter und stachliges Gestrüpp in Richtung des «Personenschadens» zu taumeln.

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