Gestrandet: Khartum

Draussen sind es vierzig Grad und ich friere. Draussen ist Afrika, drinnen etwas, das wie das «Starbucks» aussieht, aber anders heisst: Café Ozone. The best place for a nice afternoon chill, isn’t it?, schreiben die Betreiber auf Facebook.

Lea Wagner

Draussen auf den Strassen von Khartum, der Hauptstadt des Sudans, spielen Kinder im Müll. Manche wohnen im Müll. Nicht alle haben genug zu essen. Drinnen gibt es Eiscreme in allen Farben – Mango leuch­tet besonders schön. Neben dem Eis sind die Kuchen aufgebaut: Carrot Cake, New York Style Cheese Cake, Lemon Cake. Ich zittere, weil die Klimaanlage voll aufgedreht ist. Ohne sie würden die schönen Kuchen bald schmelzen. Für Kuchenmatsch gibt niemand vier Dollar pro Stück aus. Für den gleichen Preis bekommt man draussen sechs Portionen Ful – Bohnengrütze, die besser schmeckt, als sie klingt, und einen hohen Proteingehalt hat. Bei Mangeler­nährung ist das wichtig.

Im Garten des «Ozone» sitzt man bei Jazzklängen unter Palmen; in der Mitte sprudelt ein Springbrunnen. Bäume spenden Schatten, und metallene Geräte versprühen Wassertropfen, die sich wie ein kühler Film auf die Haut legen. Den Staub von draussen, der in Mund, Nase, Ohren, ja sogar in die Pofalte kriecht, vergisst man hier schnell. 

Jeder Rikscha-Fahrer kennt das Café. Alle Ausländer landen früher oder später hier. Weil der Hibiskussaft lecker ist. Und weil es keine Alternativen gibt. Die meisten Gäste sind Expats. Gross und kräftig, manche mit Bauch. Die Frauen manchmal mit Hotpants, als wären sie in Rimini. Der Sudan ist muslimisch, es gilt die Scharia. Aber das «Ozone» ist nicht der Sudan, es gleicht eher einer Botschaft: fremdes Territorium mit eigenen Gesetzen. Tatsächlich arbeiten fast alle Gäste – ausser einigen wenigen reichen Sudanesen – in Botschaften oder für Hilfsorganisationen. Da es dem Sudan schlecht geht, sind es viele. Helfen sollen sie den Hungernden, den Kranken, den Armen, den Analphabeten. Und den Flüchtlingen: Binnenvertriebenen aus Darfur sowie Menschen aus Eritrea, Äthiopien, Tschad.

Die Helfenden sieht man jeden Tag im «Ozone». Statt zu helfen, trinken sie Kaffee, planen Pool-Partys und Filmabende oder lernen halbherzig ein paar Worte Arabisch. Salam aleikum, shukran, tamam. Manchmal planen sie einen Ausflug ans Rote Meer: Schnorcheln mit Delfinen. Das klappt nicht immer. Als Ausländer braucht man für alles eine Genehmigung der Regierung, sogar für Reisen im Land. Und niemand ist bei der Regierung unbeliebter als die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen. Weil sie kritische Berichte schreiben und Forderungen stellen, anstatt einfach nur die Kohle zu überweisen. Damit die weiterhin fliesst, lässt man die Leute ins Land rein, verbietet ihnen dann aber, sich frei zu bewegen. Das mit den Delfinen allein wäre nicht so schlimm, nur dürfen die Helfer auch nicht nach Darfur, in die Flüchtlingscamps im Osten oder an der Grenze zu Libyen im Nordwesten. Dort sollen sich schlimme Dinge abspielen, insbesondere seit die EU Libyen und dem Sudan Geld gibt, um die Flüchtlinge aufzuhalten.

Ulla aus Schweden, die für das Internationale Rote Kreuz arbeitet, fährt im gepanzerten SUV durch Khartum. Nur einmal in den zwei Jahren, seit sie nun hier ist, hat sie es nach Darfur geschafft. Dort liess man sie aber nicht zu den Flüchtlingen. Gesehen hat sie nur den Zaun der Lager. Seitdem will sie weg. Nach Burma. Doch die Versetzung kann dauern. Während sie wartet, kommt sie jeden Tag ins «Ozone». Auf einen Kaffee oder eine Cola, ohne Eis – sie hatte gerade erst eine Lebensmittelvergiftung. Auch wenn das «Ozone» als sicher gilt. Sicher vor Keimen. Sicher an sich sei es nicht, sagt Ulla mit ihren grossen braunen Augen, die erschrocken dreinschauen, so wie die eines Hundes vor der Kastration. Überall habe der Geheimdienst seine Spitzel, auch im «Ozone». 

So wie Ulla scheinen viele Gäste des «Ozone» ihre Zeit mit Warten zu verbringen: warten auf den neuen Posten, warten auf den Heimat­urlaub. Warten darauf, eine Haushaltshilfe zu finden, dass der Krieg aufhört und das «Ozone» endlich wieder warme Gerichte anbietet. Rund dreihundert Meter entfernt warten noch andere. Jene, derent­wegen die vielen Ullas ursprünglich ins Land gekommen sind: Flüchtlinge. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen hat seinen Sitz direkt neben dem «Ozone». Er ist mit Stacheldraht und Wachen gesichert. Innen hat es neben Büros auch Notunterkünfte. Für Frauen, die auf der Flucht entführt und vergewaltigt wurden. Eine von ihnen, die ich interviewe, wurde dabei schwanger. Sie wartet, so wie Dutzende weitere Frauen. Auf ein neues Leben, womöglich in den USA oder in Kanada. Zunächst einmal warten sie auf Papiere, etwas Geld für Essen, eine sichere Unterkunft und ein Stück Seife. Die meisten werden in der Illegalität landen, vielleicht sogar auf den Strassen Khartums schlafen, wo Ulla an manchen Abenden eine Doggy-Bag hinstellt, wenn sie im «Ozone» mal wieder zu viel Essen bestellt hat.

Mehr aus dieser Serie