Gestrandet: Ruppiner Wald

Diese Geschichte steht nur Abonnenten zur VerfügungLock icon

Führen Waldwege nicht immer irgendwann aus dem Wald heraus? Hier nicht.

Linus Reichlin

Als ich mit dem Fahrrad auf den Waldweg südlich von Rheinsberg abbog, wollte ich nur mein Cardio-Training absolvieren. Natürlich hatte ich nach einer halben Stunde Herumcrossen keine Ahnung, wo ich war. Aber es gab hier Wege, und führen Waldwege nicht immer irgendwann aus dem Wald heraus? Wie sich herausstellte, war das in diesem Wald keineswegs so. Das Waldstück, in dem ich mich damals verirrte, gehört zum Ruppiner Wald- und Seengebiet, und dieses wiederum ist Teil eines grösstenteils unter Naturschutz stehenden Waldgebietes, in dem auch der Müritzer Nationalpark liegt, der grösste Nationalpark Deutschlands. In diesem Waldgebiet könnte man mehr als hundert Kilometer weit unterwegs sein, ohne den Wald je zu verlassen. Es war immer dasselbe: Ich fuhr in den Wald hinein, um Sport zu treiben, und wenn ich wegen der teils schlammigen, teils sandigen Pfade erschöpft war und nur noch nach Hause wollte, fuhr ich garantiert in die falsche Richtung. Ich kam mir vor wie eine Fliege, die an einer Fensterscheibe hoch und runter surrt, obwohl der Fensterflügel daneben offen steht. So begann ich mir zu überlegen, wie ich diesen Wald kennenlernen könnte. Zufällig lag in der Hütte, in der ich lebte, ein Buch über Waschbären. Darin stand, dass ein Waschbär einzelne Bäume so sieht wie wir Häuser. An einer schönen alten Eiche mit kuschliger Asthöhle steht für ihn Romantikhotel Rose von Sevilla. An Buchen hingegen hängt für ihn das Schild Notschlafstelle. Um mich in dem Wald zurechtzufinden, musste ich also wissen, welche Bäume dort überhaupt standen. Ich musste eine Einstellung zu den Baumarten entwickeln. Aber da ich nun mal kein Waschbär war, sondern Radfahrer, schien es mir das Beste zu sein, mir erst die Pfade einzuprägen und wohin sie führten.

Sie möchten weiterlesen?

Wir stehen für herausragende literarische Reportagen. Dafür benötigen wir die Unterstützung unserer Abonnentinnen und Abonnenten. Mit einem Reportagen-Abonnement investieren sie in das Schaffen von Autorinnen und Autoren, die sich für das Kleine Zeit nehmen, um das Grosse zu erfassen.

Mehr aus dieser Serie