Gestrandet: Safed

Weiter in Tel Aviv rumzuhängen wäre die bessere Entscheidung gewesen.

Dmitrij Kapitelman

Ich würde am liebsten einfach weiter in Tel Aviv rumhängen und Shula kraulen. Diese süsse kleine israelische Schäfer­hündin, die mich daran erinnert, dass Hitler nur sich selbst ausgerottet hat. Aber Franz hat Hummeln im Popo. Er ist entschlossen, zu einem Roadtrip in den Norden aufzu­brechen. Golanhöhen, Kirjat Schmona und möglichst heute Abend noch Safed – die tiefreligiöse Stadt in den Bergen Galiläas. Obwohl in wenigen Stunden der Sabbat und morgen Pessach beginnen. Obwohl also fast alles, was eine Tür hat, diese in den kommenden Tagen feierlich verschliessen wird. Besonders Restaurants und artverwandte Nahrungsquellen. Das ist essenziell, weil Franz selbst bei leichten Hunger­regungen unleidlich wird. Aber satt steht er mit seinen Hundeaugen Shula in nichts nach. Und ich hege nun einmal einen tendenziell uneingestandenen Fetisch für schlechte Ideen. Auf in den weissen Miet-Suzuki! 

 

Auf dem höchsten Berg des Galil steht Safed dem Himmel verbunden. Und den Sternen so nah, dass man sich den Kopf an ihnen stossen könnte. Der dadurch verursachte Krach würde die leergefegte und schlafende Stadt mit ihren etwa 31 000 Seelen bestimmt wecken. Safeds Stille umrauscht uns streng, als wir den Miet-Suzuki bei der Turmuhr parken. Sabbat, alles ausser Betrieb. Fast alles, eine offene Herberge finden wir doch. Die Einrichtung schimmert im Grundton Kotze. Egal. Wir legen erleichtert die Taschen ab, als eine nach Schnaps stinkende Frau im Bademantel fuchtelnd in den Raum stürmt. «Ihr wollt hier schlafen? Dann Money, sofort! Ich hab die Schnauze voll!» Unsere Gastge­berin war bei Geburt männlich. Das können auch die verwischte Schminke und der verfilzte Riesenzopf nicht verbergen. Transsexuelle in religiösen Rückzugsgebieten? Klasse! Aber was dennoch stört, ist die Aggressivität. «Ausser mir hat keiner offen! Her mit dem Money! Ich spiele die Scheisse nicht!» 

Wir spielen die Scheisse auch nicht und stiefeln zurück in Safeds verheissungslose Nacht. Suchen. Volltreffer: ein ganzer Appartementekomplex nur für uns. Das ist das Gute an schlechten Ideen, man hat sie oft für sich allein. Die Betreiber, zwei Brüder. Einer traurig und zurückhaltend, der zweite sorglos minderbemittelt und mit halb runtergezogener Hose. Sie sind ein seltsames Paar. Mit irgendeiner Tragödie in ihrer Mitte. Man möchte sie umarmen und mit ihnen weinen, und doch sind sie abstossend. In allen fünf Räumen stinkt es nach Verwesung. Mitgebrachter Supermarkt­hummus, Gürkchen, Wodka. Gute Nacht. 

 

Wir befürchteten einen ausgestorbenen Ort. Nicht aber den Tod in seiner Reinform. Starr treiben die Goldfischkadaver durchs Aquarium in der Küche. Die Goldfische, durch ihr Ableben einander noch ähnlicher geworden, sind bis jetzt die konventionellste Erscheinung an diesem seltsamen Ort. Am Community Center, das gleichzeitig Museum und Turmuhr ist, sind wir mit einer Tou­ristenführerin verabredet. Eine humpelnde, verwahrloste alte Frau nähert sich uns. Sie schiebt einen Kinderwagen vor sich her. Dieser ist leer, dient ihr als Gehhilfe. Das ist unsere Reiseführerin, Shushana. Aus ihrem verzerrten, zahnlosen Mund fragt Shushana: «You ready to see Safed?» Sind wir. Aber in ihrem Lauftempo dürfte die Tour bis zum übernächsten Pessach dauern. Wir müssen die Arme irgendwie loswerden. Sie waltet aber bereits ihres Amtes und erklärt: «In der Schule dort drüben haben sich die Menschen immer vor den Bomben versteckt. Araber oder Juden. Je nachdem, wem die Stadt gerade gehörte.» Stille ist Safed nicht nur göttliches Gebot, sondern fragile politische Errungenschaft. Ich gebe Shushana zwanzig Schekel und wir rennen davon – Richtung Altstadt.

 

Uralte Gassen, ehrwürdige, herrlich geschwungene Steinhäuser. In einigen von ihnen warten weit über die Stadtgrenze bekannte Kunst­galerien. Und alles protegiert von majestätischen Bergen. Aber Gassen und Galerien sind verlassen, und Berge kann Franz nicht essen. Franz möchte aber essen. Jetzt. Und ich auch. Plötzlich tut sich eine Duftspur der Hoffnung auf. Irgendwer grillt! Wie zwei Strassenköter folgen wir nur noch der Futterphantasie und riechen uns durch. Bis wir in einem Hinterhof stehen und von einem überraschten Mann in jüdisch-­orthodoxer Kleidung gefragt werden: «Was suchen Sie auf meinem Grundstück?»

«Verzeihung, wir sind sehr hungrig und dachten, dass hier jemand ein Barbecue veranstaltet.»

«Ein Barbecue gibt es hier nicht. Aber Sie sind herzlich eingeladen, in mein Haus einzutreten und am Pessach-Essen meiner Familie teilzunehmen.» 

Im Heim von Noah und Jael herrscht eine andere Ruhe. Eine beseeltere. Die beiden haben ihr weltliches Leben in Be’er Scheva aufgegeben und sind nach Safed gezogen, um hier Gott klarer zu hören. In Rekordzeit galoppieren wir vom Smalltalk zu der Frage, wie der Mensch wahre Freiheit und Erlösung finden kann. Und was der Talmud in solchen Fällen rät. Nebenbei verzehren wir ein Festmahl.

 

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